Doktor Murkes gesammeltes Schweigen

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Doktor Murkes gesammeltes Schweigen ist der Titel einer Kurzgeschichte von Heinrich Böll. Erstveröffentlicht wurde sie 1955 in den Frankfurter Heften, eine erweiterte und überarbeitete Fassung erschien 1958 in dem Sammelband Doktor Murkes gesammeltes Schweigen und andere Satiren.

Inhaltsverzeichnis

Motive und Inhalt [Bearbeiten]

Böll siedelt die Geschichte bei einer nicht näher benannten Rundfunkanstalt an, in deren Kulturabteilung ihr Protagonist Murke arbeitet. Die Handlung besteht aus einer Aneinanderreihung verschiedener Episoden, von denen die meisten im Rundfunkhaus stattfinden. Ihre Wirkung erzielt die Geschichte „aus der raschen Szenenfolge“.[1]

In der Literaturwissenschaft wurde die Geschichte überwiegend als satirische, karikierende Abrechnung mit dem Rundfunksystem der 50er Jahre und deren Umgang mit ehemaligen Nationalsozialisten, bzw. deren Mitläufern und Nutznießern gedeutet. Dabei rückt die Figur des Bur-Malottke in den Vordergrund, der um die Nachbearbeitung eines von ihm jüngst eingesprochenen Kulturbeitrags bittet. Das Wort „Gott“ soll durch die distanzierende Phrase „jenes höhere Wesen, das wir verehren“, ersetzt werden. Nach Kriegsende war der Kulturmanager zum christlichen Glauben konvertiert, um seinen plötzlichen, antinationalsozialistischen „Sinneswandel“ zu rechtfertigen. Nun, zur Mitte der 1950er Jahre, glaubt er, die Kehrtwende von der Kehrtwende einläuten zu können und möchte die Gottesbekundungen aus einem Vortrag gestrichen wissen. Zimmermann interpretiert Bur-Malottkes Handeln und ihre Funktion für den Text wie folgt:

„Wenn der schöngeistige Schwätzer, der in der religiösen Renaissance des Jahres 1945 konvertiert hat, in seinen Vorträgen über das Wesen der Kunst 27mal Gott beschwört […], so werden damit wohl nicht nur modische Zeitströmungen und ihre Ritualisierungstendenzen travestiert, es wird auch die Situation des Rundfunks bewußtgemacht, der sich dem Zwang nicht entziehen kann, diesen Strömungen gebührend Gehör zu verschaffen.[2]

Murke wird nach dieser Lesart zum Gegenspieler Bur-Malottkes. Er ist im Rundfunk tätig und wurde vom Intendanten beauftragt, das Ansinnen des Kulturrezensenten technisch umzusetzen. Dabei entgeht dem als „jung, intelligent und liebenswürdig“ beschriebenen Murke nichts. Bur-Malottke hatte nicht bedacht, dass „jenes höhere Wesen, das wir verehren“ im Gegensatz zu „Gott“ in verschiedenen Kasus eingesprochen werden muss. Die Kasusverschiebungen bereiten ihm Unbehagen. Murke nutzt dies geschickt und lässt Bur-Malottke für seine Scheinheiligkeit büßen:

„[E]s bleibt noch ein Vokativ, die Stelle, wo Sie: 'oh Gott' sagen. Ich erlaube mir, Ihnen vorzuschlagen, daß wir es beim Vokativ belassen, und Sie sprechen ‚O du höheres Wesen, das wir verehren!‘“

Die verschiedenen Szenen zeichnen Murke als einen im Inneren opponierenden Konterpart, der die verschiedenen Funktionsmechanismen des Rundfunkbetriebs teils mit Spott, teils mit distanzierter Furcht durchlebt. So nimmt die Geschichte eingangs ausführlich Bezug auf die Alpträume, die Murke durchlebt, während er tagsüber Bur-Malottkes Vortrag bearbeitet. Seine Beklemmung kanalisiert er wiederum durch das Sammeln und Herausschneiden von Stellen, in denen die Sprecher schweigen. Auch seine Freundin hält er dazu an, ihm Tonbänder zu „beschweigen“. Er braucht die Aufnahmen, um sie sich abends zur Erholung von der Hohlheit und Geschwätzigkeit des Mediums, also zur Seelenhygiene, vorspielen zu können.

Die Geschichte endet pointiert in einer Dialogszene zwischen Techniker und Hilfsregisseur. Murkes heraus getrennte Gott-Schnippel können in einen anderen Rundfunkbeitrag hinein geschnitten werden. Der mit Murke befreundete Techniker freut sich, dass er ihm die dafür unnötig gewordenen Schweigestellen schenken kann: „im ganzen fast eine Minute“.

Interpretationskritik [Bearbeiten]

Die gängige Interpretationspraxis wird dem Text an vielen Stellen nicht gerecht. So wird der Intendant etwa charakterisiert, als würde er Bur-Malottke den Gefallen willfährig bereiten. Tatsächlich wird er als „Freund“ Bur-Malottkes bezeichnet, obgleich dies nicht der Grund für sein Entgegenkommen darstelle. Man könne ihm nicht widersprechen, da er das Redaktionsmitglied dreier großer Zeitungen und der „Cheflektor des größten Verlages“ sei. Nachdem Bur-Malottke von Murke vorgeführt wird, sucht er das Gespräch mit dem Intendanten und bittet um die Nachbearbeitung all seiner Rundfunkbeiträge seit 1945. Obwohl er auch dieser Eingebung zunächst zustimmt und ankündigt, alles Notwendige veranlassen zu wollen, ist seine innere Einstellung eine andere. Während er Bur-Malottkes Vortrag im Radio lauscht, erfahren wir:

„Nein, dachte der Intendant, ich kann wirklich keinem Menschen zumuten, einhundertzwanzig Stunden Bur-Malottke abzuhören. Nein, dachte er, es gibt Dinge, die man einfach nicht machen kann, die ich nicht einmal Murke gönne. Er ging in sein Arbeitszimmer zurück, schaltete dort den Lautsprecher an und hörte gerade Bur-Malottke sagen: ‚Oh du höheres Wesen, das wir verehren …‘ Nein, dachte der Intendant, nein, nein.“

Obwohl die Interpretation nicht falsch ist, verbaut sie doch den Zugang zum Text, der durch seine schnelle, szenische Abfolge und die Vielzahl pointierter Kurzepisoden dazu einlädt, gerade vieldeutig interpretiert zu werden.

Böll selbst erklärt seine narrative Darstellungsform dadurch, einer Welt entgegentreten zu wollen, „die dauernd schreit, die laut ist und schon damals laut war und heute noch lauter ist“. Der Figur des Murke obliegt es, „dem Schweigen einen Altar zu bauen.“[3]

Rezeption [Bearbeiten]

Die Geschichte wurde 1963/64 mit Dieter Hildebrandt als Dr. Murke für das Fernsehen vom Hessischen Rundfunk verfilmt; der zweite Teil der beiden Ausstrahlungen trug den Titel Doktor Murkes gesammelte Nachrufe. Die Hörspielfassung (1986 als Koproduktion von Südwestfunk und Saarländischem Rundfunk) wurde 2004 mit dem Radio-Eins-Hörspielkino-Publikumspreis ausgezeichnet.

Sie ist auch Gegenstand eines Songs der Punk-Band EA80.

Interpretationen [Bearbeiten]

  • Erhard Friedrichsmeyer: Die satirische Kurzprosa Heinrich Bölls. Chapel Hill 1981. S. 7-50.
  • Erhard Friedrichsmeyer: Doktor Murkes gesammeltes Schweigen. In: Heinrich Böll, Romane und Erzählungen. Hrsg. von Werner Bellmann. Reclam, Stuttgart 2000. (Literaturstudium: Interpretationen.) S. 149-160.
  • John Klapper: Heinrich Bölls „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“. In: German teaching. The German journal of the Association for Language Learning 5 (1992) H. 5. S. 24-29.
  • Dieter E. Zimmer: Doktor Murkes gesammeltes Schweigen. In: In Sachen Böll. Ansichten und Einsichten. Hrsg. v. Marcel Reich-Ranicki. dtv, München 8. Aufl. 1985. S. 205-209.
  • Werner Zimmermann: Doktor Murkes gesammeltes Schweigen (1958). In: W. Z.: Deutsche Prosadichtungen unseres Jahrhunderts. Interpretationen. Teil 2. 2. Aufl. der Neufassung. Schwann, Düsseldorf 1970. S. 239-249.

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. Sowinski, Bernhard und Schneidewind, Wolf Egmar: Heinrich Böll. Satirische Erzählungen, Oldenbourg: München (1986), S. 59.
  2. Zimmermann, Werner: Deutsche Prosadichtungen des 20. Jahrhunderts. Interpretationen II, 7. Auflage, Schwann: Düsseldorf (1989), S. 233.
  3. Stolz, Wolfgang: Der Begriff der Schuld im Werk von Heinrich Böll, in: Neuhaus, Volker (Hg.): Kölner Studien zur Literaturwissenschaft 17, Lang: Frankfurt am Main (2009), S. 158

Weblinks [Bearbeiten]