X-tausendmal quer

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Das gelbe X als Zeichen des Wider­stands gegen Atommüll­transporte im Wendland

X-tausendmal quer ist ein bundesweites, besonders in Niedersachsen aktives Kampagnennetzwerk gegen Atommülltransporte. Es hat die Proteste gegen die Castortransporte nach Gorleben zu seinem Aktionsschwerpunkt erhoben und bildet seit Mitte der 1990er Jahre neben lokalen Bürgerinitiativen den Kern der deutschen Anti-Atomkraft-Bewegung.[1] X-tausendmal quer steht für sehr gut organisierte gewaltfreie Mitmach-Aktionen mit möglichst vielen Teilnehmern.[2] Bedingung einer Aktion von X-tausendmal quer ist, dass alle Teilnehmer gemäß einem für jede Aktion formulierten Aktionskonsens basisdemokratisch und gewaltfrei handeln.

Das Netzwerk entstand 1996, als sich mit den ersten Castortransporten nach Gorleben die Anti-Atomkraft-Bewegung neu formierte. An den von X-tausendmal quer mitorganisierten Blockadeaktionen gegen die Transporte beteiligten sich regelmäßig mehrere Tausend Menschen. Das Netzwerk gründete oder unterstützte außerdem mehrere Medienkampagnen für den Atomausstieg und bietet Beratung zu juristischen Fragen in Zusammenhang mit Protestaktionen an. Die zahlenmäßig größte Aktion war eine mehrtägige Sitzblockade vor dem Verladekran in Dannenberg im März 1997. Fünf- bis zehntausend Personen hatten sich unter schriftlicher Selbstverpflichtung auf Gewaltfreiheit vor dem Verladekran versammelt und 48 Stunden die Transportstrecke blockiert.

In den folgenden Jahren hat X-tausendmal quer zu jedem der folgenden Castortransporte nach Gorleben jeweils mindestens eine große, teilweise mehrtägige, gewaltfreie Sitzblockade auf der Castortransportstrecke zwischen Lüneburg und dem Zwischenlager in Gorleben mit jeweils mehreren hundert z. T. mehreren tausend Teilnehmern organisiert. Maßgeblich zum Erfolg der Aktionen trug ein langer, arbeitsteiliger Vorbereitungsprozess[3], eine offensive Öffentlichkeits- und Mobilisierungsarbeit[4] sowie eine ausgefeilte Unterstützungsstruktur aus unterstützenden Arbeitsbereichen während der Aktion bei. Die Unterstützungsstruktur während der Aktionen umfasste z. B. die Aufgabenfelder Bezugsgruppen-findung und Training, Moderation der Sprecherinnenräte[5], ein Informations- und Pressebüro, Beobachter, Polizeikontakt[6], Jura-Selbsthilfe, Aktions-Küche und die (logistische) Aktionsunterstützung[7][8]

2001 wurde die sogenannte Fünf-Finger-Taktik entwickelt, um bei den Gewaltfreien Aktionen der Kampagne an einer Polizeikette vorbeizukommen, ohne die Situation unnötig zu eskalieren.[9] Sowohl die ausgefeilte Unterstützungsstruktur bei Aktionen als auch die Fünf-Finger-Taktik wurde später von zahlreichen anderen Aktionsgruppen wie z. B. den Aktionsbündnissen Block G8 anlässlich des G8-Gipfels in Heiligendamm 2007 und Ende Gelände aufgegriffen und weiterentwickelt.[10]

Zu Beginn der 2000er Jahre galt X-tausendmal quer als Trendsetter in Sachen E-Mailkommunikation und Internetnutzung in sozialen Bewegungen. Vom eigenen Internetauftritt über interne und öffentliche Mailinglisten bis zum tagesaktuell recherchierten bundesweiten Pressespiegel nutzte X-tausendmal quer eine ganze Palette verschiedener elektronischer Instrumente für eine erfolgreiche politische Arbeit.[11]

Zwischen 2005 und 2007 initiierte X-tausendmal quer die Gründung der Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt um auch Menschen zu erreichen, die "zwar nicht bereit sind, sich in der Novemberkälte nachts auf wendländischen Straßen aufzuhalten, aber gerne anders gegen Atomkraft aktiv werden wollen."[12] 2006 initiierte X-tausendmal quer die zusammen mit vielen anderen Umweltverbänden, Verbraucherorganisationen und Anti-Atom-Initiativen die Strom[anbieter]wechsel-Kampagne Atomausstieg selber machen[13][14] 2006/2007 initiierte X-tausendmal quer das Netzwerk Ziviler Ungehorsam, Gewaltfreie Aktion und Bewegung, kurz: ZUGABe, zur Vernetzung von gewaltfreien Organisatoren, Kampagnen und Arbeitsbereichen.[15]

2011 initiierte X-tausendmal quer zusammen mit der KURVE Wustrow Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion die Kampagne Gorleben 365, die sich gegen den weiteren Ausbau des Erkundungsbergwerks in Gorleben zu einem möglichen Endlager für die Lagerung radioaktiven Atommülls richtete. Im Rahmen der Kampagne wurden in der Zeit von August 2011 bis August 2012 fast einhundert gewaltfreie Blockade-Aktionen zur Störung des Baustellenverkehrs durchgeführt.[16][17]

Seitens des Bundesamts für Verfassungsschutz wurde die Gruppierung im Verfassungsschutzbericht des Jahres 2006 als „linksextremistisch beeinflusst“ oder „anarchistisch“ bezeichnet.[18] Im Verfassungsschutzbericht des Jahres 2012 ist die Gruppierung nicht mehr erwähnt[19].

Das Archiv der Kampagne X-tausendmal quer mit Rundbriefen, Flugblättern, Plakaten, Protokollen von Vorbereitungstreffen, Presseauswertungen der Aktionen und Prozessakten befindet sich im Archiv aktiv in Hamburg und kann von Interessierten nach Absprache für Forschungszwecke genutzt werden.[20]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Friedrich Erbacher: Basisdemokratie des Widerstands: X-tausendmal quer. Konsensentscheidungen sind mühsam aber lohnend. In: Werkstatt für Gewaltfreie Aktion Baden (Hrsg.): Konsens. Handbuch zur gewaltfreien Entscheidungsfindung. Eigenverlag, Karlsruhe 2004, ISBN 3-930010-07-0, S. 125–131.
  • Heidi Klein (Herausgeber): X-tausendmal quer. Dokumentation. Gewaltfreie Blockade des dritten Castor-Transportes nach Gorleben im März 1997. Tolstefanz, Jeetzel 1998, ISBN 978-3-932270-09-3 (divergences.be [PDF]).
  • Felix Kolb: Kurs ZukunftsPiloten. Soziale Bewegungen und politischer Wandel. Deutscher Naturschutzring e.V. – Kurs ZukunftsPiloten, Lüneburg Mai 2002 (bewegungsstiftung.de [PDF]).
  • Katja Tempel: X-tausendmal quer. Gewaltfrei und ungehorsam. Wie Menschen für Zivilen Ungehorsam mobilisiert werden können. In: Tresantis (Hrsg.): Die Anti-Atom-Bewegung. Geschichte und Perspektiven. Assoziation, Berlin, Hamburg 2015, ISBN 978-3-86241-446-8, S. 192–197.
  • X-tausendmal quer - überall: Blockadefibel. Anleitung zum Sitzenbleiben.; https://www.x-tausendmalquer.de

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Roland Roth, Dieter Rucht: Die Sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945: Ein Handbuch. Campus Verlag, 2008, ISBN 3593383721, S. 260–264
  2. Martin Becker (X-tausendmal quer): Ungebrochene Handlungsfähigkeit und Kreativität. In: Kampagne Block G8 (Hrsg.): Chef, es sind zu viele ... – die Block-G8-Broschüre. Verden u.a. 2008, S. 30.
  3. Etwa durch Aufteilung in "Arbeitsbereiche", vgl. dazu: Katja Tempel: X-tausendmal quer, S. 197
  4. Katja Tempel: X-tausendmal quer, S. 195
  5. Vgl. dazu Hollerbach, Rohwedder, Heilmann: SprecherInnenrat: Am Misthaufen mit der roten Fahne. In: Heidi Klein (Hrsg.): X-tausendmal quer. Dokumentation. Gewaltfreie Blockade des dritten Castor-Transportes nach Gorleben im März 1997. Tolstefanz, Jeetzel 1998, ISBN 978-3-932270-09-3, S. 21–27.
  6. Jörg Rohwedder: Umgang mit der Polizei. Polizeikontaktgruppe und PolizeisprecherInnen: Grundsätze, Aufgaben und Aktivitäten. In: Heidi Klein (Hrsg.): X-tausendmal quer. Dokumentation. Gewaltfreie Blockade des dritten Castor-Transportes nach Gorleben im März 1997. Tolstefanz, Jeetzel 1998, ISBN 978-3-932270-09-3, S. 28–31.
  7. Ulrike Laubenthal: Wachsender Widerstand. Die fünfte Jahreszeit im Wendland. In: Graswurzelrevolution. Nr. 334, Dezember 2008 (graswurzel.net).
  8. Zur Aufgabenstellung des Arbeitsbereichs "Aktionsunterstützung" siehe auch: Die Logistik-AG von Block-G8: [B] LOG G8. Gute Logistik als Voraussetzung guter Aktionen. In: Kampagne Block G8 (Hrsg.): Chef, es sind zu viele ... – die Block-G8-Broschüre. Verden u.a. 2008, S. 71–73.
  9. Kein Durchkommen? AktivistInnen wollen in Hamburg am Freitag die Konvois der G20-Gäste stoppen und die Logistik im Hafen blockieren. In: Die Tageszeitung. 6. Juli 2017 (taz.de).
  10. Katja Tempel: X-tausendmal quer, S. 197
  11. Vgl. "Programmübersicht und Abstracts" zum Kongress "Wem gehört das Internet?" am 16. und 17. November 2007 in München, auf: journalistenakademie.de
  12. Jochen Stay: Das richtige Projekt zur richtigen Zeit. Seit zehn Jahren mit .ausgestrahlt gegen Atomkraft. In: Rundbrief 28. Juni/Juli/August 2015, S. 10 (ausgestrahlt.de [PDF]).
  13. Archivseite der Kampagne Atomausstieg selber machen
  14. Gemeinsame Pressemitteilung der Kampagne vom 28. September 2006 auf https://www.duh.de
  15. Die Kampagnen des Zivilen Ungehorsams vernetzen Vgl. Graswurzelrevolution, Nr. 328, April 2008. Ein GWR-Interview
  16. Die Welt: "Atomgegner blockierten 100 Tage Erkundungsbergwerk", veröffentlicht am 9. August 2012 auf: welt.de
  17. Flyer Gorleben 365 auf: x-tausendmalquer.de
  18. Verfassungsschutzbericht 2006 (Vorabversion), S. 189 (PDF)
  19. Verfassungsschutzbericht 2012 (Memento vom 30. August 2017 im Internet Archive)
  20. Friedrich Erbacher: Basisdemokratie des Widerstands, S. 125, Fußnote 1