Anxiolytikum

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Anxiolytikum bedeutet wörtlich Angst(auf)löser. Synonym verwendet werden die Begriffe Ataraktikum („Beruhigungsmittel“) oder minor tranquilizer (engl. für „schwaches Beruhigungsmittel“). Es beschreibt Medikamente, die zur Anxiolyse eingesetzt werden, also dazu, übermäßige oder pathologische Ängste zu verringern. Die Hauptgruppe der Anxiolytika stellen die Benzodiazepine dar, deren wesentliche Nebenwirkung der gezielte Missbrauch und die unter Umständen schnelle und teilweise starke Suchtentwicklung darstellt. In Deutschland werden daher ersatzweise eher Anxiolytika anderer Wirkstoffklassen verordnet.

Wirkstoffgruppen[Bearbeiten]

Benzodiazepine[Bearbeiten]

Benzodiazepine sind effektive Arzneimittel mit schnellem Wirkungseintritt. Obwohl ihr Nebenwirkungsprofil in der Regel eher unkritisch ist, besteht bei ihnen stets die Gefahr einer schnellen und teilweise sehr starken Suchtentwicklung.[1] Benzodiazepine werden daher in der Regel nur kurzfristig eingesetzt, etwa zur Behandlung von Panikattacken oder als Bedarfsmedikation bei schweren psychischen Grunderkrankungen. Ein weiteres Problem beim Einsatz von Benzodiazepinen sind Rebound-Phänomene beim Absetzen nach längerer Einnahme.[2]

Zu den Benzodiazepinen gehören unter anderem:

H1-Antihistaminika[Bearbeiten]

Einige ältere Antihistaminika der ersten Generation (Histamin H1-Rezeptor Antagonisten) haben auch sedierende oder angstlösende Wirkungen und werden für diese Zwecke eingesetzt. Sie zeichnen sich, wie auch die Benzodiazepine, durch einen schnellen Wirkungseintritt aus, jedoch ohne die Gefahr einer körperlichen Suchtentwicklung. Allerdings zeigen sedierende Antihistaminika gegenüber den Benzodiazepinen ein etwas schlechteres Nebenwirkungsprofil aufgrund ihrer ausgeprägt anticholinergen Wirkungen.[3] Daher wird der Einsatz dieser Wirkstoffklasse bei Senioren über 65 Jahre von einigen Autoren kritisch bewertet. Bekanntester Wirkstoff dieser Gruppe ist Hydroxyzin.[4]

Antidepressiva[Bearbeiten]

Häufig werden zur langfristigen Behandlung bei Angststörungen Antidepressiva eingesetzt. Diese benötigen mehrere Wochen der Einnahme, bis sie eine ausreichende Wirksamkeit zeigen. Zur kurzfristigen Behandlung oder zum punktuellen Einsatz bei Panikattacken sind sie daher ungeeignet. Man unterscheidet die Antidepressiva in die älteren trizyklischen Wirkstoffe und die moderneren selektiven Serotoninwiederaufnahmehemmer. Diese Antidepressiva besitzen in der Regel kein körperliches Suchtpotential, jedoch kann das so genannte SSRI-Absetzsyndrom auftreten.[5]

Neuroleptika[Bearbeiten]

So genannte niederpotente Neuroleptika können auch zur Anxiolyse eingesetzt werden. Diese Wirkstoffe gelten bei Angsterkrankungen aufgrund ihrer potentiellen Nebenwirkungen im Normalfall als Mittel der zweiten Wahl. Jedoch können sie bei ausgeprägten Angstsymptomen im Rahmen schwerer psychischer oder körperlicher Erkrankungen Mittel der ersten Wahl sein. Bekannte angstlösende Substanzen aus dieser Gruppe sind Promethazin, Melperon und Pipamperon.[6]

Sonstige Arzneistoffe[Bearbeiten]

Bei Angststörungen kommen des Weiteren zum Einsatz:

  • Buspiron - Wirkungseintritt nach einigen Wochen. Körperliche Sucht in der Literatur nicht beschrieben.[7]
  • Opipramol - Wirkungseintritt nach einigen Tagen. Körperliche Sucht unwahrscheinlich, jedoch Absetzphänomene möglich nach langfristiger und/oder hochdosierter Einnahme möglich.[8]
  • Pregabalin - Schneller Wirkungseintritt nach einigen Tagen.[9] Körperliches Suchtpotential wahrscheinlich, Ausmaß bislang unbekannt.[10]

Pflanzliche Arzneimittel[Bearbeiten]

Die Pflanzenheilkunde und die Volksmedizin kennt ebenfalls einige angstlösende Substanzen.[11] Zu diesen zählen unter anderem:

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lader M, Tylee A, Donoghue J (2009). "Withdrawing benzodiazepines in primary care". CNS Drugs 23 (1): 19–34
  2. Gelder, M, Mayou, R. and Geddes, J.: Psychiatry. 3rd ed. New York: Oxford, 2005
  3. Otto Benkert: Psychopharmaka: Medikamente, Wirkung, Risiken. 5. Auflage. München, 2009.
  4. Borwin Bandelow, ‎Stefan Bleich, ‎Stefan Kropp: Handbuch Psychopharmaka. 3. vollständig überarbeitete Auflage. Göttingen 2012
  5. Klaus Mohr, Heinz Lüllmann: Pharmakologie und Toxikologie: Arzneimittelwirkungen verstehen - Medikamente gezielt einsetzen. 17. Auflage. Thieme 2010
  6. Borwin Bandelow, ‎Stefan Bleich, ‎Stefan Kropp: Handbuch Psychopharmaka. 3. vollständig überarbeitete Auflage. Göttingen 2012
  7. Gerd Laux,Hans-Jürgen Möller: Memorix Psychiatrie und Psychotherapie. 2. aktualisierte Auflage. Thieme, 2011
  8. Borwin Bandelow, ‎Stefan Bleich, ‎Stefan Kropp: Handbuch Psychopharmaka. 3. vollständig überarbeitete Auflage. Göttingen 2012
  9. Owen, RT. (Sep 2007). "Pregabalin: its efficacy, safety and tolerability profile in generalized anxiety". Drugs Today (Barc) 43 (9): 601–10
  10. Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft: Abhängigkeitspotenzial von Pregabalin (Lyrica®) (Aus der UAW-Datenbank), Deutsches Ärzteblatt, Jg. 108, Heft 4, 28. Januar 2011, Abgerufen am 16. November 2014
  11. Dieter Melchart: Naturheilverfahren: Leitfaden für die ärztliche Aus-, Fort- und Weiterbildung. Studienausgabe. 1. Nachdruck. Stuttgart, 2008.
Gesundheitshinweis Dieser Artikel bietet einen allgemeinen Überblick zu einem Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu diese Hinweise zu Gesundheitsthemen beachten!