Varlık Vergisi

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Versteigerung im Rahmen der Varlık Vergisi

Als Varlık Vergisi wurde in der Türkei eine Vermögensteuer bezeichnet, welche von der Regierung Şükrü Saracoğlus zwischen den Jahren 1942[1] und 1944[2] erhoben wurde. Diese Steuer diente offiziell zur eventuellen Kriegsfinanzierung bei möglicher Involvierung in den Zweiten Weltkrieg; ein Jahr zuvor hatte die Türkei den Deutsch-türkischen Freundschaftsvertrag mit dem nationalsozialistischen Deutschland geschlossen.

Die Steuer zielte auf die Türkisierung der Wirtschaft und die Beendigung der wirtschaftlichen Vormachtstellung der religiösen Minderheiten der türkischen Juden, Griechen und Armenier;[3] denn sie traf vor allem wohlhabende Vertreter dieser Minderheiten.[4]

Konnten die Steuerpflichtigen der Zahlung binnen 30 Tagen[5] nicht nachkommen, so wurden sie in ein Arbeitslager nach Aşkale in der Provinz Erzurum geschickt.[6] Am 8. August 1943 wurden ca. 900 der Internierten nach Sivrihisar verlegt.[7]

Kategorisierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gesetz wurde im Sinne des Laizismus verfasst. In der Praxis jedoch wurde die Bevölkerung nach ihrer Herkunft und hauptsächlich nach der Religionszugehörigkeit kategorisiert und erhielt einen Buchstaben zugewiesen. Diese lauteten folgendermaßen:

  • M“ für Muslim
  • G“ für gayrimüslim, also Nicht-Muslim
  • D“ für Dönme
  • E“ für ecnebi, also Ausländer

Je nach zugewiesener Gruppe war die Höhe der zu zahlenden Steuer unterschiedlich.[8]

Bevölkerungsgruppe Höhe der zu zahlenden Steuer[9][10][11]
Armenier 232 %
Juden 179 %
Griechen 156 %
Muslime 4,94 %

Abschaffung und Statistiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Varlık Vergisi wurde am 15. März 1944 per Gesetz[2] abgeschafft. Die Zahl der Steuerpflichtigen betrug zu dieser Zeit 114 368. Insgesamt wurden Steuern in Höhe von 465.384.820 Lira erhoben. 40.478.399 Lira wurden auf Grund von Steuerbefreiungen[12] und 109.985.481 Lira durch die Abschaffung der Varlık Vergisi nicht mehr eingenommen. Somit wurden bis zum Februar 1944 insgesamt 314.920.940 Lira eingenommen.[13] Dies entspricht einem heutigen Geldwert von etwa 3 Mrd. US-Dollar. Das offizielle Bruttosozialprodukt der Türkei betrug 1944: 7 586 000 000 Lira, der Haushalt des Landes 1940: 550 209 438 Lira.[14]

In Istanbul waren 62 575 Personen steuerpflichtig. Dabei machte die Gruppe der Istanbuler Muslime mit 4 195 Steuerpflichtigen 7 %, die Gruppe der Istanbuler Nicht-Muslime mit 54 377 Personen 87 % aus.[15]

Auswirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese Steuer wirkte sich desaströs für alle vermögenden Bürger der Türkei aus. Insbesondere waren aber die Minderheiten der Türkei stärker betroffen, da sie das Geschäftsleben der Türkei damals dominierten. Auch sollen die Steuereinschätzungen bei Minderheitsangehörigen rigoros vorgenommen worden sein.

Wissenswertes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Varlık Vergisi ist Thema des Romans Salkım Hanımın Taneleri des Autors Yılmaz Karakoyunlu. Salkım Hanımın Taneleri wurde 1999 verfilmt und sorgte damals für eine Debatte in der Öffentlichkeit.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rıdvan Akar: Aşkale Yolcuları. Varlık Vergisi ve Çalışma Kampları. Belge Yayınları, 2000, ISBN 9789753442091.
  • Ayhan Aktar: Varlık Vergisi ve ‘Türkleştirme’ Politikaları. 1. Auflage. İletişim Yayınları, Istanbul 2000, ISBN 9789754707793.

Anmerkungen und Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Per Gesetz Nr. 4305 vom 11. November 1942 über die Vermögensteuer, RG Nr. 5255 vom 12. November 1942. (Gesetzestext; türkisch)
  2. a b Abgeschafft durch das Gesetz Nr. 4530 vom 15. März 1944 bezüglich der Löschung der Vermögensteuerschuld, RG Nr. 5657 vom 17. März 1944. (Gesetzestext; türkisch)
  3. Dilek Güven: 6-7 Eylül Olayları (1). Dokumentation der Tageszeitung Radikal, 6. September 2005. Abgerufen am 18. September 2009. (türkisch)
  4. Klaus Kreiser, Christoph K. Neumann: Kleine Geschichte der Türkei. Reclam, Stuttgart 2003, ISBN 978-3-15-010540-5, S. 393.
  5. Edward Clark: The Turkish Varlik Vergisi Reconsidered. In: Middle Eastern Studies. 8, Nr. 2, Taylor & Francis, Mai 1972, S. 205–216 (206).
  6. Vgl. Art. 12 des Gesetzes Nr. 4305, vom 11. November 1942 über die Vermögensteuer.
  7. Ayhan Aktar: Varlık Vergisi ve ‘Türkleştirme’ Politikaları. 1. Auflage. İletişim Yayınları, Istanbul 2000, ISBN 9789754707793, S. 151.
  8. Coşkun Can Aktan, Dilek Dileyici, Özgür Saraç: Vergi, Zulüm ve Facia: Türkiye Cumhuriyeti'nde Varlık Vergisi Gerçeği (Memento vom 26. Januar 2011 im Internet Archive). S. 6, m.w.N. (PDF-Datei, 374 KB; türkisch)
  9. Corry Guttstadt: Turkey, the Jews, and the Holocaust. Cambridge University Press, 2013. S. 75
  10. Andrew G. Bostom: The Legacy of Islamic Antisemitism: From Sacred Texts to Solemn History. Prometheus Books; Reprint edition, 2008. S. 124
  11. Nergis Erturk: Grammatology and Literary Modernity in Turkey. Oxford University Press, 2011. S. 141
  12. u.a. durch das Zusatzgesetz Nr. 4501 vom 17. September 1943 zum Vermögensteuergesetz, RG Nr. 5513 vom 21. September 1943. (Gesetzestext; türkisch)
  13. Coşkun Can Aktan, Dilek Dileyici, Özgür Saraç: Vergi, Zulüm ve Facia: Türkiye Cumhuriyeti'nde Varlık Vergisi Gerçeği. S. 20, Tabelle 1, m.w.N. (PDF-Datei, 374 KB; türkisch)
  14. Kemal H. Karpat: Social Change and Politics in Turkey: A Structural-Historical Analysis. BRILL, 1973, ISBN 90-04-03817-5 (google.com [abgerufen am 24. März 2016]).
  15. Coşkun Can Aktan, Dilek Dileyici, Özgür Saraç: Vergi, Zulüm ve Facia: Türkiye Cumhuriyeti'nde Varlık Vergisi Gerçeği. S. 21, Tabelle 2, m.w.N. (PDF-Datei, 374 KB; türkisch)