Valentinianismus

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Der Valentinianismus bezeichnet die von den Schülern des Gnostikers Valentinus vertretene gnostisch-christliche Lehre und war eine der am weitesten verbreiteten Bewegungen des Gnostizismus.

Schüler des Valentinus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Irenäus von Lyon (um 135–202) folgend wurden in der Antike vor allem Herakleon und Ptolemäus als unmittelbare Schüler Valentinus’ verstanden. Der von ihnen weiterentwickelte Valentinianismus existierte in einer westlichen (Ptolemäus, Herakleon) und östlichen (Theodot) Form. Hippolytus erwähnt einen Axionicos und einen Ardesianes (nach Schaff vermutlich identisch mit Bardesanes) für die östliche Form.

In der neueren Forschung treten die Schüler mit ihrer eigenen theologischen Qualität stärker in den Vordergrund,[1] sodass man von einer eigentlichen „Schule“ nicht mehr sprechen kann. Einige Grundelemente der Theologie Valentinus' und des Valentinianismus wurden auch von Origenes aufgenommen und weiter entwickelt.[2]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Ambrosius von Mailand störten im Jahr 388 Valentinianer bei Kallinikos (Syrien) eine Prozession von Mönchen, worauf die Mönche den Tempel der Valentinianer in einem Dorf niederbrannten. Kaiser Theodosius I. ordnete die Bestrafung der Mönche an, Ambrosius trat für sie ein.[3] Die letzte Erwähnung von Valentinianern ist 692 im Kanon 95 des zweiten Konzils von Trullo.[4]

„Letzte Zeugnisse, die für die Existenz von Valentinianern in Anspruch genommen werden können, stammen aus dem 7. Jh. […], aber nach der Mitte des 5. Jh. scheinen sie keine wirkliche Größe mehr dargestellt zu haben.“[5]

Lehre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Valentinianismus ist eine synkretistische religiöse Bewegung und stark christlich geprägt. Er bildet nach Hans Jonas den intellektuellen Höhepunkt des syrisch-ägyptischen Typus des Gnostizismus. Das System ist nach Jonas geistig hochdifferenziert und in sich schlüssig. Die Valentinianer betrachteten sich demzufolge mit einem stolzen Empfinden auch als besonders Erwählte, sozusagen als Elite des Gnostizismus. Da ein guter Schöpfergott angenommen wird, stellt sich Valentinos die Frage nach der Herkunft des Elends in der Welt. Die Antwort wird in einer mythischen Erzählung – dem sog. Sophia-Mythos – gegeben. Sophia - die "Hure Weisheit" - verkörpert dabei den Fall des Göttlichen und der Erkenntnis ins Materielle und Unwissenheit (s.u.). Hieraus ergibt sich ein dualistisches Weltbild, eines der Kennzeichen gnostischer Systeme: Die Welt, die Finsternis, das Materielle steht einer geistigen Welt, dem Licht gegenüber.

Der Ursprung der Finsternis und des schlechten Materiellen wird dabei in der Gottheit selbst angesiedelt. Das ist das valentinianische Spezifikum. Finsternis und Stofflichkeit sind Folge des Irrtums und Scheiterns des Göttlichen, als des absolut Geistlichen. Es gab also einen Sündenfall des Göttlichen selbst vor der Schöpfung, durch den die materielle Welt entstand. Die materielle Welt ist Tiefststand und Endprodukt eines Prozesses des Scheiterns des Göttlichen. Die materielle Welt ist die verdunkelte und selbstentfremdete Form des Göttlichen. Unwissenheit ist dabei das der materiellen Welt zugrundeliegenden Prinzip. Der verdunkelte Modus ihres Gegenteils, der Erkenntnis. Erkenntnis ist der ursprüngliche Zustand des Göttlichen, während Unwissenheit eine Störung ist, die einen Teile des Göttlichen befällt und sich letztlich in Materie niederschlägt. Das Materielle als Verstofflichung der Unwissenheit ist ein Verlust des Absoluten. Dieser Zustand ist aber durch Erkenntnis wieder umkehrbar. Jede individuelle Erleuchtung durch Erkenntnis trägt zur Wiederherstellung der in Mitleidenschaft gezogenen Gottheit bei. Jeder private Akt der Erkenntnis bewegt also das Göttliche, als objektiven Grund des Seins. Irenäus zitiert die Valentinianer: "Die vollkommene Erlösung ist eben die Erkenntnis der unsagbaren "Größe". Während nämlich durch Unwissenheit Mangel und Leiden entsteht, wird durch Erkenntnis der Ganze Zustand, den die Unwissenheit verursachte aufgelöst. ... Uns genügt also die Erkenntnis des universalen Seins: das soll die wahre Erlösung sein." (Irenäus, Ad. Haer. I. 21,4). Das ist die von Jonas als "großartg" bezeichnete "pneumatische Gleichung des valentinianischen Denkens": die menschlich-individuelle Erkenntnis stellt das umgekehrte Äquivalent vor-kosmischen universalen Geschehens der göttlichen Unwissenheit dar und nimmt, was seine erlösende Wirkung betrifft, denselben ontologischen Rang ein. Die Erkenntnis des einzelnen Menschen ist zugleich ein Akt innerhalb des Göttlichen. Dennoch bedarf es Jesus als Erlösergestalt, der überhaupt erst die Erkenntnis (Gnosis) bringt, dass der Vater nicht erkennbar ist: "Denn an was könnte das All Mangel haben außer an dem Wissen um den Vater?" (EV 19,15 f.).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Jonas: Gnosis: Die Botschaft des fremden Gottes, Verlag der Weltreligionen, Taschenbuch, 2008, ISBN 978-3458720089
  • Philip Schaff: § 126. The School of Valentinus. Heracleon, Ptolemy, Marcos, Bardesanes, Harmonius in History of the Christian Church
  • Philip Schaff: Valentinus and his School in New Schaff-Herzog Encyclopedia of Religious Knowledge
  • Christoph Markschies: Valentin/Valentinianer. In: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 34, de Gruyter, Berlin 2003, S. 495–500 Google-Booksearch
  • Christoph Markschies: Valentinus Gnosticus? Untersuchungen zur valentinianischen Gnosis, mit einem Kommentar zu den Fragmenten Valentins. Mohr, Tübingen 1992, ISBN 3-16-145993-8
  • Christoph Markschies: Die valentinianische Gnosis und Marcion - einige neue Perspektiven. In: Gerhard May, Katharina Greschat, Martin Meiser (Hrsg.): Marcion und seine kirchengeschichtliche Wirkung: Vorträge der Internationalen Fachkonferenz zu Marcion, gehalten vom 15. - 18. August 2001 in Mainz = Marcion and his impact of church history. De Gruyter, Berlin 2002, ISBN 3-11-017599-1, S. 159–175 Google-Booksearch
  • Einar Thomassen: The Spiritual Seed. The Church of the "Valentinians" (= Nag Hammadi and Manichaean Studies Bd. 60). Brill, Leiden 2006, ISBN 90-04-14802-7
  • Niclas Förster: Marcus Magus: Kult, Lehre und Gemeindeleben einer valentinianischen Gnostikergruppe. Sammlung der Quellen und Kommentar. Mohr Siebeck, Tübingen 1999, ISBN 3-16-147053-2
  • Everett Procter: Christian Controversy in Alexandria. Clement's Polemic against the Basilideans and Valentinians (= American University Studies 7/172). Lang, New York u.a. 1995, ISBN 0-8204-2378-5
  • Holger Strutwolf: Gnosis als System. Zur Rezeption der valentinianischen Gnosis bei Origenes (= Forschungen zur Kirchen- und Dogmengeschichte 56). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993, ISBN 3-525-55164-9
  • Philip L. Tite: Valentinian Ethics and Paraenetic Discourse. Determining the Social Function of Moral Exhortation in Valentinian Christianity. Brill, Leiden 2009, ISBN 978-90-04-17507-5
  • Klaus-Gunther WesselingValentinos (Valentin, Valentinian, Valentinus, Valentius). In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 12, Bautz, Herzberg 1997, ISBN 3-88309-068-9, Sp. 1067–1084.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Markschies, in: TRE 34, S. 495
  2. Vgl. Klaus-Gunther Wesseling: "Valentinos". In: BBKL XII (1997), spp. 1067-1084
  3. Ambrosius: Epistel XL. (englisch)
  4. Kanon 95 des zweiten Konzils von Trullo
  5. Markschies, in: TRE 34, S. 498