Dokumentarfotografie

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Die Dokumentarfotografie ist eine Art des Fotografierens, deren Motivation es ist, ein fotografisches Dokument herzustellen, das für das Festhalten der Realität, als Zeit-Dokument, als Appell oder auch Warnung genutzt werden soll. Diese fotografischen Dokumente stellen dabei jedoch keine objektive, sondern eine subjektive oder ideologische Betrachtung zumeist mit sozialkritischem Hintergrund dar.

Der Begriff „Dokument“ stammt von dem lateinischen Ausdruck documentum = beweisende Urkunde.

Der Begriff „Dokumentarfotografie“ wurde in den USA der 1930er Jahre im Zusammenhang mit der Großen Depression geprägt. Der Wert von Dokumentarfotografie liegt zumeist in der über die reine Wiedergabe des Realen hinaus weisenden sozialkritischen Bestandsaufnahme, etwa bei Robert Frank oder Manuel Rivera-Ortiz. [1]

Merkmale der Dokumentarfotografie[Bearbeiten]

Dokumentarfotografie bedeutet mehr noch als rein künstlerische Fotografie ein persönliches Bekenntnis des Fotografen. Er zeigt, was er vor Ort mit der Kamera sieht, nimmt uns mit, wenn er unterwegs ist. Sein Blick richtet sich bevorzugt auf das, was ohne Aufhebens geschieht, sich im Alltagsgeschehen oder in ritualisierten Abläufen so offensichtlich unsichtbar gemacht hat, dass es der Wahrnehmung entgleitet.

Vorgeschichte[Bearbeiten]

In der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts wird dem fotografischen Abbild zunächst von seiner Natur aus eine dokumentarische Funktion zugeschrieben. So fordert bereits das "British Journal of Photography" ein umfassendes Archiv mit Fotografien anzulegen und als Dokumente für spätere Generationen zu erhalten.

In diesem Rahmen finden die ersten Versuche der Dokumentarfotografie statt:

  • 1870 beginnt Jacob August Riis eine Fotoserie über die Armen von New York.
  • Lewis W. Hine dokumentiert 1905 die Kinderarbeit in den USA, woraufhin diese gesetzlich verboten wird. Darin kündigt sich bereits die sozialkritische Gestalt der Dokumentarfotografie an.

Entstehung der Dokumentarfotografie als eigenständige Gattung[Bearbeiten]

Durch die gesellschaftlichen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise sieht sich die amerikanische Regierung unter Präsident Franklin Roosevelt zu umfassenden Sozialreformen, auch New Deal genannt, genötigt. In diesem Kontext wollte die Regierung die Bevölkerung Amerikas vor allem von der Notwendigkeit ihrer Maßnahmen überzeugen, um Unterstützung für ihre Politik zu gewinnen. 1935 werden deshalb von der Resettlement Administration (später umbenannt in Farm Security Administration) Fotografen beauftragt, eine groß angelegte fotografische Dokumentation über das ländliche Leben in Amerika zu erstellen. Sie sollten die verarmte Landbevölkerung würdig und ästhetisch darstellen, jedoch keinesfalls künstlerisch. Diese neue Art von Fotografie wurde „Dokumentarfotografie“ genannt, um sich von der künstlerischen Fotografie abzuspalten. Wesentliche Elemente der Dokumentarfotografie sind:

  • Das Aufzeigen von sozialen Missständen
  • Ästhetischer Charakter, der jedoch möglichst real und natürlich ist
  • Nicht das Dokumentieren eines Ereignisses, sondern das sozialer Gegebenheiten anhand mehrerer Fotografien in einer Fotoserie
  • Das Foto als Botschaft, die über den Text hinausgeht
  • Dokumentarfotografie meist mit politischem Hintergrund, mit dem Anspruch auf politischen Einfluss
  • Fotografieren als öffentlicher Charakter

Es entstand in diesem Zusammenhang also zum ersten Mal der Versuch einer offiziellen und organisierten Bewegung dokumentarischen Charakters. Bedeutende Fotografen jener Zeit sind in den USA unter anderem:

In Deutschland hat der Dokumentarfotograf August Sander mit nach Berufsständen geordneten Porträts in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Bedeutung erlangt.

Dokumentarfotografie nach 1945[Bearbeiten]

Nach 1945 hatte die Dokumentarfotografie einen schwereren Stand. Große dokumentarische Fotografen der Nachkriegszeit, etwa W. Eugene Smith, Diane Arbus, Robert Frank, William Klein oder Mary Ellen Mark waren entweder Einzelkämpfer, oder sie waren gezwungen, als Story-Lieferanten für die großen illustrierten Magazine (allen voran Life) zu arbeiten. Eingezwängt in die wirtschaftliche Logik der Auflagensteigerung, finden politische unabhängige Positionen immer weniger Platz. Man begegnet den Fotos von unabhängigen Dokumentarfotografen inzwischen häufiger in Museen denn in öffentlichen Zeitschriften. Dies hängt vor allem mit dem Wandel des öffentlichen Fotos von der Dokumentarfotografie zum Fotojournalismus zusammen. Die Bilder müssen immer aktueller sein, wodurch die Zeit, die eine Fotoserie benötigt, zu lang erscheint. Und durch die Flut von Informationen scheint es ökonomischer zu sein, möglichst viele Geschichten zu berichten, als einer Geschichte mehrere Seiten zu widmen und andere Informationen wegzulassen. Dazu kommt, dass besonders politische Institutionen sich spätestens seit dem Vietnamkrieg der Wirkung des Fotos als Waffe bewusst sind. Das führt zu erschwerten Produktionsverhältnissen, bis hin zum embedded journalism, bei dem alle entstandenen Fotos zunächst von der Regierung gefiltert werden.

Seit Beginn des neuen Jahrtausends zeichnet sich eine Trendwende ab. Mehrere Museen und Wissenschaftsinstitutionen besinnen sich der dokumentarischen Kraft der Fotografie. Im Sommer 2009 zeigte das Budapester Ludwig-Museum unter dem Titel «Things are drawing to a crisis» eine Schau sozialdokumentarischer Fotografie der späten 1920er und der 1930er Jahre. Ebenfalls 2009 stellte der Fotograf, Kritiker und Kurator Jorge Ribalta im Museu d'Art Contemporani de Barcelona unter dem Titel «Universal Archive» eine Ausstellung zur Geschichte der Dokumentarfotografie im 20. Jahrhundert zusammen. 2010 fand im Museum Reina Sofia in Madrid eine große internationale Konferenz zur Geschichte der sozialdokumentarischen Arbeiterfotografiebewegung statt.

Ein jüngerer Dokumentarfotograf der Gegenwart ist Manuel Rivera-Ortiz, der als unabhängiger Fotograf die Lebensbedingungen von Menschen in Entwicklungsländern dokumentiert[2]. Rivera Ortiz wuchs in ärmlichen Verhältnissen im ländlichen Puerto Rico der 1970er Jahre auf. Von dieser Erfahrung geprägt, bezeichnet Rivera-Ortiz seine Arbeit als eine Feier des Lebens (A Celebration of Life), in Armut. Rivera-Ortiz hat u.a Kuba fotografiert und die Lebensbedingungen, die er dort gesehen hat, mit dem Puerto Rico seiner Kindheit verglichen. Er hat auch die Würde der Dalit-Kaste ( "Unberührbaren") in Indien dokumentiert, wie auch die Lebensbedingungen der Aymara in der trockenen Hochebene von Bolivien. Rivera-Ortiz hat auch Arbeiten über Kenia, die Türkei oder Thailand veröffentlicht.

Gegenwärtige berühmte Dokumentarfotografen sind:

Beachtung in der Kunst[Bearbeiten]

Seit den späten 1970er Jahren hat die Dokumentarfotografie neben der Kunstfotografie zunehmend einen Platz in Kunstgalerien und Museen erhalten. Luc Delahaye, Manuel Rivera-Ortiz und die Mitglieder der VII Photo Agency zählen zu den Dokumentarfotografen, deren Bilder regelmäßig in Galerien und Museen ausgestellt sind.[3]


Siehe auch: Geschichte und Entwicklung der Fotografie, Dokumentarfilm, Sozialdokumentarische Fotografie

Literatur[Bearbeiten]

  • Michael Leicht: Wie Katie Tingle sich weigerte, ordentlich zu posieren und Walker Evans darüber nicht grollte, Bielefeld 2006.
  • Starl, Timm: Dokumentarische Fotografie, Artikel in: Hubertus Butin (Hg.): DuMonts Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst, Köln 2002, S. 73-77.
  • Abigail Solomon-Godeau: Wer spricht so? Einige Fragen zur Dokumentarfotografie, in: Herta Wolf (Hg.): Diskurse der Fotografie. Fotokritik am Ende des fotografischen Zeitalters, Frankfurt am Main 2003, S. 53-74.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatRenate Puvogel: Michael Schmidt - Lebensmittel. Goethe-Institut, April 2012, abgerufen am 18. April 2012.
  2. Rangefinder, The Magazine for Professional Photographers, April 2008, S. 126, englisch (PDF)
  3. Alejandro Malo: Documentary Art, ZoneZero. Abgerufen am 5. Dezember 2010.