Synagoge (Bad Wildungen)

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Ansicht der Synagoge in Bad Wildungen von Westen, um 1914
Luftbild der Altstadt von Südsüdwesten, rechts im Vordergrund die Synagoge, um 1925

Die Synagoge in Bad Wildungen wurde 1914 erbaut. Sie bestand nur 24 Jahre und wurde während der Novemberpogrome 1938 zerstört. Das Gebäude am Südwestrand der Altstadt, in der Straße Dürrer Hagen, ist heute weitgehend unbekannt, weil es kaum veröffentlichte Fotoaufnahmen von ihm gibt.

Baugeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon seit dem 15. Jahrhundert lebten einzelne Juden bzw. jüdische Familien in der Stadt, aber erst nachdem im Jahre 1814 Juden im Fürstentum Waldeck den übrigen Untertanen rechtlich gleichgestellt wurden und die Schutzgelder entfielen, stieg ihre Zahl allmählich an.[1] In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs ihre Zahl soweit an, dass 1877 eine jüdische Gemeinde (Kehillah) begründet werden konnte. Die Synagoge löste einen Raum im Waisenhof in der Waisengasse ab, der seit 1890 der jüdischen Bevölkerung als Betraum gedient hatte (das ehemalige Waisenhaus war Mitte des 19. Jahrhunderts in Privatbesitz übergegangen). Die jüdische Gemeinde in Bad Wildungen stellte 1913 den Bauantrag für das neue Gotteshaus beim städtischen Magistrat. Schon am 5. August 1914 fand in der Synagoge ein „Bittgottesdienst für Kaiser, Reich sowie für die ausziehenden Truppen und für den Erfolg unserer Waffen“ statt.[2] Der erste reguläre Gottesdienst fand am 19. September 1914 statt. Eine ehemals für den August geplante Einweihungsfeier sollte wegen „der derzeitigen Kriegswirren einer späteren Zeit vorbehalten bleiben“.[3]

Finanziert wurde das Gotteshaus von der jüdischen Gemeinde, aber auch von jüdischen Kurgästen aus aller Welt. Es bot daher Platz für 200 Gläubige, obwohl die Gemeinde selbst nur maximal 152 Menschen umfasste.[4] Der wirtschaftliche Aufschwung der Stadt durch den Kur- und Badebetrieb im Kaiserreich war also Voraussetzung für diesen großen Bau, dessen Kosten sich auf 50.000 Mark beliefen.

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Synagoge galt „als eines der schönsten und ungewöhnlichsten jüdischen Gebetshäuser deutscher Kleinstädte“. Errichtet in Hanglage, zudem freistehend, war sie von Süden weithin sichtbar. Sie wirkte imposant, wuchtig und orientalisch. Architekt war Ernst Cohn, der Kompagnon des Essener „Ateliers für Architektur und Kunstgewerbe J. Bremenkamp & Ernst Cohn“ war. Er war von Edmund Körner beeinflusst, dem Erbauer der Alten Synagoge in Essen, die (zusammen mit der Hurva-Synagoge in Jerusalem) ein Vorbild war für das Gotteshaus in Bad Wildungen. Der Baustil der neuen Monumentalität war Ausdruck eines in der Gesellschaft des Kaiserreiches aufsteigenden und selbstbewusst gewordenen Judentums.

Über eine Treppe und einen Vorhof erreichte man die Vorhalle und schließlich den Kuppelraum mit dem Emporengeschoss für die Frauen. Im Hauptraum stand der Almemor mit dem Toraschrein. Der Kuppelbau, bedeckt mit Kupferblech, maß über zwölf Meter Durchmesser. Auf den unteren sechs rechteckigen Fenstern waren die Schöpfungstage dargestellt. Jedes der sechs hohen Fenster im oberen Teil des Kuppelsaals stellte jeweils zwei der zwölf Söhne Isaaks dar, die zu den Stammvätern der zwölf Stämme Israels wurden – einer im Rundfensterteil oben, der zweite im runden Teil des Rechteckfensters darunter. Auf weiteren neun Rundfenstern waren allgemeine Symbole aus der jüdischen Kunst dargestellt. Nur noch einzelne Schwarz-Weiß-Fotografien dieser Fenster sind erhalten.

Nutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Sockelgeschoss des Gebäudes befanden sich acht Räume: Wohn-, Ess- und Schlafzimmer und Küche, Büro, zwei Kellerräume und ein Schul- und Sitzungszimmer. In letzterem wurden der Religionsunterricht für die Kinder abgehalten sowie Sitzungen der jüdischen Gemeinde, des Synagogenvorstands[5] oder auch des Israelitischen Humanitätsvereins.[6] Die Wohnung wurde von dem Kantor und Lehrer der jüdischen Gemeinde und seiner Familie genutzt. Bis 1933 war dies Jonas Hecht; auf ihn folgte Hermann Stern, der 1938 nach Wiesbaden wechselte. Der Name seines Nachfolgers, der etwa zwei Wochen vor der Pogromnacht einzog, ist nicht bekannt. Unter dem Sockelgeschoss lagen der Heizungskeller, die Waschküche und das Ritualbad.[7]

Pogromnacht 1938 und die Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bad Wildunger Synagoge nach der Teilsprengung am 19. November 1938
Gedenktafel am Dürren Hagen

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Synagoge geplündert und durch Brandstiftung zerstört.[8] Die Feuerwehr war zwar anwesend, schützte jedoch nur die benachbarten Gebäude.

"Am 9. November, gegen 23 Uhr wurde die Synagoge von SA-Leuten in Zivil und einigen BdM-Mädchen erbrochen, sämtliche Einrichtungsgegenstände zerstört. ... Auch die Wohnung des erst vor ca. 2 Wochen eingezogenen jungen jüdischen Lehrers wurde vollständig zerstört. ... Die Feuerwehr war gegen 4 Uhr still alarmiert worden, hielt am Gebäude Wache. ... gelöscht werden solle nicht. Die Tätigkeit nur beschränke sich auf Schutz der anliegenden Gebäude."[9]

Ein Zeitzeuge erinnert sich, die Tora gerettet und auf der Flucht mit nach Bolivien genommen zu haben. Der Vorstand der Israelitischen Gemeinde musste bereits einen Tag darauf das Grundstück an die Stadt Bad Wildungen abtreten, die „als Gegenleistung“ die Reste der Synagoge entfernte.[10] Am 13. Dezember 1938 wurde das Kuppeldach gesprengt. 1951 verkaufte die Stadt das Grundstück an einen Privatmann, heute sind keine Reste der Synagoge mehr sichtbar. Ein 1946 auf dem ehemaligen Synagogengrundstück errichteter Gedenkstein wurde später auf den jüdischen Friedhof gestellt. Eine 1985 eingeweihte Gedenktafel befindet sich am Dürren Hagen, ein wenig entfernt von dem Grundstück.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen, Band 2, Frankfurt am Main 1971, ISBN 3-7973-0213-4.
  • Volker Berbüsse: Ein Gotteshaus im Stil der „neuen Monumentalität“, in: Waldeckische Landeszeitung, 23. April 1987
  • Volker Berbüsse und Johannes Grötecke: Spurensicherung. Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Bad Wildungen. Ausstellungseröffnung am 27. Oktober 1987 im Jugendhaus am Kirchplatz
  • Klasse 11 des Gustav-Stresemann-Gymnasiums: Die Juden und ihr Friedhof in Bad Wildungen. Ein Reader, Bad Wildungen 1988.
  • Johannes Grötecke: Bad Wildunger Juden und ihre Schicksale 1933 bis 1945. In: Geschichtsblätter für Waldeck, Band 77, 1989
  • Heike Luesse/Werner Bley: Studie zur Geschichte Bad Wildungens im Nationalsozialismus. Spurensicherung und Forschungsansätze, Kassel 1990.
  • Volker Berbüsse: Geschichte der Juden und der jüdischen Gemeinde. In: Bad Wildungen. Die Geschichte von Stadt und Bad. Hrsg. Magistrat der Stadt Bad Wildungen, 1992.
  • Studienkreis Deutscher Widerstand (Hrsg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen II, Regierungsbezirke Gießen und Kassel. Bad Wildungen, 1996, S. 211f.
  • Thea Altaras: Synagogen und jüdische Rituelle Tauchbäder in Hessen – Was geschah seit 1945? 2. Auflage, Königstein im Taunus 2007, ISBN 978-3-7845-7794-4, S. 45.
  • Arbeitsgemeinschaft Synagoge Bad Wildungen (Hrsg.): Ein Himmel voller Sterne. Synagoge Bad Wildungen. Eine Spurensuche. Bad Wildungen 2013.
  • Manfred Hülsebruch: Synagoge Bad Wildungen – Ergänzendes zum Judenpogrom am 9. und 10. November 1938 in Bad Wildungen, die folgenden Tage und das Entschädigungsverfahren 1948 - 1951. Fundgrube für Ortsgeschichte, Nachrichten aus dem Stadtarchiv Bad Wildungen Nr. 1/2014, Bad Wildungen 2014.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Synagoge – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen und Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Fürst Karl August Friedrich (1728–1763) von Waldeck verlieh Schutzbriefe an jüdische Personen, sofern sie ein Vermögen von mindestens 1000 Talern nachweisen konnten. Daraufhin begann die Zuwanderung jüdischer Einwohner in das Fürstentum. Bald kamen auch ärmere Juden ins Waldecker Land, die das Schutzgeld nicht bezahlen konnten, aber auf bestimmte Zeit und auf Widerruf toleriert wurden.
  2. Wildunger Zeitung, 6. August 1914.
  3. Waldeckische Zeitung, 22. September 1914.
  4. Bad Wildungen: Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde. Alemannia Judaica, abgerufen am 31. Januar 2020.
  5. Zum Synagogenvorstand zählten Mitte der 1920er Jahre Adolf Hammerschlag, Sally Hirsch und Leopold Marx.
  6. Dieser wurde von Isaac Hirsch geleitet.
  7. Manfred Hülsebruch: Die Mikwe von Bad Wildungen. Ein etwas anderer Forschungsbericht. Vortrag am 20. Februar 2013 im Waldeckischen Geschichtsverein e.V., Bezirksgruppe Bad Wildungen.
  8. Die Synagoge in Bad Wildungen, aufgerufen am 23. Februar 2013.
  9. Felix Pusch: Handschriftliche Aufzeichnungen. Archiv des Stadtmuseums Bad Wildungen.
  10. Abschrift der Verhandlung zwischen Bürgermeister Rudolf Sempf und als Vertretern der jüdischen Kultusgemeinde Leopold Marx, Lindenstr. 4, und Isidor Mannheimer, Mittelstr. 7; Stadtarchiv Bad Wildungen.

Koordinaten: 51° 7′ 5,9″ N, 9° 7′ 21,7″ O