Bert Andréas

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Herbert Bert Friedrich Andréas (* 1. Oktober 1914 in Hamburg; † 6. Oktober 1984 in Genf) war ein deutscher Historiker und Bibliograf.

Leben[Bearbeiten]

Andreas wurde als Sohn des kaufmännischen Angestellten Hermann Bernhard Andreas (* 1884; † 1948) und seiner Frau Emma Stiehler (* 1877; † 1948) geboren. Er besuchte die Volksschule Rellingerstraße in Hamburg ab 1920, wechselte zu Ostern 1924 auf die Realschule Weidenstieg und dann auf das Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer. 1928 trat er in den Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) ein.

Ab 1931 arbeitete er als Journalist u.a. für das Hamburger Fremdenblatt. Von Herbst 1931 bis Februar 1933 besuchte er die Volkshochschule in Berlin und hörte öffentliche Vorlesungen von Ludwig Geiger und Gustav Mayer. Von 1932 bis 1934 war er für die DERUTA (Deutsch-russische Transport- und Lager-GmbH, Hamburg) tätig und gehörte der KPD-Stadtteilleitung Hamburg-Sternschanze an. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten war er im März und April 1933 in Haft wegen seiner politischen Gesinnung. 1934 veröffentlichte er sein antimilitaristisches und antinazistisches Buch Mata Hari.

Im Oktober 1934 floh er ins freie Saarland, dann nach Paris und Belgien. Im Parteiauftrag ging er im Frühjahr 1935 nach Brasilien (Pseudonym l'oncle Bello). 1936 war er in Holland im Exil. Während der Zeit des Nationalsozialismus nahm er, in Verehrung von Bert Brecht, den Vornamen Bert an. Nach der deutschen Invasion Hollands im Mai 1940 wurde er im Februar 1941 in die 351. Division der Infanterie (Münster/Westfalen) gezwungen, aber im April 1941 als wehrunwürdig[1] entlassen. Er verlor die deutsche Staatsbürgerschaft; erst 1953 erhielt er die Staatsbürgerschaft der Bundesrepublik Deutschland wieder. Von Dezember bis Juni 1943 saß er in Gestapo-Haft im KZ Hamburg-Fuhlsbüttel. Von Mai 1944 bis Frühjahr 1952 war er für den Vertrieb und als Geschäftsführers des Verlages Republiek de Letteren in Amsterdam tätig.

Gegen Kriegsende begann er mit der Sammlung einer Bibliothek zur Theorie und Praxis der Arbeiterbegewegung, die 1951 schon 2800 Titel zählte. Er versuchte über Bruno Kaiser, den damaligen Leiter der späteren Bibliothek des IML Berlin, in diesem Bereich Fuß zu fassen. 1952 bis 1962 war er Mitarbeiter der Bibliotheca Giangiacomo Feltrinelli. Während dieser Zeit entdeckte er unbekannte Dokumente der Familie Marx und fand die Bibliothek des 1840 gegründeten Genfer Allgemeinen Arbeitsvereins mit Exemplaren von Moses Heß und Johann Philipp Beckers in einem Kohlenkeller. Seine wichtigste wissenschaftliche Arbeit war vermutlich seine Bibliografie der Drucke und Übersetzungen des Manifests der Kommunistischen Partei. Erstmals wurden sechs verschiedene Titelblätter der Erstausgabe von 1848 bestimmt und wichtige Informationen zur Druckgeschichte ermittelt. Seine Bibliographie über die frühen Schriften von Marx und Engels ist zugleich eine internationale Wirkungsgeschichte der Werke von Marx und Engels.

Seit 1968 war Bert Andréas am Institut universitaire de hautes études internationales (IUHEI), Genf angestellt, ohne Lehrverpflichtung. In dieser letzten Lebensperiode (1966-1984) widmete sich Andréas zusammen mit Wolfgang Mönke, Jacques Grandjonc und Hans Pelger der Erforschung des Lebens von Marx und Engels von 1844 bis zum Manifest. Besonders hervorgehoben werden müssen die Edition der Deutsche-Brüsseler-Zeitung und die Erforschung der Association Démocratique.

Aus seinem Nachlass befindet sich die etwa 20.000 Bände umfassende Bibliothek im Karl-Marx-Haus, Trier. Grandjonc erbte testamentarisch Manuskripte, Korrespondenzen und persönliche Dokumente.[2]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Mata Hari. Uhlenhorst Verlag, Hamburg 1934
  • T'jen Tsjun: Tchifong Dorp in Augustus.Vertaald door B. Andréas. Pegasus, Amsterdam 1949
  • La sezione tedesca della Biblioteca Feltrinelli. In: Avanti, Milano vom 19. Juni 1952, S. 3
  • Theun de Vries: Feuertaufe.3 Bde., Volk und Wissen, Berlin 1953
  • Theun de Vries: Kaddisch. Erzählung aus dem besetzten Holland. In: Aufbau. Kulturpolitische Monatsschrift. Aufbau-Verlag, Berlin Nr. 9 September 1957, S. 257-268
  • Eine Broschüre und eine fast unbekannte Flugschrift von Engels zur Bauernfrage. In: Sowjetwissenschaft. Gesellschaftliche Beiträge, Berlin Juli 1957. Nr. 7, S. 878-883
  • „Ich bin kein Marxist“. In: Die Andere Zeitung, Hamburg 4. Jg., 20 März 1958 Nr. 12, S. 4
  • Kommunistische Zeitschrift. London 1847. Probeblatt des Original-Exemplares im Schweizerischen Sozialarchiv Zürich, eingel. von Bert Andréas. Limmat Verlag, Zürich 1960
  • Briefe und Dokumente der Familie Marx aus den Jahren 1862 – 1873 nebst zwei unbekannten Aufsätzen von Friedrich Engels. In: Archiv für Sozialgeschichte. Bd. II. Verlag für Literatur und Zeitgeschehen GmbH, Hannover 1962, S. 167-293 Online
  • Le Manifeste Communiste de Marx et Engels. Histoire et bibliographie 1818-1918. Feltrinelli, Milano 1963
  • Zur Agitation und Propaganda des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins 1863/64. In: Archiv für Sozialgeschichte., Bd. III Verlag für Literatur und ZeitgeschehenHannover, 1963, S. 297-423 Online
  • Marx über die SPD, Bismarck und das Sozialistengesetz. In: Archiv für Sozialgeschichte., Bd. V Verlag für Literatur und ZeitgeschehenHannover, 1965, S. 363-376 Online
  • Marx et Engels et la gauche héglienne. In: Annali dell'Istituto Giangiacomo Feltrinelli, Milano Vol. VII., 1965, S. 353-526
  • Zu Engels's Bibelkritik. In: n: Archiv für Sozialgeschichte., Bd. VI/VII Verlag für Literatur und ZeitgeschehenHannover, 1966/67, S. 579-581 Online
  • Bert Andréas / Wolfgang Mönke: Neue Daten zur „Deutschen Ideologie“. Mit einem unbekannten Brief von Karl Marx und anderen Dokumenten. Archiv für Sozialgeschichte. Band VIII. Verlag für Literatur und ZeitgeschehenHannover, 1968, S. 167-293 Online
  • Bert Andréas / Wolfgang Mönke: Ein unbekannter Brief von Karl Marx an Joseph Weydemeyer. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Januar 1968. Nr. 1, S. 49-67
  • Bert Andréas (Hg.): Gründungsdokumente des Bundes der Kommunisten (Juni bis September 1847). Hauswedell, Hamburg 1969
  • La Première Internationale. Receuill de documents publié sous la direction de Jacques Freymond. Tome III. und Tome IV. Textes établis et annotés par Bert Andréas et Miklós Molnár, Genève 1971
  • Zwei Artikel Engels' aus dem Volksstaat. In: Friedrich Engels. 1820 – 1870. Referate Diskussionen Dokumente. Redaktion: Hans Pelger. Verlag für Literatur und Zeitgeschehen, Hannover 1971, S. 302-317
  • Marx´ Verhaftung und Ausweisung Brüssel Februar / März 1848. Trier 1978 (Schriften aus dem Karl-Marx-Haus Heft 22)
  • Ferdinand Lassalle - Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein: Bibliographie ihrer Schriften und der Literatur über sie 1840 bis 1975. Bonn, 1981. ISBN 3-87831-336-5
  • Deutsche-Brüsseler-Zeitung. 1. Januar 1847 - 27. Februar 1848. Faksimile und Einführung mit Anmerkungen von Bert Andréas - Jacques Grandjonc - Hans Pelger. Editions Culture et Civilisation, Bruxelles 1981
  • Karl Marx / Friedrich Engels. Das Ende der klassischen deutschen Philosophie. Bibliographie. Trier 1983 (Schriften aus dem Karl-Marx-Haus Heft 28)
  • Unbekanntes von Friedrich Engels und Karl Marx. Teil I: 1840 – 1874. Hrsg. von Bert Andréas, Jacques Grandjonc, Hans Pelger. Trier 1986 (Schriften aus dem Karl-Marx-Haus Heft 33)
  • Studien zu Marx´ erstem Paris-Aufenthalt und zur Entstehung der Deutschen Ideologie. Beiträge von Marion Barzen, Helmut Elsner, Jacques Grandjonc, Elke Rölling, Inge Taubert sowie Bert Andréas (+), Jacques Grandjonc und Hans Pelger. Trier 1990 (Schriften aus dem Karl-Marx-Haus Heft 43) ISBN 3-926132-16-7
  • Association Démocratique, ayant pour but l´union et la fraternité de tous les peuples. Eine frühe internationale demokratische Vereinigung in Brüssel 1847-1848. Hrsg. von Bert Andréas, Jacques Gandjonc und Hans Pelger. Bearb. von Helmut Elsner und Elisabeth Neu. Trier 2004 (Schriften aus dem Karl-Marx-Haus Heft 44) ISBN 3-86077-847-1

Auswahl entdeckter Texte von Marx und Engels[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Deutscher Reichsanzeige und Preußischer Staatsanzeiger Nr. 98 vom 29. April 1941, S. 1.
  2. Dagmar Goldbeck, S. 25.
  3. Gründungsdokumente S. 53-58
  4. Eine Broschüre und eine fast unbekannte Flugschrift von Engels zur Bauernfrage
  5. Marx über die SPD, Bismarck und das Sozialistengesetze