Tatjana Lietz

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Tatjana Lietz (Lihzis in der lettischen Namensform; * 27. Augustjul./ 9. September 1916greg. in Petrograd; † 11. März 2001 in Zwickau[1]) war eine Malerin, Sprach- und Kunstlehrerin.

Tatjana Lietz auf einer Kohlezeichnung auf Ingrespapier ihres letzten Privatschülers Christian Siegel vom März 1988.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tatjana Lietz Leben ist durch die konflikt- und spannungsgeladenen politischen Verhältnisse des 20. Jahrhunderts geprägt. Sie wurde als einziges Kind des lettischen Steuerinspektors in russischen Diensten Eugen Lietz (* 24. Mai 1888 in Riga, † 1. Juni 1962 in Zwickau) und seiner Frau Vera Lietz (* 31. Juli 1889 in Riga, † 8. Mai 1969 in Zwickau)[2] geboren. Nach der Oktoberrevolution 1917 zog sie mit ihren Eltern wieder in ihre lettische Heimat Riga. Sie wuchs viersprachig (Lettisch, Russisch, Französisch und Deutsch) auf.

Eine Ansicht der St.-Marien-Kirche in Zwickau um 1953. Sie ähnelt der St. Petrikirche in Riga und war einer der Gründe Zwickau als zukünftige Heimat anzunehmen.

Von 1932 bis 1934 besuchte sie die Mal- und Zeichenschule von Konstantin Wyssotzki. Die folgenden sechs Jahre nahm sie Unterricht an der Mal- u. Zeichenschule von Professor Jānis Tilbergs (auch Telberg oder Tellberg) (1880–1972)[3][4] und erlernte besonders die Technik der Ölmalerei. Sie war die einzige Privatschülerin des Malers der russischen Wanderer-Bewegung Nikolai Petrowitsch Bogdanow-Belski (1868–1945), einem Schüler Repins. Ein Studium der Mathematik und im Nebenfach Kunstgeschichte absolvierte sie ohne einen Abschluss aufgrund des Kriegsausbruches. 1938 fand ihre erste Ausstellung in Riga statt, die in den Zeitungen der Großstadt sehr positiv rezenziert wurde:

„(Sie) …vereinigt – Landschaften und Porträts… als Massstab der Arbeit, der Entwicklung… Tatjana Lihzis malt beides und zeigt auch mit manchen Stücken, dass ihr Talent dieser Doppelaufgabe gewachsen ist.“

Andres Moritz, 1938[5]

Die meisten der dort ausgestellten Werke sind durch die Wirren des Zweiten Weltkrieges verschollen. Einige befinden sich quer durch Europa in Privatbesitz.

Nach dem Hitler-Stalin-Pakt und der Annexion Lettlands durch die Sowjetunion siedelte sie im März 1941 mit ihren Eltern nach Deutschland um und wurde als Reichsdeutsche eingebürgert. Nach der Eroberung des Baltikums durch die deutsche Wehrmacht zog die gesamte Familie wieder in ihre Heimatstadt zurück. Der Lauf der Geschichte erzwang neue Wechsel. 1945 flohen sie vor dem Heranrücken der Roten Armee. Auf der Flucht gingen sämtliche eigene Arbeiten verloren. Die Familie wurde in Berlin einquartiert und dort total ausgebombt. Danach reisten sie zu Verwandten nach Zwickau. Tatjana Lietz blieb danach über 55 Jahre in Zwickau.

Nachdem die Rote Armee 1945 in Zwickau einzog, wurde sie als Dolmetscherin eingesetzt. Gleichzeitig arbeitete sie in der Höheren Handelsschule als Russischlehrerin. Von 1950 bis 1978 unterrichtete sie Kunsterziehung und Russisch an der „EOS Gerhart Hauptmann“. Als Dozentin für Kunstgeschichte hat sie die Mal- und Zeichenschule Zwickau (MuZ) 1953 mit aufgebaut und bis zu ihrer Schließung 1963 mitverantwortet. Einer ihrer Schüler in der MuZ war auch Hartwig Ebersbach.

Ende der 1960er Jahre war sie außerdem als Übersetzerin tätig.[6]

Seit Ende der 1970er Jahre konnte sie ihre Werke in verschiedenen eigenen Ausstellungen in Zwickau und Karl-Marx-Stadt präsentieren. Ihre Wohnung war ein Salon für Künstler und Intellektuelle. Sie bevorzugte später verstärkt die Porträtmalerei und schuf viele Porträts von Zwickauer Persönlichkeiten. Neben ihrer Arbeit als Lehrerin schuf sie ein beeindruckendes und originäres malerisches Werk. Ihre Porträts, die Stillleben, aber auch die malerischen Erinnerungen an die Landschaften ihrer Jugend sind künstlerische Zeugnisse dieser Malerin, die mit ihrem eigenen, vom russischen Impressionismus beeinflussten Malstil, viele Freunde gefunden hat.

Schaffen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In ihrem künstlerischen Schaffen stand der Mensch im Mittelpunkt.

„Die Kunst sollte die Menschen lehren, die Schönheiten des Lebens zu erkennen.“

zitiert nach C. Siegel[7]

Sie schuf viele Porträts von Zwickauer Persönlichkeiten. Die Vielzahl der Bilder beschäftigt sich mit Natur- und Landschaftsmalerei. In den Ölgemälden sind sehr empfindungsreich Trauer, Leid, Freude, Hoffnung, Sorge und Sehnsucht als Farbtupfer und Farbnuancen festgehalten und vermitteln ein Stück ihrer baltischen Seele.

Es können drei Schaffensperioden unterschieden werden. Die erste intensive Malperiode reicht in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg in Lettland, die Nachkriegsjahre bis 1957 und nach elfjähriger Pause (bedingt durch Pflege und Tod ihrer Eltern) eine Altersperiode nach 1968.

1999 schenkte sie der Stadt Zwickau mehr als 20 Werke aus ihrer Schaffensperiode zwischen 1946 und 1997.[8]

Würdigungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1998 wurde sie zur Ehrenbürgerin der Stadt Zwickau ernannt. Sie war seit 1991 Ehrenmitglied des Zwickauer Kunstvereins und zu DDR-Zeiten Mitglied im Verband Bildender Künstler Deutschlands (VBKD).

„Tatjana Lietz war eine starke, einmalige, faszinierende und schillernde Künstler-Persönlichkeit. […] Sie hinterließ bei Menschen, die mit ihr zu tun hatten, nachhaltige Spuren. Schüler erinnern sich lebhaft an die einstige Russisch- und Kunstlehrerin, während andere Lehrer längst vergessen sind. Viele bewunderten ihre baltische Wärme und schätzten ihre mütterliche Liebe. Sie wollte Gerechtigkeitsliebe, Anstand und Würde vermitteln.“

Pfarrer Dr. Edmund Käbisch in „Spuren aus den Akten zur Malerin Tatjana Lietz“[9]

Am 16. März 2001 hielt Pfarrer Edmund Käbisch zur Beerdigung von Tatjana Lietz die Trauerrede.

In der Zwickauer Emilienstraße 12 wurde an ihrem sechsten Todestag eine Gedenktafel angebracht.[10]

Anlässlich ihres 100. Geburtstages erhielt am 9. September 2016 der Weg zwischen Dr.-Friedrichs-Ring und Peter-Breuer-Straße offiziell den Namen Tatjana-Lietz-Weg.[11]

Werke und Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ihr Bild „Flieder“ von 1984[14] befindet sich in der Neuen Sächsischen Galerie – Museum für zeitgenössische Kunst in Chemnitz.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Am 16. März 2001 auf dem Hauptfriedhof in Zwickau: Totenrede von Edmund Käbisch Beerdigung von Tatjana Lietz.
  2. Grabmale Zwickauer Persönlichkeiten, private Webseite; abgerufen am 11. Juni 2018
  3. Jānis Roberts Tillbergs auf der Webseite Latvijas mākslas vēsture (Lettische Kunstgeschichte), in Lettisch; abgerufen am 24. Oktober 2017
  4. Tatjana Lietz, Verbundprojekt Bildatlas Kunst in der DDR
  5. Andres Moritz: Rezension zur Ausstellung, in: Rigasche Rundschau, März 1938; nach Christian Siegel: Die Bilderwelt der Tatjana Lietz; 2002, Chemnitzer Verlag, ISBN 978-3-928678-79-7, S. 19 ff.
  6. DNB 457330392
  7. Christian Siegel: Die Bilderwelt der Tatjana Lietz. S. 13
  8. Nachruf des damaligen Zwickauer Oberbürgermeisters im Zwickauer Amtsblatt (Memento des Originals vom 10. Juni 2015 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.zwickau.de (PDF; 143 kB)
  9. Edmund Käbisch: Spuren aus den Akten zur Malerin Tatjana Lietz. Abgerufen am 27. Januar 2014.
  10. Kalenderblatt - Vor 10 Jahren. In: Freie Presse. 10. März 2017, S. 14.
  11. Rathaus Nachrichten: Einweihung des Tatjana-Lietz-Weges. In: zwickau.de. 9. September 2016, abgerufen am 10. März 2017.
  12. Deutsche Fotothek an der SLUB Dresden: Bilder von Tatjana Lietz
  13. Evangelisch-Lutherische Nicolai-Kirchgemeinde Zwickau (Hrsg.): Gemeindebrief, Heft 6, Jahrgang 2 (2008), S. 25
  14. Tatjana Lietz: Flieder in der Neuen Sächsischen Galerie