Émile Benveniste

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Émile Benveniste (* 27. Mai 1902 in Aleppo, Syrien; † 3. Oktober 1976 in Paris) war ein französischer Linguist in der Tradition des de Saussureschen Strukturalismus. Eine Aufsatzsammlung Benvenistes trägt den Titel Problèmes de linguistique générale (Deutsch: Probleme der Allgemeinen Sprachwissenschaft). Daneben erlangte er Bedeutung durch die Erforschung der Grammatik der indoeuropäischen Sprachen, sowie iranistischer und indogermanischer Etymologie und Namenkunde.

Leben[Bearbeiten]

Der Schüler von Antoine Meillet unterrichtete ab 1927 an der École pratique des hautes études. In die 30er fällt der Beginn seiner Zusammenarbeit mit Jerzy Kuryłowicz. 1937 erhält er am Collège de France den Lehrstuhl für Allgemeine Linguistik und Vergleichende Grammatik, den er bis zu seinem Tod halten wird. 1959 wird er Mitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften.

Hauptthesen[Bearbeiten]

In seinen Problemen entwickelt Benveniste Korrekturen am Strukturalismus Saussures. Im Gegensatz zu Saussure hält Benveniste die Beziehung zwischen Signifikant und Signifikat und zwischen Signifikat und Referent nicht für arbiträr, sondern für regelbestimmt. Signifikant und Signifikat hätten durchaus ein gemeinsames Drittes, nämlich insofern beide Repräsentationen im menschlichen Verstand sind. Dort sind sie "konsubstantiell", aus psychischer Notwendigkeit einander verähnelt. Folge man Saussure und postuliere, dass der Signifikat ein Konzept (etwa 'die Kuh') und das Signifikant das phonetische Muster ("k-u") repräsentiere, dann stelle sich die Frage nach der Arbitrarität gar nicht, da innerhalb des menschlichen Geistes beide Elemente nur jeweils eine Seite derselben Medaille beschrieben und daher notwendig verknüpft seien.

Benveniste verdeutlicht das an verschiedenen Beispielen. Etwa die Dichotomie Ich / Nicht-Ich (je/non-je): Ausdrücke wie diese besitzen nur im Kontext einer einzelnen Äußerung einen tatsächlichen Referenten (sie sind "äußerungskontingent"). Dennoch haben sie in einem Sprachsystem auch Allgemeinheit: sie markieren Merkmale wie Subjektivität und Personalität; darin sind sie vor allen anderen sprachlichen Zeichen herausgestellt. Die Quelle der Subjektivität in der Sprache ist nach Meinung Benvenistes die Struktur der Pronomen insgesamt, die innerhalb des Lexikons über keine bestimmte Bedeutung verfügten, sondern nur in äußerungsabhängigen Kontexten. Die Pronomen der ersten und zweiten Person sind dabei in ihrer Funktionsweise wesentlich von denen der dritten Person verschieden: die ersteren nennt Benveniste deiktisch, die letzteren anaphorisch.

Deiktische Merkmale kennzeichnen nach Benveniste einen 'subjektiven' Sprachmodus, den persönlich gefärbten discours, gegenüber der 'objektiven' histoire. Die histoire erreicht diese Objektivierung, indem sie den Äußerungsinhalt (énoncé) vom Äußerungsakt (énonciation), also der personalisierbaren und deiktisch kontextualisierbaren Dimension einer Äußerung, abstrahiert, also den Stil oder die 'Autorschaft' eines Sprachproduzenten. Dagegen ist das énoncé reine Information, oder besser noch, die Sprache selbst; das énoncé setzt kein Kommunikationsmodell von Sender und Empfänger voraus. Mit den Begriffen von histoire und discours strebt Benveniste die Gegenüberstellung von Textgattungen an: subjektiv-kontextualisierte wie Alltagsgespräche, Reden, Briefe und Lyrik; objektiv-abstrahierte wie Geschichtsschreibung, Recht und besonders der Roman. Benveniste plädiert dafür, die Sprache nicht bloß als Sammlung von Zeichen und Zeichenverwendungsregeln zu betrachten, sondern immer zugleich auch als Aktivität der Kommunikation mit propositionalem Gehalt.

Wirkung[Bearbeiten]

Benveniste gilt laut A. C. Graham als der erste Linguist, der die Abhängigkeit der aristotelischen Kategorien von der Struktur der griechischen Sprache behauptete: diese Kategorien gebe es nicht in der Realität, sondern seien eine Projektion bestimmter linguistischer Typologien des Griechischen auf die Realität. Benveniste wies auch auf die besondere Bedeutung des Konzepts ‚Sein‘ in den indoeuropäischen Sprachen hin: nur in diesen Sprachen bedeute die Kopula ‚Sein‘ zugleich auch ‚Existenz‘ und ‚Identität‘ – eine Erkenntnis, die besonders in der Sprachphilosophie Aufmerksamkeit auf sich zog.

Benvenistes Diskurstheorie fand Resonanz in der Sprechakt- und Erzähltheorie, vor allem aber auch in der Literaturtheorie, etwa bei Brooke-Rose, Barthes, Kristeva, Todorov und Harald Weinrich. Terry Eagleton nutzte die histoire-discours-Dichotomie für seine Theorie des politischen Subtexts: énoncé und énonciation versuchten, sich aus politischen Gründen wechselseitig in den Hintergrund zu drängen. Die bisher umfassendste Ausarbeitung des Modells findet sich in der Erzähltheorie Gerard Genettes.

Literatur[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

  • Essai de grammaire sogdienne (Paris 1929)
  • Origines de la formation des noms en indo-européen (Paris 1935)
  • Noms d’agent et noms d’action en indo-européen (Paris 1948)
  • Problèmes de linguistique générale I (Paris 1966)
    • „Probleme der allgemeinen Sprachwissenschaft“, List-Verlag (München 1974)
    • „Probleme der allgemeinen Sprachwissenschaft“, Syndikat Autoren- u. Verl.-Ges. (Frankfurt am Main 1977)
  • Le vocabulaire des institutions indo-européennes (2 Bde., Paris 1969)
  • Problèmes du langage (Paris 1970)
  • Problèmes de linguistique générale II (Paris 1974)

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Phillipe Lejeune: Je est un autre. L'autobiographie et la littérature aux médias. Paris 1980.
  • Beiheft "Polyphonic Linguistics. The Many Voices of Émile Benveniste" zu Semiotica 1981.
  • Terry Eagleton: Literaturtheorie. Eine Einführung. Stuttgart und Weimar ??.
  • É. Gilson: L’être et l’essence. Paris 1948.
  • A. C. Graham: Disputers of the Tao. La Salle 1989.
  • Julia Kristeva: Épistémologie de la linguistique. Hommage Émile Benveniste. Paris 1971.
  • G. Serbat (Hg.): Émile Benveniste aujourd'hui. Paris 1984.

Weblinks[Bearbeiten]