Urban Mining

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Aufbereitungsanlage für mineralische Abfälle

Urban Mining (englisch für Bergbau im städtischen Bereich) bzw. Stadtschürfung bezeichnet die Tatsache, dass eine dicht besiedelte Stadt als riesige „Rohstoffmine“ anzusehen ist.[1] Dabei umfasst Urban Mining die Identifizierung anthropogener Lagerstätten, die Quantifizierung der darin enthaltenen Sekundärrohstoffe, Wirtschaftlichkeitsberechnungen vor dem Hintergrund der zu Verfügung stehenden technischen Rückgewinnungsvarianten und den derzeitig erzielbaren und zukünftig prognostizierten Erlösen, die wirtschaftliche Aufbereitung und Wiedergewinnung der identifizierten Wertstoffe sowie die integrale Bewirtschaftung anthropogener Lagerstätten.[2] Hierbei wird der Mensch nicht nur als Verbraucher, sondern auch als Produzent wertvoller Ressourcen betrachtet.[3]

Einiges aus dieser Mine wird schon lange gefördert. Schrott verarbeitet die Industrie seit Jahrzehnten immer wieder zu neuem Metall. Auch aus Bauschutt entsteht erneut Material für andere Bauzwecke. Seit Jahren recycelt man in Deutschland Glas, Papier und Kunststoff.

Differenzierung urbaner Minen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Je nach Verwendungszeitraum lassen sich die verschiedenen Lager in lang- und kurzfristige urbane Minen unterscheiden.

Das relevante Unterscheidungsmerkmal bei der Betrachtung urbaner Minen ist – im Sinne einer Lebenszyklusbetrachtung – der Zeitraum der Freisetzung der Ressourcen, d. h. der Zeitraum wie lange die in Konsum- und Produktionsgütern verwendeten Rohstoffe zeitlich gebunden sind (Resource Conversion Cycle).

Jede der vier Lagerstätten der „Urbanen Mine“ – Produktion, Konsum, Entsorgung und Aufbereitung – hat dabei einen Einfluss auf die integrale Rohstoffbewirtschaftung im Sinne des „Urban Minings“ sowie die Freisetzung der Ressourcen: Angefangen bei einem der Produktion vorausgehenden recyclingfreundlichen Produktdesign (beispielsweise cradle to cradle), über die Schaffung neuer Konsumstrategien (wie beispielsweise dem Leasing) um Rohstoffe direkt zu sichern, der Schaffung effizienter industrieller Rücknahme- (beispielsweise REWINDO) und haushaltsnaher Entsorgungssysteme (beispielsweise Abfalltrennung, Rücknahmesysteme) bis hin zur Entwicklung effizienter Aufbereitungsstrategien, mit denen eine qualitativ und quantitativ hochwertige Rohstoffrückgewinnung sichergestellt werden kann. Je nach Bindungszeitraum der Ressourcen lassen sich die verschiedenen Minen in lang- und kurzfristige „urbane Minen“ einteilen.

Deutliche Unterschiede ergeben sich für die verschiedenen Minen darüber hinaus noch im Grad der Wertstoffdichte, dem erforderlichen Aufwand zur Aufbereitung für die Nutzung der Sekundärrohstoffe (werkstofflich, rohstofflich, energetisch), dem Grad der Wertminderung durch die vorangegangene Konsumtion sowie die jeweils erzielbaren Erlöse.[2]

Nutzen von Urban Mining[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Urban Mining verringert die Abhängigkeit von steigenden Rohstoffpreisen und von Importen. Entsorgungsunternehmen ersparen der deutschen Volkswirtschaft durch das Recycling schon heute einige Milliarden Euro. Im Fall von Kupfer werden Schätzungen zufolge derzeit ca. 300 Millionen Tonnen genutzt. Die Reserven an Kupfer betragen ca. 490 Millionen Tonnen. Somit sind jene Bestände, die in Infrastruktur, Bauwerken und mittellanglebigen Produkten enthalten sind, den natürlichen Reserven massenmäßig ebenbürtig. Helmut Rechberger von der TU Wien geht davon aus, dass dieses Verhältnis bei einer Vielzahl anderer Rohstoffen ähnlich ist.[4]

Urban Mining mindert die Umweltbelastungen. Das Recycling unterschiedlicher Abfälle sparte seit 1990 über 50 Millionen Tonnen Kohlendioxid ein, rund ein Viertel dessen, was ganz Deutschland insgesamt seither an Treibhausgasen eingespart hat. Der intelligente Umgang mit Rohstoffen ermöglicht auch Menschen in weniger entwickelten Regionen der Welt, den Lebensstandard nachhaltig zu verbessern.

Weltweit wohnen erstmals in der Geschichte mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Aller Voraussicht nach werden in 25 Jahren sogar zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben. Besonders, wo die Einkommensunterschiede zwischen Stadt und Land hoch sind, wachsen die Städte rasant. Dies gilt vor allem für Entwicklungs- und Schwellenländer. Insbesondere in den Bereichen Luft-, Wasser- und Bodenreinhaltung sind hohe Investitionen zu erwarten. Den Investitionsbedarf in die Infrastruktur der weltweiten Ballungszentren beziffern Experten bis 2030 auf geschätzte 40 Billionen Dollar.

Die Wertschöpfungskette beim Urban Mining


Fachkongress Urban Mining[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der erste Fachkongress Urban Mining fand erstmals am 25. März 2010 im Standort Iserlohn statt. Er war als branchenübergreifender Kongress mit internationaler Ausrichtung und renommierten Referenten geplant. 85 Vertreter aus Wirtschaft, Verbänden und Hochschulen hatten sich im Kongresszentrum der SASE versammelt, um sich wichtigen Zukunftsthemen zu widmen. Der Nachhaltigkeitsgesichtspunkt (Ökologie, Soziales, Ökonomie) stand im Fokus der Veranstaltung.

Inzwischen hat der Kongress im November 2015 zum 6. Mal stattgefunden und soll weiterhin jährlich stattfinden. Im Juni 2014 fand der Fachkongress erstmals in der Messe Essen zusammen mit der begleitenden Urban Mining Expo statt.[5] Zudem wird seit 2011 auf dem Kongress der Urban Mining Award verliehen.

Urban Mining Award[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grafik des ersten URBAN MINING Awards, verliehen an Klaus Töpfer.

Der Urban Mining Award ist eine seit 2011 vergebene Auszeichnung für die Kreislauf- und Umweltwirtschaft. Der Award wird seither jährlich im Rahmen des Fachkongresses Urban Mining vom Urban Mining e.V. vergeben. Er zeichnet nach eigener Aussage besondere Verdienste und Leistungen für die Förderung und Umsetzung einer konsequenten Kreislaufwirtschaft aus. Darüber hinaus fördert der Urban Mining Award nachhaltige Ideen, Konzepte und Strategien für die Kreislauf- und Umweltwirtschaft. Bekannte Preisträger waren bisher unter anderem Klaus Töpfer (2011), Udo E. Simonis (2012), Ranga Yogeshwar (2012), Peter Baccini und Paul H. Brunner (2013), Martin Jänicke (2013), Martin Faulstich (2014), Eric Mayer (2014) und Michael Braungart (2015).[6][7][8][9]

Urban Mining e.V.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Urban Mining e.V. ist ein im März 2011 gegründeter, gemeinnütziger Verein mit Sitz in Essen. Der Verein ist unter anderem Ausrichter des jährlich stattfindenden Fachkongresses Urban Mining und des, im Rahmen dieser Veranstaltung, verliehenen Urban Mining Awards. Der Urban Mining e.V. fördert nach eigener Aussage nachhaltige Ideen, Konzepte und Strategien für die Kreislauf- und Umweltwirtschaft, die insbesondere dem Aspekt der Rohstoffrückgewinnung Rechnung tragen und den bewussten Umgang mit den natürlichen Ressourcen der Erde berücksichtigen. Weitere Ziele des Vereins sind die Schaffung von Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten im Hochschulbereich.[10]

Der Urban Mining e.V. wurde 2013 von der Initiative Deutschland – Land der Ideen mit dem Preis „Ausgezeichneter Ort im Land der Ideen“ geehrt.[11]

Urban Mining Valley[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Projekt Urban Mining Valley - damit ist das Ruhrgebiet gemeint - hat zum Ziel, Innovationen, Geschäftsgründungen und Entwicklung von Geschäftsmodellen rund um das Thema Urban Mining zu fördern. Das Projekt ist von einem Mitgründer und Vorstand des Urban Mining Vereins 2014 ins Leben gerufen worden. Die Assoziation zum Silicon Valley ist gewollt. Wie die Computer-Technologie in dem sogenannten 5. Kondratjew-Zyklus der Innovationstreiber war, so sollen dies im 6. Kondratjew-Zyklus Innovationen im Rohstoff- und Umweltbereich sein. Weiteres Ziel des Projektes ist, durch Crowdsourcing und Open Innovation eine breite Zahl von Ideengebern, Innovatoren und Investoren zu gewinnen.[12]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Urban Mining – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Urbane Lagerstätten erschließen orf.at, abgerufen am 9. Mai 2011
  2. a b Flamme, S., Krämer, P., Walter, G.: Über die Kreislaufwirtschaft zum URBAN MINING – von der Produktverantwortung zu einer integralen Rohstoffbewirtschaftung. In: 12. Münsteraner Abfallwirtschaftstage, hrsg. von S. Flamme, B. Gallenkemper, K. Gellenbeck, S. Rotter, M. Kranert, M. Nelles, Münster 2011, ISBN 978-3-9811142-2-5, S. 141–148.
  3. http://www.urban-mining.com/index.php?id=22
  4. Rechberger, H.: Urban Mining ist mehr; MüllMagazin 2/2009; S.2 (Rubrik: Auf ein Wort), Rhombos-Verlag, ISSN 0934-3482. (Online)
  5. http://www.urban-mining-expo.de/zukunftsthema/
  6. Homepage des Awards
  7. http://www.um-technologies.com/?p=279
  8. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen, (SRU), abgerufen am 18. Juni 2014.
  9. Über Michael Braungart
  10. Homepage des Urban-Mining-Vereins
  11. Der Urban Mining e.V., In: Deutschland – Land der Ideen.
  12. Homepage der Urban Mining Technologies aus Dortmund