Thatcherismus

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Thatcherismus ist die Bezeichnung für die Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik von Margaret Thatcher, der britischen Premierministerin von 1979 bis 1990. Es handelte sich ursprünglich um einen von der marxistischen Linken verwendeten Begriff, der bereits vor Thatchers Regierungsantritt geprägt wurde. Später übernahmen Anhänger von Thatcher den Ausdruck und versahen ihn mit einer positiven Konnotation.[1] Der Thatcherismus war keine geschlossene Theorie, sondern eine Praxis, die man weder mit dem Attribut konservativ noch mit dem Attribut liberal vollständig beschreiben kann.[2]

Im Thatcherismus werden auch traditionelle Werte bzw. im britischen Kontext Viktorianische Werte betont, die in Kontrast zur permissiven Gesellschaft stehen. Mehr als andere wichtige britische Politiker (mit Ausnahme Tony Blairs) zeigte Thatcher auch öffentlich ihren christlichen Glauben und betonte die aus ihrer Sicht zentrale Rolle des Christentums im Nationalen Leben.[3] Der Thatcherismus dient – in den Worten von Nigel Lawson – als politische Plattform für eine starke Betonung des freien Marktes, beschränkte Staatsausgaben und Steuersenkungen, gepaart mit britischem Nationalismus.[4] Nigel Lawsons Definition: „Freie Märkte, Finanzdisziplin, strenge Kontrolle über die öffentlichen Ausgaben, Steuersenkungen, Nationalismus, „Viktorianische Werte“ (im Sinne einer Samuel Smiles-Hilf dir selbst-Variante), Privatisierung und ein Schuss Populismus.“[5]

Begriffsherkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Den Begriff Thatcherismus prägte der marxistische Soziologe Stuart Hall.

Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Soziologen Anthony Giddens, der selbst als Sozialdemokrat und Vordenker der Labour Party gilt,[6] lässt sich der Thatcherismus durch folgende Aspekte charakterisieren:[7]

Parallelen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den USA wurde der Begriff Reaganomics – benannt nach dem US-Präsidenten Ronald Reagan – verwendet, der eine ähnliche Politik verfolgte.

Thatcher und Reagan verband eine persönliche Freundschaft. 2004 hielt Thatcher die Trauerrede auf Reagans Beisetzung; der frühere US-Präsident hatte sie noch zu Lebzeiten darum gebeten.[8]

Ergebnisse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Analyse des Thatcherismus durch Kevin Albertson und Paul Stepney aus dem Jahr 2020 sah wesentliche Ziele der Reformen verfehlt bzw. sich sogar in das Gegenteil verkehrt. Die im Cambridge Journal of Economics veröffentlichte Studie zeigt, dass das Wachstum der Wirtschaft sich eher verlangsamte und das Geld, was durch die Ölförderung in der Nordsee hereinkam hatte sogar negative Auswirkungen (Holländische Krankheit).

  • Verfügbares Einkommen

Die Wirtschaft wuchs von 2,27 % (zum Vergleich 1970–1974 ebenfalls eine konservative Regierung 2,59 %). Nur die unteren Einkommen mussten zwischen 1979 und 1990 einen Verlust von 0,29 % hinnehmen; während die Topeinkommen um 5,27 % stiegen. Das das keine Gesetzt ist zeigte die nachfolgende und ebenfalls konservative Regierung unter John Major (1990–1997), wo die untersten Einkommen um 2,23 % und die Topeinkommen 0,77 % stiegen. Während der Thatcher-Jahre stieg die Verschuldung der Haushalte von 37 % des GDP im Jahr 1979 auf 73 % im Jahr 1990.

  • Arbeitslosigkeit

Bei Beginn der Regierung Thatcher waren die Arbeitslosenquote im May 1979 bei 4,2 % und 1990 bei 6,1 %. Betrachtet man nun die Zahl der Arbeitsplätze, so blieb diese zwischen 1970 und 2016 bemerkenswert konstant. Seit den 1970er wurde fiel aber eine immer größer werdende Menge von Personen aus der Statistik heraus, die seit 2000 etwa konstant bei 2,5 Millionen bleib.

  • Hausbesitz

Ein großes Ziel war es, die Anzahl der Hausbesitzer zu steigern. Dazu wurde das Right to Buy eingeführt, so sollten Mieter ihre Wohnung kaufen können. Das führte kurzfristig tatsächlich zum einem Anstieg der Anzahl der Hausbesitzer. Die Gelder kamen aber im Wesentlichen der Zentralregierung zu gute. Das wiederum führte zum Zusammenbruch des staatlichen Sozialen Wohnungsbaus, da die lokalen Behörden (local authorities) darin nur Nachteile fanden; zudem waren die besten Stücke schnell verkauft, so das den lokalen Verwaltungen nur die Reste blieben. Da die Mieten schneller stiegen als das mittlere Einkommen, verdoppelte sich gleichzeitig der Bedarf an günstigen Wohnungen. Das wieder führt dazu, dass seit 1987 der staatliche Mietzuschuss schneller wächst als die Inflationsrate und immer mehr junge Leute bei ihren Eltern leben, da sie sich die Mieten nicht leisten können.[9]

  • Privatisierung

Obwohl ursprünglich nur zur Überbrückung gedacht, verdiente die Regierung von 1980 bis 1996 ca. 80 Milliarden $US mit der Privatisierung. Die damit erhoffte Effizienzsteigerung und Investitionen fanden aber nicht statt. Die größten Anteilseigner sind ironischerweise staatliche Investmentfonds aus dem Ausland.

  • Steuerreformen

Ein wesentliches Ziel der Regierung war es die Steuern zu senken und so Kapital für Investitionen frei zu machen, die der Staat nicht mehr machen kann. Am Beginn der Ära 1979 hatte die Steuern einen Anteil von 30,4 % am GDP; im Jahr 1990 nach den Reformen war Anteil auf 30,9 % gestiegen. Gleichzeitig stiegen die Ausgaben des Staates zwischen 1979 und 1990 um 7,7 %. Die Gewinne aus dem Nordseeöl und der Privatisierung reichten gerade, um die zusätzliche Staatsverschuldung zu bremsen. Gleichzeitig stieg die Verschuldung der unteren Einkommen aber stark an, was zu einem weiteren Aufklappen der sozialen Schere führte.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dominik Geppert: Thatchers konservative Revolution – Der Richtungswandel der britischen Tories (1975–1979). Oldenbourg, München 2002, S. 10 f.
  2. Dominik Geppert: Thatchers konservative Revolution – Der Richtungswandel der britischen Tories (1975–1979). Oldenbourg, 2002, München S. 424.
  3. John Campbell: Margaret Thatcher. Volume Two: The Iron Lady. Vintage Books, London 2008, S. 388 f.
  4. Nigel Lawson: The View From No. 11: Memoirs of a Tory Radical. Bantam Books, London 1992, S. 64.
  5. Claire Berlinski: There is no Alternative: Why Margaret Thatcher Matters. Basics Books, New York 2008, S. 115.
  6. Anthony Giddens – das Sprachrohr der Mitte. WAZ, 10. Juni 2009
  7. Anthony Giddens: Der dritte Weg. Die Erneuerung der sozialen Demokratie. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1999, S. 18.
  8. 30 Jahre Thatcherismus: Wie Maggie an die Macht kam. Spiegel Online, Fotostrecke.
  9. In London erreichte der m^2-Preis 2011 60,000 € Vgl.: Manager-Magazin Hauspreise in London - Wo der Quadratmeter 60.000 Euro kostet