Doktor Murkes gesammeltes Schweigen

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Doktor Murkes gesammeltes Schweigen ist der Titel einer Kurzgeschichte von Heinrich Böll. Erstveröffentlicht wurde sie 1955 in den Frankfurter Heften, eine erweiterte und überarbeitete Fassung erschien 1958 in dem Sammelband Doktor Murkes gesammeltes Schweigen und andere Satiren.

Handlung[Bearbeiten]

Anfang der 1950er Jahre: Professor Bur-Malottke, eine renommierte und einflussreiche Geistesgröße, der in der religiösen Begeisterung des Jahres 1945 konvertiert hatte, erscheint beim Intendanten seines 'Haussenders', um kundzutun, dass er plötzlich Bedenken habe, an der religiösen Überlagerung des Rundfunks mitschuldig zu sein. Er hatte in der Vorwoche einen bald zur Sendung anstehenden, zweimal halbstündigen Vortrag zum Wesen der Kunst auf Band gesprochen, in dem er häufig auf Gott Bezug nimmt. Er möchte nun das Wort „Gott“ in dem Vortrag durch die Wendung „jenes höhere Wesen, das wir verehren“ ersetzen, die mehr der Mentalität entsprach, zu der er sich vor 1945 bekannt hatte. Er weigert sich jedoch, den Vortrag komplett neu einzusprechen, sondern will, dass aus den Bändern das Wort „Gott“ herausgeschnitten und durch die von ihm gewünschte Wendung ersetzt wird. Dr. Murke, ein junger Redakteur in der Abteilung „Kulturwort“, bekommt diese unangenehme Aufgabe zugeteilt.

Bei den nun folgenden Arbeiten – mehrfaches Anhören der Rede, Herausschneiden von „Gott“ und Vorbereitung der Neueinspielung – lernt Murke den von ihm ohnehin nicht sehr geschätzten Bur-Malottke zu hassen. Als jener zum Einsprechen des Satzes „jenes höhere Wesen, das wir verehren“ erscheint, macht ihn Murke darauf aufmerksam, dass er besagte Wendung für 27 Textstellen benötige, unterschieden nach Nominativ/Akkusativ, Genitiv, Dativ und Vokativ („O Gott!“) und dass die Rede durch die Umschnitte um eine Minute verlängert würde, was man durch Kürzungen an anderer Stelle wieder werde ausgleichen müssen. Bur-Malottke hatte dies nicht bedacht und bereut angesichts der damit verbundenen Mühen, die Murke durch kleine Schikanen noch steigern kann, seinen Entschluss, will aber keinen Rückzieher machen. Bei einem erneuten Besuch beim Intendanten erhält er von diesem die Bewilligung für eine zusätzliche Sendeminute und äußert den Wunsch, dass alle seine Tonaufzeichnungen im Rundfunkarchiv – wohl über 120 Stunden – gleichermaßen überarbeitet werden sollen.

Murke stellt das Band mit der überarbeiteten Rede fertig und lässt die Bandschnipsel mit Bur-Malottkes „Gott“ übrig. Als im selben Studio bald darauf ein religiöser Programmbeitrag bearbeitet wird, bei dem statt dem drehbuchmäßigen und in der Urfassung realisierten wiederholten „Schweigen“ jeweils das Wort „Gott“ eingefügt werden soll, erinnert sich der Studiotechniker an die Schnipsel und montiert sie hinein.

Neben diesem Hauptstrang der Handlung enthält die Erzählung einige Nebenepisoden, die für verschiedene Interpretationsansätze wichtig sein können und teilweise im nächsten Abschnitt aufgegriffen werden.

Motive und Inhalt[Bearbeiten]

Böll siedelt die Geschichte bei einer nicht näher benannten Rundfunkanstalt an, in deren Kulturabteilung ihr Protagonist Murke arbeitet. Die Handlung besteht aus einer Aneinanderreihung verschiedener Episoden, von denen die meisten im Rundfunkhaus stattfinden. Ihre Wirkung erzielt die Geschichte „aus der raschen Szenenfolge“.[1]

In der Literaturwissenschaft wurde die Geschichte überwiegend als satirische, karikierende Abrechnung mit dem Rundfunksystem der 50er Jahre und deren Umgang mit ehemaligen Nationalsozialisten, bzw. deren Mitläufern und Nutznießern gedeutet. Dabei rückt die Figur des Bur-Malottke in den Vordergrund, der um die Nachbearbeitung eines von ihm jüngst eingesprochenen Kulturbeitrags bittet. Das Wort „Gott“ soll durch die distanzierende Phrase „jenes höhere Wesen, das wir verehren“, ersetzt werden. Nach Kriegsende war der Kulturmanager zum christlichen Glauben konvertiert, um seinen plötzlichen, antinationalsozialistischen „Sinneswandel“ zu rechtfertigen. Nun, zur Mitte der 1950er Jahre, glaubt er, die Kehrtwende von der Kehrtwende einläuten zu können und möchte die Gottesbekundungen aus einem Vortrag gestrichen wissen. Zimmermann interpretiert Bur-Malottkes Handeln und ihre Funktion für den Text wie folgt:

„Wenn der schöngeistige Schwätzer, der in der religiösen Renaissance des Jahres 1945 konvertiert hat, in seinen Vorträgen über das Wesen der Kunst 27mal Gott beschwört […], so werden damit wohl nicht nur modische Zeitströmungen und ihre Ritualisierungstendenzen travestiert, es wird auch die Situation des Rundfunks bewußtgemacht, der sich dem Zwang nicht entziehen kann, diesen Strömungen gebührend Gehör zu verschaffen.[2]

Murke wird nach dieser Lesart zum Gegenspieler Bur-Malottkes. Er ist im Rundfunk tätig und wurde vom Intendanten beauftragt, das Ansinnen des Kulturrezensenten technisch umzusetzen. Dabei entgeht dem als „jung, intelligent und liebenswürdig“ beschriebenen Murke nichts. Bur-Malottke hatte nicht bedacht, dass „jenes höhere Wesen, das wir verehren“ im Gegensatz zu „Gott“ in verschiedenen Kasus eingesprochen werden muss. Die Kasusverschiebungen bereiten ihm Unbehagen. Murke nutzt dies geschickt und lässt Bur-Malottke für seine Scheinheiligkeit büßen:

„[E]s bleibt noch ein Vokativ, die Stelle, wo Sie: 'oh Gott' sagen. Ich erlaube mir, Ihnen vorzuschlagen, daß wir es beim Vokativ belassen, und Sie sprechen ‚O du höheres Wesen, das wir verehren!‘“

Die verschiedenen Szenen zeichnen Murke als einen im Inneren opponierenden Konterpart, der die verschiedenen Funktionsmechanismen des Rundfunkbetriebs teils mit Spott, teils mit distanzierter Furcht durchlebt. So nimmt die Geschichte eingangs ausführlich Bezug auf die Alpträume, die Murke durchlebt, während er tagsüber Bur-Malottkes Vortrag bearbeitet. Seine Beklemmung kanalisiert er wiederum durch das Sammeln und Herausschneiden von Stellen, in denen die Sprecher schweigen. Auch seine Freundin hält er dazu an, ihm Tonbänder zu „beschweigen“. Er braucht die Aufnahmen, um sie sich abends zur Erholung von der Hohlheit und Geschwätzigkeit des Mediums, also zur Seelenhygiene, vorspielen zu können.

Die Geschichte endet pointiert in einer Dialogszene zwischen Techniker und Hilfsregisseur. Murkes heraus getrennte Gott-Schnippel können in einen anderen Rundfunkbeitrag hinein geschnitten werden. Der mit Murke befreundete Techniker freut sich, dass er ihm die dafür unnötig gewordenen Schweigestellen schenken kann: „im ganzen fast eine Minute“.

Böll selbst erklärt seine narrative Darstellungsform dadurch, einer Welt entgegentreten zu wollen, „die dauernd schreit, die laut ist und schon damals laut war und heute noch lauter ist“. Der Figur des Murke obliegt es, „dem Schweigen einen Altar zu bauen“.[3]

Rezeption[Bearbeiten]

Die Geschichte wurde 1963/64 mit Dieter Hildebrandt als Dr. Murke für das Fernsehen vom Hessischen Rundfunk verfilmt (Regie: Rolf Hädrich).[4] Der zweite Teil der beiden Ausstrahlungen trug den Titel Doktor Murkes gesammelte Nachrufe. Die Hörspielfassung (1986 als Koproduktion von Südwestfunk und Saarländischem Rundfunk) wurde 2004 mit dem Radio-Eins-Hörspielkino-Publikumspreis ausgezeichnet.

Sie ist auch Gegenstand eines Songs der Punk-Band EA80.

Interpretationen[Bearbeiten]

  • Erhard Friedrichsmeyer: Die satirische Kurzprosa Heinrich Bölls. Chapel Hill 1981. S. 7-50.
  • Erhard Friedrichsmeyer: Doktor Murkes gesammeltes Schweigen. In: Heinrich Böll, Romane und Erzählungen. Hrsg. von Werner Bellmann. Reclam, Stuttgart 2000. (Literaturstudium: Interpretationen.) S. 149-160.
  • John Klapper: Heinrich Bölls „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“. In: German teaching. The German journal of the Association for Language Learning 5 (1992) H. 5. S. 24-29.
  • Dieter E. Zimmer: Doktor Murkes gesammeltes Schweigen. In: In Sachen Böll. Ansichten und Einsichten. Hrsg. v. Marcel Reich-Ranicki. dtv, München 8. Aufl. 1985. S. 205-209.
  • Werner Zimmermann: Doktor Murkes gesammeltes Schweigen (1958). In: W. Z.: Deutsche Prosadichtungen unseres Jahrhunderts. Interpretationen. Teil 2. 2. Aufl. der Neufassung. Schwann, Düsseldorf 1970. S. 239-249.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Sowinski, Bernhard und Schneidewind, Wolf Egmar: Heinrich Böll. Satirische Erzählungen, Oldenbourg: München (1986), S. 59.
  2. Zimmermann, Werner: Deutsche Prosadichtungen des 20. Jahrhunderts. Interpretationen II, 7. Auflage, Schwann: Düsseldorf (1989), S. 233.
  3. Stolz, Wolfgang: Der Begriff der Schuld im Werk von Heinrich Böll, in: Neuhaus, Volker (Hg.): Kölner Studien zur Literaturwissenschaft 17, Lang: Frankfurt am Main (2009), S. 158
  4. laut stern wurde sie 1965 verfilmt

Weblinks[Bearbeiten]