Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (arabisch المرصد السوري لحقوق الإنسان, DMG al-marṣad as-sūrī li-ḥuqūq al-insān; englisch Syrian Observatory for Human Rights; SOHR) ist eine in Großbritannien ansässige Organisation, die in Opposition zur Baath-Regierung in Syrien steht und Informationen über Menschenrechtsverletzungen in dem Land sammelt und veröffentlicht.

Die SOHR wird von Rami Abdulrahman (auch „Rami Abdul Rahman“ oder „Rami Abdelrahman“ geschrieben), einem syrischstämmigen sunnitischen Muslim, der ein Bekleidungsgeschäft betreibt, von seinem Reihenhaus in Coventry in England aus betrieben.[1][2] Abdulrahman ist der einzige feste Mitarbeiter der Organisation und war laut dem russischen Staatsfernsehen RT das letzte Mal im Jahr 2000 persönlich in Syrien.[3] Der Name, unter dem er bekannt ist, ist ein Pseudonym, sein bürgerlicher Name ist Osama Suleiman.[4]

Eine gleichnamige Organisation mit Sitz in London hat ihre Aktivität spätestens 2012 eingestellt.[4]

Arbeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Internetseite der Organisation verbreitet auf englisch und arabisch Neuigkeiten zur aktuellen Entwicklung und zu Aspekten des syrischen Bürgerkrieges. Sie berichtet über die Enthauptungen durch den IS, über Kämpfe zwischen den verschiedenen Konfliktparteien und wiederholt über Massaker. Bei ihren Informationen beruft sie sich auf ein Netzwerk von in Syrien lebenden, anonym arbeitenden Informanten.

Seit den ersten Veröffentlichungen ist nach Einschätzung der ARD ihr Erscheinungsbild professioneller geworden. Die abgebildeten Fotos seien mittlerweile „etwas weniger grauenhaft“.[5] Die Beobachtungsstelle dementiert manche Meldungen auch umgehend wieder, wenn sich die Quellenlage ändert. In einer Rubrik werden die am Vortag in Syrien ums Leben gekommenen Menschen mittlerweile unterschiedslos gezählt.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter Kritik geriet die Beobachtungsstelle im Herbst 2011, als zahlreiche Medien, darunter CNN, eine auf einem Bericht vom SOHR beruhende Falschmeldung verbreiteten, nach der in der Stadt Hama neugeborene Säuglinge in Brutkästen gezielt getötet worden seien, indem das syrische Regime die Stromversorgung des Krankenhauses unterbrochen habe.[6][7] Während CNN als Quelle für seine Falschmeldung die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte angab, zitierte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte auf ihrer Internetseite daraufhin CNN als ihre Quelle.[7] Die Beobachtungsstelle stellte in weiterer Folge klar, dass sie nicht behauptet habe, dass die Unterbrechung der Stromversorgung absichtlich herbeigeführt worden sei. Fakt sei aber, dass die Kinder in den Brutkästen starben.[6][7]

Die Beobachtungsstelle unterschied in ihrer Opferzählung bis August 2012 zwischen Zivilisten und Soldaten, wobei die Zivilisten weiter in bewaffnete Rebellen und unbewaffnete Zivilisten unterteilt wurden, die Soldaten in Deserteure und Angehörige der syrischen Armee. Diese Unterteilung wurde bei der Weiterverwertung ihrer Angaben in der Regel nicht reflektiert und geriet in die Kritik. Neuere Tagesberichte der Beobachtungsstelle führen die kritisierte Zuordnung bewaffneter Rebellen zu den Zivilisten nicht fort. Die Beobachtungsstelle unterscheidet zudem in ihren Tagesbilanzen nicht nach Verursachern, auch dies wird bei der Weiterverwendung ihrer Angaben in der Regel nicht reflektiert.[8]

Die Glaubwürdigkeit der Beobachtungsstelle, die Überprüfbarkeit ihrer Angaben wurde verschiedentlich angezweifelt. Der Sprecher des russischen Außenministeriums, Alexander Lukaschewitsch, erklärte im Februar 2012, dass nur zwei Personen für diese Beobachtungsstelle fernab der Konfliktzone arbeiten und dass der Leiter der Beobachtungsstelle, ein in London ansässiger Snack-Shop-Betreiber namens R. Abdulrahman, nach eigenen Angaben weder über eine journalistische oder juristische Ausbildung noch über einen höheren Schulabschluss verfüge. Diese Fakten ermöglichten entsprechende Rückschlüsse auf die Glaubwürdigkeit der Informationen.[9] Nach einem Bericht der New York Times besitzt Abdul Rahman einen High-School-Abschluss und hat an einer Berufsfachschulausbildung für Marketing teilgenommen.[2] Einem Mitarbeiter von Amnesty International im Nahen Osten zufolge sei seine Statistik „eine der Besten, einschließlich der Details über die Todesumstände“.[2]

Schaden entstand dem Ansehen der Beobachtungsstelle auch daraus, dass die 2012 um den Anspruch als Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte rivalisierende Internetseite www.syriahr.org während des in der Öffentlichkeit ausgetragenen Konflikts mit dem Betreiber der Internetseite www.syriahr.com dessen bürgerliche Identität offenlegte, worauf dieser öffentlich Osama Suleiman als seinen Realnamen eingestand und erklärte, dass er das Pseudonym Rami Abdulrahman für seine langjährige Aktivistentätigkeit gegen das syrische System unter Baschar al-Assad als Nom de Guerre angenommen habe.[6][7][10]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Mohammed Abbas: Coventry – an unlikely home to prominent Syria activist. Reuters, 8. Dezember 2011.
  2. a b c Neil MacFarquhar: A Very Busy Man Behind the Syrian Civil War’s Casualty Count. In: The New York Times, 9. April 2013. Abgerufen am 9. Februar 2014.
  3. RT-Interview mit dem Leiter der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte: „Wir sagen die Wahrheit“. In: RT Deutsch. Abgerufen am 10. Oktober 2015 (de-de).
  4. a b Jonas Schaible: Ominöse Protokollanten des Todes. Süddeutsche.de, 26. November 2012.
  5. tagesschau.de: Glaubwürdige Informationen aus Syrien?. Abgerufen am 4. Februar 2016.
  6. a b c Der Ein-Mann-Betrieb berichtet aus Syrien – Die wichtigste Quelle für Nachrichten zum Syrien-Konflikt ist ein Mann in London mit einem Telefon- und Internetanschluss (Memento vom 30. September 2014 auf WebCite), derStandard.at, 15. Mai 2012, von Michaela Kampl, archiviert vom Original am 30. September 2014.
  7. a b c d The Syrian Observatory: The Inside Story (Memento vom 30. September 2014 auf WebCite) (englisch). Al Akhbar, 26. Januar 2012, von Asa Winstanley, archiviert vom Original am 30. September 2014.
  8. Sharmine Narwani: Questioning the Syrian “Casualty List”. Al Akhbar English, 28. Februar 2012.
  9. Russia Doubts Credibility of London-based Syria Watchdog. Ria Novosti, abgerufen am 22. Juli 2012.
  10. About Us (Memento vom 30. September 2014 auf WebCite), http://syriahr.com/, archiviert vom Original am 30. September 2014.