Die tote Stadt

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Dieser Artikel behandelt die Oper Die tote Stadt. Für den gleichnamigen Fantasy-Roman, siehe Anders – Die tote Stadt.
Werkdaten
Titel: Die tote Stadt
Oper Graz, 2015Foto: Francisco Peralta Torrejón

Oper Graz, 2015
Foto: Francisco Peralta Torrejón

Originalsprache: deutsch
Musik: Erich Wolfgang Korngold
Libretto: Paul Schott
Uraufführung: 4. Dezember 1920
Ort der Uraufführung: Stadttheater Hamburg und Stadttheater Köln
Spieldauer: 3 Stunden
Ort und Zeit der Handlung: Brügge, Ende des 19. Jahrhunderts
Personen
  • PaulTenor
  • Marietta, (Tänzerin), die Erscheinung Mariens (Pauls verstorbener Gattin) – Sopran
  • Frank, Pauls Freund – Bariton
  • Brigitta (bei Paul) – Alt
  • Juliette (Tänzerin) – Sopran
  • Lucienne (Tänzerin) – Mezzosopran
  • Gaston (Tänzer) – stumme Rolle (Komparse)
  • Victorin (der Regisseur) – Tenor
  • Fritz, der Pierrot – Bariton
  • Graf Albert – Tenor

Die tote Stadt ist eine durchkomponierte Oper in drei Bildern mit einer Musik von Erich Wolfgang Korngold und Texten von Paul Schott alias Julius Korngold, Erich Wolfgang Korngolds Vater. Das Libretto basiert auf dem symbolistischen Roman Das tote Brügge (Bruges-la-morte, 1892; deutsche Übersetzung: 1903) von Georges Rodenbach (1855–1898).

Aufführungsgeschichte[Bearbeiten]

Die Oper wurde mit großem Erfolg am 4. Dezember 1920 gleichzeitig im Stadttheater Hamburg (Dirigent: Egon Pollack) sowie im Stadttheater Köln (Dirigent: Otto Klemperer) uraufgeführt. Bis in die 1950er Jahre folgten weltweit Aufführungen auf ca. 80 Bühnen, unter anderem auch 1921 in der Metropolitan Opera, wo Maria Jeritza in der Rolle der Marietta ihr Debüt an der MET gab. Nach Korngolds Tod geriet das Stück weitgehend in Vergessenheit, wird aber seit den 1990er Jahren wieder regelmäßiger aufgeführt. Eine exemplarische Aufführung wurde von Johannes Erath im Jahr 2015 an der Oper Graz inszeniert.

Besetzung[Bearbeiten]

Chor und Ballett

  • Beghinen, die Erscheinung der Prozession
  • Tänzer und Tänzerinnen

Orchester

  • Piccolo (auch 3. Flöte), 2 Flöten (2. auch 2. Piccolo), 2 Oboen, Englisch Horn, 2 Klarinetten in B, Bassklarinette in B, 2 Fagotte, Kontrafagott
  • 4 Hörner, 3 Trompeten, Basstrompete, 3 Posaunen, Tuba,
  • Mandoline, 2 Harfen, Celesta, Klavier, Harmonium,
  • 4 Pauken, Schlagzeug (Glockenspiel, Xylophon, Triangel, Tamburin, Ratsche, Kleine Trommel, Große Trommel mit Becken, freihängendes Becken, TamTam, Rute),
  • Streicher

Auf der Bühne

  • Orgel
  • 2 Trompeten
  • 2 Klarinetten
  • Triangel
  • Tamburin
  • Kleine und Große Trommel
  • Becken
  • 7 tiefe Glocken
  • Windmaschinen
  • 1. Loge rechts: 2 Trompeten, 2 Posaunen

Handlung[Bearbeiten]

Die tote Stadt 2493 Michelides.jpg
1. Akt: Gal James als Marietta
Die Tote Stadt 4728-Peralta.jpg
2. Akt: Taylan Reinhard als Victorin
Die Tote Stadt 5120 -Peralta.jpg
3. Akt: Zoltán Nyári als Paul
Fotos: Francisco Peralta Torrejón (2), Christian Michelides

1. Akt[Bearbeiten]

Paul bewohnt ein Zimmer in Brügge, das er „die Kirche des Gewesenen“ nennt, denn alles darin erinnert ihn an seine verstorbene Frau Marie. In einer Vision erscheint ihm Marie und erklärt, der Tag werde kommen, an dem er sie wieder ganz besitzen werde. Brigitta, Pauls Haushälterin, kündigt ihm eine verschleierte Frau an. Daraufhin betritt die Tänzerin Marietta das Zimmer. Weil sie Marie sehr ähnlich sieht, gelingt es ihr, Paul in ihren Bann zu ziehen. Er gibt ihr die Laute und einen Schal seiner verstorbenen Frau, damit Marietta ihr noch ähnlicher sieht. Mit der Laute singt Marietta die Arie Glück, das mir verblieb. Als Marietta jedoch versehentlich ein Bild von Marie enthüllt, erschrickt Paul und Marietta verlässt das Gedenkzimmer.

2. Akt[Bearbeiten]

Paul hat sich in Marietta verliebt und sucht sie. Diese befindet sich bei ihrer Theatergruppe, von Verehrern umringt. Paul beobachtet im Verborgenen, wie die Gruppe die Totenerweckung von Helene aus der Oper Robert der Teufel von Giacomo Meyerbeer probt. Anschließend wirft er ihr vor, dass er sie verachte, und sie nur liebte, da sie seiner verstorbenen Frau ähnelt. Marietta bietet nun alle ihre Verführungskünste auf, um ihm das Gegenteil zu beweisen.

3. Akt[Bearbeiten]

Marietta verlangt von Paul, entweder solle er sie ganz lieben oder überhaupt nicht. Sie fängt an, ihn zu provozieren, und nachdem sie dem Schrein eine Locke Mariens entnommen hat, beginnt Marietta vor Paul zu tanzen. Dies macht Paul derart wütend, dass er Marietta erwürgt.

Nun kommt Paul wieder zu sich und erkennt, dass die Handlung des zweiten und dritten Aktes nur ein Traum war. Marietta kommt wieder, um den Schirm und die Rosen mitzunehmen, die sie zu Ende des ersten Aktes vergessen hatte. Seinem Freund Frank schildert er seine Vision. Dieser rät ihm, die „Kirche des Gewesenen“ zu verlassen. Paul verspricht, dem Rat seines Freundes zu folgen und Brügge, die tote Stadt, auf immer zu verlassen.

Musik[Bearbeiten]

Im Gegensatz zur avantgardistischen Haltung der Wiener Schule rund um Schönberg, Berg und Webern, die Atonalität und später die Zwölftontechnik propagierten, pflegte der Komponist dieser Oper einen spätromantischen Stil, geprägt durch seinen Lehrer Alexander von Zemlinsky, Richard Wagners Chromatik und Leitmotivtechnik, sowie die Orchestrierungstechnik und den Klangzauber von Richard Strauss.[1] Korngolds Partitur zeigt aber auch Einflüsse des Verismo Puccinis. Der Komponist verlangt dabei ein riesiges Orchester und stattet seine Musik mit einer Fülle prächtiger und denkwürdiger Melodien aus. Als berühmteste Nummern der Oper gelten das Duett zwischen Paul und Marietta „Glück, das mir verblieb“ (Mariettas Lied) und die schwärmerisch-melancholische Bariton-Arie „Mein Sehnen, mein Wähnen“.

Im Ganzen gesehen ist die handwerkliche Beschaffenheit der Musik, welche immer wieder mit der Musik von R. Strauss verglichen wird, von einer sehr hohen Qualität. Deren psychologische Zeichnung und zwingende dramatische Wucht fehlt ihr allerdings, was großteils dem gekünstelten Konflikt des Librettos geschuldet ist. Bei aller rauschhaften Klanglichkeit kann man ihr eine über weite Strecken illustrative Klischeehaftigkeit und inhaltliche Leere nicht absprechen. Damit weist sie – bei allen stilistischen Unterschieden – durchaus bereits auf die späteren Werke des Hollywood-Komponisten Korngold voraus. Insofern erscheint es verständlich, dass die Oper trotz wiederholter engagierter Rehabilitationsversuche nicht annähernd so viele Aufführungen erreicht wie die populären Strauss- und Puccini-Opern, geschweige denn als Repertoire-Werk bezeichnet werden kann.

Rezeption[Bearbeiten]

„Mit 23 Jahren hat Erich Wolfgang Korngold den Rückhalt einer unbegrenzten und märchenhaften Begabung, verbunden mit einer Unbefangenheit der Originalität. Seit Musik zum ersten Mal für ein Theater geschrieben wurde, hat es noch nie einen Komponisten gegeben, der in so einem jungen Alter so viel erreichte. Ein jugendlicher Sturm bricht über uns herein [...]“

aus einer Premierenkritik aus Wien, 1921

Verlag[Bearbeiten]

Nachweise[Bearbeiten]

  1. Thomas Schacher: Psychotherapie in drei Bildern, Neue Zürcher Zeitung, 12. Mai 2014

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Die tote Stadt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien