Till Eulenspiegels lustige Streiche

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Till Eulenspiegels lustige Streiche op. 28 TrV 171 ist eine Tondichtung für großes Orchester von Richard Strauss.

Strauss arbeitete von Ende 1893 bis Frühjahr 1894 an einem Libretto für eine projektierte Oper mit dem Titel Till Eulenspiegel bei den Schildbürgern; vermutlich skizzierte er auch schon einige musikalische Motive[1]. Doch brach er aus unbekannten Gründen die Arbeit ab und komponierte stattdessen im Frühjahr 1895 die Tondichtung Till Eulenspiegels lustige Streiche; nach alter Schelmenweise in Rondeauform; für großes Orchester gesetzt. Die Reinschrift beendete er am 6. Mai 1895 in München. Das Stück ist Arthur Seidl gewidmet, einem Publizisten und Nietzscheaner, mit dem Strauss seit einigen Jahren befreundet war.

Uraufgeführt wurde das Stück am 5. November 1895 im Rahmen des zweiten Abonnementkonzerts der Kölner Konzertgesellschaft im Gürzenich zu Köln mit dem Städtischen Gürzenich-Orchester unter Leitung von Franz Wüllner.

Das Stück beginnt mit einem Prolog, als würde ein Erzähler „Es war einmal“ vorlesen. Später werden zwei verschiedene Motive vorgestellt, die Till repräsentieren und im Verlauf des Werks variiert werden. Die Rondoform, die der Untertitel suggeriert, erweist sich als sehr frei gestaltet; das Werk enthält ebenso Elemente einer Sonatenform wie einer Variation, und mit seinem raschen 6-8-Takt erinnert das Stück an ein symphonisches Scherzo. Bemerkenswert sind vor allem zahlreiche parodistische und tonmalerische Effekte.

Hauptthemen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Motiv 1

Dieses Thema wird das erste Mal unmittelbar nach dem Prolog im raschen Tempo vom Horn gespielt und repräsentiert den symphonischen Helden Till Eulenspiegel. Wegen des über drei Achtel gehaltenen gis' beginnt das Thema mit seinem teils chromatisch gefüllten Aufgang bei jeder Wiederholung (es wird zweimal wiederholt) eine Achtel später: eine metrische Störung, die zugleich für den chaotischen Charakter des Helden steht, der überlieferte Regeln verachtet.

Motiv 2

Das zweite Thema, das ebenfalls Till Eulenspiegel repräsentiert, erscheint als „ruhige“ Streicher-Version bereits im Prolog. Seinen schelmenhaften Charakter (Beginn auf unbetonter Zählzeit, starke rhythmische Kontraste) erhält es allerdings erst, wenn es von der D-Klarinette vorgetragen wird. Der Akkord, in den das Motiv mündet (unter dem lang gehaltenen gis'), kann zugleich als Parodie des Tristanakkords von Richard Wagner verstanden werden.[2]

Programmatische Stichworte[3][Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Es war einmal ...
  2. Entrata:
  3. O dieser Duckmäuser
  4. hop! Zu Pferde mitten durch die Marktweiber!
  5. und richtet einen furchtbaren Wirrwarr an
  6. o, wie er auskneift mit Siebgenmeilenstiefel!
  7. fort ist er!
  8. In einem Mauselos versteckt!
  9. Als Pastor verkleidet trieft er von Salbung u. Moral!
  10. doch aus der großen Zehe guckt der Schelm hervor.
  11. aber ob des Spottes mit der heiligen Religion erfasst ihn ein heimliches Grauen, daß die Sache noch einmal schlimm [endet]
  12. Als Cavalier! zarte Höflichkeiten mit schönen Mädchen tauschend
  13. doch halt! Eine hat's ihm wirklich angetan!
  14. Er wirbt!
  15. oho, so schnell geht's nicht! ein feiner Korb ist auch ein Korb
  16. fährt er ab
  17. an dem ganzen Menschengeschlecht schwört er Rache zu nehmen!
  18. u. es kamen die Philister an!
  19. halt! denen wollen wir einmal einige Nüsse zu knacken geben!
  20. u. ihnen auf den Köpfen herum [tanzen]
  21. nachdem er den Herrn Philistern einige ungeheuerliche Thesen aufgestellt, überläßt er sie ihrem Schicksale!
  22. u. siehe da, sie fingen in 5 Sprachen zu reden an u. keiner verstand den andern
  23. eine große Grimasse von weitem!

Diese Stichworte hat Strauss in seine eigene gedruckte Partitur geschrieben. Zwar hielt er ihre Veröffentlichung zunächst für nicht opportun und antwortete auf die Anfrage des Dirigenten Franz Wüllner zum Programm abwehrend: „Es ist mir unmöglich, ein Programm zum Eulenspiegel zu geben: In Worte gekleidet, was ich mir bei den einzelnen Teilen gedacht habe, würde sich verflucht komisch ausnehmen und vielen Anstoß erregen. Wollen wir diesmal die Leutchen selber die Nüsse aufknacken lassen, die der Schalk ihnen verabreicht?“ Doch gab er Wüllner einige Stichworte zum Inhalt, die dieser ins Programmheft der Uraufführung setzte, und später erschienen ausführlichere und von Strauss autorisierte programmatische Analysen des Werkes, zunächst von Wilhelm Klatte, dann von Wilhelm Mauke.[4]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Mathias Hansen (Hrsg.): Richard Strauss. Die Sinfonischen Dichtungen (Taschenbuch) Bärenreiter 2003, ISBN 978-3761814680

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Willi Schuh: Richard Strauss. Jugend und frühe Meisterjahre. Atlantis, Zürich 1976, ISBN 3-7611-0490-1, S. 332.
  2. Bernd Edelmann: Strauss und Wagner. In: Walter Werbeck (Hrsg.): Richard Strauss Handbuch. Metzler, Stuttgart 2014, S. 74–76.
  3. Walter Werbeck: Die Tondichtungen von Richard Strauss. Schneider, Tutzing 1996, S. 540–541.
  4. Walter Werbeck: Die Tondichtungen von Richard Strauss. S. 245–251.