Blumfeld, ein älterer Junggeselle

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Blumfeld, ein älterer Junggeselle ist eine Erzählung von Franz Kafka. Sie wurde 1915 verfasst und postum veröffentlicht. Sie behandelt die skurrilen Schwierigkeiten eines Junggesellen in seinem Privat- und Berufsleben. Mit Ironie wird die Kollision eines Sonderlings mit der Realität geschildert.[1]

Kafkas „älterer Junggeselle“ wurde 1990 zum Namensgeber für die Hamburger Band „Blumfeld“.

Zusammenfassung[Bearbeiten]

Blumfeld, ein älterer Junggeselle, steigt eines Abends zu seinem Zimmer im sechsten Stock hinauf. Dabei geht ihm der Gedanke an einen Hund als Begleiter durch den Kopf. Wegen der zu erwartenden Unannehmlichkeiten verwirft er diesen Gedanken.

Zelluloidbälle

Als er sein Zimmer betritt, erwarten ihn dort zwei kleine Zelluloidbälle (Tischtennisbälle), die eigenständig auf und ab springen, auch während Blumfeld seinen weiteren Tätigkeiten nachgeht. Es gelingt ihm nicht, die Bälle zu fangen. Nach einer unruhigen Nacht für Blumfeld kommt am Morgen die Bedienerin, um ihm den Haushalt zu verrichten. Nach ihrem Weggang werden die Bälle wieder besonders aktiv. Als Blumfeld zur Arbeit gehen muss, sperrt er die Bälle in seinem Zimmer ein. Da er sie bei seiner Rückkehr nicht mehr vorfinden möchte, veranlasst er Kinder aus dem Haus, sich die Bälle dort zu holen.

Nun erlebt man Blumfeld in seinem Beruf als Angestellter in einer Wäschefabrik, der Heimarbeiterinnen abfertigt und auszahlt. Nach langen Kämpfen Blumfelds hat man ihm zur Unterstützung zwei Praktikanten zugewiesen. Aber er ist unzufrieden und unglücklich mit den noch sehr kindlichen Helfern. Es kommt zu verschiedenen skurrilen Szenen an der Arbeitsstelle, die Blumfeld nur schwer unter Kontrolle behält.

Filmisches Formelement[Bearbeiten]

Kafka bietet hier einen grotesken Reflex kinotypischer Verfolgungsszenen.[2] Die komische Wirkung der Szene von Blumfeld auf der Jagd nach den Bällen entsteht aus der Übertragung einer filmischen Verfolgungsdramaturgie auf den Kampf zwischen Mensch und Ding. Mit der slapstickartigen Körpersprache Blumfelds setzt Kafkas Sequenz ihren speziellen skurrilen Effekt frei.

Interpretation[Bearbeiten]

Das bei Franz Kafka vielfach auftauchende Junggesellenthema - siehe auch Das Unglück des Junggesellen aus Betrachtung oder Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande - spiegelt seine eigene Situation wider mit der Angst vor Bindung und Familie.[3] Gleichzeitig kommt in der vorliegenden Erzählung der Selbsthass über diese Lebenssituation zum Ausdruck. Blumfeld möchte nicht mit dem weiblichen Pendant – der alten Jungfer – gleichgesetzt werden.

Seine Überlegungen zum Thema Hund, sein Umgang mit den Kindern sind umständlich und in ihrer spitzfindigen Unbeholfenheit fast quälend für den Leser. Die beiden mysteriösen Bällchen, die in eigentümliche Interaktion zu ihm treten, sind wie ein peinlicher Makel, der sich nur schwer abschütteln lässt. Sollen die hüpfenden Objekte weibliche Brüste assoziieren? Bezeichnend ist, dass zwei kleine, schlaue Mädchen ihn von den Bällchen zu befreien versprechen. Die eigenwilligen Bällchen erinnern auch an das seltsame Wesen Odradek aus Die Sorge des Hausvaters. Abgerundet von dem Bild der hässlichen, unangenehmen Bedienerin, die die privaten Dinge des Blumfeld regelt, zeichnet sich für ihn ein Leben ab, das zwischen armselig, öde und lächerlich angesiedelt ist.

Seine berufliche Existenz ist nicht weniger quälend und erfolglos. Er kommt mit dem Anwachsen seiner Arbeit nicht zurecht, aber auch nicht mit seinen zwei Praktikanten, die man ihm zur Hilfe zugeteilt hat. Hier begegnet man wie im Roman Das Schloss[4] dem Paar der zwei nutzlosen Helfer, die dort dem Landvermesser das Leben schwer machen. Blumfeld schreibt die Unfähigkeit der Praktikanten ihrer Kindlichkeit zu und fragt sich, ob sie denn nicht sogar noch schulpflichtig seien. Die Praktikanten und die Bällchen scheinen in ihrer unbeherrschbaren Art Blumfeld zu verspotten.[5]

Ebenso wie Blumfeld aber schon in seinem privaten Bereich nicht angemessen mit Kindern umgehen konnte, kann er es auch in seinem Berufsleben nicht. Es kommt zu grotesken Szenen im Kampf um einen Besen, die Praktikanten scheinen sich vor den vermeintlichen Schlägen Blumfelds zu fürchten, was zu deutlichen Slapstick-Elementen führt. Er ist nicht in der Lage, ihnen gegenüber sein Verständnis für ihre Kindlichkeit zum Ausdruck zu bringen und sie gleichzeitig als Vorgesetzter zu führen, wie es angebracht wäre. Aus Blumfelds dargestelltem Verhalten im privaten wie auch im beruflichen Umfeld begründet sich sein Junggesellentum, ohne dass ein gestörtes Verhältnis zu Frauen überhaupt thematisiert werden muss.

Rezeption[Bearbeiten]

  • Monika Schmitz-Emans (v. Jagow/ Jahraus) S. 281 sieht die enge Verbindung Kafkas mit Gustave Flaubert, dem er sich als blutsverwandt empfindet, und die Anregung durch dessen Junggesellenerzählungen (Bouvard und Pecuchet) und dessen Briefe.
  • Dagmar C. Lorenz (v. Jagow/Jahraus) S. 375: „Der Text treibt Kafkas eigenes Dilemma, Intimität zu begehren und aus Furcht vor derselben mögliche Partnerinnen abzuwehren, auf die Spitze. Selbst ein Hund bedeutet ein Zuviel an Bindung, an Verpflichtung, an Gemeinschaft. Die ersehnte Freiheit jedoch ist eine Freiheit zu Nichts.“

Weblinks[Bearbeiten]

Beispielinterpretation:

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Franz Kafka: Sämtliche Erzählungen. Herausgegeben von Paul Raabe Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main, 1970, ISBN 3-596-21078-X.
  • Franz Kafka Die Erzählungen. Originalfassung. Fischer Verlag, 1997, Roger Herms, ISBN 3-596-13270-3.
  • Franz Kafka: Nachgelassene Schriften und Fragmente 1. Herausgegeben von Malcolm Pasley. Fischer, Frankfurt am Main, 1993, S. 310–313, 229-266.

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Alt Kafka/Sohn S. 438.
  2. Alt Kafka/Film S. 86/88
  3. Stach S. 491–493.
  4. Alt Kafka/ Sohn S. 439.
  5. Alt Kafka/Sohn S. 439.