Stiftskirche (Tübingen)

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Kirchturm der Stiftskirche

Die Stiftskirche zu St. Georg in Tübingen wurde in ihrer heutigen Form von 1470 bis 1490 unter Graf Eberhard im Bart aufgrund der Übersiedlung des Chorherrnstiftes von Sindelfingen und der Gründung der Tübinger Universität erbaut. Als Baumeister gelten Peter von Koblenz und Hans Augsteindreyer.

Vor der heutigen Kirche standen an dieser Stelle bereits zwei Vorgängerkirchen.

Vorgängerbauten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stein an der Süd-West-Ecke mit einem Greifen und einem Löwen vermutlich von der Vorgängerkirche

Während einer Innenrenovierung 1962/64 wurden archäologische Ausgrabungen unter der Leitung Urs Boecks durchgeführt. Dabei kamen zwei romanische Vorgängerbauten zum Vorschein.

Das ältere, vermutlich im 11. Jh. entstandene Bauwerk war eine dreischiffige Basilika mit einem halbrunden Chor sowie zwei halbrunden Nebenapsiden. Die Mittelachse lag im Vergleich zur heutigen Kirche etwas weiter nördlich. Im Zentrum des Chores, direkt unter dem Altar, fand sich ein gemauerter Sarkophag, der eine außergewöhnliche Bestattung barg: Ein vermeintlich dreibeiniges Individuum. Obwohl es sich bei dem überflüssigen Bein, wie sich bereits kurz nach der Ausgrabung herausstellte, um eine unvollständig erhaltene Vorgängerbestattung handelte, hielt bald die Mär vom dreibeinigen Utz Einzug in den Tübinger Volksmund.[1]

Die Reste des jüngeren Baus waren wesentlich schlechter erhalten. Vermutet wird eine dreischiffige Basilika unbekannter Breite. Wahrscheinlich besaß dieser Bau bereits einen Portalanbau im Norden. Die Errichtung dieser Kirche wird für die Mitte des 12. Jh. angenommen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die erste urkundliche Erwähnung eines Sakralbaus an der Stelle der heutigen Stiftskirche stammt aus dem Jahr 1188. Damals wurde erstmals ein Bau mit dem kirchlichen Rang einer Kapelle genannt.[2] Dieser Bau wurde 1191 zur Pfarrkirche Tübingens erhoben.[3] 1294 wurde das Kirchenpatronat von den Pfalzgrafen von Tübingen an das Kloster Bebenhausen veräußert, dem die Pfarrkirche St. Georg 1325 einverleibt wurde und das sie um ein Marienpatrozinium erweiterte.[2]

Im Jahr 1411 begann der Bau am ältesten Teil der heutigen Kirche, dem Glockenturm.[4] Beim Bau der heutigen Kirche wurde er übernommen. Bis 1468 war der Glockenturm bis zum Glockengeschoss fertiggestellt, jedoch verhinderte der Neubau des Chores ab 1470 einen Weiterbau. Die Errichtung des Chores bis 1478 wird Peter von Koblenz zugeschrieben, dessen Mitwirkung jedoch nicht belegt ist.[5] Im Jahr 1476 wurde das Chorherrenstift Sindelfingen nach Tübingen verlegt und die Kirche St. Georg, die bis dahin Pfarrkirche war, zur Stiftskirche erhoben. 1478 wurde der Neubau des Langhauses begonnen, der um 1490 fertiggestellt wurde.[3] Als Bauleiter der Errichtung des Langhauses gilt der Wiesensteiger Steinmetz Hans Augstaindreyer.[6] Bedingt durch finanzielle Schwierigkeiten wurden Haupt- und Seitenschiffe jedoch nur mit einer provisorischen Holzdecke ausgestattet.[7] So konnte der Bau an der Kirche erst 1529 mit dem Bau des Turmhelmes fortgesetzt werden.[8] 1534 wurde infolge der Reformation das Chorherrenstift aufgehoben[3] und die Stiftskirche daher 1537 wieder zur Pfarrkirche Tübingens erklärt.[5] Ab 1550 wurde zudem der bis dahin als Aula der Universität dienende Chor neue Grablege der württembergischen Herzogsfamilie. Mit dem Aufsetzen der hölzernen Spitze wurde der Glockenturm 1590 von Georg Beer vollendet.[4] Der Innenraum der Kirche wurde 1674 und 1777 barock umgebaut, jedoch im Rahmen einer großen Renovierung der Kirche unter dem württembergischen Hofbaumeister Christian Friedrich von Leins in den Jahren 1876 und 1877 durch eine Innenausstattung der Neugotik neu gestaltet. Wichtigstes Ziel der Renovierung war jedoch die Einwölbung des Haupt- und Seitenschiffs. Deren Dach bestand nach wie vor aus hölzernen Konstruktionen und wurde nun durch ein Netzrippengewölbe mit Rippen aus Zement und Ton sowie Gewölbefeldern aus Tuffstein ersetzt.[9] Nach der Renovierung unter Leins gab es in der Folgezeit kleinere Veränderungen am Bauwerk: So wurde von 1932 bis 1934 der Außenbau erneuert.[6] Von 1955 bis 1960 wurde der Chor restauriert und zwischen 1962 und 1964 das Langhaus renoviert, wobei die heutige Orgelempore eingebaut sowie die Seitenemporen erneuert wurden.[5]

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die in etwa geostete Stiftskirche ist eine dreischiffige, spätgotische Staffelhalle mit eingezogenem Fünfachtelschluss und einem Westturm.[6] Sie steht nördlich des Neckars auf einem Bergsattel zwischen Österberg und Spitzberg und ist ein weithin sichtbares Wahrzeichen der Stadt.

Das Mittelschiff ist höher als die beiden Seitenschiffe, weist aber dieselbe Breite auf. Nach Westen wird es durch den Turm verkürzt, der innerhalb des rechteckigen Grundrisses seinen Platz gefunden hat. Das Mittelschiff wird von einem steilen Satteldach bedeckt, das auch die Seitenschiffe einbezieht. Als Fälldatum der Nadelholz- und Eichenstämme wurde der Winter 1473/1474 für den Chor und die Jahre 1487 bis 1489 für das Langhausdach dendrochronologisch nachgewiesen. Die Bauhölzer wurden im Schwarzwald geschlagen und über den Neckar geflößt, worauf die Floßaugen hinweisen. Die Dachstühle kombinieren zwei unterschiedliche Konstruktionstypen.[10] Die Seitenschiffe sind seitlich am Turm fortgeführt und schließen mit der Westmauer des Turmes bündig ab. Das nördliche Seitenschiff hat abgeschrägte Ecken. Spitzbogenfenster belichten Langhaus und Chor, deren Außenmauern durch gestufte Strebepfeiler gegliedert sind. Im Inneren öffnen große spitzbogige Arkaden die Seitenschiffe zum Mittelschiff. Der Chor hat die Breite und sein Dachfirst die Höhe des Mittelschiffes. Im Südosten ist eine kleine Sakristei angebaut, deren Traufe den Chor nicht erreicht.

Der Turm besteht aus einem viergeschossigen, massiv aufgemauerten Schaft auf quadratischem Grundriss und einem kleinen Turmaufbau. Im vierten Geschoss, dem Glockengeschoss, sind in die steinernen Dreiecksgiebel je zwei schmale, spitzbogige Schallöffnungen eingelassen, über denen die Zifferblätter der Turmuhr angebracht sind. Die Giebel vermitteln vom vierseitigen Turmschaft zur oktogonalen Spitze. Dort gewährt eine Galerie in 45 Metern Höhe einen weiten Blick ins Umland.[11]

Innenraum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innenraum
Die Stiftskirche von Norden, rechts im Vordergrund die Johanneskirche

Der Chorraum der Kirche, der als erster Bauabschnitt errichtet wurde, diente zunächst als Chorherrnkirche oder Priesterkirche und enthielt einen Hochaltar, der im Bildersturm 1536 vernichtet wurde. Das ehemalige Chorgestühl des Chorraumes ist heute im Kirchenschiff aufgestellt.

Der steinerne Lettner trennte den Chor und das Kirchenschiff in die Priester- und die Laienkirche. Diese Trennung wurde mit der Reformation aufgehoben. In der Folge bestimmte Herzog Ulrich den Chorraum zur Grablege des württembergischen Herrscherhauses.

Die Glasmalereien der Kirchenfenster stammen von 1475 und sind aus der Werkstatt des Peter Hemmel von Andlau, der auch Kirchenfenster in Ulm, Augsburg, Nürnberg, München und Straßburg gestaltete. Im Hauptfenster ist neben dem Stifter Graf Eberhard und dem Schutzpatron der Kirche St. Georg die Marienlegende zu sehen.

Das Altarbild des Klappaltars von 1520 ist ein Werk des Dürer-Schülers Hans Schäufelin, der in Nördlingen als Stadtmaler tätig war. Der Altar zeigt im Mittelbild die Kreuzigung Christi, auf den Flügelinnenseiten kann man die Kreuztragung und die Beweinung erkennen. Die Außenseiten des Altaraufsatzes stellen Christus am Ölberg dar.[9] 1960 wurde der Altar restauriert.

Der Innenraum der Kirche wurde in den Jahren 1962 bis 1965 grundlegend renoviert. Dies wurde notwendig, nachdem an der Fassade und im Kirchenschiff Risse sichtbar geworden waren. Zurückzuführen war die Setzungsbewegung der Kirche auf einen vom Holzmarkt aus unter der südwestlichen Fassade der Kirche entlanglaufenden und dann in die Münzgasse abbiegenden Luftschutzkeller aus dem Zweiten Weltkrieg. Gedacht für die Polizei- und Gestapodienststelle im Gebäude Münzgasse 13 und die Bürger der Innenstadt, wurde der Bau des Luftschutzkellers von Zwangsarbeitern geleistet. Nach dem Krieg geriet der Bunker in Vergessenheit und kam erst mit den Schäden an der Stiftskirche wieder ins Bewusstsein. Nachdem der Bunker großteils mit Beton verfüllt worden war, stabilisierte sich auch die Bewegung der Stiftskirche.

Kanzel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die 1509 entstandene Stiftskirchenkanzel ist nicht nur wegen der vielen bedeutenden Prediger berühmt, die dort zu hören waren und sind, sondern auch als Kunstwerk. In der Figur unter der Treppe, dem Tübinger Kanzelmännchen, dürfte sich der Erbauer der hölzernen Kanzel, Jörg Adler, ein Denkmal gesetzt haben. Im Jahr 1964 wurde die Kanzel um ein Joch nach Osten versetzt, sodass sie sich heute nicht mehr am ursprünglichen Platz befindet.[9]

Chorgestühl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Figur des Mose am Chorgestühl

Das 1491 geschnitzte Chorgestühl gehörte ursprünglich zur Erstausstattung des Chorraums. Dort wurde die Universität gegründet. Heute steht es im Kirchenschiff rechts und links vom Altarbereich. Vier geschnitzte Figurenpaare zeigen Aaron und Mose, König David und Christus, die Apostel Paulus und Jakobus, einen Adligen und einen Handwerker.

Lettner[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie in vielen gotischen Kirchen bildete der Lettner einst die Schranke zwischen dem der Geistlichkeit vorbehaltenen Chorraum und dem Kirchenschiff der Laien, denen von dort die Lesungen („Lettner“ = „Lektorium“) vorgetragen wurden. Als mit der Reformation die Chorschranken fielen, wurden auch landauf landab die Lettner entfernt. Dass es in Tübingen anders kam und der 1490 von Daniel Schürer erbaute Lettner erhalten blieb, ist einer Idee Herzog Ulrichs zu verdanken, der 1534 in Württemberg die Reformation einführte. Er machte den Chorraum zur Grablege des württembergischen Fürstenhauses. So wurden Gottesdienste fortan nur noch im Schiff gefeiert und der Lettner konnte stehen bleiben. 1866 wurde die Brüstung des Lettners unter Christian Friedrich von Leins erneuert, 1962 bis 1964 wurde sie bei einer Innenrestaurierung farbig gefasst.

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weigle-Orgel

Die Orgel ist mit ihren fast 5000 Pfeifen das größte Musikinstrument Tübingens. Wegen der besonders gelungenen Abstimmung auf den Raum der Kirche vermag sie Gottesdienste und Konzerte zum besonderen Klangerlebnis zu machen. Das Instrument wurde 1965 von dem Orgelbauer Weigle (Echterdingen) gebaut und 2001 von Rensch (Lauffen am Neckar) renoviert sowie um 508 neue Pfeifen erweitert.[12]

I Hauptwerk C–g3
1. Praestant 16′
2. Quintadena 16′
3. Principal 8′
4. Gambe 8′
5. Spillpfeife 8′
6. Rohrgedeckt 8′
7. Octave 4′
8. Koppelflöte 4′
9. Quinte 22/3
10. Octave 2′
11. Flachflöte 2′
12. Mixtur V 2′
13. Kling. Scharf V 11/3
14. Cornett III–V 8′
15. Fagott 16′
16. Helltrompete 8′
17. Clarine 4′
II Brustwerk C–g3
18. Gedeckt 8′
19. Quintviola 8′
20. Kleinprästant 4′
21. Rohrflöte 4′
22. Gemshorn 4′
23. Sesquialter II 22/3
24. Kleinoktave 2′
25. Nachthorn 2′
26. Gemsnasat 11/3
27. Sifflet 1′
28. Scharfzimbel IV 1′
29. Dulzian 8′
30. Schalmey 4′
Tremulant
III Oberwerk C–g3
31. Bourdon 16′
32. Geigend Prinzipal 8′
33. Holzflöte 8′
34. Salicional 8′
35. Voix coelestis 8′
36. Singende Oktave 4′
37. Hohlflöte 4′
38. Nasatquinte 22/3
39. Feldflöte 2′
40. Blockterz 13/5
41. Septimflöte 11/7
42. Blockflöte 1′
43. Nonenflöte 8/9
44. Grobmixtur VI 2′
45. Basson 16′
46. Trompette harmonique 8′
47. Hautbois 8′
48. Clairon 4′
Tremulant
Pedal C–f1
49. Untersatz 32′
50. Principal 16′
51. Subbaß 16′
52. Gedacktpommer 16′
53. Octavbaß 8′
54. Violon 8′
55. Spitzflöte 8′
56. Theorbe III 51/3
57. Dolkan 4′
58. Dolkan 2′
59. Choralbaß III 22/3
60. Posaune 16′
61. Dunkeltrompete 8′
62. Fagott 8′
63. Clairon 4′
Tremulant (Kleinped)

Evangelistensymbole[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1932/33 wurde der marode Kirchturm unter Leitung des Landesamts für Denkmalpflege und des Architekten Rudolf Behr renoviert. Anstelle von größtenteils bereits heruntergebrochenen Fialen schuf der Bildhauer Fritz von Graevenitz die heute noch am Turm befindlichen vier Evangelistensymbole. Die dazu benötigten Muschelkalkblöcke mit einer Länge von jeweils 2,80 Metern wurden im Steinwerk von Schön & Hippelein in Satteldorf gebrochen und roh zubereitet. Fertiggestellt wurden die Skulpturen von Graevenitz erst, nachdem sie mittels Flaschenzügen an ihre vorgesehenen Stellen auf den Turm hinaufgezogen und eingesetzt worden waren.[13] Der Turm ist zu den Öffnungszeiten für Besucher begehbar, über Wendeltreppen und den Dachraum erreicht man den Umgang mit weitem Rundblick über die Altstadt.

Grablege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grablege im Chor der Stiftskirche
Grab im Chorraum. Anna Maria von Brandenburg-Ansbach mit Mullbinde als Zeichen ihres Witwenstandes, Gattin des Herzogs Christoph von Württemberg
Grab im Chorraum. Mechthild von der Pfalz, in erster Ehe mit Grafen Ludwig I. von Württemberg, in zweiter Ehe mit Erzherzog Albrecht VI. von Österreich verheiratet. Mit einem für die damalige Zeit ungewöhnlich ausdrucksstark gestalteten Gesicht.

Särge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Grablege im Chorraum der Stiftskirche befinden sich die folgenden Gräber:

Epitaphe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An den Wänden der Seitenschiffe und der Vorhalle hängen unter anderem folgende Epitaphe:

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Stiftskirche hat neun Glocken in der Disposition h° cis' d' e' fis' gis' und a' – die ältesten aus der mittelalterlichen Vorgängerkirche, die jüngsten von 1963. Sie unterscheiden sich nicht nur in Größe, Ton und Ornamenten, sondern haben auch ihre jeweils eigene, zum Teil bewegte Geschichte. Sieben Glocken hängen im Turm und zwei weitere unzugänglich außen in der Turmlaterne.[16] Die zwei relativ kleinen Glocken in der Turmlaterne, von denen eine heute noch als Schlagglocke verwendet wird, sind ca. 700 Jahre alt. [17] Im Jahr 1587 wurden an den vier Seiten der Stiftskirche Sonnenuhren angebracht, damit man sehen konnte, wie viel Uhr es war, und im Dezember 1587 wurde die Schlagglocke herausgerückt, damit man den Stundenschlag in der Stadt besser hören konnte.[18] [19]

Besonders bekannt sind die nach ihren Stiftern benannte Breuning-Glocke und die Kienlin-Glocke.

Die größte Glocke heißt Gloriosa, die Ruhmreiche, und wurde am 18. Juli 1963 bei der Glocken- und Kunstgießerei Gebrüder Rincker im hessischen Sinn gegossen. Der Ton der Gloriosa ist das h°. Ihre obere Inschrift lautet: „Der Heiligen Dreieinigkeit sei Lob und Preis in Ewigkeit.“ Der untere Glockenrand trägt eine zweizeilige Inschrift: „Zur Einweihung der Kirche nach dem Innenumbau von 1962-1963 / Stadt und Kirchengemeinde Tübingen.“ Sie wird nur selten benutzt: Der Tübinger hört sie praktisch nur an den Festtagen des Kirchenjahrs.[20] [21] [22]

Die älteste noch geläutete Glocke der Stiftskirche heißt Dominica und ist im Jahr 2011 sechshundert Jahre alt geworden. Sie wurde am 1. September 1411 von den Meistern Adam und Bodemmer gegossen und ist mit 3300 kg die zweitschwerste nach der Gloriosa. Sie ist 1,33 Meter hoch und hat bis zu fünf Meter Umfang. Auf ihrer Schulter steht in lateinischer Sprache „O König des Ruhmes Christus komme mit Frieden“. Neben ihrem normalen Läuteeinsatz wurde sie zeitweise während der Promotionsfeiern an der Universität als „Doctorsglocke“ geläutet. Im Jahr 1932 wurde die Glocke durch Ausschleifen der inneren Glockenwandung von d' auf cis' umgestimmt. Fachleute halten dies für einen unverzeihlichen Frevel. Man wollte eigentlich 1932 ein neues Geläut einstimmen, doch waren die Umstimmungen der insgesamt drei Glocken so teuer, dass das Geld für die erforderlichen zwei zusätzlichen Glocken fehlte.[17]

Die Taufglocke stammt aus dem Jahre 1963. Sie trägt die Inschrift: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden.“ Um ihre Vorgängerin gab es im Januar 1720 einen Streit, nachdem der Stuttgarter Glockengießer Christian Reihlente mit zweifelhaftem Erfolg versucht hatte, einen Riss zu reparieren. Der Glockengießer meinte, die Glocke sei in Ordnung und ihr Klang sei erst moniert worden, als er um sein Geld gebeten habe. Noch im Jahr 1891 wurde der Ton der Glocke in der Tübinger Chronik aber als „merkwürdig“ bezeichnet. Am Kranz erklinge ein deutliches „b“, weiter oben statt der erwarteten Oberterz die kleine Unterterz „g“ und ganz oben der schwache Nebenton „es“.[23]

Der Kirchengemeinderat hat das Ziel, die Glocken mit Hilfe eines Hammerwerkes und über eine Tastatur zum Klingen zu bringen. Um die Zahl der spielbaren Melodien zu erhöhen, müssten noch zwei weitere kleinere Glocken angebracht werden, die nicht hin- und herschwingen, sondern nur mit dem Hammer angeschlagen werden. Seit Jahren verfolgt Stiftsmusikdirektor Hans-Peter Braun die Idee, aus den sieben Glocken mit Hammerwerk per Tastatur ein Glockenspiel zu machen.

Zum Jahreswechsel 1999/2000 vereinte Hans-Peter Braun alle Glocken der Innenstadtkirchen zu seiner großen Glockenkomposition ‚Klangzeiten’. „Aus dieser Zeit stammt der Einfall, die Glocken der Stiftskirche als Glockenspiel spielbar zu gestalten“, erzählt Braun. „An Ostern könnte zum Beispiel die Melodie von ‚Christ ist erstanden’ erklingen“, erklärt Hans-Peter Braun die neuen Möglichkeiten, „denkbar ist auch, daß das Mittagsläuten zur touristischen Attraktion werden könnte, wenn ihm immer eine Melodie vorausginge.“ Er hat bereits ein kleines Liederbuch verfasst, das die spielbaren Melodien des Gesangbuchs in den notwendigen Transpositionen enthält.[24]

Veranstaltungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bläser auf der Stiftskirche spielen am Sonntagmorgen die Choräle Großer Gott, wir loben dich und Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ.

Seit vielen Jahrzehnten spielen am Sonntagmorgen etwa gegen 8.30 Uhr Bläser des Tübinger Posaunenchors vom Turm der Stiftskirche das Wochenlied und einen weiteren Choral nach allen vier Himmelsrichtungen, was in der ganzen Altstadt zu hören ist.

Die Motette wurde 1945 von Walter Kiefner als allwöchentliche musikalische Samstagsabend-Andacht nach dem Leipziger Vorbild begründet. Inzwischen hat sie mehr als 2500 Mal stattgefunden und überregionale Bekanntheit erlangt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sibylle Setzler, Wilfried Setzler: Stiftskirche Tübingen. Geschichte, Architektur, Kunstschätze. Ein Führer, Schwäbisches Tagblatt, Tübingen 2010, ISBN 978-3-928011-66-2
  • Tilmann Marstaller, Andreas Stiene: Die Dachwerke über Chor und Langhaus der Tübinger Stiftskirche. In: „Denkmalpflege in Baden-Württemberg“ 35. Jg. 2006, Heft 2, S. 78–86 (PDF)
  • Hermann Jantzen: Stiftskirche in Tübingen, Theiss, Stuttgart 1993, ISBN 3-8062-1112-4 (= Beiträge zur Tübinger Geschichte 5)
  • Urs Boeck: Die Tübinger St. Georgskirche in vorgotischer Zeit. In: „Der Sülchgau“ 9, 1965, ISSN 0940-4325, S. 65–71
  • Urs Boeck: Ein gläsernes Buch der Frömmigkeit. Beschreibung und Rekonstruktion der Glasmalereien des Peter Hemmel im Chor der Tübinger Stiftskirche. In: „Tübinger Blätter“ 45. Jg. 1958, S. 56–63 (Digitalisat)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Stiftskirche Tübingen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stefan Schäfer, die Wiedergeburt alter Mythen im unbewussten Diskurs der Bevölkerung Süddeutschlands in den drei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. In: Zeitschrift für Völkerkunde 75, 1982. S. 56-116.
  2. a b Eintrag zu Tübingen auf LEO-BW. Eingesehen am 14. November 2014.
  3. a b c Sehenswürdigkeiten der Stadt Tübingen. Eingesehen am 14. November 2014.
  4. a b Dagmar Zimdars (Bearb.): Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Baden-Württemberg II. Deutscher Kunstverlag, Berlin und München, 1997, ISBN 3-422-03030-1, S. 716.
  5. a b c Götz Adriani, Andreas Feldtkeller (Hrsg.): Tübingen. Kulturdenkmale. Kunsthalle Tübingen, Tübingen, 1978, S. 12.
  6. a b c Zimdars (Bearb.): Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Baden-Württemberg II. S. 717.
  7. Übersicht über die Stiftskirche St. Georg. Eingesehen am 14. November 2014.
  8. Finanzministerium Baden-Württemberg, Bau- und Liegenschaftsverwaltung (Hrsg.): Land Baden-Württemberg. Kirchen und Klöster. (Reihe: Belser Ausflugsführer, Band 2.) Belser, Stuttgart und Zürich, 1980, S. 206.
  9. a b c Zimdars (Bearb.): Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Baden-Württemberg II. S. 718.
  10. Tilmann Marstaller, Andreas Stiene: Die Dachwerke über Chor und Langhaus der Tübinger Stiftskirche, abgerufen am 3. Mai 2016.
  11. stiftskirche-tuebingen.de: Der Turm der Stiftskirche und seine Glocken, abgerufen am 3. Mai 2016.
  12. Orgel Databank
  13. Fritz von Graevenitz: Bildhauerei in Sonne und Wind – Erfahrungen und Empfindungen bei der Ausführung der vier Evangelistensymbole am Turm der Tübinger Stiftskirche, Stuttgart 1933.
  14. [1]
  15. Dr. Klaus Mohr: Eine Führung durch die Stiftskirche Tübingen am 19. Juli 2007. Tübingen-Kilchberg (Volltext)
  16. Kennen Sie Tübingen? – Die Glocken der Stiftskirche
  17. a b Hans-Joachim Lang: Die Dominica im Stiftskirchengeläut wird 600 Jahre alt, Schwäbisches Tagblatt, 29. August 2011.
  18. Andreas C. Zell: Ausführliche Merkwürdigkeiten der Würtembergischen Universität Tübingen. 1743, Seite 102.
  19. Die Stiftskirche auf TÜpedia
  20. Die Glocken der Stiftskirche: Die Gloriosa.
  21. YouTube Video: Tübingen Stiftskirche Gloriosa
  22. YouTube Video: Tübingen Stiftskirche historische Glocken
  23. Peter Ertle: Das dunket mir goetlich. Tagblatt, 22. März 2008.
  24. Glockenspiel der Stiftskirche

Koordinaten: 48° 31′ 12″ N, 9° 3′ 22″ O