Deutsch-Britisches Flottenwettrüsten
Das Deutsch-Britische Wettrüsten zur See bezeichnet den Rüstungswettlauf zwischen der deutschen Kaiserlichen Marine und der britischen Royal Navy vor dem Ersten Weltkrieg und galt lange Zeit als eine seiner Ursachen.
Zum Hintergrund [Bearbeiten]
1895 wurde der Nord-Ostseekanal eingeweiht. Nun konnten deutsche Kriegsschiffe von der Nordsee in die Ostsee fahren, ohne das Skagerrak umrunden zu müssen. Von 1907 bis 1914 wurde der Kanal das erste Mal ausgebaut: Die Breite wurde auf 102 m erhöht und die Tiefe auf 11 m. Außerdem wurden in Kiel und auch in Brunsbüttel je zwei neue große Schleusen gebaut. Der Ausbau kostete 242 Mio. Goldmark und war damit deutlich teurer als der gesamte Kanalbau vor 1895.
Der 1898 zum Leiter des Reichsmarineamts berufene Alfred von Tirpitz legte ein Konzept zum Aufbau einer deutschen Hochseeflotte (Tirpitzplan) vor und ließ dies durch das 1. Flottengesetz auf lange Sicht festlegen. Dieses Gesetz sollte die ständigen Querelen im Reichstag um Stärke und Finanzierung der Flotte beenden und eine langfristige Planung ermöglichen. Das Konzept sah eine so genannte Risikoflotte vor, die zur Abschreckung aller anderen Seemächte dienen sollte.
Die Britische Marine-Doktrin war der so genannte Two-Power-Standard, der forderte, dass die Royal Navy immer mindestens so stark sein müsse wie die beiden nachfolgenden Flotten zusammen. Als Start des Wettrüstens wurde das 2. Flottengesetz gesehen (verabschiedet im Juni 1900), das eine deutliche Vergrößerung der deutschen Flotte vorsah. In die gleiche Zeit fällt der Bau des britischen Schiffes HMS Dreadnought im Jahr 1905, das als Typschiff für eine neue Generation von Großkampfschiffen, der Dreadnoughts, gesehen wird, das allen bisherigen Typen überlegen war und sie entwertete. Somit mussten beide Marinen neu beginnen und dies gab Deutschland die Chance, in der Rüstung mitzuhalten.
Eine besondere Rolle spielte der britische Erste Seelord Sir John Fisher, der dieses Amt 1904 übernahm und 1905 die HMS Dreadnought sowie den ersten Schlachtkreuzer konzipierte. Gemäß dem Flottengesetz baute Deutschland pro Jahr zwei bis vier große Kriegsschiffe, entweder als Ersatz für sehr alte Schiffe nach 25 Jahren oder zur Vermehrung auf die geplante Sollstärke. In Großbritannien jedoch beschränkte das Parlament in dieser Zeit die Mittel für die Marine derart, dass z. B. 1908 nur zwei große Schiffe begonnen werden konnten. Da dies den Marineplanern deutlich zu wenig war, wurde in der Öffentlichkeit 1909 eine Kampagne, die so genannte Flottenpanik (engl.: navy scare), gestartet, die auf das Rüstungsdefizit im Vergleich zu anderen Mächten, auch Deutschland verwies und den Bau von acht Schiffen forderte. Dieser Forderung wurde nachgegeben und das dafür nötige Geld bewilligt.
Mit diesem Rüstungsprogramm war das Wettrüsten faktisch beendet. Deutschland konnte angesichts von acht Neubauten nicht das für die Risikoflotte angestrebte Kräfteverhältnis von 2/3 der Briten erreichen. Das Kräfteverhältnis in der Skagerrakschlacht (1916) – sie gilt als die größte konventionelle Seeschlacht – zeigte dies deutlich.
Insgesamt erreichte die Kaiserliche Marine niemals annähernd die Stärke der Royal Navy; sie konnte die britische Vormachtstellung nie ernsthaft gefährden.
| Flottenrüstung (1910/11)[1] | |||
|---|---|---|---|
| Marinebudget in Mark | 433.883.567 | 828.315.480 | |
| Marinesoldaten | 57.353 | 131.600 | |
| Linienschiffe | fertig | 26 | 56 |
| im Bau | 11 | 11 | |
| Große Kreuzer | fertig | 11 | 47 |
| im Bau | 15 | 13 | |
| U-Boote | fertig | 12 | 66 |
| im Bau | – | 21 | |
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ Angaben aus: Chronik des 20. Jahrhunderts, 14. Aufl., Augsburg: Bechtermünz, ISBN 3-86047-130-9, S. 119.
Literatur [Bearbeiten]
- Rolf Hobson: Maritimer Imperialismus. Seemachtsideologie, seestrategisches Denken und der Tirpitzplan 1875 bis 1914, Oslo und München, 2004