Wohlfahrtsausschuss (1990er)

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Wohlfahrtsausschuss nannten sich seit dem Anfang der 1990er Jahre einige linksradikale Initiativen in großen deutschen Städten (u. a. Hamburg, München, Köln, Frankfurt am Main, Düsseldorf).

Die Initiativen gründeten sich 1992 im Rahmen der Popkomm in Köln, unter ungewöhnlich starker Beteiligung von bekannten Künstlern, Musikern und Theoretikern, die in der Folge für eine intensive journalistische Berichterstattung über die Wohlfahrtsausschüsse sorgte.[1] Ausschlaggebend für die Gründung war die Wahrnehmung, dass eine „kaum verhüllte große Koalition aus Parlament, Naziterror, Normalbürgern, Polizei und Medien in einem zynischen Zusammenspiel gemeinsam mit der ‚Lösung der Asylantenfrage‘ beschäftigt war.“[2]

Einer der größten und ersten Wohlfahrtsausschüsse war in Hamburg ansässig, wo er sich im Dezember 1992 öffentlich vorstellte.[3] An ihm beteiligten sich zeitweise zahlreiche Personen aus der Hamburger Musikszene, so zum Beispiel Bands wie die Absoluten Beginner, Blumfeld, Die Goldenen Zitronen, Die Sterne oder Cpt. Kirk &.[4] Er verstand sich als „ad-hoc-Gruppe von Musikern, DJs, Künstlern, Autoren und Journalisten, um den faschistischen Angriffen auf Migranten, Schwule, Behinderte, Linke und auf subkulturelle Zusammenhänge zu entgegnen [2]“. Auf den Hamburger Wohlfahrtsausschuss ging auch eine Diskussions- und Vortragsreise durch Ostdeutschland (Rostock, Leipzig, Dresden) unter dem Titel „Etwas Besseres als die Nation“ zurück, die von ostdeutschen Linken teilweise heftig kritisiert wurde.[5]

Der Kölner Wohlfahrtsausschuss speiste sich teilweise aus Personen aus dem Umfeld der damaligen Spex- bzw. Texte-zur-Kunst-Redaktionen, er organisierte vom 25. bis 27. Juni 1993 den „Ersten Kongress zur Abwehr des gegenrevolutionären Übels“.[6]

Ein Tübinger Wohlfahrtsausschuss sprengte 1995 das traditionelle, politisch stets konfliktbeladene „Maieinsingen“ der örtlichen Studentenverbindungen. Als die Veranstaltung 1995 begann, intervenierte der dortige Wohlfahrtsausschuss durch Mittel der Kommunikationsguerilla: als die Verbindungen zu singen begannen, wurden Bilder von Männerbünden wie Turnvereinen aber auch NS-Kriegsverbrechern oder Hanns-Martin Schleyer und ähnlichen auf die Stiftskirche projiziert, untermalt mit lauter Klaviermusik. Ein neuer Ansatz wurde von einem lauten „Conquest of Paradise“ von Vangelis unterbrochen, kurz darauf tauchten nackte Tänzer vor der Stiftstreppe auf, trugen „Jesus liebt euch“-Plakate und verteilten christliche Traktate. Die durch die Performance ausgelöste Verwirrung führte zur allmählichen Auflösung der Veranstaltung. [7]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Grothe, Nicole: InnenStadtAktion, Kunst oder Politik?, S. 124 (Google books, abgerufen am 18. Juli 2009)
  2. a b Wohlfahrtsausschuss Hamburg: Etwas Besseres als die Nation – Zur Begründung der Tour In: Wohlfahrtsausschüsse (Hrsg.): Etwas Besseres als die Nation – Texte und Materialien zur Abwehr des gegenrevolutionären Übels, Edition ID-Archiv, 1994, ISBN 3894080388, S. 45–51
  3. Wohlfahrtsausschuss Hamburg: Unser Minimalziel ... In: Wohlfahrtsausschüsse (Hrsg.): Etwas Besseres als die Nation – Texte und Materialien zur Abwehr des gegenrevolutionären Übels, Edition ID-Archiv, 1994, ISBN 3894080388, S. 17–21
  4. Marily Stroux: Tafel 1, In: Wohlfahrtsausschüsse (Hrsg.): Etwas Besseres als die Nation – Texte und Materialien zur Abwehr des gegenrevolutionären Übels, Edition ID-Archiv, 1994, ISBN 3894080388
  5. Andreas Fanizadeh: Vorwort, In: Wohlfahrtsausschüsse (Hrsg.): Etwas Besseres als die Nation – Texte und Materialien zur Abwehr des gegenrevolutionären Übels, Edition ID-Archiv, 1994, ISBN 3894080388, S. 7–4
  6. Anonymus: Plakat, In: Wohlfahrtsausschüsse (Hrsg.): Etwas Besseres als die Nation – Texte und Materialien zur Abwehr des gegenrevolutionären Übels, Edition ID-Archiv, 1994, ISBN 3894080388, S. 74
  7. autonome a.f.r.i.k.a.-gruppe, Luther Blissett, Sonja Brünzels: Handbuch der Kommunikationsguerilla – wie helfe ich mir selbst, 4. Auflage. Assoziation A, Hamburg und Berlin 2001, ISBN 3-935936-04-4, S.128-135

Weiterführende Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jörg Heiser: Die Wohlfahrtsausschüsse. In: M. Babias (Hrsg.): Im Zentrum der Peripherie. S. 251–266.