Altes Zuchthaus Brandenburg an der Havel

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Zur JVA im Stadtteil Görden siehe Justizvollzugsanstalt Brandenburg a. d. Havel.
BW

Das Alte Zuchthaus hat eine wechselhafte Geschichte als Armenhaus, Gefängnis, KZ und Tötungsanstalt hinter sich. Heute ist dort die Stadtverwaltung und eine Gedenkstätte untergebracht. Die Anschrift lautete früher Neuendorfer Straße 90c, die heutige Adresse ist Nicolaiplatz 28.

Geschichte[Bearbeiten]

Die ältesten Gebäude des ehemaligen Zuchthauses stammen aus dem Jahr 1790. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Bau des Königlichen Landarmen- und Invalidenhauses vor den Toren der Stadt auf dem Gelände des Saldrischen Schulgartens, hinter dem Syndikatsgraben, begonnen. Dort sollten 100 invalide Soldaten mit Familie und 300 verarmte Bürger aus der Mark Brandenburg kostenloses Obdach finden. Das Gelände bis zur Unterhavel diente als Garten zur Selbstversorgung. Von 1810 bis 1820 wurden dort auch Gefangene aus dem überfüllten Gefängnis in Spandau untergebracht.[1] 1820 wurde es zu einer preußischen Strafanstalt umgebaut und das Gelände mit einer hohen Ziegelmauer umfasst. 1896–1898 umfassende Erweiterung mit Umbau des Hauptgebäudes. 1920 und 1923 kam es zu Revolten der Gefängnisinsassen wegen Kürzungen der Verpflegungsrationen, die blutig niedergeschlagen wurden. Die Haftanstalt war zu dieser Zeit mit bis zu 700 Insassen bei einer Planbelegungsstärke von 200–300 erheblich überbelegt. Teilweise waren mehr als die Hälfte der Insassen verurteilte Teilnehmer der Arbeiteraufstände 1919/20.[2] Aufgrund katastrophaler hygienischer Zustände wurde 1931 ein neues Zuchthaus im Stadtteil Görden gebaut und die alte Strafanstalt zunächst geschlossen.[3][4]. Ein Teil der Gebäude ist im Zweiten Weltkrieg zerstört worden (Kirche, Lazarettgebäude, Pförtnerhaus, ein Drittel des Haupthauses). Die zerstörten Gebäude wurden 1954 zusammen mit dem sog. Arbeits- und Schlafzellengebäuden abgerissen, an deren Stelle wurden Baracken für die Stadtverwaltung errichtet. In dem erhaltenen Teil des Hauptgebäudes (1954/55 und 1980er Jahre renoviert und umgebaut) ist die Stadtverwaltung untergebracht. Die ursprüngliche Fassadengliederung wurde entfernt. Im ehemaligen Direktorenhaus (einstöckiges Gebäude mit Satteldach, südöstlich Richtung Havel gelegen, um 1900 errichtet) befindet sich eine Kindertagesstätte, in der ehemaligen Werkstatt eine Gedenkstätte.[2][5]

Nutzung als Konzentrationslager 1933–1934[Bearbeiten]

Das Zuchthaus wurde von August 1933 bis Februar 1934 als eines der sogenannten „frühen Konzentrationslager“, genutzt. (siehe auch diese Liste)

Die Brandenburger Polizeiverwaltung schlug dem Potsdamer Regierungspräsidenten Ernst Fromm am 26. Mai 1933 die Errichtung eines Konzentrationslagers im alten Zuchthaus vor, da im neuen Zuchthaus, welches eine maximale Kapazität von 600 Häftlingen hatte, innerhalb weniger Tage 150 bis 200 Personen inhaftiert worden waren und somit Überfüllung drohte.

Rückseite eines Briefes aus dem KZ Brandenburg mit Stempel Lagerkommandant
Brief der Lagerkommandantur aus dem KZ Brandenburg

Im August 1933 wurde das KZ von der Polizeischule Brandenburg eingerichtet, dessen Direktor es nominell auch unterstand. Am 15. August wurde vom KZ Oranienburg eine Lagerordnung und Dienstvorschriften für das Wachpersonal angefordert. Der Brandenburger Magistrat stimmte dem Aufbau des KZ am 16. August unter dem Vorbehalt zu, dass es sich um eine temporäre Lösung handeln solle. Die Bewachung wurde der SS übertragen, deren Mannschaft von Hauptsturmführer Fritz Tank kommandiert wurde. Dieser war faktisch auch Kommandant des Lagers, da ihm vom Direktor der Polizeischule freie Hand gelassen wurde.[6]

Am 24. August 1933 traf ein erster Transport von 90 Häftlingen im KZ Brandenburg ein. In den folgenden Wochen erhöhte sich die Belegungsstärke auf 1000 bis 1200 Gefangene. Im Rahmen der Zentralisierungsbestrebungen zur Vereinheitlichung des Konzentrationslagerwesens in Preußen wurde das KZ Brandenburg per Erlass Ludwig Grauerts vom 14. Oktober 1933 neben den Lagern Lichtenburg, Papenburg und Sonnenburg als staatliches Konzentrationslager anerkannt.

Die Lebensbedingungen der Häftlinge waren durch katastrophale sanitäre Zustände (die ja zur Schließung als Gefängnis führten), Schikanen und Misshandlungen durch das Wachpersonal geprägt. Mindestens drei Häftlinge (die kommunistische Stadtverordnete Gertrud Piter, sowie die Kommunisten Otto Ganzer und Georg Ziersch) wurden zu Tode gefoltert.

Zu Weihnachten 1933 wurden zwischen 300 und 500 Häftlinge entlassen, am 31. Januar 1934 wurde das KZ aufgelöst und die restlichen Häftlinge in die Konzentrationslager Lichtenburg, Papenburg und Oranienburg verlegt.[7] Die letzten Transporte verließen das KZ Brandenburg am 2. Februar 1934.

Dr. T. Neubauer (links); DDR-Briefmarke 1970

Bekannte Häftlinge[Bearbeiten]

  • Kurt Hiller (1885–1972), Schriftsteller und Publizist
  • Werner Hirsch (1899–1941), kommunistischer Funktionär und Sekretär Ernst Thälmanns
  • Siegbert Kahn (1909–1976), kommunistischer Funktionär, später Direktor des Deutschen Wirtschaftsinstituts der DDR
  • Ferdinand Kobitzki (1890–1944), deutscher Gewerkschaftsführer
  • Hans Litten (1903–1938), Rechtsanwalt
  • Bruno Lösche (1898–1963), deutscher Politiker (SPD)
  • Erich Mühsam (1878–1934), Schriftsteller
  • Theodor Neubauer (1890–1945), Reichstagsabgeordneter (KPD)
  • Fritz Ohlig (1902–1971), deutscher Politiker und späterer Abgeordneter des Bundestages (SPD)
  • Georg Wendt (1889–1948), Reichstagsabgeordneter (SPD)

Nutzung als Tötungsanstalt 1939–1940[Bearbeiten]

Die Tötungsanstalt Brandenburg (die eigentliche Funktion verschleiernd amtlich als „Landes-Pflegeanstalt Brandenburg a. H.“ bezeichnet) wurde als zweite Anstalt nach Grafeneck als „Euthanasie“-Anstalt der Aktion T4 eingerichtet.

Bereits im Januar 1940 war die Tötung von Menschen durch Kohlenstoffmonoxid in Brandenburg a.d. Havel erprobt worden.[8] Unter den fünfzehn Beobachtern dieser „Probevergasung“ befanden sich fast die gesamte Leitungsebene der T4-Zentrale (u.a. Philipp Bouhler und Karl Brandt), Verbindungsmänner zum Reichsministerium des Inneren, Mitarbeiter des Kriminaltechnischen Instituts, der Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti und Irmfried Eberl, der spätere Leiter der Tötungsanstalt.[9][10]

Ab Februar begann die planmäßige Tötung. Bis zum Oktober 1940 sind mehr als 9000 psychisch Kranke und geistig Behinderte aus Nord- und Mitteldeutschland in der Gaskammer ermordet worden. Die Gaskammern waren als Duschen getarnt. Unter den Opfern befanden sich auch Kinder und jüdische Patienten.

Die Opfer waren zuvor in Heil- und Pflegeanstalten „zusammengezogen“ worden. Von dort waren zum Beispiel am 27. September 1940 158 Juden aus Norddeutschland von Wunstorf nach Brandenburg deportiert worden. Sie waren zur vorgeblichen „Verlegung“ in eine Nervenheilanstalt in Cholm bei Lublin vorgesehen. Dieser Ort existiert, aber es gab dort nie eine derartige Anstalt.

Die Verbrennungsöfen zur Beseitigung der Leichen befanden sich zunächst auf dem Gelände der Anstalt. Sie wurden später auf einen alleinstehenden Hof bei Paterdamm (südöstlich der Stadt) umgesetzt.

Im Oktober 1940 wurde die Brandenburger Anstalt mit dem gesamten Personal in die neu eingerichtete Tötungsanstalt Bernburg verlegt.

Von der Anstaltsscheune, die als Gaskammer verwendet wurde, ist nur noch die Rückwand erhalten, die heute den südwestlichen Abschluss des Geländes darstellt. 1963 wurde eine Gedenktafel aus Bronze, von Albert Threyne gestaltet, eingeweiht. Sie ist an einer Mauer angebracht, die jetzt das Gelände zur Neuendorfer Straße hin abschließt.[5]

Opferzahlen[Bearbeiten]

Nach einer Ende 1942 verfertigten und 1945 aufgefunden Aufstellung, der sogenannten Hartheimer Statistik, wurden in der Tötungsanstalt Brandenburg im Jahre 1940 insgesamt 9.772 Menschen ermordet.[11]

1940 Feb. März April Mai Juni Juli Aug. Sept. Okt. Summe
105 495 477 974 1431 1529 1419 1382 1177 9972

Diese Statistik umfasst lediglich die erste Mordphase der Aktion T4, die auf eine Anordnung Hitlers hin mit dem Datum 24. August 1941 abgeschlossen wurde.

Tötungsärzte[Bearbeiten]

Die T4-Organisatoren Viktor Brack und Werner Heyde ordneten an, dass die Tötung der Kranken ausschließlich durch das ärztliche Personal erfolgen durfte,[12] da sich das Ermächtigungsschreiben Hitlers vom 1. September 1939 nur auf Ärzte bezog. In den Tötungsanstalten öffneten in der Regel Ärzte die Ventile der Gasflaschen und stellten anschließend den Tod fest.[13] Allerdings kam es im Laufe der Aktion auch vor, dass bei Abwesenheit der Ärzte oder aus sonstigen Gründen, der Gashahn auch vom nichtärztlichen Personal bedient wurde. Alle Ärzte traten im Schriftverkehr nach außen nicht mit ihrem richtigen Namen auf, sondern verwendeten Tarnnamen. In Brandenburg waren als Tötungsärzte tätig:

  • Leiter: Irmfried Eberl („Dr. Schneider“): 1. Februar bis November 1940
  • Stellvertreter: Aquilin Ullrich („Dr. Schmitt“): 15. März bis November 1940
  • Stellvertreter: Heinrich Bunke („Dr. Rieper“): August bis November 1940

Gedenkstätte[Bearbeiten]

Am 17. August 2012 wurde im ehemaligen Werkstattgebäude des „Alten Zuchthauses“ eine Gedenkstätte in Trägerschaft der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, als letzte Einrichtung nach den schon bestehenden Erinnerungsorten in den Tötungsanstalten Bernburg, Grafeneck, Hadamar, Hartheim und Pirna-Sonnenstein eröffnet. Im Zuchthausgebäude selber nutzt die Stiftung Räume als Archiv und zur Schulung. Ebenso ist dort die Projektwerkstatt „Robert Havemann“ untergebracht.[14]

Literatur[Bearbeiten]

KZ, Tötungsanstalt[Bearbeiten]

  • Johannes Tuchel: Konzentrationslager. Organisationsgeschichte und Funktion der„Inspektion der Konzentrationslager“ 1934–1938., Boppard, 1991.
  • Volker Bendig: „Von allen Höllen vielleicht die grausamste“ Das Konzentrationslager in Brandenburg an der Havel 1933–1934 in: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Instrumentarium der Macht, Band 3 der Reihe Frühe Konzentrationslager 1933–1937 Berlin: Metropol, 2003, S. 103–109.
  • Ernst Klee: „Euthanasie“ im NS-Staat. Die Vernichtung lebensunwerten Lebens. Fi-TB 4326, Frankfurt/M. 1985, ISBN 3-596-24326-2 (Probevergasung, Hungerkost)
  • Ernst Klee (Hrsg.): Dokumente zur „Euthanasie“. Fi-TB 4327, Frankfurt/M. 1985, ISBN 3-596-24327-0
  • Astrid Ley: Der Beginn des NS-Krankenmords in Brandenburg an der Havel. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 58, 2010, S. 327
  • Astrid Ley, Annette Hinz-Wessels (Hrsg.): Die Euthanasie-Anstalt Brandenburg an der Havel. Morde an Kranken und Behinderten im Nationalsozialismus. Metropol, Berlin 2012, ISBN 978-3-86331-085-1
    • In Englisch: The “Euthanasia Institution” of Brandenburg an der Havel. Murder of the ill and handicapped during National Socialism. ISBN 978-3-86331-086-8

Weitere Literaturhinweise siehe Hauptartikel: Die Euthanasiemorde in der NS-Zeit oder Aktion T4

Baugeschichte[Bearbeiten]

  •  Harald Bodenschatz, Carsten Seifert: Stadtbaukunst in Brandenburg an der Havel : vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Transit, Berlin 1992, DNB 931831695.

Weblinks[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Astrid Ley / Annette Hinz-Wessels (Hrsg.): Die Euthanasie-Anstalt Brandenburg an der Havel. Morde an Kranken und Behinderten im Nationalsozialismus, Metropol-Verlag Berlin 2012
  2. a b 15 Jahre FH Brandenburg Hrsg. Rainer Janisch. FH Brandenburg, Brandenburg a.d. Havel 2007
  3. Geschichte des Gebäudes
  4. Ernst Klee, „Euthanasie“ im NS-Staat. Die Vernichtung lebensunwerten Lebens., Fischer-Taschenbuch Nr. 4326, Frankfurt/M. 1985, ISBN 3-596-24326-2 S.126.
  5. a b  Marie-Luise Buchinger: Stadt Brandenburg an der Havel, Teil 2: Äußere Stadtteile und eingemeindete Orte. In: Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege, im Auftrag des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg (Hrsg.): Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland – Denkmale in Brandenburg. Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms am Rhein 1995, S. 141ff., DNB 1025345371.
  6. Volker Bendig: „Von allen Höllen vielleicht die grausamste“ Das Konzentrationslager in Brandenburg an der Havel 1933–1934 in: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Instrumentarium der Macht, Band 3 der Reihe Frühe Konzentrationslager 1933–1937 Berlin: Metropol, 2003, S. 68ff
  7. Brandenburger Anzeiger vom 2. Februar 1934. Nr. 28, 125. Jahrgang
  8. Der oft genannte Tag 18. Januar ist umstritten – siehe Astrid Ley: Der Beginn des NS-Krankenmords in Brandenburg an der Havel. Zur Bedeutung der 'Brandenburger Probetötung' für die 'Aktion T4'. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 58 (2010), S. 326–327
  9. Astrid Ley: Die ‚Erfindung‘ einer Mordmethode, die ‚Probevergasung‘ und der Krankenmord in Brandenburg/Havel. In: Günther Morsch, Bertrand Perz: Neue Studien zu nationalsozialistischen Massentötungen durch Giftgas. Berlin 2011, ISBN 978-3-940938-99-2, S. 94/95.
  10.  Norbert Jachertz: 9000 Opfer, 8000 Namen. In: Deutsches Ärzteblatt. 109, Nr. 46, 2012, S. A2319 (PDF-Artikel, abgerufen am 26. November 2012).
  11. Ernst Klee (Hrsg.): Dokumente zur „Euthanasie“. Fischer Taschenbuch Nr. 4327, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-596-24327-0, Dok. 87, S. 232 / Henry Friedlander: Der Weg zum NS-Genozid. Von der Euthanasie zur Endlösung. Berlin 1997, ISBN 3-8270-0265-6, S. 190, gibt ebenfalls die Zahl 9.772 an.
  12. Ernst Klee: ‚Euthanasie‘ im Dritten Reich, vollst. überarb. Neuausgabe Frankfurt/M. 2010, ISBN 978-3-596-18674-7, S. 145.
  13. Beiträge mehrerer Verfasser in: Günther Morsch, Bertrand Perz: Neue Studien zu nationalsozialistischen Massentötungen durch Giftgas. Berlin 2011, ISBN 978-3-940938-99-2, S. 98, S. 105, S. 113, S. 115.
  14. Seite der Stiftung

52.41070812.550555Koordinaten: 52° 24′ 38,5″ N, 12° 33′ 2″ O