Eurohippus

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Eurohippus
Eurohippus parvulus parvulus, Lebendrekonstruktion im Naturkundemuseum Berlin

Eurohippus parvulus parvulus, Lebendrekonstruktion im Naturkundemuseum Berlin

Zeitliches Auftreten
mittleres Eozän bis oberes Eozän
47,4 bis 37,7 Mio. Jahre
Fundorte
Systematik
Säugetiere (Mammalia)
Höhere Säugetiere (Eutheria)
Laurasiatheria
Unpaarhufer (Perissodactyla)
Palaeotheriidae
Eurohippus
Wissenschaftlicher Name
Eurohippus
Franzen, 2006

Eurohippus ist eine ausgestorbene Gattung der Unpaarhufer und ein früher Verwandter der heutigen Pferde, welcher im Mittleren und Oberen Eozän im mittleren und westlichen Europa lebte. Bedeutende und umfangreiche Funde stammen aus der Grube Messel, wo zahlreiche, teils vollständige Skelette überliefert sind. Die Tiere lebten im tropischen Regenwald und ernährten sich überwiegend blattfressend. Es werden die Unterarten Eurohippus parvulus parvulus und Eurohippus parvulus messelensis unterschieden.

Merkmale[Bearbeiten]

Eurohippus parvulus messelensis

Im Körperbau ähnelte Eurohippus den anderen bekannten Gattungen der Hyracotheriinae und wies einen schlanken Körperbau mit deutlich gekrümmten Rücken auf. Es war kleiner und schlanker als Propalaeotherium aber größer als Lophiotherium. Das angenommene Körpergewicht liegt bei 5 bis 6,5 kg.[1] Die Gliedmaßen endeten wie bei allen frühen Pferdeverwandten des Eozäns in vier Zehen am Vorder- und drei Zehen am Hinterfuß. Der Schädel wurde 13,4 bis 16,4 cm lang und war deutlich keilförmiger als bei Propalaeotherium. Die Bezahnung des Gebisses hatte noch die vollständige unreduzierte Zahnanzahl und wies dadurch folgende Zahnformel auf: \frac{3.1.4.3}{3.1.4.3}. Die Backenzähne charakterisierten sich durch deutlich niedrige Kronen (brachyodont), die Prämolaren waren unterschiedlich zu den Molaren, also nicht oder nur leicht molarisiert. Die Molaren besaßen aber schon zwei quergestellte Zahnschmelzleisten (bilophodont) auf den Kauflächen und waren nicht mehr so höckerig (bunodont) gestaltet wie noch ältere Gattungen, etwa Hyracotherium.[2][3]

Fossilfunde[Bearbeiten]

Funde von Eurohippus wurden bisher in Mittel- und Westeuropa gefunden und datieren ins Mittlere bis Obere Eozän. Die frühesten Fossilien wurden bereits im frühen 19. Jahrhundert bei Argenton-sur-Creuse in Frankreich entdeckt. Bedeutendste Fundstelle aber ist die Grube Messel bei Darmstadt, welche dem Geiseltalium zugewiesen wird und wo allein mindestens 43, durch die Lagerung in Ölschiefer nahezu vollständige Skelette überliefert sind. Damit ist Eurohippus dort der häufigste Vertreter der Pferdeartigen.[3] Weitere Funde mit Zähnen und Oberkieferfragmenten stammen aus der Grube Prinz von Hessen, ebenfalls aus der Nähe von Darmstadt.[4] Zu den spätesten und nördlichsten Funde Europas zählen jene von Fürstenau in Niedersachsen und Gent in Belgien, die allerdings auch nur vereinzelte Zähne umfassen.[5]

Paläobiologie[Bearbeiten]

Eurohippus lebte in den tropischen Wäldern, was vor allem die Funde aus der Grube Messel zeigen, wo anhand der exzellent erhaltenen Flora das Habitat der Art rekonstruiert werden kann. Hier lebten die Tiere als Buschschlüpfer, wie ihre Körperform annehmen lässt.[3] Dabei ernährten sie sich hauptsächlich von weicher Pflanzenkost (browsing), was die niederkronigen Backenzähne mit ihrer teils höckrigen Oberflächenstruktur beweisen. Untersuchungen der ebenfalls hervorragend überlieferten Mageninhalte aus Messel ergaben Blattreste von wenigstens zwölf verschieden Arten von Lorbeergewächsen, darüber hinaus konnten fünf weitere Pflanzenfamilien, so Hickorynussbaum, Feigen, Myrten- und Hundsgiftgewächse, ermittelt werden. Weitere Untersuchungen ergaben auch unzählige Samenkörner von Weinrebengewächsen. Dies zeigt, dass auch Früchte noch einen erheblichen Anteil im Nahrungsspektrum hatten.[6] Die aufgenommene Nahrung wurde möglicherweise wie bei den heutigen Pferden im Enddarm unter Beteiligung zahlreicher Mikroorganismen verdaut. Darauf lässt der Befund eines Tieres aus der Grube Messel schließen, der zwar der nahe verwandten Gattung Hallensia angehört, der aber durch Bakteriennachzeichnung der inneren Organe (Bakteriographie) auf einen großen Blinddarm schließen lässt.[3]

Weiterhin konnte nachgewiesen werden, dass Eurohippus wie heutige Pferde nur jeweils ein Fohlen zur Welt brachten, was typisch ist für einen engen Sozialverband während der Aufzuchtszeit und als k-Strategie in der Fortpflanzung bezeichnet wird. Bei insgesamt acht vollständigen Skelettfunden aus der Grube Messel fanden sich Reste eines jeweils singulären Fötus. Ein ähnlicher Befund fand sich bei einem Tier der Gattung Propalaeotherium im Eckfelder Maar, so dass dies als typisch für die frühesten Pferde angesehen werden kann. Weiterhin ist durch die bakterielle Nachzeichnung der ehemaligen Weichteile bekannt, dass Eurohippus eine quastenförmige Schwanzbehaarung besaß und die Ohren eher kurz wie beim Wildpferd waren und nicht so lang und tütenförmig wie bei den heutigen Eseln und Zebras.[3][7]

Systematik[Bearbeiten]

Die Gattung Eurohippus wurde 2006 von Jens Lorenz Franzen erstmals beschrieben, der Name leitet sich vom Kontinent Europa und der lateinischen Bezeichnung hippus für „Pferd“ her. Sie ist monotypisch mit der einzigen Art Eurohippus parvulus, der aber zwei Unterarten zugewiesen werden:

Die ersten in Les Prunes bei Argenton-sur-Creuse, (Frankreich) gefunden Fossilien wurden bereits 1849 von Charles Léopold Laurillard als Lophiodon parvulum beschrieben, jedoch setzte sie 1891 Ludwig Rütimeyer mit Propalaeotherium gleich und bezeichnete sie als P. parvulum. Der Holotyp stellt aber nur einen einzelnen ersten oberen Molar dar. Im Jahr 1925 führte Oskar Haupt die Art Lophiotherium messelense ein, die 1965 in Propalaeotherium messelense umbenannt und 1981 mit P. parvulum synonymisiert wurde. Als Lectotyp gilt ein weitgehend kopfloses Skelett (Exemplarnummer HLMD-Me 58, ursprünglich 4358) aus der Grube Messel, welches erst 2006 von Franzen bestimmt wurde, in Haupts Erstpublikation aber abgebildet ist; diesem Skelett werden auch einige Ober- und Unterkieferfragmente beigeordnet. Die Abspaltung der Gattung Eurohippus von Propalaeotherium erfolgte aufgrund unterschiedlicher anatomischer Merkmale, allerdings wurden dabei auch die Verwandtschaftsverhältnisse neu bewertet. So geht Eurohippus stammesgeschichtlich möglicherweise auf Pachynolophus aus dem europäischen Untereozän und nicht wie Propalaeotherium auf Propachynolophus zurück.[2]

In seiner Erstbeschreibung verweist Franzen Eurohippus in die Familie der Equidae, innerhalb dieser gehört es der Unterfamilie Hyracotheriinae an mit naher Verwandtschaft zu Hyracotherium, Propalaeotherium und Lophiotherium. Allerdings ist in der Forschung eine Stellung dieser Unterfamilie innerhalb der Equidae umstritten und wird vorwiegend von mitteleuropäischen Forschern favorisiert, die diese als Basisgruppe in der Entwicklung der Pferde ansehen.[2] Angloamerikanische Forscher bevorzugen eine Stellung der Hyracotheriinae innerhalb der weitgehend nur aus Eurasien bekannten Familie der Palaeotheriidae, der Schwestergruppe der Equidae,[8][9] allerdings traten in jüngerer Zeit auch Stimmen für eine Zuweisung zu den Pferden auf.[10] Der Unterschied der Palaeotheriidae zu den frühen Vertretern der Pferde besteht in teils höheren Zahnkronen an den Backenzähnen, einen größeren Naseninnenraum, längere Wirbelkörper und gegenüber den Mittelfußknochen längere Mittelhandknochen. Weiterhin sind sie stratigraphisch jünger als die frühesten Pferde.[11][12] Beide Familien bilden zusammen die Überfamilie der Equoidea und die Unterordnung Hippomorpha.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Holger Preuschoft und Jens Lorenz Franzen: Locomotion and biomechanics in Eocene mammals from Messel. Palaeobiology Palaeoenvironment 92, 2012, S. 459–476
  2. a b c Jens Lorenz Franzen: Eurohippus n. g., a new genus of horses from the Middle to Late Eocene of Europe. Senckenbergiana lethaea 86 (1), 2006, S. 97–102
  3. a b c d e Jens Lorenz Franzen: Die Urpferde der Morgenröte. München, 2007, S. 45–73
  4. Jens Lorenz Franzen: Eurohippus parvulus parvulus (Mammalia, Equidae) aus der Grube Prinz von Hessen bei Darmstadt (Süd-Hessen Deutschland). Senckenbergiana lethaea 86 (2), 2006, S. 265–269
  5. Jens Lorenz Franzen und Thomas Mörs: Das nördlichste Vorkommen paläogener Säugetiere in Europa. Paläontologische Zeitschrift 81 (4), 2007, S. 447–456
  6. Wighart von Koenigswald und Friedemann Schaarschmidt: Ein Urpferd aus Messel, das Weinreben fraß. Natur und Museum 113 (3), 1983, S. 79–84
  7. Jens Lorenz Franzen: A pregnant mare with preserved placenta from the Middle Eocene maar of Eckfeld, Germany. Palaeontographica Abteilung A 278, 2007, S. 27–35
  8. Robert L. Evander: Phylogeny of family Equidae. In: Donald R. Prothero und R. M. Schoch (Hrsg.): The evolution of the Perissodactyls. New-York 1989, S. 109–126
  9. David J. Froehlich: Quo vadis eohippus? The systematics and taxonomy of the early Eocene equids (Perissodactyla). Zoological Journal of the Linnean Society, 134, 2002, S. 141–256
  10. Matthew C. Mihlbachler, Florent Rivals, Nikos Solounias und Gina M. Semprebon: Dietary Change and Evolution of Horses in North America. Science 331, 2011, S. 1178–1181
  11. Jens Lorenz Franzen: Die Equoidea des europäischen Mitteleozäns (Geiseltalium). Hallesches Jahrbuch für Geowissenschaften B17, 1995, S. 31–45
  12. Jens Lorenz Franzen: Origin and systematic position of the Palaeotheriidae. In: Donald R. Prothero und R. M. Schoch (Hrsg.): The evolution of the Perissodactyls. New-York 1989, S. 102–108