Behindertenbewegung

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Die Behindertenbewegung ist eine soziale Bewegung behinderter Menschen, die ihre Interessen selbst wahrnehmen wollen. Dabei wollen sie auch die Gesellschaft für behindertenspezifische Bedürfnisse sensibilisieren, das Selbstverständnis behinderter Menschen stärken und damit die Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft langfristig verhindern. Ob vollständige Integration ein Ziel der Behindertenbewegung sein sollte, ist innerhalb der Gruppen umstritten. In der Bundesrepublik Deutschland hat sich die Behindertenbewegung lange Zeit in Abgrenzung von den großen Wohlfahrtsverbänden und den etablierten Behindertenorganisationen entwickelt. Die einen galten als Behinderer, weil sie auch vielfältige Sondereinrichtungen wie z. B. Heime betreiben, die anderen galten als zu angepasst. Ein maßgeblicher Vertreter der Behindertenbewegung war Gusti Steiner, der bereits in den 1970er Jahren Aktionen gegen Behindertenfeindlichkeit organisierte.

Historischer Kontext[Bearbeiten]

In westlichen Kulturen wurden Menschen mit wahrnehmbaren Behinderungen von jeher ausgegrenzt und diskriminiert. Im Mittelalter galt eine angeborene Behinderung als Werk des Teufels, bestimmte abergläubische Vorstellungen hielten sich bis zum 20. Jahrhundert. Die von griechischen Philosophen stammende Physiognomielehre stellte einen Zusammenhang zwischen Behinderung und Charaktereigenschaften her, die später unter dem Einfluss der Rassenlehre erneut aufkamen. Eugenisch motivierte Sterilisationen behinderter Frauen fanden auch in neuerer Zeit immer wieder statt.

Im Gegensatz zu früher greifen heute behinderte Menschen aktiv selbst in die Debatte ein, organisieren sich und vertreten ihre Anliegen selbst, sofern sie dazu in der Lage sind. Sie verstehen sich auch als Vertreter derer, die für ihre Interessen nicht selbst eintreten können, z. B. von Ungeborenen, die im Zuge einer Pränataldiagnose positiv getestet wurden. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die Debatte über das Verhältnis von Gesellschaft zu Behinderung wegen der Möglichkeiten pränataler Diagnostik aktueller denn je.

Zentrale Themen[Bearbeiten]

Zentrale Themen sind Selbstbestimmung und Selbständigkeit behinderter Menschen: Zugang zur Berufswelt inklusive Berufsausbildung, Zugänglichkeit von öffentlichen Gebäuden, existenzsichernde Renten, Abbau juristischer und anderer Diskriminierungen, aktive Förderung der Integration und behindertengerechte Bauweise.

Entwicklung in den deutschsprachigen Ländern[Bearbeiten]

Seit den 1960er Jahren organisieren sich Menschen mit Behinderungen in Verbänden, Stiftungen, Lobbys, Selbsthilfeorganisationen und Arbeitsgemeinschaften. Neben politischer Arbeit finden viele Selbsthilfeaktionen (zum Beispiel Behindertentaxis) statt. Es entstanden spezifische Organisationen für Menschen mit speziellen Behinderungen (blinde, gehörlose, gehbehinderte, geistig behinderte usw. Menschen).

Die eigentliche Behindertenbewegung hat Anfang der 1970er Jahre im Frankfurter Volkshochschulkurs „Bewältigung der Umwelt“, den Ernst Klee und Gusti Steiner anboten, ihren Anfang genommen. „Wir hatten bauliche Barrieren, bauliche Behinderungen in direkter Konfrontation mit dem 'Prädikat Behindertenfeindlich' ausgezeichnet, hatten uns zwei Kriegsopferverbände, das Sozialamt, die Allgemeine Ortskrankenkasse und das Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt aufs Korn genommen. Am Tage darauf veranstalteten wir im Zentrum der Stadt Frankfurt ein Rollstuhl-Training, in dessen Verlauf wir eine Straßenbahn blockierten. Ein Rollstuhlfahrer versuchte, in die Straßenbahn einzusteigen. Stufen und eine Mittelstange versperrten ihm den Zutritt. Währenddessen rollte ich auf die Schienen, stellte mich vor die Straßenbahn und erklärte über ein Megaphon, dass Busse, Straßenbahnen, U-Bahnen nicht für Behinderte konstruiert wurden.“[1]

Wichtige Meilensteine waren die Aktionen gegen das „UNO-Jahr der Behinderten“ 1981, das Krüppeltribunal gegen Menschenrechtsverletzungen im Sozialstaat 1981, das Engagement gegen die Auftritte des „Euthanasie“-Philosophen Peter Singer in Deutschland 1989 und die Kampagne für die Einführung des Antidiskriminierungsgebots in Artikel 3 Absatz des Grundgesetzes (Grundgesetz), sowie der Kampf für Antidiskriminierungsgesetze.

Die verschiedenen Organisationen finden sich in Deutschland im Deutschen Behindertenrat und der Bundesarbeitsgemeinschaft Hilfe für Behinderte, in der Schweiz in der Pro Infirmis zusammen.

Entwicklung in den USA[Bearbeiten]

In den USA wurde das disability rights movement in den 1970er zu einer bedeutsamen Kraft; ermutigt wurde es von den Beispielen der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung und von der zweiten Welle der Frauenbewegung, die in den späten 1960ern begann. Eine der wichtigsten Entwicklungen war die Independent Living-Bewegung, die in Kalifornien entstand. Ein anderer Wendepunkt war der landesweite sit-in von Regierungsgebäuden, den Frank Bowe angeregt hatte. Er wurde von der American Coalition of Citizens with Disabilities 1977 organisiert, fand in Gebäuden der nationalen Gesundheitsbehörde HEW (United States Department of Health, Education, and Welfare) in San Francisco und Washington, D.C. statt und führte zu Veränderungen des Rehabilitation Act von 1973. Vor der Verabschiedung des Americans with Disabilities Act im Jahr 1990 war dies das wichtigste Gesetz in Bezug auf Behinderungen.[2]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Gusti Steiner, Assistenz gestern: Wie alles anfing - Konsequenzen politischer Behindertenselbsthilfe http://forsea.de/projekte/20_jahre_assistenz/steiner.shtml
  2. Roberta Ann Johnson, "Mobilizing the Disabled," p. 83-88

Literatur[Bearbeiten]

deutsch[Bearbeiten]

  • Franz Christoph: Unterdrückung durch Normalität. In: Gerber, Ernst P.; Piaggio, Lorenzo (Hrsg.): Behinderten-Emanzipation. Körperbehinderte in der Offensive. Z-Verlag: Basel,1984, S. 69–77 (Nachdruck des„Behindertenstandpunkt“ von 1980)
  • Ernst Klee: Behindert: über die Enteignung von Körper und Bewusstsein; ein kritisches Handbuch. S. Fischer, Frankfurt am Main 1980, Taschenbuch 1987

englisch[Bearbeiten]

  • Roberta Ann Johnson: Mobilizing the Disabled. In: Social Movements of the Sixties and Seventies, Hrsg. von Jo Freeman, Longman, 1983, S. 82–100; reprinted in Waves of Protest: Social Movements Since the Sixties Hrsg. von Jo Freeman and Victoria Johnson, Rowman and Littlefield, 1999, S. 25–45.
  • Paul K. Longmore and Laurie Umansky (Hrsg.): The New Disability History: American Perspectives New York Univ. Press, 2001.
  • Fred Pelka: The ABC Clio Companion to the Disability Rights Movement. ABC-Clio, 1997.
  • Joseph P. Shapiro: No Pity: People with Disabilities Forging a New Civil Rights Movement. Times Books, 1993, ISBN 0-8129-2412-6

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]