Sinus-Jugendstudie

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Die Sinus-Jugendstudie (eigentlicher Titel der Reihe „Wie ticken Jugendliche?“) ist eine qualitativ-empirische Untersuchung der Lebenswelten und (Alltags-)Soziokulturen von Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren in Deutschland. Das Sinus-Institut untersucht also ausschließlich Menschen, die in Deutschland auch rechtlich (im Sinn des § 1 des Jugendschutzgesetzes) als „Jugendliche“ gelten.

Die Sinus-Jugendstudie wird vom Sinus-Institut seit 2007 im Abstand von vier Jahren durchgeführt. Die forschungsleitenden Fragen zur Untersuchung der jugendlichen Lebenswelten lauten dabei: Wie leben und erleben Jugendliche ihren Alltag? Wie nehmen sie die gegenwärtigen Verhältnisse in Deutschland und in der Welt wahr? An welchen Werten orientieren sie sich? Welche Lebensentwürfe verfolgen sie?

Daneben werden in jeder Studie neue inhaltliche Schwerpunkte gesetzt.[1] Beispielsweise standen 2012 die Themen Berufsorientierung und Politik im Vordergrund, 2016 die Themen Nation, kritischer Konsum und Mobilität.

Die Sinus-Jugendstudie richtet sich an Beschäftigte in der Jugendarbeit und -bildung sowie an Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft sowie an die interessierte Öffentlichkeit.[2][3][4][5] In der Praxis wird sie als Handbuch für die Zielgruppenarbeit eingesetzt, in der Wissenschaft gilt sie als Referenzwerk.[6]

Sinus-Modell für jugendliche Lebenswelten („Jugendmilieus“)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Sinus-Jugendstudie hat den Anspruch, die soziokulturelle Vielfalt der jugendlichen Lebenswelten in Deutschland systematisch einzufangen und modellhaft zu den „Sinus-Lebenswelten u18“ zu verdichten. Diese Verdichtung orientiert sich am Ansatz der Sinus-Milieus.

Der Sinus-Jugendstudie liegt ein qualitatives Forschungsdesign zugrunde, das narrative Einzelinterviews sowie offene Selbstausfüller-Fragebögen und Fotodokumentationen der Wohnwelten Jugendlicher beinhaltet.

Das daraus entstandene Modell für die Jugendlichen unterscheidet sich vom Modell für die deutsche Gesamtbevölkerung:

  • In der vertikalen Achse ist der nächste angestrebte Schulabschluss abgebildet, der in Deutschland in hohem Maß mit dem sozialen Hintergrund des Elternhauses korreliert.[7] Im Erwachsenenmodell der Sinus-Milieus wird hier die soziale Schichtzugehörigkeit abgebildet.
  • Die horizontale Achse markiert die Werthaltungen der jungen Alterskohorte. Diese normativen Grundorientierungen sind dabei nicht als getrennte bzw. trennende Kategorien zu verstehen. Denn die Werthaltung Jugendlicher folgt heute weniger einer "Entweder-oder-Logik" als vielmehr einer "Sowohl-als-auch-Logik". Im Erwachsenenmodell der Sinus-Milieus herrscht hingegen in weiten Teilen eine normative "Entweder-oder-Logik" vor.

Charakteristisch ist eine Gleichzeitigkeit von auf den ersten Blick nur schwer vereinbaren Werten: Jugendliche in allen Lebenswelten besinnen sich in unsicheren Zeiten zwar auf „traditionelle“ Werte wie Sicherheit, Pflichtbewusstsein, Familie und Freundschaft. Vor allem in den moderneren Lebenswelten werden diese vergleichsweise konservativen Werte jedoch umgedeutet bzw. symbolisch aktualisiert und von hedonistischen, ich-bezogenen Entfaltungswerten und einem individualistischen Leistungsethos flankiert. Die postmodern-flexible Wertekonfiguration ist heute die dominante Werthaltung unter Jugendlichen. Nur für einen kleinen Teil ist ein überholter Traditionalismus kennzeichnend. Im Ergebnis dokumentiert die aktuelle Sinus-Jugendstudie die folgenden jugendlichen Lebenswelten:

SINUS-Modell für die Lebenswelten der 14-17-Jährigen. Das Modell verdichtet die soziokulturelle Vielfalt der jugendlichen Lebenswelten in Deutschland entlang zweier Dimensionen (angestrebte Bildung und normative Grundorientierung) (vgl. Sinus-Milieus). Um den postmodernen Wertesynthesen im Lebensweltenmodell grafisch Rechnung zu tragen, sind die zentralen Wertorientierungen (traditionell, modern, postmodern) mit heller und dunkler werdenden Farbverläufen hinterlegt. So wird bildlich erkennbar, dass sich "Wertefelder" überlappen.
Lebenswelt Kurzbeschreibung
Konservativ-Bürgerlich Die familien- und heimatorientierten Bodenständigen mit Traditionsbewusstsein und Verantwortungsethik
Sozialökologische Die nachhaltigkeits- und gemeinwohlorientierten Jugendlichen mit sozialkritischer Grundhaltung und Offenheit für alternative Lebensentwürfe
Expeditive Die erfolgs- und lifestyle-orientierten Networker auf der Suche nach neuen Grenzen und unkonventionellen Erfahrungen
Adaptiv-Pragmatische Der leistungs- und familienorientierte Mainstream mit hoher Anpassungsbereitschaft
Experimentalistische Hedonisten Die spaß- und szeneorientierten Nonkonformisten mit Fokus auf Leben im Hier und Jetzt
Materialistische Hedonisten Die freizeit- und familienorientierte Unterschicht mit ausgeprägten markenbewussten Konsumwünschen
Prekäre Die um Orientierung und Teilhabe bemühten Jugendlichen mit schwierigen Startvoraussetzungen und Durchbeißermentalität

Studie 2007[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Sinus-Milieustudie U27 wurden erstmals die Lebenswelten von katholisch getauften Kindern (9–13 Jahren), Jugendlichen (14–19 Jahren) sowie jungen Erwachsenen (20–27 Jahren) in einer Pilotstudie untersucht. Thematische Schwerpunkte waren Wertorientierungen, Vergemeinschaftung, Engagement, Sehnsüchte und Zukunftsentwürfe sowie religiöse und kirchliche Einstellungen.[8]

Die Sinus-Jugendstudie 2007 wurde im Auftrag des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend und des Bischöflichen Hilfswerks Misereor durchgeführt.

Studie 2012[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Sinus-Jugendstudie 2012 wurde erstmals ein spezifisches Lebenswelt-Modell für Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren entwickelt. Thematische Schwerpunkte dieser Studien waren Zukunftsvorstellungen, Vergemeinschaftung, Medien, Schule und Lernen, berufliche Orientierung, gesellschaftliches und politisches Interesse, Glaube, Religion und Kirche sowie Engagement.[9]

Die Sinus-Jugendstudie 2012 wurde im Auftrag der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend, der Bundeszentrale für politische Bildung, der Bischöflichen Medienstiftung der Diözese Rottenburg-Stuttgart, des Bischöflichen Hilfswerks Misereor und des Südwestrundfunks (SWR) durchgeführt.

Studie 2016[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Sinus-Jugendstudie 2016 setzte thematische Schwerpunkte auf digitale Medien und digitales Lernen, Mobilität, Nachhaltigkeit, Liebe und Partnerschaft, Glaube und Religion, Geschichtsbilder, Nation und nationale Identität sowie Flucht und Asyl.

Die Sinus-Jugendstudie 2016 wurde im Auftrag der Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz, dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend, der Bundeszentrale für politische Bildung, der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und der VDV-Akademie (Verband Deutscher Verkehrsunternehmen-Akademie) durchgeführt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Marc Calmbach, Silke Borgstedt, Inga Bochard, Peter Martin Thomas, Bodo Flaig: Wie ticken Jugendliche? 2016 : Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland. Springer, Wiesbaden 2016. ISBN 978-3-658-12532-5.
  • Marc Calmbach, Peter Martin Thomas, Inga Borchard, Bodo Flaig: Wie ticken Jugendliche? 2012 : Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 27 Jahren in Deutschland. Verl. Haus Altenberg, Düsseldorf 2011. ISBN 978-3-7761-0278-9.
  • Wippermann, Carsten, Sinus Sociovision GmbH Heidelberg: Wie ticken Jugendliche? : Sinus-Milieustudie U27. Verl. Haus Altenberg, Düsseldorf 2008. ISBN 978-3-88916-285-4.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Borgstedt, Silke, 1975-, Borchard, Inga., Thomas, Peter Martin, 1969-, Flaig, Berthold Bodo, 1948-: Wie Ticken Jugendliche 2016? Lebenswelten Von Jugendlichen Im Alter Von 14 Bis 17 Jahren in Deutschland. Springer Verlag, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-12532-5, S. 18.
  2. Luisa Jacobs: Jugendliche: Sieben Mal deutsche Jugend. In: Die Zeit. 26. April 2016, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 15. März 2018]).
  3. Generation Mainstream. Abgerufen am 15. März 2018.
  4. Matthias Kaufmann: Sinus-Studie: Deutschlands brave Jugend. In: Spiegel Online. 26. April 2016 (spiegel.de [abgerufen am 15. März 2018]).
  5. Bundeszentrale für politische Bildung: Neue SINUS-Jugendstudie: Die Jugend rückt zusammen | bpb. Abgerufen am 15. März 2018.
  6. Klaus Hurrelmann: Vorwort. In: Borgstedt, Silke, 1975-, Borchard, Inga., Thomas, Peter Martin, 1969-, Flaig, Berthold Bodo, 1948- (Hrsg.): Wie Ticken Jugendliche 2016? Lebenswelten Von Jugendlichen Im Alter Von 14 Bis 17 Jahren in Deutschland. Springer Verlag, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-12532-5, S. 9.
  7. Burkhard Jungkamp, Marei John-Ohnesorg: Soziale Herkunft und Bildungserfolg. (PDF) Friedrich Ebert Stiftung, abgerufen am 15. März 2018.
  8. Wippermann, Carsten, Sinus Sociovision GmbH <Heidelberg>: Wie ticken Jugendliche? : Sinus-Milieustudie U27. Verl. Haus Altenberg, Düsseldorf 2008, ISBN 978-3-88916-285-4, S. 11.
  9. Calmbach, Marc.: Wie ticken Jugendliche?: 2012 : Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland. Haus Altenberg, Düsseldorf 2012, ISBN 978-3-7761-0278-9, S. 21.