Das Fass Amontillado

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Das Fass Amontillado, Illustration von Harry Clarke, 1919

Das Fass Amontillado, engl. „The Cask of Amontillado“, ist eine der berühmten späten Kurzgeschichten von Edgar Allan Poe.

Inhalt[Bearbeiten]

Der Ich-Erzähler Montrésor lockt den verhassten Fortunato, der sich noch für Montrésors Freund hält, während des Karnevals in die Gewölbe unter seinem Palazzo und mauert ihn dort als Rache für erlittene „tausendfältige Unbill“ lebend ein. Als Köder dient Montrésor ein Fass Amontillado, das dort unten angeblich auf die beiden Kenner wartet und begutachtet werden muss. Immer wenn Fortunato mitzukommen zögert, erwähnt Montrésor Luchesi (in versch. Quellen auch „Luchresi“), einen anderen Freund, den er ja auch um sein Urteil bitten könne. Das genügt, um Fortunato in die mörderische Falle zu locken. Was Fortunato dem Ich-Erzähler Montrésor angetan hat, bleibt im Dunkeln.

Im Text erwähnt Montrésor sein Familienmotto „Nemo me impune lacessit“, d. h. „Niemand kränkt mich ungestraft“ oder auch „Niemand greift mich ungestraft an“. Nicht in jeder Fassung des Textes wird das lateinische Familienmotto übersetzt.

Deutung[Bearbeiten]

Edgar Allan Poe schrieb und publizierte diese Erzählung 1846, als er sich im War of the Literati befand, der in einer Klage Poes wegen übler Nachrede gipfelte. Poes Gegner war Thomas Dunn English, die Auseinandersetzung fand statt in den Spalten des New Yorker Evening Mirror, dessen Leiter Hiram Fuller war. Die heimliche Wut des Ich-Erzählers Montrésor würde bei dieser Deutung dann seine Wut auf Thomas Dunn English (Fortunato) widerspiegeln, mit dem immer wieder aufgeführten Luchesi könnte Hiram Fuller gemeint sein, den Poe als Richter anzurufen droht.

Marie Bonaparte führt andere Gleichsetzungen durch. Sie sieht in Fortunato ein Abbild des verhassten Ziehvaters John Allan und reiht die Erzählung in die Gruppe derjenigen ein, die in verschlüsselter Form Poes Vatermordphantasien behandeln. Die gemeinsame Liebe zum Wein deutet sie als Ödipusrivalität, und es ist in der Tat kaum möglich, sich der psychoanalytischen Identifikation des Gewölbes mit dem Mutterleib zu entziehen. Dass er als Gruft dargestellt wird, leuchtet ein, wenn man bedenkt, dass sowohl Poes Mutter und Ziehmutter wie auch sein Vater und Ziehvater zu diesem Zeitpunkt tot sind und seine Ehefrau todkrank ist.

Außerdem weist Marie Bonaparte darauf hin, dass Poe zu dieser Zeit die Dichterin Frances Osgood verehrte, auf die auch sein „Freund“ Rufus Wilmot Griswold ein Auge geworfen hatte. Rivalität um die geliebte Frau könnte also ein drittes Motiv für die Erzählung gewesen sein.

Wie Hagopian und Cunliffe sowie O‘Donovan in ihrer Deutungen der Geschichte aufzeigen, geht Das Fass Amontillado jedoch bei weitem über den gattungstypischen Rahmen einer bloßen Schauergeschichte hinaus. Jenseits der Lesart als wirkungsvolle düstere Horror- oder Rachegeschichte („first-class gothic story“) im Sinnes des von Poe poetologisch geforderten „single effect“ (dt.: „einzigartigen Effekts“)[1] kann The Cask of Amontillado gleichermaßen als „a profound psychological and moral study“ (dt.: „eine tiefsinnige psychologische und moralische Studie“) verstanden werden, die suggestiv die Imagination und Vorstellungskraft des Lesers anspricht.

So legt Montreso fünfzig Jahre nach seiner grausigen Mordtat - vermutlich in Gegenwart eines Priester auf dem eigenen Todesbett[2] - ein intimes Geständnis ab, in dem er einerseits Reue zeigt und für die Seele seines Opfers betet, andererseits sich jedoch zugleich äußerst verbittert darüber zeigt, dass sein Plan einer perfekten Rache sich letztlich nicht erfüllt hat.[3]

Anmerkungen[Bearbeiten]

Poe hat Amontillado, der eine Form von Sherry ist, offenbar für eine italienische Weinsorte gehalten („I was skillful in the Italian vintages myself and bought largely whenever I could.“) Die beiden Freunde kosten einen Médoc, ebenfalls nicht die „italienische Lese“, auf die Montrésor sich zu kaprizieren vorgibt. Aus amerikanischer Ferne verschmelzen die europäischen nationalen Unterschiede. Dazu passt es auch, dass der Ich-Erzähler zwar einen römischen Palazzo besitzt, aber einen französischen Namen trägt. Am italienischen Dekor reizen Poe (wie in Politian und Die Verabredung) Maske, Musik und Einbettung in fiktive uralte Traditionen, wie es sie in den Vereinigten Staaten nicht gibt, außerdem huldigt er darin der schwarzen Romantik Byrons.

Die Erzählung wurde auf dem Album Tales of Mystery and Imagination des Alan Parsons Project musikalisch vertont.

Literatur[Bearbeiten]

  • Edgar Allan Poe: Werke, hrsgg. von Kuno Schuhmann und Hans Dieter Müller, Olten 1966
  • Marie Bonaparte: Edgar Poe, Wien 193
  • John V. Hagopian und W. Gordon Cunliffe: Poe, Edgar Allan - The Cask of Amontillado. In: John V. Hagopian, Martin Dolch (Hrsg.): Insight I · Analyses of American Literature, Hirschgraben Verlag Frankfurt a.M. 1971, S. 203-207.
  • Noreen O‘Donovan: Edgar Allan Poe, The Cask of Amontillado. In: Noreen O‘Donovan: Famous Stories of Surprise · Model Interpretations. Klett Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-12-577610-4, S. 17-24.
  • Frank T. Zumbach: E.A. Poe - Eine Biographie, München 1986
  • Frank T. Zumbach: E.A. Poe - Eine Biographie, Neuausgabe, Düsseldorf 2007, Patmos Verlag, ISBN 978-3-491-69144-5

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Poes Essays The Philosophy of Composition und The Poetic Principle
  2. Vgl. John V. Hagopian und W. Gordon Cunliffe: Poe, Edgar Allan - The Cask of Amontillado. In: John V. Hagopian, Martin Dolch (Hrsg.): Insight I · Analyses of American Literature, Hirschgraben Verlag Frankfurt a.M. 1971, S. 206, und Noreen O‘Donovan: Edgar Allan Poe, The Cask of Amontillado. In: Noreen O‘Donovan: Famous Stories of Surprise · Model Interpretations. Klett Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-12-577610-4, S. 20.
  3. Vgl. detailliert John V. Hagopian und W. Gordon Cunliffe: Poe, Edgar Allan - The Cask of Amontillado. In: John V. Hagopian, Martin Dolch (Hrsg.): Insight I · Analyses of American Literature, Hirschgraben Verlag Frankfurt a.M. 1971, S. 203 ff., und Noreen O‘Donovan: Edgar Allan Poe, The Cask of Amontillado. In: Noreen O‘Donovan: Famous Stories of Surprise · Model Interpretations. Klett Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-12-577610-4, S. 17 f. und 19ff.