Sprachatlas der deutschen Schweiz

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Der Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS) erfasst und dokumentiert mittels der dialektgeographischen Methode die alemannischen Mundarten der Schweiz (Deutschschweiz) einschliesslich der Walserdialekte Norditaliens, aber ausschliesslich der tirolischen Dialekte der bündnerischen Gemeinde Samnaun.

Der SDS erschien in den Jahren 1962 bis 1997 in acht Bänden und ist mit über 1500 Karten der reichhaltigste deutsche Regionalatlas. Finanziert wurde diese einmalige Bestandesaufnahme der schweizerdeutschen Dialekte im Wesentlichen vom Schweizerischen Nationalfonds.

Für die Benutzung durch sprachwissenschaftliche Laien wurde im Jahre 2010 der Kleine Sprachatlas der deutschen Schweiz herausgegeben. Er umfasst 121 Karten des SDS, die in farbigen Flächenkarten neu gezeichnet und mit einem Kommentar versehen worden sind.

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zusammen mit dem (noch nicht abgeschlossenen) Schweizerischen Idiotikon bildet der SDS das Grundlagenwerk der deutschschweizerischen Dialektologie.

Als seine Stärken gelten im internationalen Vergleich die hohe Dichte der Aufnahmeorte, die Präzision der Aufnahmen und damit die Differenziertheit ihrer Ergebnisse.

Der SDS ist der erste regionale Sprachatlas im deutschen Sprachraum, dessen Datenmaterial nach der von der französischen Dialektologie entwickelten Methode der direkten Befragung von Sprechern durch Exploratoren erhoben wurde.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der SDS zeigt die räumliche Verteilung dialektaler Phänomene in Lautung, Formenbildung und Wortschatz, berücksichtigt Fragen der Sachkultur und geht auf gewisse Phänomene der Wortstellung ein. Sichtbar wird hierdurch auch die Vielfalt der schweizerdeutschen Dialekte, und die Interpretation der Karten lässt Rückschlüsse auf die Sprachdynamik und den Sprachwandel, aber auch die starken Veränderungen der bäuerlichen Kultur im 20. Jahrhundert ziehen. Die Darstellung des sprachlichen Befunds erfolgt durch möglichst geeignete Zeichen (Symbole), die bei jedem Aufnahmeort stehen. Die Gesamtheit dieser Symbole ergeben das Kartenbild (sogenannte Symbolkarte); der SDS enthält nur wenige Flächenkarten.

Der SDS berücksichtigt die Syntax des Schweizerdeutschen nur am Rande. Diese Forschungslücke soll mit dem (bislang unpublizierten) Syntaktischen Atlas der Deutschen Schweiz (SADS) geschlossen werden, einem Projekt der Universität Zürich.

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Idee für den Atlas entstand im Jahr 1935, als die beiden Sprachforscher Rudolf Hotzenköcherle (Universität Zürich) und Heinrich Baumgartner (Universität Bern) beschlossen, für das Grossprojekt eine mündliche Befragung an fast 600 Orten der deutschsprachigen Schweiz (was einem Drittel der damaligen Gemeinden entspricht) und aller Walserorte des Tessins und Oberitaliens durchführen zu lassen. Zwischen 1935 und 1939 wurden Aufnahmemethode und Ortsnetz festgelegt sowie ein Fragebuch entworfen. Von zuerst 4000 Fragen wurden schliesslich rund 2500 Fragen, geordnet nach Sachgruppen wie Heuernte, Wetter, Verwandtschaft usw., ins definitive Fragebuch übernommen.

Am 1. August 1939 wurde mit den Aufnahmen begonnen, für die insgesamt sechs Jahre vorgesehen waren, die tatsächlich jedoch 19 Jahre beanspruchten. Die Aufnahmen erfolgten im direkten Verfahren am Wohnort der Gewährspersonen, die Antworten wurden handschriftlich in einer Weiterentwicklung der Lautschrift Teuthonista bzw. des Böhmer-Ascoli-Systems, Kommentare in Stenographie mit Bleistift notiert. Als Explorator wurde der Romanist Konrad Lobeck angestellt, der ab 1947 durch die Germanisten Rudolf Trüb und Robert Schläpfer abgelöst wurde. Die Aufnahmen an den Walserorten in Oberitalien und im Tessin wurden von Rudolf Hotzenköcherle und Fritz Gysling durchgeführt, in Bosco Gurin war zusätzlich William G. Moulton anwesend, der dort Tonaufnahmen anfertigte.

Zwischen ca. 1945 bis 1962 wurden die Aufnahmen bereinigt und die Publikation der Sprachkarten vorbereitet. Anschliessend erfolgte bis 1997 die Publikation in insgesamt acht Bänden. Ein Einführungsband über die Methodologie und das Fragebuch erschien 1962, ein Abschlussband über die Werkgeschichte und mit einem Gesamtregister 2003.

Publikation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sprachatlas der deutschen Schweiz. Gesamtwerk (Einführungsband, Bände I–VIII, Abschlussband). Francke Verlag, Bern bzw. Basel.

  • Rudolf Hotzenköcherle: Sprachatlas der deutschen Schweiz. Einführungsband A: Zur Methodologie der Kleinraumatlanten. B: Fragebuch. Transkriptionsschlüssel. Aufnahmeprotokolle. 1962. ISBN 978-3-7720-0736-1
  • Band I, Lautgeographie I: Vokalqualität. Bearb. v. Rudolf Hotzenköcherle, Rudolf Trüb. 1962. ISBN 978-3-7720-0737-8
  • Band II, Lautgeographie II: Vokalität – Konsonantismus. Bearb. v. Rudolf Hotzenköcherle, Rudolf Trüb. 1965. ISBN 978-3-7720-0738-5
  • Band III, Formengeographie. Bearb. v. Rudolf Hotzenköcherle, Rudolf Trüb. 1975. ISBN 978-3-7720-1194-8
  • Band IV, Wortgeographie I: Der Mensch – Kleinwörter. Bearb. v. Rudolf Hotzenköcherle, Rudolf Trüb. 1969. ISBN 978-3-7720-0739-2
  • Band V, Wortgeographie II: Menschliche Gemeinschaft – Kleidung – Nahrung. Bearb. v. Doris Handschuh, Rudolf Hotzenköcherle, Robert Schläpfer, Rudolf Trüb, Stefan Sonderegger. Vorw. v. Robert Schläpfer, Rudolf Trüb. Ill. v. Erwin Zimmerli, Urs Zimmerli. 1983. ISBN 978-3-7720-1528-1
  • Band VI, Wortgeographie III: Umwelt. Bearb. v. Walter Haas, Doris Handschuh, Rudolf Trüb, Rolf Börlin, Hansueli Müller, Christian Schmid-Cadalbert. 1988. ISBN 978-3-7720-1652-3
  • Bd. VII, Wortgeographie IV: Haus und Hof. Bearb. v. Doris Handschuh, Elvira Jäger, Christian Schmid-Cadalbert unter Leitung v. Rudolf Trüb. 1994. ISBN 978-3-7720-1996-8
  • Bd. VIII, Wortgeographie V: Haustiere – Wald- und Landwirtschaft. Bearb. v. Hans Bickel, Doris Handschuh, Elvira Jäger, Christian Schmid-Cadalbert unter Leitung v. Rudolf Trüb. 1997. ISBN 978-3-7720-1997-5
  • Rudolf Trüb: Sprachatlas der deutschen Schweiz. Abschlussband. Werkgeschichte, Publikationsmethode, Gesamtregister. Unter Mitarbeit von Lily Trüb. 2003. ISBN 978-3-7720-1999-9
  • Helen Christen, Elvira Glaser, Matthias Friedli (Hrsg.): Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz. Verlag Huber, Frauenfeld 2010. ISBN 978-3-7193-1524-5

Datenarchivierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die gesamten Bestände des Sprachatlasses, insbesondere die von Hand notierten Originalaufnahmen sowie zahlreiche Photographien, gingen nach Abschluss des Werks testamentarisch an das Büro des Schweizerischen Idiotikons in Zürich über.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rudolf Trüb: Sprachatlas der deutschen Schweiz. Abschlussband. Werkgeschichte, Publikationsmethode, Gesamtregister. Unter Mitarbeit von Lily Trüb. Francke, Tübingen/Basel 2003. ISBN 978-3-7720-1999-9.
  • Jürgen Erich Schmidt, Joachim Herrgen: Sprachdynamik. Eine Einführung in die moderne Regionalsprachenforschung. Schmidt, Berlin 2011 (Grundlagen der Germanistik 49). ISBN 978-3-503-12268-4. S. 128–135.
  • Pascale Schaller, Alexandra Schiesser: Die Vermessung der Sprache. Zur Geschichte und Bedeutung des Sprachatlas der deutschen Schweiz. Swiss Academies Reports 12 (4), 2017. ISSN 2297-1564.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • sprachatlas.ch – Originalmaterial digital, dazu Informationen über die Geschichte und die Mitarbeiter
  • dialektkarten.ch – eine Auswahl digitalisierter Dialektkarten aus dem Sprachatlas der deutschen Schweiz, mit interaktiven Weiterbearbeitungen
  • regionalsprache.de – mit Zugang auf eine Auswahl digitalisierter Dialektkarten des Sprachatlasses der deutschen Schweiz