Vicus

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Vici ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Zum deutschen Schauspieler, Musiker, Autor und Theaterregisseur siehe Ludo Vici. Zum italienischen Architekten siehe Andrea Busiri Vici.
Schematisierte Darstellung des vicus iuliacum im 1–3. Jh. n. Chr. Umzeichnung nach Tholen (1975)

Vicus (Plural: Vici) ist die Bezeichnung eines Stadtviertels oder einer Siedlung der römischen Antike. Der wirtschaftliche Schwerpunkt solcher Siedlungen lag in der gewerblichen Produktion, Handwerk, Handel und Dienstleistungen. Die Bezeichnung war unabhängig von der Siedlungsgröße, je nach Funktion reichte ihre Größe von einer kleinen Straßensiedlung bis zur Ausdehnung zeitgenössischer Städte.

Vici in Rom[Bearbeiten]

Innerhalb Roms bezeichnet vicus eines der Viertel oder Stadtteile, von denen es nach Plinius dem Älteren 265 gegeben haben soll.[1] Der deutsche Epigraphiker Hermann Dessau listet im Register seines Werkes Insciptiones Latinae selectae 78 vici Roms mit Namen auf.[2] Gleichzeitig bezeichnete das Wort auch die Straße, die durch den Stadtteil ging.

Kastellvici[Bearbeiten]

In den Provinzen Obergermanien und Raetien bildeten sich Vici überwiegend in unmittelbarer Nähe von Kastellen.[3] Solche Siedlungen werden als Kastellvici oder, falls sie sich an einem Legionslager entwickelten, auch als canabae legionis bezeichnet. Hier ließen sich neben den Frauen der Soldaten hauptsächlich Gastwirte, Veteranen und Handwerker und Händler nieder. Belege für Landwirtschaft sind demgegenüber im Fundmaterial selten. Kastelldörfer waren zumindest in ihrer Frühphase stets von der Präsenz des Militär abhängig. Im Laufen ihrer Entwicklungsphasen zeigten viele aber auch eine wirtschaftliche Eigendynamik, die von den örtlichen Möglichkeiten der Gewerbetreibende abhängig war. Mit dem Abzug der Truppe lässt sich an bestimmten Garnisonsorten auch ein starker Rückgang der Besiedlung feststellen. Insbesondere wenn ein Vicus keine Zeit hatte, sich richtig zu entwickeln oder wenn – wie am Obergermanisch-Raetischer Limes – Grenzzonen geräumt wurden.

Zivile Vici[Bearbeiten]

Typisches Bauwerk in einem vicus: eine mansio (Rast- und Umspannstation). Hier im Vicus des Kastells Százhalombatta-Dunafüred, Ungarn

Vici in zivilem Kontext entstanden oft an Straßenkreuzungen, Flussübergängen und anderen verkehrsgünstigen Orten. Einige Siedlungen wie Mayen, Rheinzabern oder Schwabmünchen waren auf ein bestimmtes Gewerbe ausgerichtet oder lagen in der Nähe von Rohstoffvorkommen. Ihre Funktion lag also vorwiegend im Handel und Gewerbe. In vielen Vici fanden Märkte für die villae rusticae der Umgebung statt. Sonderfunktionen wie Kur- oder Badeorte (Baden-Baden) oder religiöse Zentren (Faimingen) sowie Mischformen sind geläufig.

Römische Vici besaßen keine eigene Verwaltung, keinen Rechtsstatus und waren der Gebietskörperschaft einer civitas zugeordnet. Manche Vici erreichten aber selbst den Status eines civitas-Hauptortes (z.B. Nida-Heddernheim oder Pforzheim). Nicht alle verfügten über öffentliche Bauwerke, wie Thermen oder Tempel. Einige Standorte der vici konnten anhand der tabula peutingeriana und des itinerarium antonini geortet werden.

Der Begriff Vicus kann auch ein Stadtteil/Viertel in einem größeren Ort bezeichnen.[4]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hermann Ament: Zur nachantiken Siedlungsgeschichte römischer Vici im Rheinland. In: Landesgeschichte und Reichsgeschichte. Festschrift für Alois Gerlich zum 70. Geburtstag. Geschichtliche Landeskunde 42, 1995 S. 19–34.
  • Gösta Ditmar-Trauth: Das gallorömische Haus. Kovač Verlag, Hamburg 1995.
  • Rüdiger Gogräfe (Hrsg.): Haus und Siedlung in den römischen Nordwestprovinzen. Grabungsbefund, Architektur und Ausstattung; internationales Symposium der Stadt Homburg vom 23. und 24. November 2000, Ermer Verlag, Homburg 2002.
  • Thomas Fischer: Beispiele zur Entstehung römischer Städte in den Nordwestprovinzen. In: Gundolf Precht, Norbert Zieling (Hrsg.): Genese, Struktur und Entwicklung römischer Städte im 1. Jahrhundert n. Chr. Nieder- und Obergermanien: Kolloquium vom 17. bis 19. Februar 1998 im Regionalmuseum Xanten. Xantener Berichte, Band 9. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001. ISBN 3-8053-2752-8. S. 11–16.
  • Thomas Fischer: Vicus. In: Die römischen Provinzen. Eine Einführung in ihre Archäologie. Theiss-Verlag Stuttgart 2001, S. 56–58. ISBN 3-8062-1591-X
  • Ursula Heimberg: Siedlungsstrukturen in Niedergermanien. In: Büren, G. v. u. Fuchs, E. (Hrsg.): Jülich, Stadt – Territorium - Geschichte. Festschrift zum 75-jährigem Jubiläum des Jülicher Geschichtsvereins 1923 e.V., Kleve 2000. S. 189–240.
  • Franz Oelmann: Gallo-Römische Strassensiedlungen und Kleinhausbauten. Bonner Jahrbücher Bd. 128, 1923 S. 77–97.
  • J.-P Petit, M. Mangin (Hrsg.): Les agglomérations secondaires. La Gaule Belgique, les Germanies et l'Occident romain. Actes du Colloque de Bliesbruck-Reinheim/Bitche, 21-24 octobre 1992, Paris 1994.
  • Harald von Petrikovits: Kleinstädte und nichtstädtische Siedlungen im Nordwesten des römischen Reiches. In: Herbert Jankuhn et al.: Das Dorf der Eisenzeit und des frühen Mittelalters. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1977. S. 86–135. ISBN 3-525-82380-0
  • Monica Rorison: Vici in Roman Gaul. British Archaeological Reports International Series 933. Archaeopress 2001, Oxford. ISBN 1-84171-227-2
  • Peter Rothenhöfer: Die Wirtschaftsstrukturen im südlichen Niedergermanien. Untersuchungen zur Entwicklung eines Wirtschaftsraumes an der Peripherie des Imperium Romanum. Kölner Studien zur Archäologie der römischen Provinzen 7, 2005.
  • Gerd Rupprecht: Untersuchungen zum Dekurionenstand in den nordwestlichen Provinzen des römischen Reiches. Frankfurter Althistorische Studien 8, 1975, S. 44–46.
  • Ludwig Wamser (Hrsg.): Die Römer zwischen Alpen und Nordmeer. Zivilisatorisches Erbe einer europäischen Militärmacht. Schriftenreihe der Archäologischen Staatssammlung München. 2000. S. 108–110.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Frank Kolb: Rom. Die Geschichte der Stadt in der Antike, C.H.Beck, München 2002, S. 408
  2. Hermann Dessau (Hrsg.): Insciptiones Latinae selectae, Bd. III/2, Weidmann, Berlin 1916, S. 645 f. (online, Zugriff am 21. Januar 2010)
  3. C.S. Sommer: Kastellvicus und Kastell, Fundberichte Baden-Württemberg 13, 1988, S. 457–707
  4. Albert William van Buren: Vicus. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band VIII A,2, Stuttgart 1958, Sp. 2090–2094.