Carl Herrmann Unthan

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Carl Herrmann Unthan (* 5. April 1848 in Sommerfeld bei Elbing; † 1929 in Berlin) war ein armlos geborener deutscher Violinist und Artist (Kunstschütze und Kunstschwimmer).

Carl Herrmann Unthan spielt eine Violine mit seinen Füßen (1885)

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Jugend und erste Auftritte[Bearbeiten]

Der ohne Arme geborene Carl Hermann Unthan entwickelte mit seinen Füßen eine erstaunliche Geschicklichkeit: Obwohl er in seiner Familie umsorgt wurde, konnte er, nicht zuletzt durch die Bemühungen seines Vaters, der Lehrer war, mit zwei Jahren selbst essen und mit zehn Jahren brachte er sich selbst das Geigenspiel auf einer auf einem Stuhl liegenden Violine bei. Im Alter von 16 Jahren besuchte er ein Konservatorium, das er das Jahr darauf abschloss. Das ständige Training der Geschicklichkeit seiner Füße (sowie auch seiner Bein- und Hüftgelenke) führte bereits in seinem Jugendalter dazu, dass Carl Herrmann Unthan ein nahezu völlig eigenständiges Leben führen konnte: Er konnte sich nicht nur selbstständig aus- und anziehen, sich selbst rasieren oder Krawatten binden, mit Hilfe seiner Füße schrieb er außerdem entweder in klarer Schrift oder auf der Schreibmaschine Briefe und Texte.

Mit 20 Jahren trat er bereits als Solist mit Orchestern auf, seinen Siegeszug begann er im Leipziger Krystallpalast, weshalb er später trotz seiner ostpreußischen Herkunft oft als „das armlose Wunder von Leipzig“ beschrieben wurde.[1] Gleichwohl wurde sich Unthan sehr schnell bewusst, dass das Interesse des Publikums weniger seinen künstlerischen Leistungen galt als der Tatsache, dass er armlos virtuos Violine (später auch das Piston) spielen konnte.[2]

Nach eigenem Bekunden ist in einer dieser Vorstellungen eine Saite der Violine gerissen, die er selbst mit Hilfe seiner Zehen ersetzte. Das brachte ihn zunächst auf die Idee, dieses Kunststück in jeder Vorstellung zu wiederholen und schließlich darauf, sein Programm mit diesem und weiteren Kunststücken aufzufüllen, was allerdings auch seinen Abschied aus Konzertvorstellungen bedingen musste.

Unthan als Artist, Schauspieler und Schriftsteller[Bearbeiten]

Auf diese Weise begann er, seinen Unterhalt in Zirkussen zunächst in Deutschland und kurze Zeit darauf als begehrter Artist auch weltweit zu verdienen, wo er unter anderem nicht nur als Geigenvirtuose begeisterte, sondern im gleichen Programm z.B. auch als Kunstschütze glänzte (er schoss mit einem Tesching u.a. die Symbole aus normalen Spielkarten oder teilte auf mittlere Entfernung einen Bleistift). Da er in der Lage war, vom Grund eines Wasserbeckens Stecknadeln mit den Zehen heraufzuholen (was im normalen Fall - mit Fingern - schon erhebliche Geschicklichkeit erfordert), wurde auch dies ein Teil seines Programms.[3] Mit diesem tourte er - mit Hilfe verschiedener Impressarios - durch Europa, Russland, Mexico, Kuba, Südamerika und die USA.[4]

Zwei Filme sind mit Carl Herrmann Unthan als Schauspieler entstanden: 1913 wurde in Dänemark der auf einem Skript von Gerhart Hauptmann basierende Stummfilm Atlantis unter der Regie von August Blom gedreht, in dem er den armlosen Arthur Stoss spielt. Die Idee für diese Rolle entstand bei einer Atlantik-Überquerung, bei der sich Hauptmann und Unthan kennengelernt hatten. 1914 spielte er in Der Mann ohne Arm - Ein Artistendrama.

Seine Fähigkeit, ohne Arme ein weitgehend selbstbestimmtes Leben zu führen, führte ihn nach dem Ersten Weltkrieg unzählige Male in Armeekrankenhäuser und in - damals so genannte - Krüppelheime, um vor Kriegsversehrten oder Invaliden zu sprechen, seine Kunst vorzuführen und ihnen damit Lebensmut zu geben.

Carl Herrmann Unthan war mit Antonie Neschta (Kosename: Minx[5]), die lange Jahre gleichzeitig seine Assistentin war, verheiratet und schrieb im Alter von 76 Jahren seine Autobiographie selbst. Da er die Schreibmaschine dafür mit seinen Zehen bediente, nannte er das entstandene Werk, das 1925 in Stuttgart erstmals veröffentlicht wurde und bis zu seinem Tod mehrere Auflagen erreichte, Pediskript (svw. mit den Füßen geschrieben), den Gegensatz zu dem gebräuchlichen Manuskript betonend. Das Buch beinhaltet überdies zahlreiche Fotos, die ihn bei alltäglichen Handlungen zeigen, sowie eine Seite mit seiner „Hand-“ bzw. Fußschrift.[6]

Das Interesse wissenschaftlicher Forschung an Unthan[Bearbeiten]

Das Geheimnis seiner körperlichen Leistungen lag u.a., wie im Katalog der wissenschaftlichen Sammlungen der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) erläutert, darin, dass Carl Herrmann Unthan „in einem Akt die Zehen spreizen, die Zehen 1, 4 und 5 beugen sowie die Zehen 2 und 3 strecken“[7] und so auch größere Gegenstände greifen konnte. Auf diese Weise war es Unthan - verbunden mit dem Training seiner Bein- und Hüftmuskeln - möglich, alle Tätigkeiten auszuführen, bei denen im Alltagsleben nicht Beine und Hände gleichzeitig nötig sind (wie zum Beispiel das Herunterheben von Gegenständen von höheren Punkten), diese konnte er in der Abfolge auch in seinen zirzensischen Darbietungen, immer nur nacheinander ausführen.

Die zahlreichen in der HU vorhandenen Fotoplatten, Abgüsse und Präparate von Carl Herrmann Unthan bezeugen das große wissenschaftliche Interesse, das dem Künstler Unthan und seinen Leistungen bereits zu Lebzeiten entgegengebracht wurde.[8] Bemerkenswert erschien den Untersuchenden in „(...) Anbetracht der höchst verschiedenen und zum Teil sehr feinen Funktionseinsätze seiner Füße [...] ihre eher plumpe Form und die Kürze der Zehen.“[7]: Im Grunde stützt diese Analyse allerdings Unthans nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte und von ihm auch öffentlich vertretene Überzeugung, dass seine Kunst im Grunde eine Jedermanns-Kunst bzw. Alltags-Kunst sei: Sie könne in wesentlichen Teilen von jedem menschlichen Individuum zu jedem Zeitpunkt auch ohne den Einsatz von prothetischen Hilfsmitteln, lediglich durch eigenes Wollen und einem umfassenden Training, erreicht werden[3]. Seine Überzeugung war ein Grund und die wesentliche Motivation für Unthans Einsatz zugunsten der Invalidenfürsorge nach dem Ersten Weltkrieg.

Werke[Bearbeiten]

Carl Herrmann Unthan: Das Pediskript. Aufzeichnungen aus dem Leben eines Armlosen. 1. Auflage, Verlag Robert Lutz, Stuttgart, 1925 (Digitalisat der 2. Auflage, 1925).

Literatur[Bearbeiten]

  • Carl Herrmann Unthan und Lore Neddermeyer. Das Pediskript. Verlag Marhold, 1970. Es handelt sich hierbei um einen Auszug aus der 4. Auflage des Pediskript von Carl Herrmann Unthan mit Kommentaren und Erläuterungen von Lore Neddermeyer.
  • Colleen M. Schmitz: Ein Leben ohne Arme. Carl Hermann (sic) Unthan und seine Arbeit zur Motivation Kriegsinvalider in Deutschland. In: Melissa Larner, James Peto, Colleen M. Schmitz (Hrsg. für das Deutsche Hygiene-Museum und die Wellcome-Collection): Krieg und Medizin. Wallstein Verlag GmbH, Göttingen, ISBN 978-3-8353-0486-4, 2009.
  • Joachim Piechowski: Der Mann ohne Arme. Kant-Verlag, Hamburg, 1967.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Dieses Auftreten wurde durch J. C. Lobe beschrieben: „Er trägt nicht allein langsame gesangvolle Stellen, sondern auch ziemlich schnelle Passagen von den tiefsten bis zu den höchsten Tonregionen, über alle vier Saiten gleitend, sauber und rein vor; er producirt auch Triller mit zwei Zehen so schnell und nett, wie der beste Virtuose mit zwei Fingern, er spielt ganze Reihen von Doppelgriffen in Terzen und Decimen. Was aber fast noch mehr sagen will, er trägt mit geläutertem Geschmack und vieler Empfindung vor, indem er alle Nuancen des Ausdrucks vom Pianissimo bis zu mittleren Stärkegraden in seiner Gewalt hat ...“ Zitiert nach Ernst Günther: Der Traum eines armlosen Geigers. In: 33 Zirkusgeschichten. Henschelverlag, Berlin, 1977, S. 96.
  2. Hierzu z.B. Theater- und Kunstnachrichten. (…) Alcazar. In: Neue Freie Presse, Morgenblatt, Nr. 1494/1868, 27. Oktober 1868, S. 11 (unpaginiert) Mitte. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/nfp.
  3. a b Eine Schilderung des Programms von Unthan aus Sicht eines Zuschauers in den 1920er Jahren, wie auch eine sehr persönliche Sicht auf sein Leben, ist z. B. zu finden in Ernst Günther: Der Traum des armlosen Geigers. In: 33 Zirkusgeschichten. Henschelverlag, Berlin, 1977, S. 91-100.
  4. Carol Poore: Disability in Twentieth-Century German Culture (Englisch), University of Michigan Press, Ann Arbor (MI, USA), ISBN 978-0-472-03381-2, 2007, S. 15 (PDF)
  5. Kosename zitiert nach Ernst Günther: Der Traum eines armlosen Geigers. In: 33 Zirkusgeschichten. Henschelverlag, Berlin, 1977, S. 92.
  6. Erschienen als: Carl Herrmann Unthan: Das Pediskript. Aufzeichnungen aus dem Leben eines Armlosen. 1. Auflage, Verlag Robert Lutz, Stuttgart, 1925.
  7. a b Katalog der wissenschaftlichen Sammlungen der Humboldt-Universität Berlin, Dokument ID 8505
  8. Katalog der wissenschaftlichen Sammlungen der Humboldt-Universität Berlin, Dokument ID 8482