Chromatik

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Chromatik (altgr. χρῶμα chrṓma ,Farbe‘) bezeichnet in der tonalen Musik die „Umfärbung“ diatonischer Tonstufen. Die chromatischen Stufen der Tonleiter sind Erhöhungen oder Erniedrigungen (Hoch- bzw. Tiefalteration um einen Halbton) der gleichnamigen diatonischen Skala und werden dementsprechend notiert. Die chromatischen Varianten zum Beispiel zu f sind fis und fes. [1]

Im Dur-Moll-System setzt der Begriff Chromatik die siebenstufige Diatonik als Grundbestand des Tonsystems voraus. Chromatik ist also der Diatonik als deren Erweiterung untergeordnet. In der autonomen Chromatik des 20. Jahrhunderts (Freie Tonalität, Atonalität, Dodekaphonie) treten dagegen alle Stufen der chromatischen Tonleiter, unabhängig von ihrer Notation, als eigenständige und gleichberechtigte Elemente des Tonsystems auf.

Beispiel für eine Folge diatonischer und chromatischer Halbtonschritte mit fünf verschiedenen Vorzeichensymbolen.
Diatonische Tonschritte erkennt man daran, dass eine Fortschreitung zur benachbarten Position im Liniensystem erfolgt, während die Position bei chromatischen Schritten gleich bleibt.

Bewegt sich eine Stimme zwischen zwei Varianten desselben Tons (z. B. f-fis, fis-f, f-fes), so spricht man von chromatischen Fortschreitungen im Unterschied zu diatonischen (e-f oder fis-g). Äußerlich erkennt man den Unterschied zwischen einem diatonischen und einem chromatischen Tonschritt daran, dass bei chromatischen Schritten die Namen der beteiligten Töne gleiche, bei diatonischen Schritten dagegen verschiedene Anfangsbuchstaben haben. (Einzige Ausnahme: h-b ist auch ein chromatischer Schritt.)

Umgesetzt mit den heute bei Tasteninstrumenten üblichen gleichstufigen Stimmung ist der Unterschied zwischen chromatischen und diatonischen Fortschreitungen nur noch theoretischer Natur, da alle Halbtonschritte gleich groß sind. Die theoretische Vorstellung kann allerdings oft zum vollen Verständnis musikalischer Abläufe (vor allem bei klassischer Musik) wichtig sein. Bei reiner Intonation bzw. Verwendung reiner Stimmungen existiert jedoch auch ein physikalisch realer und messbarer Unterschied zwischen chromatischen und diatonischen Schritten, der je nach den in Anwendung kommenden Stimmungssystemen etwas unterschiedlich ausfallen kann.

Diatonische und chromatische Tonstufen im Notenbild[Bearbeiten]

Im Unterschied zu diatonischen und chromatischen Tonschritten kann man bei einzelnen Tonstufen nicht aus dem Notenbild entnehmen, ob sie diatonisch oder chromatisch sind. Hier ist vielmehr der tonale Zusammenhang entscheidend. So ist der Ton f nicht automatisch diatonisch, ebenso wenig wie fis chromatisch sein muss. In einer C-Dur-Umgebung ist f diatonisch (weil es zur diatonischen C-Dur-Tonleiter gehört) und fis chromatisch, in einer D-Dur-Umgebung ist fis (als Bestandteil der diatonischen D-Dur-Skala) diatonisch und f chromatisch.

Selbst doppelt erhöhte oder erniedrigte Töne müssen nicht zwangsläufig chromatisch sein. So ist zum Beispiel fisis die leitereigene, also diatonische siebte Stufe von Gis-Dur. Solche Fälle sind keinesfalls selten und kommen bereits beim modulationsfreudigen Schubert[2] und noch gehäufter in der romantischen Harmonik von Chopin bis Skriabin vor. Häufig wird mittels enharmonischer Verwechslung die einfachere Schreibweise gewählt, diese ist aber dann aus harmonischer Sicht nicht immer korrekt notiert. An sich gibt es kein einheitliches Verständnis wie letztlich harmonische Zusammenhänge Interpretiert und korrekt notiert werden.[3] Unabhängig davon können Intervallverhältnisse unterschiedlich gedeutet werden.

Diatonische und chromatische Halbtöne[Bearbeiten]

Die heute üblichste Stimmung von Instrumenten mit unflexibler Intonation ist die gleichstufige Einteilung der Oktave in 12 gleich große Halbtonintervalle. Hierbei gibt es zwischen diatonischen und chromatischen Halbtönen keinen hör- bzw. messbaren Unterschied.

In alten und neueren Gesangsschulen, die eine variable Intonation mit reinen Intervallen propagieren, wird jedoch wegen ihrer unterschiedlichen Größe zwischen diatonischem und chromatischem Halbton unterschieden.

Diatonische Halbtonschritte sind: c-des, cis-d, d-es, dis-e, e-f, f-ges, fis-g, g-as, gis-a,a-b, ais-h, h-c.
Chromatische Halbtonschritte sind: c-cis, des-d, d-dis, es-e, e-eis, f-fis, ges-g, g-gis, as-a, a-ais, b-h.

Auf unser Notensystem übertragen gilt also:

Halbtöne auf benachbarten Positionen im Notenliniensystem sind diatonisch, Halbtöne auf derselben Position im Notensystem sind chromatisch.

Beispiel Passus duriusculus. Akkorde hier nach W.A. Mozart Misericordias Domini d-MollChromatic (KV 205 a).

Duriusculus harmonien.gif Anhören?/i Die Halbtonschritte

im Bass sind

c → h: diatonisch

h → b chromatisch

b → a diatonisch

a → as chromatisch

as → g diatonisch

Die Halbtöne der chromatischen Skala können unterschiedlich definiert werden → Tabellarische Übersicht über Halbtonvarianten im Artikel Halbton.

Wird die Verwendung von natürlichen, in der Obertonreihe vorkommenden Intervallen vorausgesetzt, so muss der Ganzton in verschieden große Schritte unterteilt werden. Wird z. B. zwischen f und g eine chromatische Zwischenstufe (fis) eingeschoben, so spaltet sich der Ganzton f-g in einen chromatischen (f-fis) und einen diatonischen Halbton (fis-g) auf. Die Größe dieser Halbtöne hängt vom jeweils zugrunde gelegten Stimmungssystem ab.

Diatonische und chromatische Intervalle[Bearbeiten]

Diatonische Intervalle sind solche, die zwischen den Tonstufen einer diatonischen Tonleiter auftreten, also Prime, große und kleine Sekunde, große und kleine Terz, (reine) Quarte und Quinte, kleine und große Sext, kleine und große Septime.

Chromatische Intervalle sind alle übermäßigen und verminderten Intervalle, also z.B. übermäßige Prime, verminderte und übermäßige Sekunde, verminderte und übermäßige Terz usw.

Ein Sonderfall ist der Tritonus. Er kommt zwar in der Diatonik als Intervall zwischen der IV. und VII. Stufe der Durtonleiter vor, wird andererseits aber als übermäßige Variante der reinen Quarte den chromatischen Intervallen zugeordnet.

Chromatische Tonleiter[Bearbeiten]

Vereinfachte Notation der chromatischen Tonleiter[Bearbeiten]

Durch eine auf– und absteigende melodische Folge von zwölf Halbtonschritten innerhalb einer Oktave erhält man eine chromatische Tonleiter.

Die Notation erfolgt in der Regel auf der Basis von Dur- oder Molltonleitern, wobei auf jede diatonische Stufe deren chromatische Variante folgt.

(Bsp.: c, cis, d, dis, e, f, fis, g, gis usw.)

Das Beispiel: Diese Darstellung ist in vereinfachter Form ohne die modal tonalen harmonischen Beziehung in korrekterer Weise wiederzugeben.

Bei dieser vereinfachen Notation ist es üblich, die aufsteigende Tonleiter mit Kreuzen, die absteigende mit ♭-Vorzeichen zu notieren.

Chromatic scale full octave ascending and descending on C.PNG
Hörbeispiel: Chromatische Tonleiter von c aus: volle Oktave auf- und absteigend Abspielen?/i.

So wird sie z. B. vor allem in der Instrumentalmusik als Element virtuosen Laufwerks verwendet, weshalb das Spiel der chromatischen Tonleiter zur technischen Grundausbildung jedes Instrumentalisten gehört.

Die chromatische Tonleiter ist auch eine Materialtonleiter, aus der Gebrauchstonleitern durch Auswahl gewonnen werden können.

In der freien Tonalität und der atonalen Zwölftonmusik tritt sie als Gebrauchstonleiter an die Stelle der diatonischen Dur- und Molltonleitern.

Notation der chromatischen Tonleiter in Dur-Mollsystem[4][Bearbeiten]

Diese Notation war noch für Bach und andere klassische Musiker Standard.

Praktisch bleibt die Schreibweise von allen diatonischen Stufen erhalten und wird nicht mit enharmonischen Stufen ersetzt.

In einer aufsteigenden chromatischen Dur-Tonleiter werden alle diatonischen Tonstufen bis auf die dritte und die sechste erhöht. Statt der sechsten wird die siebente diatonischen Tonstufe erniedrigt. Bespiel: Chromatische Dur-Tonleiter von c' nach oben

Major chromatyczny nieregularny.jpg

In einer absteigenden chromatischen Dur-Tonleiter werden alle diatonischen Tonstufen bis auf die erste und die fünfte erniedrigt. Statt der fünften diatonischen Tonstufe wird die vierte diatonische Tonstufe erhöht. Beispiel: Chromatische Dur-Tonleiter von c'' nach unten

Major chromatyczny nieregularny a.jpg

In der aufsteigenden chromatischen Moll-Tonleiter werden alle diatonischen Stufen mit Ausnahme der ersten und der fünften erhöht. Statt der ersten diatonischen Tonstufe wird die zweite diatonische Tonstufe erhöht. Beispiel: Chromatische Moll-Tonleiter von a' nach oben

Moll chrom w.jpg

In der absteigenden chromatischen Moll-Tonleiter, ist alles wie in der aufsteigenden Moll-Tonleiter oder wie in der gleichnamigen absteigenden Dur-Tonleiter. Beispiel: Chromatische Dur Tonleiter von a'' nach unten

Moll chrom z.jpg

Die Frequenzen der chromatischen Tonleiter in unterschiedlichen Stimmungen[Bearbeiten]

Im Folgenden werden die Frequenzen und Frequenzverhältnisse der Töne der chromatischen Tonleiter aufgezählt und in gleichstufiger Stimmung der reinen Stimmung gegenübergestellt. Dabei wird der Kammerton a′ mit 440 Hz angenommen.

Chromatische Skala der gleichstufigen Stimmung:
Name des Tones c cis/des d dis/es e f fis/ges g gis/as a ais/b h c
Frequenz [Hz] 261,6 277,2 293,7 311,1 329,6 349,2 370 392 415,3 440 466,2 493,9 523,3
In Cent 0 100 200 300 400 500 600 700 800 900 1000 1100 1200
Erweiterte Skala der reinen Stimmung von C-Dur und C-moll ergänzt um fis und des:[5]
Name des Tones c des d es e f fis g as a b h c
Frequenz [Hz] 264 281,6 297 316,8 330 352 371,25 396 422,4 440 475,2 495 528
In Cent 0 112 204 316 386 498 590 702 814 884 1018 1088 1200

Pythagoreische Stimmung[Bearbeiten]

Bei den Leittönen (hier am Beispiel fis) intoniert die pythagoreische Stimmung immer höher und die reine oder mitteltönige Stimmung immer tiefer als die gleichstufige Stimmung.

Bei der pythagoreischen Stimmung, die nur den großen Ganzton (Frequenzverhältnis 9:8) kennt, wird dieser in einen chromatischen Halbton mit dem Frequenzverhältnis 2187/2048 (entspricht zirka 114 Cent) und einen diatonischen Halbton mit dem Frequenzverhältnis 256/243 (zirka 90 Cent) unterteilt. Der pythagoräische chromatische Halbton wird auch Apotome, der diatonische Limma genannt.

Da in der pythagoräischen Stimmung der chromatische Halbton größer als der diatonische ist, liegt hier zum Beispiel fis höher als ges. Auf dieser Intonation beruht die im 20. Jahrhundert weit verbreitete Lehre, der Leitton (zum Beispiel fis) sei eigentlich höher zu intonieren als in der gleichstufigen Stimmung.

Reine Stimmung[Bearbeiten]

Während die pythagoräische Stimmung alle Töne (auch den großen Ganzton) nur durch Kombination der beiden ersten Intervalle der Obertonreihe, Oktave und Quinte gewinnt, orientiert sich die reine Stimmung auch an höheren Bereichen der Obertonreihe und bezieht neben der Quarte (4/3) auch die reine große Terz (5/4) ein, die eine Oktave höher als Intervall zwischen dem achten und zehnten Teilton wiederkehrt und dort das Produkt aus dem großen (Frequenzverhältnis 9/8) und kleinen Ganzton (10/9) bildet (9/8 * 10/9 = 90/72 = 5/4). Der diatonische Halbton der reinen Stimmung ist das Überbrückungsintervall zwischen großer Terz (5/4) und Quarte (4/3). Sein Frequenzverhältnis errechnet sich zu 16/15, was zirka 112 Cent entspricht. Der große Ganzton lässt sich jetzt in den diatonischen Halbton und den großen chromatischen Halbton mit 135/128 (zirka 92 Cent) aufspalten und der kleine Ganzton in den diatonischen Halbton und den kleinen chromatischen Halbton mit 25/24 (zirka 71 Cent).

Im Gegensatz zur pythagoräischen Stimmung sind also hier die chromatischen Halbtöne beide kleiner als der diatonische Halbton, so dass jetzt zum Beispiel fis tiefer als ges ist. Im Rahmen der historischen Aufführungspraxis und aus der Überlegung heraus, dass die gehörte Konsonanz d-fis nicht auf der Verwandtschaft der des 81. Obertons (vier Quinten), sondern auf der des 5. Obertons (reine große Terz) beruht, wird auf Instrumenten mit flexibler Intonation heute in der tonalen Musik diese Variante bevorzugt.

Mitteltönige Stimmung[Bearbeiten]

In mitteltönigen Stimmungen verwendet man theoretisch ein Intervall von 76 Cent für den chromatischen Halbton und 117 Cent für den diatonischen Halbton.

Ungleichschwebend temperierte Stimmung[Bearbeiten]

Sogenannte wohltemperierte Stimmungen wie die Werckmeister-Stimmung oder die Kirnberger-Stimmungen liegen in der Intonation zwischen der gleichstufigen und der mitteltönigen Stimmung.

Chromatik-Arten nach В. М. Барский и Ю. Н. Холопов[Bearbeiten]

Folgende Chromatik-Arten werden durch В. М. Барский и Ю. Н. Холопов unterschieden:

  • Modulationschromatik
  • Subsystemartige (bei tonalen Abweichungen)
  • leittonartige
  • alterierte
  • Mixture / gemischte (als Folge der Vemischung von verschiedenen Diatoniken)
  • autonome (oder naturale, oder Heptatonik)

Chromatische Modulation[Bearbeiten]

Hans Peter Reutter beschreibt die chromatische Modulation so:

„Die grundlegende chromatische Manipulation ist das Ersetzen einer Moll- durch eine Durterz. Diese Erhöhung kommt so oft und in so vielen Zusammenhängen vor, dass wir dem entstehenden Klang nur allgemein eine dominantische Funktion zuschreiben können. Ob es aber die Dominante einer neuen Tonart oder nur eine Zwischendominante ist, entscheidet der Zusammenhang.[6]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Riemann Musiklexikon, Mainz 1967, Sachteil, S. 172
  2.  Richard Böhm: Symbolik und Rhetorik im Liedschaffen von Franz Schubert Volume 3 of Wiener Schriften zur Stilkunde und Aufführungspraxis. 2006, ISBN 3-205-77500-7, S. 148 (Online in der Google-Buchsuche).
  3. „Es verbleibt ferner die Einsicht in eine Fülle ungelöster Probleme, die die Harmonik des 19. Jahrhunderts stellt, wenn wir überhaupt von ihr wissen wollen (Rezension von Detlef Gojowy in "DieMusikforschung" 1997, Heft. 1, S. 126-127)“ B. Hirszenberg: Chopins Harmonik. Chromatik in ihrer Beziehung zur Tonalität. 1995, ISBN 3-931430-00-6, S. 204.
  4.  NG Halt: Lehrbuch der Harmonie. Ripol Klassik, 1986, ISBN 5-458-33218-0, S. 296.
  5. (Genauer) Tabelle: Intervalle der reinen Stimmung
  6. Einige Gedanken zur chromatischen Modulation, Hans Peter Reutter Harmonielehre – chromatische Modulation http://www.satzlehre.de/themen/modulation-chromatisch.pdf

Siehe auch[Bearbeiten]