William Lovell

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Ludwig Tieck
*1773 †1853

William Lovell ist ein Briefroman in zehn Büchern von Ludwig Tieck, der 1795/96 unter dem Titel „Die Geschichte des Herrn William Lovell“ bei Carl August Nicolai in Leipzig und Berlin erschien[1]. Überarbeitete Ausgaben veröffentlichte Tieck 1813/14 und 1828[2].

Emphatisch sucht der enterbte junge Engländer William Lovell seinen Lebensweg und geht dabei zugrunde.

Zeit und Ort[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Briefe werden in den Jahren 1793–1796 geschrieben und zwar aus England (Bondly in Yorkshire, London, Waterhall, Dover, Kensea in Hampshire, Roger Place in Hampshire, Nottingham und Southampton), Schottland (Glasgow), Frankreich (Paris, Lyon, Chambéry, Nizza) und Italien (Rom, Florenz, Tivoli, Neapel, Piemont, Pisa, Padua). Der erste Brief ist vom 17. Mai 1793[3]. Die erzählte Zeit reicht bis 1756 zurück[4].

Struktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In diesem Briefroman führen verschiedenste Figuren Korrespondenz. Am eifrigsten korrespondiert der Titelheld William Lovell mit dem Italiener Rosa. Der Italiener, „vertrauter Freund“ Lovells, ist eine Marionette des Engländers Waterloo. Der Engländer nennt sich in Italien Andrea Cosimo. Waterloo ist nahe verwandt mit Williams Freund Baron Eduard Burton. Am Romanende bringt der 80-jährige Waterloo kurz vor seinem Tode seine Geschichte zu Papier. Waterloo liebte Marie Milford. Marie heiratete allerdings Walter Lovell und starb bei der Geburt ihres ersten Kindes William.

Der Roman ist die Geschichte eines Hasses. Waterloo, nachtragend, vernichtet die beiden Lovells, weil er Marie seinerzeit nicht bekommen konnte. Dazu bedient er sich u.a. seines „Schildknappen“ Rosa. Überdies rekrutiert Waterloo seinen Neffen Baron Burton – das ist Eduards Vater – für seinen Rachefeldzug gegen Walter Lovell.

William und sein deutscher Freund Balder, ein Geisteskranker, sind die beiden Poeten im Buch. Gedichte aus ihrer Feder sind in die Briefe eingestreut.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der englische Gutsbesitzer Walter Lovell schickt seinen Sohn William auf Bildungsreise nach Italien. Der Vater gibt dem Sohn den erfahrenen Mortimer als Reisebegleiter mit auf den Weg. Paris, jene große Welt, stößt den jungen Lovell auf der Durchreise ab. Lovell, der Enthusiast, poetisch gestimmt, zieht der großen Stadt die ländlichen Schatten des englischen Waldes vor. In Paris trifft William Lovell auf den Italiener Rosa. Bald wirkt das Gift der großen Welt auf William. Der junge Engländer, der seine Jugendliebe Amalie Wilmont zu Hause in Bondly zurücklassen musste, bricht dem jungen Mädchen im Herzen die Treue, indem er sich der Comtesse Blainville nähert. Die Comtesse ist ein Werkzeug Rosas.

Derweil bedient sich zu Hause der alte Baron Burton mit Erfolg des heimtückischen Jackson als Advokat, um Walter Lovell in den wirtschaftlichen Ruin zu treiben.

William macht die verhängnisvolle Bekanntschaft Balders. Dessen Melancholie wirkt ansteckend auf den dafür anfälligen jungen Lovell und weitet sich im Romanverlauf zur unbezwinglichen Todessehnsucht aus. Letzterer erliegt William schließlich. Zuvor führt Ludwig Tieck den staunenden Leser an den Schätzen Italiens vorbei. Lovell gerät bei „vollem Mond an das Pantheon und ein heiliger Schauer“ umfängt ihn.

Mortimer, nach England zurückgekehrt, macht William während dessen Abwesenheit die schöne junge Amalie Wilmont abspenstig. Mortimer bewerkstelligt das über seinen Brieffreund, Amaliens Bruder Karl. Dabei eilt Williams Vater dem intriganten Mortimer unverhofft zu Hilfe. Eine Verbindung des Sohnes mit Amalie kommt für den alten Lovell überhaupt nicht in Frage. Er hat die begüterte Lady Bentink als passende Braut für den einzigen Sohn im Auge. William macht nicht mit, spielt jedoch zunächst den folgsamen Sohn. Der „Charakterlose“ zieht sich von Amalie zurück.

Unter Rosas „Anleitung“ verführt William Lovell die junge naive Italienerin Rosaline.

Nachdem der alte Lovell seine Besitzungen an den alten Burton verloren hat, verfällt er zusehends, gibt überraschend seine Einwilligung zu der Verbindung des Sohnes mit Amalie und wünscht sich William nach England zurück.

Rosaline erkennt, William ist am Tode ihres Bräutigams Pietro schuld und geht in den Tiber. William erfährt über seinen Freund Eduard Burton vom Tode des Vaters. Des Weiteren teilt Eduard mit, Amalie habe Mortimer geheiratet. William sagt sich von dem treuen Freunde Eduard los.

Karl Wilmont liebt Emilie Burton – Eduards Schwester – will ihr aber erst die Ehe antragen, nachdem er wirtschaftlich selbständig geworden ist. William kehrt inkognito heim und schleicht sich als „verarmter Kranker“ in Eduards Haus ein. Eduard entfernt den ehemaligen Freund, nachdem er ihn erkannt hat, aus seinem Haus. Zuvor entschädigt er William über die Maßen für den materiellen Verlust, den William durch den alten Burton erlitten hat. Emilie hatte den Ankömmling noch früher als der Bruder erkannt und sich in ihn verliebt. Sie folgt ihm und wird von dem Treulosen, der sie nicht liebt, unterwegs mittellos zurückgelassen. Als Glücksspieler kann William in London sein neues Kapital mehren. Karl Wilmont sucht verzweifelt nach seiner Emilie. Er hasst William. William hasst seinerseits Mortimer, der ihm Amalie weggeschnappt hat. William muss Amalie sehen. Er nähert sich dem Anwesen Mortimers und rettet Amalie während einer Feuersbrunst das Leben.

Emilie, krank, in der Fremde „auf dem Totenbette“, teilt Mortimer ihren Aufenthaltsort brieflich mit. Als Mortimer dort eintrifft, ist Emilie bereits gestorben. Nun ist Karl Wilmont für den Rest des Romans hinter William Lovell her. Er will den Unhold bestrafen.

William verspielt in Paris sein neues Vermögen, geht nach Italien zurück und sinkt zum Räuber und sodann zum Bettler herab. Er sehnt den Tod herbei. Zufällig kommt er wieder zu Geld. Karl Wilmont stellt William Lovell in Neapel und fordert ihn zum Duell. William lässt sich erschießen, nachdem er die eigene Brust mit einer Malve aus Rosalines Garten markiert hat.

Selbstzeugnis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Das Buch ist „das Mausoleum vieler gehegten und geliebten Leiden und Irrtümer“[5].

Interpretation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heilmann hat 1991 über das Buch promoviert. Die Erörterung sieht den Lovell in der Reihe seiner Vorgänger „Pamela oder die belohnte Tugend“ (Richardson 1740), „Julie oder Die neue Heloise“ (Rousseau 1761), „Die Leiden des jungen Werthers“ (Goethe 1774) und „Der Waldbruder“ (Lenz, unvollendet, postum veröffentlicht 1882)[6]. Zum Beispiel im Abschnitt „Das Wunderbare“[7] untersucht Heilmann den „Lovell aus historisch-poetologischer Sicht“ und weist auf den Widerspruch hin, der in Tiecks Behauptung „denn Glaube und Gefühl ist eins“ stecke[8]. Genau so kritisch betrachtet Heilmann Tiecks Satz, nach dem „es kein Gefühl in uns geben kann, das uns nicht auf Wirklichkeit hinweist, das nicht mit dem wirklichen Dinge gleichsam korrespondiert“[9].

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quelle
  • Marianne Thalmann (Hrsg.): Ludwig Tieck: William Lovell. S. 235–697 in: Ludwig Tieck, Werke in vier Bänden; nach dem Text der Schriften von 1828 bis 1854, unter Berücksichtigung der Erstdrucke. Band I: Frühe Erzählungen und Romane. Winkler Verlag München 1963 (Ausgabe 1978). 1045 Seiten. Dünndruck, Leder, Kopfgoldschnitt, ISBN 3-538-05711-7
Ausgaben
Sekundärliteratur
  • Johannes P. Kern: Ludwig Tieck: Dichter einer Krise. S. 23–32. Lothar Stiehm Verlag Heidelberg 1977. 243 Seiten. Band XVIII der Reihe Poesie und Wissenschaft
  • Ernst Ribbat: Ludwig Tieck. Studien zur Konzeption und Praxis romantischer Poesie. S. 46–64. Athenäum Verlag, Kronberg/Ts. 1978. 290 Seiten (Habilitationsschrift, Westfälische Wilhelms-Universität Münster), ISBN 3-7610-8002-6
  • Gerhard Schulz: Die deutsche Literatur zwischen Französischer Revolution und Restauration. Teil 1. Das Zeitalter der Französischen Revolution: 1789–1806. S. 379–381. München 1983, ISBN 3-406-00727-9
  • Roger Paulin: Ludwig Tieck. S. 29–31. J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung Stuttgart 1987. Reihe: Sammlung Metzler; M 185. 133 Seiten, ISBN 3-476-10185-1
  • Markus Heilmann: Die Krise der Aufklärung als Krise des Erzählens. Tiecks „William Lovell“ und der europäische Briefroman. J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung Stuttgart 1992. 289 Seiten, ISBN 3-476-00861-4. Diss. Uni Tübingen 1991
  • Fritz Brüggemann: Die Ironie in Tiecks William Lovell und seinen Vorläufern : ein Beitrag zur Vorgeschichte der deutschen Romantik, Dissertation, Jena, 1909; Unveränderter reprografischer Nachdruck Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1976, ISBN 3-534-06413-5

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Quelle, S. 1037, 4. Z.v.o.
  2. Paulin, S. 31
  3. Quelle, S. 237
  4. Quelle, S. 327, 14. Z.v.o.: Waterloo wurde 1716 geboren (Quelle, S. 671, 3. Z.v.o.)
  5. Tieck, zitiert in Ribbat, S.46, 17. Z.v.o.
  6. Heilmann, S. 218, 12. Z.v.o. und S. 249, 13. Z.v.u.
  7. Heilmann, S. 237–251
  8. Heilmann, S. 247, 14. Z.v.o.
  9. Heilmann, S. 247, 25. Z.v.o.
  10. zitiert bei Marianne Thalmann in: Quelle, S. 1003, 7. Z.v.u.
  11. Marianne Thalmann in: Quelle, S. 1003, 8. Z.v.o.
  12. Schulz, S. 379, 20. Z.v.u.
  13. Marianne Thalmann in: Quelle, S. 1022, 17. Z.v.o.
  14. Marianne Thalmann in: Quelle, S. 1003, 20. Z.v.u.
  15. Kern, S. 30, 6. Z.v.o.
  16. Paulin, S. 29, 14. Z.v.o.
  17. Ida von Lüttichau – Wahrheit der Seele (Ergänzungsband, erscheint Ende 2011 bei Autonomie und Chaos Leipzig)