Dschinnistan

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„Alboflede“ – Illustration zu Wielands Dschinnistan, Kupferstich von 1786

Dschinnistan oder auserlesene Feen- und Geistermärchen, teils neu erfunden, teils übersetzt und umgearbeitet ist eine Geschichtensammlung, die von 1786 bis 1789 durch Christoph Martin Wieland herausgegeben wurde.

Inhalt[Bearbeiten]

Die Sammlung enthält insgesamt 19 Märchen, von denen aber lediglich zwölf von Wieland selbst stammen, nämlich Nadir und Nadine, Adis und Dahy, Neangir und seine Brüder, Argentine und ihre Schwestern, Der Stein der Weisen, Timander und Melissa, Himmelblau und Lupine, Der goldene Zweig, Die Salamandrin und die Bildsäule, Alboflede, Pertharin und Ferrandine, Der eiserne Armleuchter und Der Greif vom Gebirge Kaf. Weitere vier Stücke stammen von Wielands Freund Friedrich Hildebrand von Einsiedel, nämlich Der Zweikampf, Das Labyrinth, Die klugen Knaben und Die Prinzessin mit der langen Nase. Wielands Schwiegersohn August Jacob Liebeskind hat Der Korb sowie Lulu oder die Zauberflöte beigesteuert. Der Palast der Wahrheit schließlich wird als Gemeinschaftswerk Wielands mit einem unbekannten Co-Autor angesehen, vermutlich handelt es sich hierbei um Caroline von Wolzogen.

Arkadien[Bearbeiten]

Ein häufig in den Geschichten auftauchendes Motiv ist das eines märchenhaften, arkadische Züge tragenden Reiches, das – ganz in der Tradition der im Rokoko so beliebten Schäferidyllen – von einfachen, genügsamen, tugendhaften Menschen bewohnt wird. Teils wird es durch böse Zauberer und Magier bedroht (Nadir und Nadine; Der Stein der Weisen), teils taucht es als idyllischer Gegenentwurf zum frappant an die zeitgenössischen Fürstenhöfe des Spätabsolutismus erinnernden Hofleben auf (Timander und Melissa).

Elemente des Wunderbaren[Bearbeiten]

In großer Zahl werden die Erzählungen von wundertätigen Zauberern, Magiern und Feen aller Art bevölkert. Teilweise bringen sie Verderben wie der lüsterne und habgierige Astramond in Nadir und Nadine oder der falsche Alchimist Misfragmutosorisis in Der Stein der Weisen, teils aber auch Erlösung wie die Feenkönigin Sofronia in Timander und Melissa oder der Genius Alzindor, der mit dem goldenen Zweig Alazin und Marmotte von ihrer Missgestalt befreit. Häufig anzutreffen sind auch wunderbare Gegenstände wie der Ring, vermittels dessen König Siopas die wenig erbaulichen Gedanken seiner korrupten Höflinge lesen kann, oder der von Tauben durch die Luft getragene Rosenthron, der Timander in ein fremdes Reich entführt.

Eine bisweilen anzutreffende Erzähltechnik besteht darin, dass der Leser zu Beginn der Geschichte nur einen kleinen Ausschnitt des Geschehens dargeboten bekommt, der sich schließlich als Detail eines großangelegten, vor langer Zeit begonnenen und von mächtigen Zauberern und Feen ins Werk gesetzten Vorgangs erweist (Die Salamandrin und die Bildsäule).

Getrennte Liebende[Bearbeiten]

Immer wieder stehen auch getrennte Liebende im Mittelpunkt der Erzählung, die allerlei Widerstand überwinden müssen, ehe sie endlich vereint werden (u. a. Himmelblau und Lupine, Der goldene Zweig, Nadir und Nadine).

Gestalt und Wesen[Bearbeiten]

Großes Augenmerk wird auf das Verhältnis von Gestalt und Wesen, von Sein und Schein gelegt. So sind die Protagonisten der Geschichte Himmelblau und Lupine schön, aber hochmütig, dann wieder freundlich, aber hässlich – und können so niemals zueinander finden. Prinz Alazin und Prinzessin Marmotte in Der goldene Zweig sind trotz größter Tugend von abnormer Hässlichkeit gezeichnet. In Timander und Melissa verbirgt die liebreizende Prinzessin Pasithea ihr Meerkatzengesicht unter einem Schleier – und stößt den ihr zugetanen Timander zurück, sobald sie ihn endlich lüftet. Häufig finden auch Gestaltverwandlungen aller Art statt, so wird das leichtgläubige Königspaar im Stein der Weisen zu Esel und Ziege, der undankbare Liebhaber Timander zum Schmetterling.

Orientalische Motive[Bearbeiten]

Vielfach verarbeitet wurden in den Geschichten schließlich Motive aus dem orientalischen Raum, so etwa die seinerzeit großes Interesse erweckenden Mysterien des alten Ägyptens (Der Stein der Weisen), aber auch türkische Stoffe (Der eiserne Armleuchter, Der Greif vom Gebirge Kaf, Adis und Dahy, Neangir und seine Brüder).

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten]

Die Geschichten knüpfen inhaltlich und stilistisch an die französischen Feenmärchen an, wie sie seit Erscheinen der Sammlung Contes nouveaux ou les fées à la mode der Gräfin d’Aulnoy im Jahre 1698 in ganz Europa ausgesprochen populär geworden waren. Als Vorbilder zu nennen sind insbesondere die Werke von Pajon, Petis de la Croix, Mme de Lanton, Marie-Antoinette Fagnan, des Comte d’Hamilton, des Comte de Caylus sowie von Félicité de Genlis. In einigen Fällen (Himmelblau und Lupine) wurde die französische Vorlage lediglich mehr oder weniger textgetreu übersetzt, meist haben aber Wieland und seine Mitautoren lediglich Motive entlehnt, diese in aller Regel weiterverarbeitet und so durchaus eigenständige Werke geschaffen.

Der Titel Dschinnistan geht auf die Dschinn zurück, arabischen Geisterwesen, die etwa auch in Tausendundeine Nacht vielfach anzutreffen sind. Die Erstausgabe erschien in drei Bänden in den Jahren 1786, 1787 und 1789 in Winterthur, wobei die Titelvignetten von dem Kupferstecher Johann Rudolph Schellenberg gefertigt wurden.

Wirkungsgeschichte[Bearbeiten]

Trotz des Anklangs, den die Märchen aus Dschinnistan beim breiten Publikum fanden, blieb die Reaktion der literarischen Fachwelt verhalten. Das gesamte Genre des Feenmärchens galt im Grunde als diskreditiert und der Beschäftigung durch einen ernsthaften Mann nicht würdig.

Gleichwohl wurden einzelne Motive der Sammlung in der Folgezeit aufgegriffen. So inspirierte etwa Lulu oder die Zauberflöte sowohl Emanuel Schikaneder zum Libretto zu Mozarts Oper Die Zauberflöte als auch Wenzel Müller zu seinen Singspielen Kaspar, der Fagottist, oder: Die Zauberzither und Das Sonnenfest der Braminen von 1790/1791. Der Stein der Weisen dagegen wurde in einer Gemeinschaftsarbeit von Schack, Schikaneder, Mozart, Henneberg und Gerl zu einer gleichnamigen Oper verarbeitet.

Über 100 Jahre später erschien die Erzählung Ardistan und Dschinnistan als Spätwerk von Karl May.

Literatur[Bearbeiten]

  • Christoph Martin Wieland, Dschinnistan oder auserlesene Feen- und Geistermärchen, Stuttgart 1992, ISBN 3717518186; sowie zahlreiche Auflagen in verschiedenen Verlagen

Tondokument[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]