Figurengedicht

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Figurengedicht in einer Handschrift von 1638

Ein Figurengedicht (auch Kalligramm) ist ein Gedicht, das nicht nur als „literarischer Text“ funktioniert, sondern darüber hinaus auch noch in optischer Hinsicht eine weitere Bedeutungsebene aufbaut, zum Beispiel durch Formung des Textkörpers.

Geschichte[Bearbeiten]

Figurengedichte sind schon seit der Antike bekannt, so bei Publilius Optatianus Porfyrius oder Venantius Fortunatus. Als unmittelbare Vorläufer haben die altgriechischen Technopaignia zu gelten, aber auch Gittergedichte aus Ägypten. Zauberformeln oder Inschriften (beispielsweise in Pompeii) wurden oft in kunstvoller Form geschrieben bzw. gezeichnet.

Vor allem christliche Denker der Spätantike und des frühen Mittelalters verfassten Figurengedichte als religiös inspirierte Gittergedichte. Die Gittergedichte bestanden aus einem Buchstabenraster, wie man es heute von Wortsuch-Rätseln in Zeitschriften kennt. Sogenannte „In-Texte“ mit besonders wichtigen Aussagen wurden in diesem Raster häufig besonders hervorgehoben. Sie hatten häufig die Form eines Kreuzes oder eines anderen christlichen Motivs. Die Anzahl der verwendeten Buchstaben ging zudem häufig auf zahlenmystische Überlegungen zurück, so dass in einem einzigen Figurengedicht oftmals mehrere Sinnebenen zu finden sind.

Zu den besonders bedeutenden Beispielen gehört das Buch De laudibus sanctae crucis („Vom Lob des heiligen Kreuzes“, 825/826) mit 28 Kreuzgedichten, verfasst vom Gelehrten Rabanus Maurus (780-856).

Ihre größte Blütezeit erlebten die Figurengedichte jedoch erst in der manieristischen Lyrik des Barock, und zahlreiche damalige Dichter wie z. B. Catharina Regina von Greiffenberg und Theodor Kornfeld wetteiferten auf diesem Gebiet.

Beispiele aus neuerer Zeit finden sich bei den französischen Dichtern Guillaume Apollinaire und Stéphane Mallarmé (Un coup de dés jamais n'abolira le hasard (1897)), bei Autoren der konkreten Poesie wie etwa Eugen Gomringer, bei Ernst Jandl, sowie bei Christian Morgenstern:

Die Trichter

Zwei Trichter wandeln durch die Nacht.
Durch ihres Rumpfs verengten Schacht
fließt weißes Mondlicht
still und heiter
auf ihren
Waldweg
u. s.
w.

Literatur[Bearbeiten]

  • Jeremy Adler u. Ulrich Ernst: Text als Figur. Visuelle Poesie von der Antike bis zur Moderne. Weinheim 3. Aufl. 1990. ISBN 3-527-17816-3
  • Adelheid Beckmann: Motive und Formen der deutschen Lyrik des 17. Jahrhunderts. Tübingen 1960 (Hermaea, n.F. 5)
  • Ulrich Ernst: Carmen figuratum. Geschichte des Figurengedichtes von den antiken Ursprüngen bis zum Ausgang des Mittelalters, Köln 1991 (Pictura et poesis 1). ISBN 3-412-03589-0
  • Stephanie Haarländer: Rabanus Maurus zum Kennenlernen.. Mainz 2006. ISBN 3-934450-24-5. (Darin S. 112-129: Übersetzung von Rabanus' Figurengedichten 1, 4, 15, 16, 28 sowie S. 102-106 des Widmungsgedichtes für Ludwig den Frommen)
  • Hans-Jürgen Kotzur (Hg.): Rabanus Maurus. Auf den Spuren eines karolingischen Gelehrten. Mainz 2006. ISBN 3-8053-3613-6. (Darin Farbfotos aus dem Codex Vat. Reg. lat. 124 von Rabanus Figurengedichten 1–4, 7, 10, 12, 13, 15, 16, 22–25, 28 sowie des Widmungsgedichtes für Ludwig den Frommen)
  • Robert G. Warnock u. Roland Folter: "The German Pattern Poem. A Study in Mannerism of the Seventeenth Century", in: Festschrift Detlev Schumann, München 1970, S. 40-73

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kalligramme – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien