Alf Lüdtke

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Alf Lüdtke (* 18. Oktober 1943 in Dresden) ist Historiker und ein führender deutscher Vertreter der internationalen Forschungsrichtung Alltagsgeschichte. Als seine Forschungsschwerpunkte nennt er: Arbeit als soziale Praxis, zur Verknüpfung von Produktion und Destruktion durch „Arbeit“; Formen des Mitmachens und Hinnehmens in europäischen Diktaturen im 20. Jahrhundert; und vor allem Erinnern und Mahnen, Vergessen und Verdrängen: die Formen der Auseinandersetzung mit Krieg und Genozid in der Neuesten Zeit.

Alf Lüdtke (2008)

Leben[Bearbeiten]

Alf Lüdtke studierte in Tübingen Geschichte, dazu Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie (1965-1972, MA 1974). Er promovierte 1980 an der Universität Konstanz. Lüdtkes Doktorarbeit „Gemeinwohl“, Polizei und „Festungspraxis“ untersuchte die staatliche Gewaltsamkeit Preussens im frühen 19. Jahrhundert. 1988 habilitierte er sich im Fachgebiet Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaft der Universität Hannover, dort lehrte er von 1989 bis 1999 Geschichte. Er wurde 1995 ‚außerplanmäßiger‘ Professor in Hannover und 1999 Professor in Erfurt. Dort ist er seit 2008 Honorarprofessor für Historische Anthropologie.

Ab 1975 war Lüdtke als wissenschaftlicher Referent am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen tätig. 1999 gründete er zusammen mit Hans Medick die Arbeitsstelle für Historische Anthropologie des Max-Planck-Instituts für Geschichte an der Universität Erfurt.

Seit den 1980er-Jahren hatte er regelmäßige Kontakte nach Frankreich und den USA u.a. durch den International Round Table of History and Anthropology. Seit Anfang der 1990er-Jahre war er regelmäßige Gastprofessor am historischen Seminar in Michigan und in Chicago.

Ende der 1990er-Jahre entstanden erste Kontakte zu Südkorea, die sich zu einem regelmäßigen wissenschaftlichen Austausch entwickelten. Seit 2005 nimmt er an den Konferenzen über die diktatorische Beherrschung von Menschenmassen („Mass Dictatorship") am Research Institute on Comparative Culture and History (RICH) in Seoul teil. Von November 2008 bis August 2013 hielt Lüdtke Seminare und Workshops in Südkorea im Rahmen des "World Class University"-Programms der koreanischen National Research Foundation ab.

Seit 2011 ist Lüdtke Mitglied der Arbeitsgruppe "Erfurter RaumZeit-Forschung". Seit 2014 ist Lüdtke Fellow am Internationalen Geisteswissenschaftlichen Kolleg "Arbeit und Lebenslauf in globalgesellschaftlicher Perspektive" der Humboldt-Universität in Berlin.

Alf Lüdtke ist Begründer und Herausgeber der Zeitschriften Sozialwissenschaftliche Informationen (SOWI), Mitbegründer und Mitherausgeber der Zeitschriften Werkstatt Geschichte (Hamburg/Berlin) und Historische Anthropologie. Kultur – Gesellschaft – Alltag.

Er hat Fragestellungen der Soziologie und der Ethnologie und der Anthropologie mit denen der Geschichtswissenschaft verknüpft. Er hat vor allem durch seine Erforschung der Lebenswelten der Industriearbeiter und der sogenannten „kleinen“ Leute Impulse für die deutsche und internationale Geschichtswissenschaft gegeben. Aktuelle Forschungsprojekte von Lüdtke sind "Blockaden und Passagen: Die Grenzübergangsstellen der DDR", Krieg als Arbeit und der aktuelle Stand transnationaler Geschichtsschreibung.

Schriften[Bearbeiten]

Monographien[Bearbeiten]

  • „Gemeinwohl“, Polizei und „Festungspraxis“. Innere Verwaltung und staatliche Gewaltsamkeit in Preußen, 1815-50. (Überarb. Diss.), Göttingen 1982. (Police and State in Prussia, 1815-1850. Cambridge, New York 1989)
  • (Deutscher Textilarbeiterverband, Hauptvorstand/Arbeiterinnensekretariat:) Mein Arbeitstag, mein Wochenende; Arbeiterinnen berichten von ihrem Alltag [Berlin, o.J. (1930?)], A. L. (Hg., Einleitung), Ergebnisse Verlag, Hamburg, 1991. Faksimile.
  • Eigen-Sinn. Fabrikalltag, Arbeitererfahrungen und Politik vom Kaiserreich bis in den Faschismus. Ergebnisse Verlag, Hamburg 1993 (10 Aufsätze).
Enthält u.a.: Lohn, Pausen, Neckereien: ‚‘Eigensinn’ und Politik bei Fabrikarbeitern in Deutschland um 1900, (S. 120-160), Wo blieb die ‚rote Glut‘? Arbeitererfahrungen und deutscher Faschismus (S. 221-282), ‚Ehre der Arbeit‘; Industriearbeiter und die Macht der Symbole, Zur Reichweite symbolischer Orientierung im Nationalsozialismus (S. 283-350) u. d. erw. , überarb. Antrittsvorl. v. 10. Mai 1989: Arbeit, Arbeitserfahrung und Arbeiterpolitik (S. 351-440).
  • Des ouvriers dans l’Allemagne du XXe siècle. Le quotidien des dictatures. Paris 2000.
  • Herausgabe des Aufschreibebuchs von Paul Maik (Arbeiter in der Gußstahlfabrik Krupp in Essen, 1919-1956), vgl. auch Alf Lüdtke: Writing Time – Using Space. The Notebook of a Worker at Krupp´s Steel Mill – an Example from the 1920s, in: Historical Social Research (HSR) vol. 39 (2013), no. 3, S. 216-228.

Sammelbände[Bearbeiten]

  • Alltagsgeschichte. Zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen und Lebensweisen. Frankfurt, 1989 (Histoire du quotidien. Paris 1994. History of Everyday Life. Reconstructing historical experiences and ways of life. Princeton 1995. Ilsangsaran muotinga? Seoul 2002).
  • Herrschaft als soziale Praxis. Historische und sozialanthropologische Studien. Göttingen 1991.
  • Sicherheit und >Wohlfahrt<. Polizei, Gesellschaft und Herrschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main 1992
  • Physische Gewalt. Studien zur Geschichte der Neuzeit. Frankfurt 1995 (mit Thomas Lindenberger).
  • Was bleibt von marxistischen Perspektiven in der Geschichtsforschung ? Göttingen 1997
  • Akten, Eingaben, Schaufenster: Die DDR und ihre Texte. Erkundungen zu Herrschaft und Alltag. Berlin 1997 (mit Peter Becker)
  • Die DDR im Bild. Zum Gebrauch der Fotografie im anderen deutschen Staat. Göttingen 2004 (mit Karin Hartewig).
  • The No Man’s Land of Violence. Extreme Wars in the 20th Century. Göttingen 2006. (mit Bernd Weisbrod).
  • Staats-Gewalt: Ausnahmezustand und Sicherheitsregimes. Historische Perspektiven. Göttingen 2008 (mit Michael Wildt)
  • Gelehrtenleben. Wissenschaftspraxis in der Neuzeit. Köln, Weimar, Wien 2008 (mit Reiner Prass)

Weblinks[Bearbeiten]