Sumerische Religion

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Die sumerische Religion gilt als erste schriftlich fassbare Religion der Region Mesopotamiens; sie inspirierte in den nachfolgenden Zeitepochen viele Kulturen, so z. B. die Akkader, Assyrer und Babylonier.

Etliche Altorientalisten und vergleichende Religionswissenschaflter haben in ihren Untersuchungen Parallelen zwischen den Erzählungen und den Figuren der Sumerer und denen festgestellt, die später in den frühen Teilen der hebräischen Bibel aufgezeichnet wurden.


Zeitleiste nach kalibrierten 14C-Daten
Sumerische Vorläuferkulturen 58005000 v. Chr.
Hassuna-Kultur 5800–5260 v. Chr.
Samarra-Kultur 5500–5000 v. Chr.
Halaf-Kultur 5500–5000 v. Chr.
Chalkolithikum/Beginn der sumerische Kulturen 4500–3000 v. Chr.
Obed-Kultur 5000–4000 v. Chr.
Uruk-Kultur 4000–3000 v. Chr.
Frühbronzezeit/Beginn der Akkadischen Kultur 3000–2000 v. Chr.
Dschemdet-Nasr-Zeit 3000–2800 v. Chr.
Frühdynastikum 2800–2340 v. Chr.
Akkadzeit 2340–2200 v. Chr.
Neusumerische/Ur-III-Zeit 2340–2000 v. Chr.
Mittelbronzezeit/Beginn der babylonischen Kultur 2000–1550 v. Chr.
Isin-Larsa-Zeit/Altassyrische Zeit 2000–1380 v. Chr.
Altbabylonische Zeit 1800–1595 v. Chr.


Hintergründe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Blütezeit der Sumerer begann um 4000 v. Chr., als sich die ersten städtischen Zentren (sumerische Stadtstaaten[1]) im Süden Mesopotamiens konstituierten, bevor sie um 2000 v. Chr. ihren Einfluss an andere Herrschaftsgebiete verloren. Die Zeit vor Akkad war die frühdynastischen Zeit bzw. davor die Zeit der Obed-Kultur, in der mehrere „sumerische Stadtstaaten“ nebeneinander existierten. Nach dem Reich von Akkad bildete sich der zentralisierte sumerische Staat von Ur III. Die einzelnen Stadtstaaten standen in Konkurrenz zueinander. Sargon von Akkad gelang es die Stadt Kish zu erobern, dann zunächst die Stadtstaaten der Akkader und danach auch sämtliche Herrschaftsgebiete der Sumerer. Sumerische Priesterfürsten herrschten innerhalb ihres Machtgebietes, sie führten gegen Ende des 4. Jahrtausends die Tempelwirtschaft ein, durch die eine effektivere Bewässerung des Landes möglich war, die die Grundlage für die Entstehung größerer Städte legte.[2] Die obersten Priester (sumerisch en, akkadisch ēnum) bzw. Priesterinnen (sumerisch ereš.dingir, akkadisch ēntum) standen in der Hierarchie zuoberst und waren für ein großes Heiligtum, oft das eines Urgottes zuständig. In dieser hauptsächlich administrativen Funktion unterstanden ihnen Priester, die für die Durchführung des entsprechenden Kultes zuständig waren. Diese Kultpriester (meist sumerisch gu-du4, akkadisch pašīšu) waren mit dem „religiösen Support“, also der Pflege der Götter, dem Einbringen von Opfergaben und der Durchführung der Rituale betraut.[3]

Die Karte zeigt, in einer Zusammenschau, die alten Kulturen des Nahen Ostens bzw. Mesopotamiens über einen Zeitraum von mehr als 4000 Jahren hinweg. Sumerischer Kulturraum ‚grün‘, 4100 bis 2100 BCE
Karte der wichtigsten Städte (sumerische Stadtstaaten) Untermesopotamiens während der frühen Dynastie (Frühdynastische Zeit, 29002340 v. Chr.) mit dem ungefähren Verlauf der Flüsse und der alten Küstenlinie des Persischen Golfs

Schöpfung und Wiederauferstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor der Erschaffung des Menschen seien die Götter erschaffen worden. Im ersten Schöpfungsakt sei von der Göttin Nammu, die das Urmeer darstelle, die Erdgöttin Uraš und der Himmelsgott An erschaffen worden. Im weiteren Verlauf der Schöpfung folgen nun Vegetations- und Luftgott Enlil und seine Gemahlin Ninlil, die symbolisch für die Ernährung als Getreidegöttin verehrt wurde. Als weitere göttliche Nachkommen sei der Kriegsgott Nergal und die Unterweltsgöttin Ereškigal sowie die Göttin des Schilfes Ningal und der Mondgott Nanna erschaffen worden. Ningal und Nanna gelten als Elternpaar des Sonnengottes Utu, der Fruchtbarkeitsgöttin Inanna und Nusku, dem Feuergott.

Schematische Darstellung sumerischer Kosmogonie. Den Himmel, An (türkis), stellten die Sumerer sich als eine geschlossene Kuppel vor mit einem Zentrum aus festem Land, Uraš (grün, später auch Ki), und einem Süßwasser-Ozean (nicht abgebildet) unter der Erde vor, umgeben von einem ursprünglichen Salzwasser-Ozean, Absu (blau). Unter der Erdschicht befinde sich die Unterwelt Kur (rot), wobei beide durch einen Ozean aus Süßwasser getrennt seien. Das Ganze sei eingebettet in das Urmeer Nammu (grau). Die Aspekte der Kosmogonie waren auch personifizierte Gottheiten. (Bezeichnung teilweise in spanischer Sprache.)[4]

Zuerst glaubten die Sumerer[5], die Unterwelt sei eine Erweiterung der Göttin Ki, später entwickelten sie jedoch das Konzept von Irkalla (oder Kigal).

Die Sumerer glaubten, dass nach Erschaffung der Götter die Schöpfung des Menschen durch das Aussprechen der göttlichen Worte vollzogen worden sei. Für die Weltordnung wurden die „Me“ erstellt: eine Sammlung unumstößlicher Regeln und Gesetze, die aus der göttlichen Weisheit heraus entstanden seien. Jeder Mensch müsse diesen Regeln folgen, da sonst das Chaos drohe und der Mensch dem Untergang geweiht sei.

Herausragende Bedeutung neben den Schöpfergottheiten hatten die drei Himmelsgottheiten Nanna, Utu und Inanna. Ein weiterer Gott von großer Bedeutung war Ninurta, der Gott des Südwindes. Große Beliebtheit wurde dem Schäfergott Dumuzi zuteil. Ursprünglich war er ein sterblicher Herrscher, dessen Heirat mit Inanna die Fruchtbarkeit des Landes sicherstellen sollte. Die Ehe habe jedoch mit einer Tragödie geendet: Inanna fühlte sich von Dumuzi zu wenig beachtet. Hintergrund war die Unterweltfahrt von Inanna zu Ereschkigal im Reich der Toten. Inanna wollte die Erkenntnis des Todes erlangen und wurde aus diesem Grund von Ereschkigal umgebracht. Unter Hilfe zweier Götter, die von Geštinanna zu Ereschkigal geschickt wurden, konnte Inanna nach drei Tagen im Totenreich als Wiederauferstehung zurück in das Reich der Lebenden eintreten. Dumuzi war während der drei Tage wenig besorgt um Inanna, weshalb er dazu verurteilt wurde, alljährlich sechs Monate in der Unterwelt zu verbringen. Dieses Urteil führte als Folge zu den trockenen, unfruchtbaren Monaten des heißen Sommers. Geštinanna war, wegen der großen Liebe zu Dumuzi, bereit, in Abwesenheit von Dumuzi auf die Erde zu kommen und ihn zu vertreten. Nach Rückkehr des Dumuzi musste Geštinanna für sechs Monate den Weg in das Reich der Toten antreten. Dumuzis Wiedervereinigung mit seiner Gemahlin führte zum Wiederaufleben und zur erneuten Fruchtbarkeit im Tier- und Pflanzenreich. Das neue Jahr feierten die Sumerer mit der Heiligen Hochzeit von Dumuzi und Inanna. Den Höhepunkt dieser Feier bildete die rituelle Vereinigung, wobei der König den Dumuzi und eine Hohepriesterin die Inanna verkörperte.

Den Göttern zur Seite standen die Anunna (sumerisch „dingira.nun.na“ ‚die vom Samen Anus sind‘). Sie stellen in der sumerischen Religion den göttlichen Ältestenrat dar. Die Anunna wurden zusätzlich mit dem Titel „dingirgal.gal.e.ne“ (‚die Großen der großen Götter‘) belegt. Die Silbe KI als Anhang zu Anunnaki, die akkadische Variation, hatte unter anderem die Bedeutung von „Erde“. Wichtig ist, das die sumerischen Vorstellungen der Anunna nicht den Anunnaki in der akkadischen Überlieferung entsprechen, haben sie doch nicht den Rang von Unterweltsgöttern, den die Anunnaki in der späteren akkadischer Zeit teilweise einnahmen.

Kosmogonie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Sumerer betrachteten das sichtbare Universum als eine Halbkugel mit der Erde als Basis und dem Himmel (An-Ki) als Firmament. Die Erde sei eine flache Scheibe, die vom Meer (Abzu) umgeben sei und darauf schwimme. Unterhalb der Erde befinde sich eine weitere nicht sichtbare Halbkugel, die der des Himmels diametral entgegengesetzt sei und die höllischen Regionen (Kur) enthalte. Daher sei das Universum im Allgemeinen eine Kugel, die horizontal durch die von der Erde gebildete diametrale Ebene in zwei Teile geteilt sei. Aus einigen Fragmenten geht hervor, dass die Sumerer glaubten, der Himmel bestehe aus einem Metall mit bläulichen Reflexen. Zwischen Himmel und Erde existiere ein drittes Element, eine Art „Wind“ oder „Atem“ (Lil), dessen Eigenschaften Ausdehnung und Bewegung seien. Es wurde angenommen, dass kosmische Elemente wie Sonne (Utu), Mond (Nanna) und Sterne aus derselben Materie bestehen, in diesem Fall jedoch leuchtend seien. Außerhalb der Sphäre des Universums erstrecke sich endlos ein kosmischer Ozean, ein geheimnisvolles und unsichtbares Urmeer (Nammu). Am Anfang sei das Urmeer (Nammu) gewesen, das wahrscheinlich nie erschaffen worden sei und daher ewig sei. Aus dem Meer sei der kosmische Berg entstanden, dessen Basis die untersten Schichten der Erde und dessen Gipfel die Spitze des Himmels gewesen sei. Der Berg habe aus Himmel und Erde bestanden, immer noch miteinander verbunden und nicht getrennt. Der Himmel, in der Personifikation des Gottes An, und die Erde, in der Personifikation der Göttin Uraš (Ki), haben den Luftgott Enlil zur Welt gebracht. An diesem Punkt sei es zur Trennung gekommen: An „zog“ den Himmel zu sich, während Enlil die Erde, seine Mutter, „zog“. Aus dem Inzest von Enki und Ninhursag wurden alle Lebewesen geboren, Götter, Menschen, Tiere und Pflanzen. Die babylonischen[6] und späteren assyrischen Konzepte, basierten auf den ursprünglicheren, älteren sumerischen Mythologien.

Sumerisches Pantheon[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Übersicht über die Abstammungen (Genealogie) in der sumero-akkadische Götterwelt. Die sumerischen Götternamen kommen vor den akkadischen Namen. (Weitere Erläuterungen in englischer Sprache)

Der Gott Enki (En-ki bedeutet „Herr der Erde“), mit Beinamen „Herr der List“ oder „Herr von Eridu“, der Gott der Weisheit und des Wissens, ist der Gott der Geheimnisse. Sein Thron befand sich unter der Erde in Verbindung mit dem Abzu/Apsu in Eridu, wobei aus am Thron angebrachten Gefäßen zwei Wasserströme entspringen. Er wurde auch als Grundwasser- und Quellengottheit verstanden. Das salzhaltige Wasser des Meeres wurde dagegen als separate Einheit gesehen. Enki manipulierte bzw. betrog und hinterging sowohl andere Götter wie auch die Menschen für seine Zwecke. So wurde Enki zugeschrieben, die Ursprache der Menschen mit einem so genannten nam-shub verwirrt und so das Ende eines goldenen Zeitalters bewirkt zu haben (Die Geschichte weist Ähnlichkeiten zu der biblischen Geschichte der Sprachverwirrung beim „Turmbau zu Babel“ auf). Im Gegensatz dazu bringt der Gott Enlil den Menschen die Sprache bei. Als seine Heimat werden die Länder der Shubur-Hamazi, der polyglotten Sumerer, Ur, und das Land der Martu benannt.

Die älteste Schicht der sumerischen Götterwelt stellen wohl die Anunna oder in späterer akkadischer Vorstellung die Anunaki dar. So glaubten die Sumerer, der Ackerbau sowie Viehzucht und Webkunst seien von dem heiligen Berg Du-Ku (sumerisch du6-ku3 deutsch ‚Haus, das der heilige Hügel ist‘)[7] zu den Menschen gebracht worden. Dort lebten die Anunna-Götter. Sie waren einst Götter aus einer sehr alten Zeit ohne individuelle Namen.

Totenkult[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Königen, hohen Würdenträgern und einflussreichen Bürgern wurden Opfer am Kianag (Ort, an dem man die Toten trinken lässt) dargebracht. Trankopfer, zumeist Bier oder Wasser, wurden an Vorabenden von wichtigen religiösen Festen dargebracht. Z. B. wurden in die Gräber der Könige von Ur Röhren vertikal eingelassen, die zur Aufnahme der Trankopfer dienten.

Opferfeste[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sumerische Mythen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • In Enki und Nammu wird die Erschaffung des Menschen geschildert. Die Göttinnen Nammu und Ninmach werden vom Gott Enki beauftragt, den Menschen nach dem Abbild der Götter zu schaffen. Aus der Verbindung von Lehm und dem heiligen Wasser des Urozeans soll der Mensch geformt und zukünftig von den Göttern geleitet werden
  • Adapa ist die Erzählung von einem Mann, dem die Möglichkeit zur Unsterblichkeit geboten wurde. Hierzu sollte er lediglich Speisen und Getränke der Götter zu sich nehmen, die ihm von Tammuz und Ningišzida im Auftrag von An angeboten wurden. Doch da ihm sein Gott Enki geraten hatte, davon nicht zu essen, weil er sonst sterben würde, verweigerte er beides. Enki gab seinem Anhänger Adapa stattdessen große Weisheit und magische Kräfte. Der Gott An war verärgert, als er davon Kenntnis erhielt. Zum Vergleich siehe auch die Motive der griechischen Prometheus-Sage, in der Prometheus den Göttervater Zeus verärgert, weil er den Menschen das Feuer bringt.
  • Das Gilgamesch-Epos erzählt in der elften Tafel die Geschichte einer Flutkatastrophe. Eine vollständig erhaltene Fassung ist nicht mehr vorhanden. Deshalb wurde der Text aus den sumerischen, akkadischen, hurritischen und hethitischen Fragmenten übersetzt. In der sumerischen Fassung warnt der Gott Enki den Menschen Ziusudra vor einer Flut,[8] die alles Leben vernichten wird, und rät ihm, ein Schiff zu bauen. Die Situation wird durch einen Verschwiegenheits-Eid, den Enki den anderen Göttern schwören musste, verkompliziert, sodass Enki mit einer List gegen die Schilfwand des Hauses spricht, in dem Ziusudra schläft. So erfährt Ziusudra die Warnung in Gestalt eines Traumes, der daraufhin den erhaltenen Befehlen Enkis aus dem Traum folgt, sein Haus abreißt und daraus ein Boot baut. Er verrät auf Weisung Enkis den anderen Menschen nichts vom drohenden Untergang. In das Boot lässt Ziusudra nun die Tiere der Steppe, seine Frau und die gesamte Sippe einsteigen. Die babylonische Fassung berichtet im weiteren Verlauf über die Katastrophe,[9] die in Form von mehreren Flutwellen[10] aus dem Boden über das Land einbricht und das ganze Land untergehen lässt. Nach dem Ablaufen des Wassers belohnt Enlil Ziusudra und seine Frau für die Rettung der Lebewesen mit der Vergöttlichung beider und einem göttlichen Leben auf der Götterinsel Dilmun (Der Ort Šuruppak im unteren Mesopotamien wird im Gilgamesch-Epos als die Stadt angegeben, die Ausgangspunkt der Flut war).[11] Die archäologischen Funde aus dieser Region bestätigen mehrere Überschwemmungen des Euphrat und Tigris. Ein früher geglaubter Zusammenhang zwischen den Überschwemmungen und der Sintflut kann in der heutigen Zeit aber nicht mehr bestätigt werden.
  • Inanna und der Weltenbaum ist ein sumerischer Mythos, der von der Entstehung des Heiligen Throns und des Heiligen Betts der Inanna erzählt.

Kulturgeschichtliche Bedeutungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Weltenbaum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Anfang der Zeit wächst auf der Erde ein Baum (Weltenbaum), während die Welt schon, wie in der archaischen Mythologie üblich, in die drei Ebenen Himmel, Erde und Unterwelt eingeteilt wurde. Die sakrale Ordnung steht vor der Erschaffung. Der am Euphrat wachsende Baum steht kurz vor der Entwurzelung. Inanna rettet den Baum und pflanzt ihn in ihren eigenen Garten. Dieser Akt symbolisiert die erste kulturschaffende Ordnung. Der Baum wird zur Wohnung; im Wipfel wohnt der göttliche Himmelsvogel, im Stamm die Göttin Lilith und in den Wurzeln die Schlange als Symbol für die Unterwelt. Die Göttin Lilith wird in dieser Erzählung als dämonische Gottheit dargestellt.

Der Thronbau der Inanna[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Inanna gibt die Anweisung, den Weltenbaum zu fällen. Ihr göttlicher Thron und das Bett sollen als Machtsymbole aus dem Material des Weltenbaums für ihren Sitz in Uruk hergestellt werden. Diese symbolische Handlung begründet die Erschaffung der sakralen Ordnung, in der Inanna nun selbst zur Achse und Mittelpunkt der Welt aufsteigt. Die Handlung stellt zugleich den Aufstieg Uruks zur heiligen Stadt dar. Aus der sumerischen Königsliste wird deutlich, dass es am Anfang weibliche Gottheiten waren, die für den Bau der ersten Städte verantwortlich sind. Typischerweise hilft Utu beim Fällen des Weltenbaums. Ebenso versinnbildlicht der altorientalische Name Innin, das Gegenstück zum sumerischen Ausdruck Inanna, die Göttin des Urwassers als auch die Mondgöttin. Inanna ist Göttin des ganzen Himmels und der zugehörigen Sterne, die auch dann anwesend sind, wenn die Sonne schon längst untergegangen ist. Ihre Symbole waren die Mondsichel und der Planet Venus als Achtzackstern. Die Hilfe von Utu zeigt die damalige Ordnung, in welcher nur die männlichen Gottheiten die symbolische Doppelaxt führen konnten, während die weiblichen Gottheiten auf die Stärke der männlichen Gottheiten zwar angewiesen waren, aber letztendlich die Entscheidungen trafen. In späterer Zeit stiegen die männlichen Gottheiten im Pantheon auf und übernahmen die Funktionen vieler alter weiblicher Gottheiten.

Die Heilige Hochzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Enki hatte Inanna vorausgesagt, worin die Erkenntnis der Wahrheit besteht: „Kunst der Liebe“ und die „Feier der Heiligen Hochzeit“. Es bedeutet in der Konsequenz, die Gesetze des Lebens und des Todes selbst zu erfahren. Vor der Heiligen Hochzeit steht das Werben um die Braut. Inannas Bruder und die Mutter spielen die wichtigste Rolle, da die Familie den Bräutigam erwählt; eine junge „unerfahrene“ Frau besitzt dafür nicht die nötige Weisheit. Zunächst erfolgte bei der Wahl des Dumuzi offene Empörung: „Was soll ich mit einem Schafhirten? Gebt mir lieber den Ackerbauern!“ In diesem Vorgang wird die anfängliche Grundhaltung der Sumerer sichtbar, die mehr Wert auf den Ackerbau legten und in den rastlosen, umherziehenden Nomaden eine Bedrohung für die Gesellschaft sahen. Besonders deutlich wird dies im Ausspruch der Inanna: „Warum sollte ich den Schafhirten wählen, der einer anderen Kultur angehört, den viehzüchtenden Nomaden der Steppe?“ Doch die Erzählung löst das vorliegende Problem mit einem Versuch der Einigung beider Kulturen. Die Vorteile für das sumerische Königreich aus der Einbeziehung der Nomaden werden in einem Zuwachs der Landeswirtschaft gesehen. Der Widerstand Inannas endet mit der Entscheidung der Mutter: „Das gütige Wort meiner Mutter ist Gesetz für mich.“ Es folgen die rituellen Wechselgesänge der Werbung für die Heilige Hochzeit. Danach erfolgt der offizielle Staatsakt in Form der Inthronisierung des Dumuzi als neuen König von Sumer. In der Kultur der Sumerer wurde diese Handlung nicht durch Eroberung und Herrschaft vollzogen, sondern durch „göttliche Zuweisung“, weshalb die Krönung auch nicht im Palast erfolgte. „Vollziehender Krönungsort“ war das Hochzeitsbett der Inanna, das mitten in ihrem Heiligen Tempel stand. Dort, sonst an keinem anderen Ort, übergab die Göttin Inanna den Königen die göttliche Macht und die Regierungssymbole.

Die Unterweltfahrt der Inanna[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Inanna tritt die Unterweltsfahrt entschlossen an, da sie neben den Gesetzen des Himmels und der Erde auch die Gesetze des Todes erfahren möchte. Nach Überquerung des Unterweltflusses Ḫubur und Ankunft im Totenreich verliert sie nach und nach ihre göttlichen Attribute, da Ereschkigal im Totenreich die herrschende Göttin ist. Ereschkigal tötet Inanna mit einem einzigen Blick. Ein Grund für die Tötung von Inanna liegt nicht vor, da Ereschkigal als Verkörperung des Todes jeden, ohne nach Gründen zu fragen, in das Reich des Todes überführt. Inannas jugendlicher Aspekt taucht immer wieder in Gestalt der Ninšubur auf, kämpfende Amazonen als Wächter, die Inanna bedingungslos dienen. Ninšubur kämpfen mit den Waffen der Luft und des Himmels. Von ihnen wurde Enki beauftragt, Inanna Lebenswasser und Lebensspeise zu überbringen. Letztendlich ist es aber Ereschkigal selbst, Inannas ältere Schwester, die das Schicksal wendet. In Geburtswehen liegend gebiert Ereschkigal aus dem Totenreich Inanna wieder. Die zwei göttlichen Helfer, die im Auftrag Enkis zu Ereschkigal gelangen, helfen ihr bei der Geburt. Als Dank erlaubt ihnen Ereschkigal, die neu geborene Inanna, die nun aber die Gesetze des Todes kennt, wieder mit in das Reich der Lebenden zu nehmen.

Dennoch verlangt das Gesetz des Todes ein Opfer für die Wiedergeburt. In der Frage nach dem betreffenden Totenopfer wägt Inanna die Vor- und Nachteile der in Frage kommenden Kandidaten ab. Die Wahl fällt auf Dumuzi. Die Gründe liegen in der Fremdartigkeit des Dumuzi und des Nicht-Trauerns um Inanna. Dumuzi, der die Macht nur durch Inanna erfahren hatte, begreift, dass er ohne die Göttin keinerlei Macht besitzt. Im Unterschied zu Inanna, die freiwillig den Gang in das Totenreich antrat, wird Dumuzi als Verurteilter in die Unterwelt geschickt und verliert im Abstieg sämtliche Heldenattribute. Durch diesen göttlich veranlassten Akt wird die menschliche Sterblichkeit deutlich gemacht und bekleidete im Kult der Sumerer eine zentrale Rolle. Inanna, durch die Erkenntnisse der Unterwelt neu geboren, handelt wie Ereschkigal: Mit einem einzigen Blick sendet sie Dumuzi in die Unterwelt.

Die große Flut[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Geschichte der Flut wird Ziusudra als das Gegenteil von Gilgamesch dargestellt. Die spätere Namensform Uta-napišti bedeutet sinngemäß: Der sehr Kluge, er ist demütig und hört selbst dann auf göttliche Weisungen, wenn er persönlich andere Ansichten vertritt. Er wird stilisiert zum Helden der Menschheit gegenüber einem voreiligen Entschluss der Götter. Grundlage für den Plan der Götter bildete das gottlose Lärmen und die Nicht-Einhaltung göttlicher Gebote. Die Errettung der Menschheit durch Ziusudra wird nicht als selbstverherrlichende Tat verstanden, sondern spiegelt den Dienst für die Götter und das Leben wider. In der sumerischen Mythe ist Inanna die hauptsächlich handelnde Gottheit, die nach anfänglichem Desinteresse begreift, was die Entscheidung für alle, die Menschen und die Götter, bedeutet. Sie wird widersprüchlicher und ändert ihre Einstellung. Beim Anblick der sterbenden Menschen handelt sie wie eine Mutter, die ihre eigenen Kinder strafen wollte, aber nicht das Ausmaß der Strafe kannte. Ihre Klageschreie kommen zu spät, das Schicksal scheint beschlossen. Enki hatte jedoch in weiser Voraussicht den Plan der Götter unterlaufen, da er als Einziger die Folgen bedachte. Der Luftgott Enlil, der voreilig mit seinem Gehorsam die Sturmflut auslöste, steht am Ende sichtlich beschämt da. Inanna erkennt die Weisheit des Enki an und schenkt Ziusudra und seiner Frau auf der Götterinsel ewiges Leben. Gilgamesch dagegen kann mit der Erzählung Ziusudras nichts anfangen. Ein weiterer Beweis der Unzulänglichkeiten des Gilgamesch für das ewige Leben. Er begehrt es aus selbstsüchtigen Gründen und erkennt nicht den Kern der Heldentat des Ziusudra, weshalb er auch darüber einschläft. Der Schlaf steht hier symbolisch für seine Blind- und Taubheit.

Sumerische Mythen und die Bibel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es finden sich folgende Themen und Schemata mit ähnlicher Bibel-Entsprechung:

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Helmut Freydank u. a.: Lexikon Alter Orient. Ägypten * Indien * China * Vorderasien. VMA-Verlag, Wiesbaden 1997, ISBN 3-928127-40-3.
  • Brigitte Groneberg: Die Götter des Zweistromlandes. Kulte, Mythen, Epen. Artemis & Winkler, Stuttgart 2004, ISBN 3-7608-2306-8.
  • Samuel Noah Kramer: History Begins at Sumer, Twenty-seven ‚Firsts‘ in Man’s Recorded History. Doubleday Anchor Books, Garden City-New York 1956, 1959, University of Pennsylvania Press, Philadelphia 1981, ISBN 0-8122-7812-7.
  • Samuel Noah Kramer, John Maier: Myths of Enki, the Crafty God. Oxford University Press, New York-Oxford 1989, ISBN 0-19-505502-0.
  • Gebhard J. Selz: Sumerer und Akkader. C.H.Beck, München 2005, ISBN 3-406-50874-X.
  • Diane Wolkenstein: Inanna, Queen of Heaven and Earth. Überarbeitete Keilschrifttexte des Samuel Noah Kramer – Harper&Row, New York 1983.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen und Belege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Karen Radner: Mesopotamien: Die Frühen Hochkulturen an Euphrat und Tigris. C. H. Beck, München 2017, ISBN 3-406-71406-4, S. 13–30
  2. Kulturen Mesopotamiens: Sumerer – Akkader – Babylonier – Assyrer. Sumerer. Assyrischer Mesopotamien Verein Augsburg e.V., auf bethnahrin.de [1]
  3. Cynthia Jean: Priester (Alter Orient)., auf die-bibel.de [2]
  4. Johannes Renz: Sumer/Sumerer. Erstellt: März 2009, Abschnitt: 5.2. Götterwelt, auf die-bibel.de [3]
  5. siehe auch Frühdynastische Zeit (Mesopotamien)
  6. Stefan M. Maul: Die Religion Babyloniens. In: Joachim Marzahn, Gunther Schauerte (Hrsg.): Babylon. Wahrheit, Berlin 2008, S. 167–206, auf archiv.ub.uni-heidelberg.de [4]
  7. Blahoslav Hruška: Zum "Heiligen Hügel" in der altmesopotamischen Religion. Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes, Vol. 86, Festschrift für Hans Hirsch zum 65. Geburtstag gewidmet von seinen Freunden, Kollegen und Schülern (1996), S. 161–175
  8. Von Regenfällen, die in der Bibel die Welt untergehen lassen, wird im Gilgamesch-Epos nichts berichtet. Der Untergang wird hier mit lodernden Feuerstürmen und einbrechenden Flutwellen geschildert. Der Begriff Regen wird in keinem Wort erwähnt.
  9. Gott Adad überschwemmt das Land, „wie ein Stier“ (kīma alpi gu4/= gud) und zerstört es.
  10. Originaltext-Auszug Aus den schwarzen Wolken brüllte Adad, es gehen ihm die Thronträger Schullat und Hanisch voran, über Berg und Land. Errakal reißt die Pflöcke, mit Ninurta ging er zusammen, ließ die Wehre überquellen. Die Unterweltsgötter erhoben die Fackeln und setzen alles Land in Brand... Am ersten Tag walzte der Sturm das Land rasend nieder. Dann brachte der Ostwind die Flut, die wie ein Schlachtengemetzel mit Wucht über die Menschen kam. Niemand konnte mehr den anderen sehen in der Vernichtung. Selbst die Götter zogen sich aus Angst vor der Gewaltigkeit der Flut zurück... Wie Fische füllen die Menschen jetzt das Meer... Nächte gehen Wind, Wetter, Sturm und die Flut einher, doch am 7. Tag kam der Ozean zur Ruhe.
  11. Die Flut-Geschichte liegt in der neuen und erweiterten Version von Stefan M. Maul: Das Gilgamesch-Epos. C. H. Beck Verlag, 3. Auflage 2006, ISBN 3-406-52870-8 der hier geschilderten Erzählung als Grundlage vor. In der Neuveröffentlichung sind zwischenzeitliche Funde von weiteren Fragmenten übersetzt und erlauben nun einen genaueren Einblick in die Gilgamesch-Erzählung
  12. Die Bibel und die Sumerer – Das Geheimnis des Gottes Jahwe. auf youtube.com
  13. Manfred Krebernik: Altoriental(ist)ische und biblische Schöpfungsmythen. S. 143–169. In: Klaus Manger (Hrsg.): Jenaer Universitätsreden. Philosophische Fakultät. Antrittsvorlesungen VII, Jena 2005, S. 151 f. (PDF auf archiv.ub.uni-heidelberg.de)
  14. Victor Maag: Sumerische und babylonische Mythen von der Erschaffung der Menschen. Asiatische Studien: Zeitschrift der Schweizerischen Asiengesellschaft = Études asiatiques : revue de la Société Suisse-Asie, Band (Jahr): 8 (1954), S. 85–106, auf e-periodica.ch