Europäischer Kulturpark Bliesbruck-Reinheim

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Grabungsfeld bei Bliesbruck-Reinheim
Blick auf das Hügelgrab der Keltenfürstin
Hypocaustum
"Reinheimer Kanne" mit "Reinheimer Pferdchen"
Bronzekanne auf der Berliner Dauermarke aus der Briefmarkenreihe Sehenswürdigkeiten von 1989
Replikat der Reinheimer Kanne
Museum des Europäischen Kulturparks
Reinheimer Pferdchen

Der Europäische Kulturpark Bliesbruck-Reinheim (frz.: Parc Archéologique Européen de Bliesbruck-Reinheim) in der saarländischen Gemeinde Gersheim, Ortsteil Reinheim, und in der französischen Gemeinde Bliesbruck im Departement Moselle ist ein grenzübergreifendes Projekt, das Ausgrabungen und Rekonstruktionen sowohl keltischer als auch römischer Funde mit Ausstellungs- und Schulungsräumen vereint. Er entstand im Jahre 1989 aus den beiderseits der deutsch-französischen Grenze erfolgten archäologischen Untersuchungen. Zusammen mit Grabungsbefunden aus Mittelsteinzeit, Bronzezeit und der Zeit der germanischen Völkerwanderung zeigen die eisenzeitlichen keltischen und römischen, sowie die frühmittelalterliche Funde und Befunde eine Siedlungskontinuität von über 10.000 Jahren im Tal der Blies.

Trägerschaft und finanzielle Unterstützung[Bearbeiten]

Der Europäische Kulturpark wird gemeinschaftlich betrieben vom Generalrat des französischen Départements Moselle und dem Saar-Pfalz-Kreis. Weitere finanzielle Unterstützung erhält das Projekt vom französischen Ministerium für Kultur und Kommunikation, vom Saarland, sowie von der Gemeinde Gersheim. Mentor und Begründer des Europäischen Kulturparks war der verstorbene Unternehmer Jean Schaub aus Sarreguemines, der die ersten zum Kulturpark gehörenden Grundstücke aus seinem Privatvermögen aufkaufte, um sie vor der Bebauung zu bewahren und so die Zeugnisse aus der römischen Vergangenheit vor der endgültigen Zerstörung zu retten.

Funde und Ausgrabungen[Bearbeiten]

  • Hortfund aus dem 8. Jahrhundert v. Chr., entdeckt 1964 in Reinheim. Ähnlich geartete Hortfunde im gesamten Saar-Mosel-Raum weisen auf eine kultische Bedeutung solcher Deponierungen während der Urnenfelderzeit hin.
  • Fürstinnengrab von Reinheim war ein mit außergewöhnlich reichen Grabbeigaben versehenes Frauengrab aus dem 4. Jahrhundert v. Chr.. Die Grabkammer aus Eichenbalken (3,50 m x 3 m x 1,20 m) wurde mit einem gewaltigen Erdhügel (20 m x 4,60 m) bedeckt. Ausgrabung im Jahre 1954 von Alfons Kolling. Ursprünglich gab es, wie in Nachuntersuchungen 1956-1957 ermittelt wurde, dort drei Grabhügel, wovon das Fürstinnengrab sogar das kleinste war. Der Durchmesser der anderen beiden Hügel betrug 22 bzw. 36,5 Meter. Alle drei Hügel waren ursprünglich von Kreisgräben von 0,6 bis 1,2 Meter umgeben. Im Laufe der letzten beiden Jahrtausende führten Erosion und bäuerliche Erdbearbeitung dazu, dass die drei Grabhügel zu einer einzigen ca. zwei Meter hohen Bodenwelle wurden, die in der Bevölkerung der benachbarten Dörfer Katzenbuckel genannt wurde. Im Jahr 1952 fand der Unternehmer Johannes Schiel beim Sand- und Kiesabbau in ein Meter Tiefe ein unvollständiges Skelett, später als männlich identifiziert, und als Grabbeigabe lediglich noch einen einfachen bronzenen Halsreif und Tonscherben. 1954 stieß der Unternehmer beim Graben mit der Schaufel auf einen Bronzegegenstand, der später als figürlich gestalteter Griff eines Bronzespiegels gedeutet wurde. Da Johannes Schiel den Fund beim Staatlichen Konservatorenamt meldete, konnte Anfang März 1954 eine fachmännische Grabung veranlasst werden, die am dritten Grabungstag in einer Tiefe von 2,18 Metern zur Auffindung der ersten Grabbeigaben, unter anderem der „Reinheimer Kanne“ mit dem „Reinheimer Pferdchen“, des überaus reichen Fürstinnengrabes führten.
  • Doppelkörpergrab aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. in etwa 2000 Meter Entfernung zum Fürstinnengrab in der Gewann Horres. Dieses Grab enthält zwei Kinderskelette mit reichen Grabbeigaben, vermutlich ein etwa zwölf- bis vierzehnjähriges Mädchen sowie einen etwa zehn- bis elfjährigen Jungen. Die Skelette der beiden Kinder sind im Muschelkalkboden des Bliesgaus weitgehend erhalten geblieben. Die beiden Kinder waren mit 1,45 m und zwischen 1,34 m und 1,39 m für ihre Zeit sehr groß gewachsen, was auf eine gute Ernährung und ein Leben in relativem Wohlstand schließen lässt. Die Ausgrabung erfolgte im Jahre 2005.
  • Vicus (kleinstädtische gallorömische Ansiedlung) von Bliesbruck in Frankreich
  • Die Römische Villa in Reinheim war bereits im frühen 19. Jahrhundert Gegenstand erster Grabungen, wird aber erst seit 1987 systematisch ausgegraben und erforscht. Es handelt sich um eine sehr große Hofanlage, deren ummauertes Hofareal 300 Mater lang und 135 Meter breit war und deren Hauptgebäude im Norden fast 80 mal 62 Meter groß war. Ein Gebäudeteil im Nordbereich des Westflügels wird wegen der Anlage der Räume, dem Auffinden von Wasserkanälen und von Fragmenten von rohrartigen Ziegeln ((tubuli) die das Vorhandensein einer Fußbodenheizung (Hypocaustum) beweisen) als gutseigene Therme interpretiert. Der Zeitpunkt der Gründung des Gutshofes in dem vom keltischen Stamm der Mediomatriker besiedelten und 50 v. Chr. von den Römern eroberten Gebiet ist noch ungeklärt. Ihre größte Ausdehnung erreichte die Gutsanlage in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts. Nach ersten Zerstörungen im 3. Jahrhundert folgte eine Phase des Wiederaufbaus. Die Brandzerstörung, der keine Rekonstruktion mehr folgte, fand im 4. Jahrhundert statt. Funde deuten aber darauf hin, dass in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts im Westflügel des Hauptgebäudes noch eine schwache Besiedlung erfolgte. Bekanntestes Fundstück der Ausgrabung ist die 2000 in der Nähe eines Nebengebäudes gefundene Reitermaske von Rheinheim. Diese als Menschengesicht geformte Eisenmaske, die mit Bronzeblech überzogen war, diente wohl als bewegliches Visier eines Reiterhelmes eines römischen Kavalleristen. Weltweit wurden bisher etwa 110 dieser eindrucksvollen Masken gefunden.
  • Fränkisches Gräberfeld aus der Merowingerzeit. Dieses von 1974 bis 1986 geborgene Gräberfeld enthielt etwa 115 Grablegungen.
  • Adelsgrab auf dem Hügel Homerich aus der Merowingerzeit (zweite Hälfte des 7. Jahrhunderts nach Christus) mit zugehöriger Grube, in der 4 enthauptete Pferde und zwei Hunde bestattet waren. Entdeckt im Winter 2007/08.
  • Neben fortdauernden Ausgrabungen von Villa und Vicus konzentrieren sich die Archäologen darauf, den wegen des Fürstinnengrabes in der Nähe vermuteten Fürstensitz auf einem der benachbarten Höhenzüge aufzuspüren, wozu Probegrabungen durchgeführt werden (2006).

Besichtigung[Bearbeiten]

Auf deutscher Seite befindet sich das Museum Jean Schaub, in dem exemplarisch Funde und Fundduplikate aus dem gesamten Befundzeitraum aus dem Umland des Parks gezeigt werden. Außerdem befindet sich auf dem Gelände eine sehr eindrucksvolle begehbare Rekonstruktion des Fürstinnengrabes und der wertvollsten Fundstücke aus dem Grab. Im westlichen Bereich sind einige Holzbauten nach keltischen Vorbildern errichtet. Der große römische Gutshof ist von einem Aussichtshügel aus an den Bodenfundamenten gut ablesbar. Das repräsentative Torgebäude und eines der 12 Nebengebäude im Bereich des Hofareals wurden rekonstruiert. Im Jahr 2013 wurde ein weiteres Nebengebäude rekonstruiert, in dem eine römische Taverne und weitere Ausstellungsräume untergebracht sind. Die meisten Originalfunde befinden sich im Saarländischen Museum für Vor- und Frühgeschichte in Saarbrücken

Auf französischer Seite befinden sich überdacht und teilrekonstruiert die Thermen des gallorömischen Ortes, die durch Tafeln gut erklärt sind. Die Ladenstraße des Ortes ist durch freigelegte Fundamente und einige Keller sowie ein Straßenstück gut erkennbar und durch zweisprachige Tafeln gut erläutert. Rekonstruiert für museumspädagogische Zwecke ist eine Mühle und ein Backofen. Neu angelegt ist ein kleiner Garten mit typischen Nutzpflanzen der Zeit.

Der gesamte Park liegt sehr malerisch im Bliestal und eignet sich gut für Spaziergänge.

Reenactment[Bearbeiten]

In Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern und dem Park bemüht sich seit 2004 eine Gruppe von Bürgern unter dem Namen AREGALLIA die keltische Lebensweise und Ausrüstung der frühen La-Tène-Zeit (La Tène A, ca. 475 - 370) zu rekonstruieren. Im Vordergrund der Darstellungen steht antikes Handwerk vom Brettchenweben bis zum Schmieden von keltischen Gebrauchsgegenständen. Auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse können Handwerke und Lebensweise der Kelten anschaulich präsentiert werden. Die Gruppe stellt Jahr für Jahr im Park und als Gast bei anderen Veranstaltungen ihre Erkenntnisse über keltisches Leben dar.

Zahlen zum Kulturpark[Bearbeiten]

Der Kulturpark umfasst eine Fläche von etwa 1200 mal 600 Metern. Pro Jahr nutzen etwa 40.000 Interessierte Besucher das Angebot der archäologischen Stätte, davon ca. 20.000 Schüler pro Jahr.

Rekonstruktion des Eingangs zur römischen Villa Reinheim

Literatur[Bearbeiten]

  • Florian Sărățeanu-Müller: Ein deutsch-französischer Archäologiepark: Reinheim und Bliesbrück. In: Vera Rupp, Heide Birley (Hrsg.): Landleben im römischen Deutschland. Theiss, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-8062-2573-0, S. 110–113.
  • Andreas Stinsky: Ein ländliches Domizil mit herrschaftlichem Charakter. Die gallo-römische Großvilla von Reinheim. In: Antike Welt. Heft 5, 2013, S. 68–75.
  • Rosemarie Müller: Reinheim. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 24, Walter de Gruyter, Berlin/New York 2003, ISBN 3-11-017575-4, S. 379–381.

Film[Bearbeiten]

  • »Schätze des Landes« Bliesbruck-Reinheim und sein Europäischer Kulturpark. Im Tal der Keltenfürstin. Dokumentation, 30 Min. Ein Film von Wolfgang Felk, Kamera: Peter Stenger, Produktion: SR Fernsehen (Programmkooperation SWR), Erstsendung: 4. November 2006.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bliesbruck-Reinheim – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

49.1352777777787.1830555555556Koordinaten: 49° 8′ 7″ N, 7° 10′ 59″ O