Aufstand von Brașov

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Der Aufstand von Brașov am 15. November 1987 war ein Aufstand von circa 20.000 Arbeitern in der Stadt Brașov (deutsch Kronstadt) und richtete sich gegen die Wirtschaftspolitik von Nicolae Ceaușescu im kommunistisch strukturierten Rumänien.

Politische Situation[Bearbeiten]

Das im Südosten Siebenbürgens gelegene Brașov war die industriell höchstentwickelte Stadt Rumäniens, über 61 Prozent der Arbeitskräfte der Stadt arbeiteten in der dortigen Industrie. In den 1960er Jahren hatte die Regierung hier moldauische Bauern angesiedelt, woraus sich mit anderen Ortsansässigen eine qualifizierte Arbeiterschaft entwickelt hatte. Die Arbeitnehmer der Stadt spürten daher den industriellen Niedergang Osteuropas Mitte der 1980er Jahre besonders stark.

Mit Nicolae Ceaușescus drakonischen Plänen zum Schuldenabbau ab Anfang 1982 wurden für Lebensmittelproduktion und -verteilung bestimmte Gelder zur Zahlung von Schulden im Westen umgeleitet. In der Folge wurden die wichtigsten Lebensmittel und Konsumgüter rationiert, was zu langen Warteschlangen für die meisten Grundnahrungsmittel führte.

Hinzu kamen weitere Ziele wie die Reduzierung des Energieverbrauchs und der Arbeitslöhne, die zu großer Unzufriedenheit in der Bevölkerung führten. Bereits im November 1986 kam es zu einem Aufstand in Cluj-Napoca sowie im Februar 1987 in Nicolina bei Iași. In diesem Klima einer wirtschaftlichen Depression mit Energie- und Nahrungsmittelknappheit brach am 15. November 1987 der Aufstand von Brașov aus.

Ablauf des Aufstandes[Bearbeiten]

Der Aufstand begann am Morgen des 15. November, einem Sonntag, im Lastkraftwagen-Kombinat Intreprinderea Autocamionul Brașov (I.A.Bv.) Steagul Roșu (deutsch Rote Fahne). Die Parteifunktionäre hatten geplant, dass die Arbeiter der Nachtschicht zum Schichtende anstatt nach Hause zu gehen geschlossen ihre Stimme zur Volksratwahl abgeben.

Die Proteste hiergegen steigerten sich schnell zu einer Demonstration gegen die Firmenleitung und das Regime. Mehr als 1500 Arbeiter, ohnehin wegen bevorstehender Lohnkürzungen und der geplanten Abschaffung von 15.000 Arbeitsplätzen in der Stadt erbost, marschierten Richtung Innenstadt und bekamen auf dem Weg Zulauf von allen Seiten. Die Ortspolizei hielt den Zug zunächst für eine Pro-Ceaușescu-Demonstration und griff nicht ein, da sich Nicolae Ceaușescu zu dieser Zeit zwecks Stimmabgabe in der Stadt aufhielt.

Die Demonstranten forderten erst lautstark Lohnerhöhungen, dann riefen sie Parolen wie Nieder mit Ceaușescu!, Nieder mit dem Kommunismus! und sangen patriotische Lieder aus der Zeit der Rumänischen Revolution von 1848 wie Nieder mit der Diktatur und Wir wollen Brot. Mehr als 20.000 Arbeitnehmer aus den Traktorenfabrik Hidromecanica und eine Reihe von anderen Bewohnern Brașovs schlossen sich dem Marsch an.

4000 Menschen besetzten und plünderten darauf das Rathaus und die Parteibüros. Die Demonstranten waren besonders verärgert über die festlich vorbereiteten offiziellen Gebäude, die zur Feier des anstehenden Wahlsieges mit reichlich Lebensmitteln ausgestattet waren, zu Zeiten eines Sparprogramms und einer Nahrungsmittelknappheit, die Rumänien den vierten Hungerwinter in Folge beschert hatte. Auf dem Stadtplatz wurde ein großes Feuer aus Parteiunterlagen, Propagandamaterialien und Ceaușescu-Porträts entfacht, welches noch nach Stunden brannte.

Die Polizei und Kräfte der Securitate konnten erst nach sechs Stunden in der Abenddämmerung, von Schützenpanzern der Armee unterstützt, die Revolte mit Tränengas und Wasserwerfern niederschlagen. Die Nachricht über die Unruhen verbreitete sich im Land erst später, und als Radio Free Europe hierzu berichtete, war es für ein Überspringen des Funkens auf andere Städte bereits zu spät. Obwohl es keine Todesopfer zu beklagen gab, wurden rund 300 Protestierende (andere Quellen sprechen von etwa „400 Rädelsführern“) verhaftet, wovon nach inoffiziellen Berichten ungefähr die Hälfte der deutschen Minderheit angehört haben sollen. Aus Furcht vor weiteren Aufständen wurden die Häftlinge in Gefängnisse nach Bukarest verbracht. Erst Wochen später, als die Repressionen voll durchgriffen, wurde kurz über den Aufstand als „Vandalismus“ und sogenannte „isolierte Fälle von Rowdytum“ berichtet, was relativ milde Haftstrafen von nicht mehr als zwei Jahren nach sich zog. Nach 1990 konnten bis zu 100 Verurteilungen zu Gefängnishaft festgestellt werden, andere Teilnehmer wurden gewaltsam in andere Städte des Landes wie Filiași, Târgoviște, Brăila oder Bârlad umgesiedelt, wo sie unter der Überwachung der Sicherheitsorgane und der örtlichen Miliz standen. Einige Teilnehmer des Aufstandes blieben nach ihren Verhaftungen verschollen.

Folgen[Bearbeiten]

Obwohl der Aufstand von Brașov nicht unmittelbar zu einer Revolution führte, war er ein schwerer Schlag gegen das Ceaușescu-Regime. Der Historiker Dennis Deletant bezeichnete die Revolte als von „Ceaușescu ignorierte Warnzeichen über die wachsende Unzufriedenheit in der Arbeiterschaft“ und kritisiert „sein blindes Voranstürzen mit den gleichen wirtschaftlichen Massnahmen, scheinbar gleichgültig gegenüber deren Folgen“. Die Ereignisse warfen ihre Schatten auf die Rumänische Revolution 1989 voraus, die zwei Jahre später zum Sturz und zur Hinrichtung Nicolae Ceaușescus und seiner Frau Elena sowie zum Ende des realsozialistischen Systems in Rumänien führte.

Literatur[Bearbeiten]

In englischer Sprache:

  • Thomas J. Keil: The State and Labor Conflict in Post-Revolutionary Romania. Radical History Review, Issue 82 (Winter 2002), S. 9−36.
  • Timur Kuran: Now Out of Never: The Element of Surprise in the East European Revolution of 1989. In: World Politics. Vol. 44, No. 1. (Oktober 1991), S. 7−48.
  • Daniel Nelson: The Worker and Political Alienation in Communist Europe. In: Polity Journal. Vol. 10, No.3, 1978, S. 1−12.
  • Vladimir Socor: The Workers' Protest in Brașov: Assessment and Aftermath. In: Romania Background Report 231. Radio Free Europe Research, 4. Dezember 1987, S. 3−10.

In rumänischer Sprache:

  • Ruxandra Cesereanu: Decembrie '89. Deconstrucția unei revoluții. Ediția a II-a revăzută și adăugită, Editura Polirom, 2009, ISBN 978-973-46-1263-5, S. 23−43.
  • Marius Oprea, Stejărel Olaru: Ziua care nu se uită. 15 noiembrie 1987, Brașov. Editura Polirom, 2002, ISBN 973-681-136-0.

Weblinks[Bearbeiten]