Ali al-Sistani

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Ali Sistani

Großajatollah Ali al-Sistani (persisch ‏سیدعلی حسینی سیستانی‎, DMG Seyyed-ʿAlī Ḥosainī Sīstānī; * ungefähr 4. August 1930 in Maschhad, Iran) ist der bedeutendste schiitische Geistliche im heutigen Irak.

Leben[Bearbeiten]

Obwohl Sistani schon in der Regierungszeit Saddam Husseins als Führer der Schiiten galt, stand er bis 2003 meist unter Hausarrest. Als Leiter der theologischen Hochschule von Nadschaf ist er Nachfolger von Großajatollah Abu al-Qasim al-Khoei. Dieser war seit 1970 höchster Würdenträger der Schiiten im Irak; für Iraner galt Ajatollah Ruhollah Chomeini seit der Islamischen Revolution als oberster Würdenträger.

Großajatollah Sistani und die traditionelle islamische Schule von Nadschaf lehnen eine rein religiöse Regierung ab und treten für freie Wahlen ein. Damit steht Nadschaf, das vor Chomeini auch für Iraner das religiöse Zentrum war, im Gegensatz zur iranischen Schule von Qom. Sistani betrachtet das iranische Modell als gescheitert und lehnte auch mehrfach ab, die Leitung islamischer Parteien zu übernehmen, die einen großen Stimmanteil zu erwarten hätten.

Politische Position im heutigen Irak[Bearbeiten]

Am 2. Juni 2004 gab Großajatollah Sistani der neuen Übergangsregierung seinen Segen, nachdem er zuvor noch vorangehende Wahlen gefordert hatte. Die Ernennung der Übergangsregierung sei „ein wichtiger Schritt, um den Weg freizumachen für freie und faire Wahlen, die das Land aus der Krise führen und volle Souveränität herstellen sollen.“

Am 25. August kehrte Sistani unter großem Jubel unmittelbar nach einer Herzoperation aus London in das von US-Truppen belagerte Nadschaf zurück. Sein entschlossenes Einschreiten bewirkte den Rückzug sowohl der Belagerer als auch der islamistischen Widerstandskämpfer und Anhänger von Muqtada as-Sadr, die sich in der Imam-Ali-Moschee verschanzt hatten.

Bei den ersten freien irakischen Wahlen seit Saddam Hussein, die am 30. Januar 2005, stattfanden, unterstützte Sistani das überwiegend schiitische Parteienbündnis Vereinigte Irakische Allianz, das mit 48,2 % der Stimmen als Sieger aus der Wahl hervorgehen sollte, bezog jedoch nicht ausdrücklich Stellung für eine bestimmte Partei.

Einflussnahme über Fatwas[Bearbeiten]

In einer Fatwa wies Sistani (wie auch die Nadschafer Großajatollahs Muḥammad Saʿīd al-Ḥakīm und Muhammad Ishaq Fayadh) die 15 Millionen irakischen Schiiten an, Auseinandersetzungen mit amerikanischen Soldaten und der Zivilverwaltung zu vermeiden, denn eine Zusammenarbeit sei zulässig. Übergriffe gegen ausländische Streitkräfte erklärte er zu terroristischen Handlungen, während sie die Schule von Qom als erwünschten muslimischen Widerstand gegen die nicht muslimischen Besatzer bezeichnet. Wegen seines mäßigenden Einflusses wurde er 2005 von der New York Times für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen[1], 2014 vom Sunday Telegraph[2].

Bekämpfung der Homosexualität[Bearbeiten]

Sistani wird wie sein Widersacher Muqtada as-Sadr beschuldigt, für den Tod von homosexuellen Irakern mitverantwortlich zu sein. Die Londoner Schwulengruppe Iraqi LGBT, die Verbindungen mit Personen im Irak unterhält, berichtete Anfang April 2007 über mehrere Mordfälle, die zu einem signifikanten Anstieg von Asylanfragen in England Anfang des Jahres 2007 führten. Ein Mitglied von Iraqi LGBT hat am 5. Februar 2007 aus dem Hauptquartier des Großajatollahs Todesdrohungen erhalten und erhält seitdem Polizeischutz in London; sein Bruder, der nicht homosexuell war, wurde kurz vor dem 5. Februar 2007 in der irakischen Hauptstadt Bagdad ermordet.

Im Oktober 2005 hatte Sistani eine so genannte Fatwa erlassen, in der der Tod auf möglichst schwere Weise für alle Schwulen und Lesben gefordert wurde. Diese Fatwa gilt als Gründungsaufruf für Todesschwadronen, die den Badr Corps zugerechnet werden. Die Badr Corps sind der militärische Arm des Supreme Council for the Islamic Revolution in Iraq (SCIRI), welcher in der heutigen irakischen Regierung Minister stellt. Im Herbst 2006 wurde die Badr Corps dem irakischen Innenminister unterstellt und sind heute Bestandteil der irakischen Polizei mit Uniform und Polizeigewalt.[3] Obige Fatwa soll Sistani 2006 nach Angriffen auf und Morden an Homosexuellen nach Gesprächen mit einer Irakischen Schwulen- und Lesbenvereinigung (LGBT) zurückgenommen haben[4][5].

ISIL[Bearbeiten]

Angesichts des Vormarsches der ISIL im Irak rief Sistani alle politischen Gruppen auf, sich gegen die Terroristen zu vereinigen. Sistanti drückte außerdem seine Solidarität mit den irakischen Sicherheitskräften aus.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. [1]
  2. [2]
  3. nytimes.com Gays Living in Shadows of New Iraq (abgerufen am 26. Juni 2013)
  4. Navid Kermani im „Spiegel“ Nr. 39 vom 22. September 2014, S. 116 (112-117)
  5. [3]