Wilhelm Staedel

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Wilhelm Staedel (* 12. Januar 1890 in Hamruden, Siebenbürgen; † 11. Oktober 1971 in Marburg/Lahn) war Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien.[1]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Staedel war als Schüler Mitglied bei der Schülerverbindung Coetus Honteri zu Kronstadt. Später studierte er Evangelische Theologie und Philosophie in Jena, Budapest und Berlin. Er zählte sich zu den „Gruppisten“, d. h. zu einer Gruppe von Studenten aus dem siebenbürgischen Ungarn, die studierten, um allein Pfarrer und nicht Lehrer zu werden. Stadel wurde schließlich Vikar in Marktschelken.

Im Ersten Weltkrieg wurde Staedel Feldgeistlicher. Im Jahre 1919 wurde ihm die Pfarrei von Arkeden übertragen, 1924 ging er nach Honigberg und 1930 nach Martinsberg bei Kronstadt. Sein Freund Waldemar Gust, einer der späteren Vertreter der radikal-nationalsozialistischen Deutschen Volkspartei in Rumänien (DVR), hatte ihm die Stelle verschafft.

Gemeinsam mit dem Veterinärarzt Alfred Bonfert, einem Aktivisten der Wandervogelbewegung, übernahm Staedel die Führung im Deutsch-sächsischen Jugendbund. Er wandelte den Bund konsequent zu einer NS-Jugendorganisation um. Zukünftige Multiplikatoren aus Schüler- und Studentenkreisen wurden dort in freiwilligen, mehrwöchigen Arbeitslagern zu gemeinnütziger Arbeit angehalten, aber auch politisch-ideologisch geprägt. Nach der politischen Spaltung dieser völkisch-nationalistischen Gruppierung überführten Bonfert, der im Juli 1935 Parteivorsitzender der DVR geworden war, und sein Freund Staedel viele Jugendliche in die DVR.

Ganz nach volksmissionarischen Gesichtspunkten übertrug Bischof D. Viktor Glondys – unter Vorbehalten – dem bei der Jugend beliebten Staedel 1935 die Leitung der landeskirchlichen Jugendarbeit. Wegen fehlenden Vertrauens zu ihm entfernte ihn Glondys aber wenig später von dieser Position. Etwa 1936 spitzte sich zwischen der Kirchenleitung und den Kirchen-Nazis ein Konflikt zu, weil die Kirchenführung ihren Angestellten untersagt hatte, an parteipolitisch geführten Kampagnen teilzunehmen. Wie Staedel bekannten sich nahezu 70 Anhänger weiterhin hartnäckig zur DVR und wurden mit Disziplinarprozessen überzogen. Staedel wurde 1937 verurteilt und bis 1941 von seinem Amt entfernt.

Dessen ungeachtet initiierte Staedel die Gründung eines Arbeitskreises am Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben in Siebenbürgen. Nach dem Vorbild Walter Grundmanns und der Deutschen Christen wurde der Lehrplan für den Religionsunterricht neu gestaltet, im Sinne einer »Entjudung von Kirche und Theologie« (Grundmann).

Als 1940 die halbautonome Deutsche Volksgruppe in Rumänien gebildet wurde, stieg Staedel zum Leiter des Kulturamtes der Deutschen Volksgruppe auf,[2] wozu er von dem SS-Angehörigen und Volksgruppenführer Andreas Schmidt, der gleichsam auslandsdeutscher Gauleiter war, ernannt wurde. Binnen kurzem erfolgte die vom Reich aus gesteuerte Demissionierung des angeschlagenen Bischofs Glondys, woraufhin Staedel zum Kandidaten für das Bischofsamt aufstieg. Staedel wurde auch zum Bischof gewählt; sein Gegenkandidat, Bischofsvikar D. Friedrich Müller, unterlag. Gleichzeitig wurde Staedel rehabilitiert.

Das durch Staedel gleichgeschaltete Kirchenamt versuchte, die Opposition auszuschalten. Es gelang jedoch dem von Bischofsvikar D. Friedrich Müller geführten „Verteidigungsring“, seine Amtsführung zu konterkarieren.

Einige Zeit nach dem Frontwechsel Rumäniens am 23. August 1944 wurde Staedel von der Pfarrerschaft zum Rücktritt aufgefordert. Noch im Oktober 1944 wurde Staedel im Lager Târgu Jiu interniert, von wo er im Frühjahr 1946 in den Westen fliehen konnte.

In Minden/Westfalen wurde er als Krankenhausseelsorger tätig und ging 1959 in den Ruhestand, den er in Marburg verbrachte.

Kritik und Auseinandersetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Staedels Amtszeit als Bischof ist geprägt von fast uneingeschränkter Unterordnung unter die Ansprüche der Volksgruppenführung. Zunächst wurde die Übergabe des kirchlichen Schulwesens veranlasst – bei spürbarem Widerstand seitens der bekenntnisgebundenen Opposition. Staedels Vorstellungen waren von ungeordneten Spekulation über das Gottesreich und von der Gotteskindschaft der Menschenseele geprägt. Politische Phrasen und völkischer Überschwang durchdrangen einen arisch dominierten Synkretismus. Die von ihm hinterlassenen Versuche einer Selbstreflexion beinhalten fast nur Apologetik. Kritische Erwiderungen sind weitgehend ausgeblieben.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Griechenland; in: Akademische Blätter 13 (1909); Hermannstadt
  • Die sächsische Fortbildungsschule: Ansprache gehalten in der Hauptversammlung des allgemeinen siebenbürgisch-deutschen Jugendbundes zu Reps am 25. Mai 1924; Flugschriften des Allgemeinen siebenbürgisch-deutschen Jugendbundes 1
  • Stephan Ludwig Roth. Rede; Flugschriften des Allgemeinen siebenbürgisch-deutschen Jugendbundes 6; Schäßburg 1928
  • Auf dem Weg zur völkisch-deutschen Schule der Siebenbürger Sachsen; o.O.o.J
  • Für Wahrheit und Recht in unserer Kirche; Hermannstadt 1936
  • Meine Verteidigung. Ein Ruf zur Besinnung in unserer Kirche; Kronstadt 1937
  • In Gottvaters Haus: Predigt über Johannes 14,1–2a; Kirchliche Blätter 1942
  • Kirche im Volk. Bericht über die 39. Landeskirchenversammlung der evangelischen Landeskirche A.B. in Rumänien vom 31. Mai bis 3. Juni 1942 mit Installationspredigt und Eröffnungsrede des Bischofs Wilhelm Staedel; Hermannstadt 1942
  • Kritische Bemerkungen zu Robert Schulz: Deutsche in Rumänien – Das Nationalitätenproblem in der Rumänischen Volksrepublik; Leipzig, um 19552
  • Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen (Hrsg.): Die Volkskirche der Siebenbürger Sachsen; Typoskript 1957
  • Anmerkungen, Fragen und Berichtigungen zur „Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mittel-Europa (Bd 3): Das Schicksal der Deutschen in Rumänien.“; Typoskript 1957
  • Dr. Josef Capesius: ein siebenbürgisch-sächsischer Schulmann um die Jahrhundertwende (21. Juli 1853–25. Oktober 1918); in: Südostdeutsche Vierteljahresblätter (Sodt Vjbl) 11 (1961), S. 217–221
  • Andreas Scheiner d.J. (1890-1960); in: SodtVjbl 11 (1961), S. 231–233
  • Andreas Scheiner d.J. zum Gedächtnis (1890-1960); n: Siebenbürgisch-sächsischer Hauskalender 1962, S. 66–68
  • Geheimrat Professor Dr. Franz Schmidt; in: SodtVjbl (14) 1964, S. 52–54
  • Deutsche Jugendpflege, Jugendarbeit und Jugendbewegung Siebenbürgens im 1. Viertel des 20. Jahrhunderts; Tagungsband der Arbeitsgemeinschaft für südostdeutsche Volks- und Heimatforschung, 1966
  • Unvergessen und unverloren. Predigten und Ansprachen von Wilhelm Staedel; hg. von Herta Staedel; Marburg 1978 (postum)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wolfgang Bahr: Namhafte Männer siebenbürgischer Pennalien. In: Junges Leben. Nr. 2/2012, S. 13 f.
  2. Ulrich Andreas Wien: Resonanz und Widerspruch. Von der siebenbürgischen Diaspora- Volkskirche zur Diaspora in Rumänien. Martin-Luther-Verlag, Erlangen 2014, ISBN 978-3-87513-178-9, S. 398 (622 S.).