V1-Stellung

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Die V1-Stellung, d. h. Verb-Erst-Stellung, bezeichnet in der Linguistik (v. a. der germanistischen Linguistik) ein Wortstellungsmuster, das im Deutschen z. B. bei selbständigen Ja/Nein-Fragen auftaucht, ferner bei eingebetteten Bedingungssätzen, und anderen Satztypen. Traditionell wird dieses Muster auch als Stirnsatz bezeichnet. Abgesehen von seinen besonderen Funktionen für den Satzmodus, kann der Verb-Erst-Satz im Rahmen desselben Modells behandelt werden wie der Verb-Zweit-Satz. Die V1-Stellung im Deutschen ergibt sich ebenfalls daraus, dass das Verb in der Position der linken Satzklammer steht, es wird dann lediglich nicht auch noch das Vorfeld besetzt.

Der vorliegende Artikel beschäftigt sich vorwiegend mit der Funktion der V1-Sätze in der deutschen Grammatik. Für Einzelheiten zum grammatischen Bau siehe die Artikel V2-Stellung sowie Inversion (Sprache).

V1-Stellung in selbständigen Sätzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Frage- und Ausrufesätze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Verb-Erst-Stellung wird im Deutschen überwiegend zur Kennzeichnung eines Satzmodus genutzt, ist allerdings hierfür nie eindeutig. Zum einen können so Fragesätze ausgedrückt werden, bei denen vom Hörer eine ja/nein-Antwort gefordert wird:

Gibt es hier auch frische Milch?
vgl.: Ob es hier wohl auch frische Milch gibt?

Falls der Sprecher nur eine Frage erwägt ohne eine Antwort vom Hörer zu fordern, werden keine Verb-Erst-Sätze, sondern, wie oben gezeigt, selbständige Äußerungen von Nebensätzen mit der Konjunktion ob benutzt.

Zum anderen kommen Ausrufe in verschiedenen Funktionen als V1-Sätze vor, vor allem Aufforderungen (Imperative), Wünsche (Optativ) und Ausrufe der Verwunderung.[1]

Lass mich in Ruhe!    (Aufforderung)
Hätte ich doch bloß nichts gesagt!   (Wunsch, Irrealis)
Möge die Macht mit dir sein!   (Wunsch)
Hat der aber große Ohren!    (Verwunderung)

Aussagesätze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verb-Erst-Sätze können vor allem in der gesprochenen Sprache als selbständige Aussagesätze dienen, wenn bestimmte narrative Effekte erzielt werden sollen (z. B. lebendige Aufzählung oder Kontrast; kennzeichnend sind sie auch für die Textsorte „Witz“). V1-Sätze sind in solchen Fällen keine festgefügten Wendungen, sondern produktiv.[2] (Der erste Beispielsatz enthält zusätzlich nach dem „und“ noch einen Sonderfall, der unten im Abschnitt über Koordinationsellipse angesprochen wird).

Kommt ein Pferd in die Kneipe und bestellt ein Bier. (…). 
(…) Tja, was soll ich machen? Pack ich also meine Sachen wieder zusammen und will schon zur Tür gehen, da …
Läuft mir doch da ein Fußgänger geradewegs vors Auto!

Hiervon zu unterscheiden sind allerdings Sätze, bei denen eine Einheit aus dem Kontext wieder aufgenommen wird, ohne dass ein Pronomen gesetzt wird; hier erscheinen oft V1-Sätze, bei denen es unmöglich wäre, das fehlende Pronomen im Satzinneren zuzusetzen:

(Wir sollten Peter anrufen)…  
Hab ich mir auch schon gedacht.
*nicht:  Hab ich mir das auch schon gedacht.
nur:  Das hab ich mir auch schon gedacht.

Diese Art von Verb-Erst-Wortfolge kann besser als ein Verb-Zweit-Satz aufgefasst werden, bei dem ein unausgesprochenes Pronomen das Vorfeld besetzt.

V1-Stellung in Nebensätzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verb-Erst-Sätze erscheinen als Nebensätze mit der Bedeutung spezieller Satztypen (kausal, konditional, konzessiv, o. ä.), wobei diese Interpretationen manchmal durch entsprechende Modalpartikeln gestützt werden müssen. Es gilt in der Forschung teilweise als ungeklärt, wie weit diese Nebensätze in den Gesamtsatz integriert sind.[3]

Bedingungssätze (Konditionale): (Alternative: Konjunktion wenn)
 Hätte ich mehr Zeit gehabt, hätte ich einen längeren Brief geschrieben.
 
Konzessivssätze: (Alternative: wenn…auch)
 War der Auftritt auch etwas misslungen, so hatte er immerhin Aufmerksamkeit erregt.
 
Kausalsätze: (Alternative: wo…doch)
 Er gab die Hoffnung auf, hatte er doch seit einer Woche keine Nachricht erhalten.

Ferner gibt es Verb-Erst-Parenthesen, die alternativ auch als V2-Satz mit dem Pronomen so im Vorfeld konstruiert werden können:

Das Zitat stammt – (so) vermute ich – von Pascal.

Im Schweizerdeutschen existieren Konstruktionen, bei denen ein V1-Satz als Nebensatz vorkommt und dabei in seiner Bedeutung einem standarddeutschen dass-Satz entspricht.[4]

Es freut mich, kommst du rechtzeitig nach Hause
(Schweizerdeutsch = „Es freut mich, dass du rechtzeitig nach Hause kommst“)[5]

Der Sonderfall Koordinationsellipse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Koordinationsellipse[6] ist die Verberststellung für den zweiten, mit „und“ angeschlossenen Satz typisch.

Karl kommt heute und besucht seinen Freund.

Das gilt auch dann, wenn es sich bei der Koordinationsellipse um eine Subjektbinnenellipse handelt.

Heute kommt Karl und besucht seinen Freund.

Die Analyse dieser letzteren Konstruktion ist in der Fachliteratur umstritten, so dass nicht eindeutig zu sagen ist, ob der Verberst-Teil ein Nebensatz oder ein gleichgeordneter Hauptsatz ist.

Sprachvergleichende Aspekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ebenso wie die V2-Stellung sind V1-Sätze zumindest in manchen der oben dargestellten Funktionen auch in anderen germanischen Sprachen anzutreffen. Beispielsweise hat das Schwedische ebenso wie das Deutsche V1-Sätze für ja/nein-Fragen, Imperative, Wunschsätze und auch V1-Bedingungssätze:[7]

Måtte det gå dig väl!
Möge  es gehen dir gut 
„Möge es dir gut gehen!“
Kommer du imorgon, kan du träffa henne
Kommst du morgen, kannst du treffen sie
„Kommst du morgen (=Wenn du morgen kommst), kannst du sie treffen“

Auch im Englischen existieren V1-Bedingungssätze, obwohl die Voranstellung von Verben im Englischen ansonsten eingeschränkter ist als in den anderen germanischen Sprachen:

 Had I known this before going out, I wouldn’t have worn sandals!
„Hätte ich das gewusst bevor ich rausgehe, hätte ich keine Sandalen angezogen.“

Die Frage nach Gemeinsamkeiten zwischen germanischen V1-Sätzen und dem Wortstellungsmuster VSO in den VSO-Sprachen, die die Wortstellungstypologie beschreibt, scheint nicht einheitlich beantwortbar. Zwar gilt auch das VSO-Muster als eine abgeleitete Wortstellung, die durch Voranstellung des Verbs zustande kommt, jedoch unterscheiden sich Sprachen anscheinend darin, wie weit das Verb vorangestellt wird und wie die Ableitungsregeln genau aussehen.[8]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Altmann: Zur Problematik der Konstitution der Satzmodi als Formtypen. In: Jörg Meibauer (Hrsg.): Satzmodus zwischen Grammatik und Pragmatik. Niemeyer, Tübingen 1987 (PDF-Datei).
  • Andrew Carnie, Eithne Guilfoyle (eds.): The Syntax of Verb Initial Languages. Oxford University Press, 2000.
  • Philipp Holmes, Ian Hinchliffe: Swedish. A Comprehensive Grammar. Routledge, London 2003.
  • Marga Reis, Angelika Wöllstein: Zur Grammatik (vor allem) konditionaler V1-Gefüge im Deutschen. In: Zeitschrift für Sprachwissenschaft 29 (2010), S. 111–179.
  • Wolfgang Sternefeld: Syntax. Eine morphologisch motivierte generative Beschreibung des Deutschen. Stauffenburg, Tübingen 2006.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. vgl. Altmann, 1987, S. 25
  2. Reis & Wöllstein, 2010, S. 152
  3. Siehe z. B. Reis & Wöllstein, 2010
  4. Sternefeld, 2006, S. 320
  5. explizit so für diesen Satz Sternefeld, 2006, S. 438, Anm. 18
  6. Sprachratgeber
  7. Beispiele aus Holmes & Hinchliffe, S. 506, 541
  8. Siehe z. B. Carnie & Guilfoyle (eds.)