Chromatik

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Chromatik (altgr. χρῶμα chrṓma ,Farbe‘) bezeichnet in der Musik die „Umfärbung“ der Tonstufen einer diatonischen Skala durch Erhöhen oder Erniedrigen (Hoch- bzw. Tiefalteration) um einen Halbton. Die chromatischen Varianten zum Beispiel zu f sind fis und fes. [1]

Beispiel für eine Folge diatonischer und chromatischer Halbtonschritte mit fünf verschiedenen Vorzeichensymbolen.

Bewegt sich eine Stimme zwischen zwei Varianten desselben Tons (z. B. f-fis, fis-f, f-fes), so spricht man von chromatischen Fortschreitungen im Unterschied zu diatonischen (e-f oder fis-g). Äußerlich erkennt man den Unterschied zwischen einem diatonischen und einem chromatischen Tonschritt daran, dass bei chromatischen Schritten die Namen der beteiligten Töne gleiche, bei diatonischen Schritten dagegen verschiedene Anfangsbuchstaben haben. (Einzige Ausnahme: h-b ist auch ein chromatischer Schritt.)

Im Notenbild erkennt man diatonische Tonschritte daran, dass eine Fortschreitung zur benachbarten Position im Liniensystem erfolgt, während die Position bei chromatischen Schritten gleich bleibt.

In der heute bei Tasteninstrumenten üblichen gleichstufigen Stimmung ist der Unterschied zwischen chromatischen und diatonischen Fortschreitungen nur noch theoretischer Natur, da alle Halbtonschritte gleich groß sind. Der Unterschied zwischen Chromatik und Diatonik existiert sozusagen nur noch in der Vorstellung, die allerdings oft zum vollen Verständnis musikalischer Abläufe (vor allem bei klassischer Musik) wichtig sein kann. Bei reiner Intonation und Verwendung reiner Stimmungen jedoch existiert auch ein physikalisch realer und messbarer Unterschied zwischen chromatischen und diatonischen Schritten.

Chromatische Tonleiter[Bearbeiten]

Durch eine Folge von zwölf teils diatonischen, teils chromatischen Halbtonschritten innerhalb einer Oktave erhält man eine chromatische Tonleiter (Bsp.: c, cis, d, dis, e, f, fis, g, gis usw.):

Chromatic scale full octave ascending and descending on C.PNG
Hörbeispiel: Chromatische Tonleiter von c aus: volle Oktave auf- und absteigend Abspielen?/i.

Bei der Notation ist es üblich, die aufsteigende Tonleiter mit Kreuzen, die absteigende mit -Vorzeichen zu notieren. Würde man anders verfahren, hätte dies den Nachteil, dass man zusätzlich noch Auflösungszeichen verwenden müsste.

Die chromatische Tonleiter hat keinen Grundton. Sie ist in erster Linie eine Materialtonleiter, aus der Gebrauchstonleitern durch Auswahl gewonnen werden können. Sie kann aber auch direkt als Gebrauchstonleiter fungieren.

So wird sie z. B. vor allem in der Instrumentalmusik gerne als Element virtuosen Laufwerks verwendet, weshalb das Spiel der chromatischen Tonleiter zur technischen Grundausbildung jedes Instrumentalisten gehört.

In der freien Tonalität und der atonalen Zwölftonmusik tritt sie als Gebrauchstonleiter an die Stelle der diatonischen Dur- und Molltonleitern.

Die Frequenzen der chromatischen Tonleiter[Bearbeiten]

Im Folgenden werden die Frequenzen und Frequenzverhältnisse der Töne der chromatischen Tonleiter aufgezählt und der reinen Stimmung gegenübergestellt. Dabei wird der Kammerton a′ mit 440 Hz angenommen.

Chromatische Skala der gleichstufigen Stimmung:
Name des Tones c cis/des d dis/es e f fis/ges g gis/as a ais/b h c
Frequenz [Hz] 261,6 277,2 293,7 311,1 329,6 349,2 370 392 415,3 440 466,2 493,9 523,3
In Cent 0 100 200 300 400 500 600 700 800 900 1000 1100 1200
Erweiterte Skala der reinen Stimmung von C-Dur und C-moll ergänzt um fis und des:[2]
Name des Tones c des d es e f fis g as a b h c
Frequenz [Hz] 264 281,6 297 316,8 330 352 371,25 396 422,4 440 475,2 495 528
In Cent 0 112 204 316 386 498 590 702 814 884 1018 1088 1200

Diatonische und chromatische Tonstufen im Notenbild[Bearbeiten]

Im Unterschied zu diatonischen und chromatischen Tonschritten kann man bei einzelnen Tonstufen nicht aus dem Notenbild entnehmen, ob sie diatonisch oder chromatisch sind. Hier ist vielmehr der tonale Zusammenhang entscheidend. So ist der Ton f nicht automatisch diatonisch, ebenso wenig wie fis chromatisch sein muss. In einer C-Dur-Umgebung ist f diatonisch (weil es zur diatonischen C-Dur-Tonleiter gehört) und fis chromatisch, in einer D-Dur-Umgebung ist fis (als Bestandteil der diatonischen D-Dur-Skala) diatonisch und f chromatisch.

Selbst doppelt erhöhte oder erniedrigte Töne müssen nicht zwangsläufig chromatisch sein. So ist zum Beispiel fisis die leitereigene, also diatonische siebte Stufe von Gis-Dur. Solche Extremfälle sind zwar eher selten, da man meist mittels enharmonischer Verwechslung einfachere Schreibweisen wählt, können aber durchaus vorkommen, z. B. bei dem modulationsfreudigen Schubert, der sich gerne auch in entlegenere Tonarten „verirrt“.

Diatonische und chromatische Halbtöne[Bearbeiten]

Die heute üblichste Stimmung von Instrumenten mit unflexibler Intonation ist die gleichstufige Einteilung der Oktave in 12 gleich große Halbtonintervalle. Hierbei gibt es zwischen diatonischen und chromatischen Halbtönen keinen hör- bzw. messbaren Unterschied.

In alten und neueren Gesangsschulen, die eine variable Intonation mit reinen Intervallen propagieren, wird jedoch wegen ihrer unterschiedlichen Größe zwischen diatonischem und chromatischem Halbton unterschieden.

Diatonische Halbtonschritte sind: c-des, cis-d, d-es, dis-e, e-f, f-ges, fis-g, g-as, gis-a,a-b, ais-h, h-c.
Chromatische Halbtonschritte sind: c-cis, des-d, d-dis, es-e, e-eis, f-fis, ges-g, g-gis, as-a, a-ais, b-h.

Auf unser Notensystem übertragen gilt also:

Halbtöne auf benachbarten Positionen im Notenliniensystem sind diatonisch, Halbtöne auf derselben Position im Notensystem sind chromatisch.

Beispiel Passus duriusculus. Akkorde hier nach W.A. Mozart Misericordias Domini d-MollChromatic (KV 205 a).

Duriusculus harmonien.gif Anhören?/i Die Halbtonschritte

im Bass sind

c → h: diatonisch

h → b chromatisch

b → a diatonisch

a → as chromatisch

as → g diatonisch

Die Halbtöne der chromatischen Skala können unterschiedlich definiert werden → Tabellarische Übersicht über Halbtonvarianten im Artikel Halbton.

Wird die Verwendung von natürlichen, in der Obertonreihe vorkommenden Intervallen vorausgesetzt, so muss der Ganzton in verschieden große Schritte unterteilt werden. Wird z. B. zwischen f und g eine chromatische Zwischenstufe (fis) eingeschoben, so spaltet sich der Ganzton f-g in einen chromatischen (f-fis) und einen diatonischen Halbton (fis-g) auf. Die Größe dieser Halbtöne hängt vom jeweils zugrunde gelegten Stimmungssystem ab.

Pythagoreische Stimmung[Bearbeiten]

Bei den Leittönen (hier am Beispiel fis) intoniert die pythagoreische Stimmung immer höher und die reine oder mitteltönige Stimmung immer tiefer als die gleichstufige Stimmung.

Bei der pythagoreischen Stimmung, die nur den großen Ganzton (Frequenzverhältnis 9:8) kennt, wird dieser in einen chromatischen Halbton mit dem Frequenzverhältnis 2187/2048 (entspricht zirka 114 Cent) und einen diatonischen Halbton mit dem Frequenzverhältnis 256/243 (zirka 90 Cent) unterteilt. Der pythagoräische chromatische Halbton wird auch Apotome, der diatonische Limma genannt.

Da in der pythagoräischen Stimmung der chromatische Halbton größer als der diatonische ist, liegt hier zum Beispiel fis höher als ges. Auf dieser Intonation beruht die im 20. Jahrhundert weit verbreitete Lehre, der Leitton (zum Beispiel fis) sei eigentlich höher zu intonieren als in der gleichstufigen Stimmung.

Reine Stimmung[Bearbeiten]

Während die pythagoräische Stimmung alle Töne (auch den großen Ganzton) nur durch Kombination der beiden ersten Intervalle der Obertonreihe, Oktave und Quinte gewinnt, orientiert sich die reine Stimmung auch an höheren Bereichen der Obertonreihe und bezieht neben der Quarte (4/3) auch die reine große Terz (5/4) ein, die eine Oktave höher als Intervall zwischen dem achten und zehnten Teilton wiederkehrt und dort das Produkt aus dem großen (Frequenzverhältnis 9/8) und kleinen Ganzton (10/9) bildet (9/8 * 10/9 = 90/72 = 5/4). Der diatonische Halbton der reinen Stimmung ist das Überbrückungsintervall zwischen großer Terz (5/4) und Quarte (4/3). Sein Frequenzverhältnis errechnet sich zu 16/15, was zirka 112 Cent entspricht. Der große Ganzton lässt sich jetzt in den diatonischen Halbton und den großen chromatischen Halbton mit 135/128 (zirka 92 Cent) aufspalten und der kleine Ganzton in den diatonischen Halbton und den kleinen chromatischen Halbton mit 25/24 (zirka 71 Cent).

Im Gegensatz zur pythagoräischen Stimmung sind also hier die chromatischen Halbtöne beide kleiner als der diatonische Halbton, so dass jetzt zum Beispiel fis tiefer als ges ist. Im Rahmen der historischen Aufführungspraxis und aus der Überlegung heraus, dass die gehörte Konsonanz d-fis nicht auf der Verwandtschaft der des 81. Obertons (vier Quinten), sondern auf der des 5. Obertons (reine große Terz) beruht, wird auf Instrumenten mit flexibler Intonation heute in der tonalen Musik diese Variante bevorzugt.

Mitteltönige Stimmung[Bearbeiten]

In mitteltönigen Stimmungen verwendet man theoretisch ein Intervall von 76 Cent für den chromatischen Halbton und 117 Cent für den diatonischen Halbton.

Ungleichschwebend temperierte Stimmung[Bearbeiten]

Sogenannte wohltemperierte Stimmungen wie die Werckmeister-Stimmung oder die Kirnberger-Stimmungen liegen in der Intonation zwischen der gleichstufigen und der mitteltönigen Stimmung.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Riemann Musiklexikon, Mainz 1967, Sachteil, S. 172
  2. (Genauer) Tabelle: Intervalle der reinen Stimmung

Siehe auch[Bearbeiten]