Vesikovaginale Fistel

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Klassifikation nach ICD-10
N82.0 Vesikovaginalfistel
ICD-10 online (WHO-Version 2016)
Für Drucknekrosen unter der Geburt gefährdetes Gewebe (rot)

Die vesikovaginale Fistel (auch Blasen-Scheiden-Fistel) ist eine abnormale Verbindung (Fistel) zwischen der Harnblase (Vesica urinaria) und der Vagina. Leitsymptom ist der unkontrollierbare Urinverlust (Harninkontinenz).

Epidemiologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Industrieländern sind vesikovaginale Fisteln selten und in der Regel Folge von Operationskomplikationen; z. B. durch Verletzung der Blasenwand. Meist beginnen die Beschwerden ca. 5 bis 10 Tage nach einer Unterleibsoperation. In den Entwicklungsländern, vor allem in Zentralafrika, sind vesikovaginale und andere Unterleibsfisteln vielfach häufiger. Die dort verbreitete Ursache ist die verlängerte, schwere Geburt, bei der es zu Drucknekrosen der Scheiden- und Harnblasenwand kommen kann. Risikofaktoren sind die schlechte medizinische Versorgung und das junge Alter vieler Gebärender. In Westafrika wird eine Inzidenz von 3–4 Vesikovaginalfisteln/1000 Geburten angegeben.[1] Weltweit sollen ca. 500.000[2] bis 2 Millionen Frauen mit bisher nicht behandelten vesikovaginalen Fisteln leben.[3] Auch Vergewaltigungen und Genitalverstümmelung können zu Fisteln führen.[3]

Diagnostik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vesikovaginale Fisteln können schon durch vaginale Inspektion entdeckt und lokalisiert werden. Bildgebende Verfahren wie Zystographie, Zystoskopie, Computertomographie und Kernspintomographie können zur genaueren Beschreibung nützlich sein.

Therapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Behandlung erfolgt in der Regel durch den frühzeitigen operativen Verschluss der Fistel. Mögliche Zugangswege sind über die Vagina oder in komplizierteren Fällen durch die Bauchdecke. Je nach Fisteldurchmesser kann eine Lappenplastik erforderlich werden, die z. B. aus dem tiefen Fettgewebe der Schamlippen entnommen wird (sog. Martius-Interpositionslappen). 85 % der Vesikovaginalfisteln können beim ersten Versuch erfolgreich verschlossen werden.

Neben der WHO[4] bemühen sich verschiedene karitative Organisationen darum, die Versorgung der Betroffenen in der Dritten Welt zu verbessern, z.B. die US-amerikanischen Fistula Foundation[5] und Worldwide Fistula Fund[6]. Das Addis Ababa Fistula Hospital hat sich ausschließlich auf diese Erkrankung spezialisiert. Eine der größten Fachkliniken für de Operation von Geburtsfisteln ist CCBRT[7] im tansanischen Daressalam.

Geschichtliches[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Avicenna beschrieb in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts die typischen Symptome nach schweren Geburten in seinem Werk Qānūn at-Tibb (Kanon der Medizin)[8] und sah die Ursache der erschwerten Geburt in der zu frühen Verheiratung junger Mädchen.[9] Auch der Basler Arzt Felix Platter erwähnte 1597 die nach Geburten auftretende Blasen-Scheiden-Fistel.[10] Der Anthropologe Douglas Erith Derry berichtete 1935,[11] er habe 1923 bei seiner Autopsie der Mumie der Henhenet (ca. 2050 v. Chr., Nebenfrau des Mentuhotep II.) eine große Vesikovaginalfistel gefunden.[12] Eine Operation zum Verschluss einer solchen Harnfistel nahm 1663 erstmals der Amsterdamer Chirurg Hendrik van Roonhuyse (1625–1672) vor.[13][14]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. T. Margolis, L. J. Mercer: Vesicovaginal fistula. In: Obstetrical & Gynecological Survey. Band 49, Nummer 12, Dezember 1994, S. 840–847, ISSN 0029-7828. PMID 7885661. (Review).
  2. G. L. Smith, G. Williams: Vesicovaginal fistula. In: BJU International. 1999, 83: S. 564–569. PMID 10210608. (Review).
  3. a b M. Muleta: Obstetric fistula in developing countries: a review article (PDF; 576 kB). In: Journal of obstetrics and gynaecology Canada. Band 28, Nummer 11, November 2006, S. 962–966, ISSN 1701-2163. PMID 17169220. (Review).
  4. http://www.who.int/features/factfiles/obstetric_fistula/en/
  5. http://www.fistulafoundation.org/
  6. http://worldwidefistulafund.org/
  7. http://www.ccbrt.or.tz/
  8. Urogynecology and Reconstructive Pelvic Surgery.. Elsevier Health Sciences, 10 October 2006, ISBN 978-0-323-08191-7 (Zugriff am 26 January 2013).
  9. Horst Kremling: Gynäkologisch-urologische Grenzfragen. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 23, 2004, S. 204–216; hier: S. 204.
  10. Horst Kremling: Zur Geschichte der geburtsbedingten Blasenverletzungen. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 4, 1986, S. 5–8; hier: S. 5.
  11. D. E. Derry: Note on five pelves of women of the eleventh dynasty in Egypt. In: The Journal of Obstetrics and Gynaecology of the British Empire 42, 1935, S. 490.
  12. Holger G. Dietrich: Illustrierte Geschichte der Urologie.. Springer DE, 2004, ISBN 978-3-540-08771-7 (Zugriff am 26 January 2013).
  13. Horst Kremling (1986), S. 5.
  14. Horst Kremling (2004), S. 205.
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