Ehernes Lohngesetz

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Ferdinand Lassalle.

Das eherne Lohngesetz (engl. iron law of wages) ist eine wirtschaftliche Lohntheorie von Ferdinand Lassalle aus dem 19. Jahrhundert.

Das von Lassalle seit 1863 leidenschaftlich verkündete Schlagwort[1] besagt in etwa, dass bei vollkommener Konkurrenz und unter den Bedingungen eines schrankenlosen Kapitalismus der Lohn langfristig stets um das Existenzminimum schwankt. Diese Perspektive ist mit einer ganzen Reihe anderer Lohntheorien verwandt, die alle einen Lohn am Existenzminimum vorhersagen.[2] Lassalle's Theorie wurde u. a. durch die Arbeiten des englischen Nationalökonomen David Ricardo beeinflusst (siehe dessen Theorie des Lohnes). Es gibt aber auch viele Übereinstimmungen zur malthusianischen Lohntheorie.

Die verschiedenen Theorien der klassischen Politischen Ökonomie unterscheiden sich dabei in der Bestimmung bzw. Definition des Existenzminimums. Ein Lohn muss mindestens dafür herhalten einen Lebensstandard zu sichern, der physiologische Grundbedürfnisse decken kann (biologisches Minimum). Diese Perspektive unterstellte Lassalle.[3] Andere Klassiker sehen das Existenzminimum eher als ein historisch und sozial veränderliches Subsistenzniveau, das sich aus den jeweiligen sozialen Bedingungen ableitet.

Ferdinand Lassalle[Bearbeiten]

Ferdinand Lassalle war Wegbereiter der deutschen Sozialdemokratie und erster Präsidenten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV), einer Vorgängerorganisation der SAP (Sozialistische Arbeiterpartei) bzw. der späteren SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands).

Die ausführlichste Version seines Lohngesetzes findet sich in dem Offenen Antwortschreiben:[4]

„Das eherne ökonomische Gesetz, welches unter den heutigen Verhältnissen, unter der Herrschaft von Angebot und Nachfrage nach Arbeit, den Arbeitslohn bestimmt, ist dieses: daß der durchschnittliche Arbeitslohn immer auf den notwendigen Lebensunterhalt reduziert bleibt, der in einem Volke gewohnheitsmäßig zur Fristung der Existenz und zur Fortpflanzung erforderlich ist.“

Lassalle, Offenes Antwortschreiben, in: LGRS, Bd. 3. 58f (zitiert nach Grebing et al.)

In Anlehnung an die Bevölkerungstheorie von Malthus wird die Vermehrungsrate der Arbeiterbevölkerung durch die Lohnhöhe mitbestimmt. Liegt dieser Lohn über dem Subsistenzniveau steigt durch Vermehrung der Arbeiterbevölkerung das Arbeitsangebot, sodass der Lohn sinkt; sinkt der Arbeitslohn unter das Subsistenzniveau, führt eine Verminderung des Arbeitsangebots zu seinem Wiederanstieg. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass die Arbeitsnachfrage eine monoton abnehmende Funktion der Lohnhöhe sei.

Bedeutung[Bearbeiten]

Gewerkschaften[Bearbeiten]

Entsprechend dieser Vorstellung sollten die Löhne gesetzlich festgelegt, d. h. für eine bestimmte Arbeitsleistung entsprechend dem „ehernen Lohngesetz“ der Gegenwert in Geld gesetzlich festgeschrieben werden. Die Überlegung ähnelt dem Mindestlohn, definiert jedoch nicht den Mindestanspruch, sondern einen fixen „ehernen Geldwert“, der weder über- noch unterschritten werden darf. Das eherne Lohngesetz ist daher das konzeptionelle Gegenteil der angewandten Tarifautonomie, die zwischen der Gewerkschaft als Arbeitnehmervertretung und den Arbeitgebern ohne formelle Einwirkung von außen stattfindet.

Schon Ricardo wies in seiner Theorie den Gewerkschaften keine Rolle zu. Aufgrund des ehernen Lohngesetzes hielt er ihre Bemühungen für nutzlos.[5]

Das eherne Lohngesetz hatte entscheidenden Einfluss auf Gewerkschaften und Sozialdemokratie v. a. wegen der aus ihm abgeleiteten Konsequenzen für die Politik der Arbeiterbewegung. Eine nachhaltige Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse wurde nicht durch Arbeitskampf im Produktionsbereich erwartet, sondern durch Erringung der parlamentarischen Mehrheit durch die Arbeiterklasse (Kampf um das allgemeine und direkte Wahlrecht).[6]

Heutige Sicht[Bearbeiten]

Der von Lassalle beschriebene Zusammenhang, von den Klassikern als auch von Marxisten in den Rang eines Naturgesetzes gehoben, galt bereits zu Marx' Zeiten nicht für die Nordstaaten der USA.[7] Mit der Industrialisierung (zunächst in westlichen Ländern) stiegen die Lebensstandards von Arbeitern (im Durchschnitt) kontinuierlich an. Nachdem die malthusianische Bevölkerungsfalle, auf der Lassalle's Gesetz beruht, verlassen wurde, ging auch die Bedeutung seines Lohngesetzes verloren. Trotz steigernder Löhne wuchs die Bevölkerung langsamer bzw. das Bevölkerungswachstum kam in manchen Ländern fast zum Erliegen (siehe auch Demografischer Übergang).

Finden sich heutzutage Vollzeitbeschäftigte die zu einem Arbeitsentgelt arbeiten, welches sich knapp oberhalb oder unter der Armutsgrenze befindet, spricht man von Niedriglohn. Die frühkapitalistischen Produktionsverhältnisse die in den Industriestaaten bis in die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts üblich waren und auch heute noch auf der Welt vorkommen bezeichnet man auch als Lohnsklaverei. Werden Personen trotz Erwerbstätigkeit nicht von Armut verschont, spricht man von Erwerbsarmut (auch Working Poor).

Kritik[Bearbeiten]

Karl Marx verneinte einen sofortigen Einfluss von Veränderungen der Lohnhöhe auf die Vermehrungsrate mit dem Hinweis auf die Aufwuchszeit der Kinder, die bis zu deren Eintritt in den Produktionsprozess vergehe.[6]

Literatur[Bearbeiten]

Belege[Bearbeiten]

  1. Ehernes Lohngesetz – Stichwort In: Otto Ladendorf: Historisches Schlagwörterbuch. 1906. Online bei: Textlog.de
  2. Existenzminimum-Theorien des Lohns – Artikel im Gabler Wirtschaftslexikon
  3. Dagmar von Erffa: Taschenlexikon der Wirtschaft. Humboldt; Auflage: 20., vollst. aktualis. Aufl. (14. Oktober 2003). ISBN 978-3899948202. S. 83/84.
  4. Grebing et al.: Geschichte der sozialen Ideen in Deutschland. VS Verlag für Sozialwissenschaften; Auflage: 2. Aufl. 2005 (26. August 2005). ISBN 978-3531147529. S. 138.
  5. Walther M\Xfcller-Jentsch: Arbeit Und Bürgerstatus: Studien zur sozialen und industriellen Demokratie. VS Verlag für Sozialwissenschaften; Auflage: 2009 (5. Januar 2012). ISBN 978-3531160511. S. 144.
  6. a b Ehenes Lohngesetz – Artikel im Gabler Wirtschaftslexikon
  7. Wolfram Engels: Eine konstruktive Kritik des Wohlfahrtsstaates. Mohr Siebeck (1979). ISBN 978-3163418615. S. 11.

Weblinks[Bearbeiten]