Böhmische Brüder

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Gesangbuch der Böhmischen Brüder, 1561

Böhmische Brüder (auch Mährische Brüder, tschechisch: ‚Jednota bratrská‘) waren eine religiöse Gemeinschaft, die im 15. und 16. Jahrhundert insbesondere in Böhmen auftrat und sich aus Mitgliedern der Taboriten und Waldenser bildete. Kennzeichen der Böhmischen Brüder in Lehre und Lebensweise waren eine am Urchristentum orientierte religiöse Auffassung, Kirchenzucht, die Verweigerung der Leistung von Kriegsdienst und Eid sowie die Ablehnung, öffentliche Ämter zu bekleiden.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Anfänge der Böhmischen Brüder gehen auf Petr Chelčický zurück, dessen Anhänger auch Petr Chelčický-Brüder genannt wurden. Obwohl er Laie war, gewann Chelčický als bedeutender Denker auf dem Gebiet der Theologie großen Zuspruch aufgrund seines Plädoyers für freiwillige Armut. König Georg von Podiebrad übergab seiner Anhängerschaft, den Petr Chelčický-Brüdern, 1457 das Gut Kunwald als Wohnsitz. Trotz mancher Verfolgung wuchs die Zahl der Anhänger weiter an, sodass diese 1467 auf einer Versammlung in Lhotka bei Reichenau beschloss, sich eine Ordnung gemäß apostolischem Vorbild zu geben. Durch Los wurden drei Priester aus der Mitte der Versammlung gewählt; einer von diesen, Matthias von Kunwald, wurde Bischof. Ihre Weihe erfolgte durch den Bischof Michael von Žamberk, der vorher seinerseits von einem Waldenserbischof geweiht worden war.

Gegen die Vertreter der strengen Grundsätze richtete sich bald eine Gruppe, die mildere Elemente einführen wollte, die sogenannte Brüderunität (Unitas fratrum). Auf der Synode zu Reichenau 1494 kam diese Gruppe unter Lukas von Prag an die Macht, der zweiter Begründer der Bruderschaft war. Bis zu seinem Tod am 11. Dezember 1528 übte er großen Einfluss auf die Bruderschaft aus. Statt eines Bischofs bestand die oberste Leitung der Bruderunität aus einem Rat von vier Senioren.

Die strengere Gemeinschaft bestand unter dem Namen Amositen (oder auch Kleinere Partei) noch etwa 50 Jahre weiter neben der Bruderunität.

Weder die friedlichen Bekehrungsversuche der Dominikaner um 1500 noch die blutigen Verfolgungen durch König Wladislaw II. (1503–1516) führten die Brüder zur Katholischen Kirche zurück. Auch Martin Luther, der mehrfach mit ihnen verhandelte, konnte sie nicht auf seine Seite ziehen, da sie auf dem Zölibat des Klerus, den sieben Sakramenten und der eucharistischen Lehre nach katholischem Glauben und apostolischer Tradition bestanden.

Nach dem Tod Lukas' verloren die Brüder jedoch mehr und mehr ihren eigentümlichen Charakter und wandten sich, um weitere Anerkennung zu gewinnen oder wenigstens geduldet zu werden, erst der lutherischen und später der reformierten Lehre zu. 1548 mussten viele Brüder infolge der erneuten Verfolgung durch Böhmen nach Polen und ins Herzogtum Preußen auswandern.

Im Jahr 1557 wurde auf der Synode der Kirche der Böhmischen Brüder in Sležany in Mähren die polnische Provinz der Unität eingerichtet, als dritte nach der mährischen und der böhmischen. Sie umfasste auch die Brüdergemeinden im Herzogtum Preußen. Georg Israel wurde zum ersten Bischof (Senior) dieser Provinz, sowie zum Richter für ganz Polen gewählt. Damit war er für die Leitung der polnischen Gemeinden zuständig. Unter seiner Führung erlebte die Unität in Polen einen starken Aufschwung. 1570 schlossen die Böhmischen Brüder in Polen mit den Lutheranern und den Reformierten den Consensus von Sandomir, durch den sie 1573 in den „Dissidentenfrieden“ der Konföderation von Warschau einbezogen wurden.

Auch in Böhmen erreichte man die Duldung durch die Confessio Bohemica im Jahr 1575, die einen Vergleich der Brüder mit den Lutheranern, den Reformierten und den Calixtinern darstellt. Aufgrund dieser Confessio stellte Kaiser Rudolf II. 1609 den Majestätsbrief aus.

Während des Dreißigjährigen Krieges wurden die Brüder in Böhmen fast vollständig vernichtet, sie konnten sich nur noch heimlich versammeln. Ihr Bischof Johann Amos Comenius musste 1628 seine Heimat verlassen.

Als Brüdergemeine erlebten sie später in Herrnhut unter Nikolaus Ludwig von Zinzendorf eine zweite Blüte, einige von ihnen siedelten sich 1737 bei Berlin in Böhmisch Rixdorf an. Vereinzelt kamen die Böhmischen Brüder auch unter Joseph II. wieder zum Vorschein, mussten sich aber zu einer der beiden ausschließlich geduldeten evangelischen Konfessionen bekennen: der Augsburgischen (lutherischen) oder der Helvetischen (reformierten). In der Tradition der Böhmischen Brüder verwurzelt, versteht sich auch die 1918 aus der Union der reformierten und lutherischen Gemeinden in Böhmen und Mähren hervorgegangene Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder.

Die 1501 wohl in Prag erschienene geistliche Liedersammlung, die lange Zeit als erstes Gesangbuch der Böhmischen Brüder galt, gehört eher in den Umkreis der Utraquisten.

Literatur[Bearbeiten]

  • Ludwig Keller: Die Böhmischen Brüder und ihre Vorläufer. Leipzig (1894)
  • Joseph Th. Müller: Geschichte der böhmischen Brüder. 3 Bände. Herrnhut 1922–1931
  • J. Müller: Die Gemeinde-Verfassung der böhmischen Brüder in ihren Grundzügen. In: Monatshefte der Comenius-Gesellschaft 5 (1896)
  • Quellen und Untersuchungen zur Geschichte der Böhmischen Brüder. Hrsg. von Jaroslav Goll. 2 Bände. Prag 1878–1882.
  • Rudolf Rícan: Die Böhmischen Brüder. Ihr Ursprung und ihre Geschichte. Mit einem Kapitel über die Theologie der Brüder von Amedeo Molnár. Berlin 1961.
  • Jan Kouba: Der älteste Gesangbuchdruck von 1501 in Böhmen. In: Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie 13 (1968), S. 78–112.
  • Irmgard Scheitler: Der Beitrag der böhmischen Länder zur Entwicklung des Gesangbuchs und des deutschen geistlichen Liedgesangs (1500–1620). In: Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie 38 (1999), S. 157–190.

Weblinks[Bearbeiten]