Frontalhirnsyndrom

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Klassifikation nach ICD-10
F07.0 Organische Persönlichkeitsstörung
F07.2 Organisches Psychosyndrom nach Schädelhirntrauma
F07.8 Sonstige organische Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen aufgrund einer Krankheit, Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Das Frontalhirnsyndrom ist die Bezeichnung für eine Schädigung der vorderen Anteile des Stirnhirns und des dadurch bedingten Symptomkomplexes. Es bestehen Ähnlichkeiten zum „Dysexekutiven Syndrom“, einer Bezeichnung für geschädigte exekutive Funktionen. Sowohl der Begriff „Dysexekutives Syndrom“ als auch die Bezeichnung „Frontalhirnsyndrom“ sind in der Fachwelt umstritten. Eine Gleichsetzung sollte auf jeden Fall vermieden werden, da beide Begriffe unterschiedliche Intentionen haben. So zielt die Bezeichnung „Dysexekutives Syndrom“ auf Störungen diverser kognitiver Funktionen mit deutlich unterschiedlicher Symptomatik von Patient zu Patient, während die Bezeichnung „Frontalhirnsyndrom“ die Lokalisation einer Schädigung angibt. Bei Schäden im Frontalhirn müssen nicht in jedem Fall exekutive Funktionen betroffen sein, und zu Störungen exekutiver Funktionen kommt es nicht nur bei Schäden im Frontalhirn, da auch die ungestörte Funktionsfähigkeit anderer Bereiche des Gehirns (z. B. des Thalamus) für die exekutiven Funktionen erforderlich ist.

Allgemein schreibt man diesen Hirnteilen, die auch als präfrontaler Cortex bezeichnet werden, eine Analyse- und Überwachungsfunktion zu. Daher wurde für ihn auch der Begriff „supervisory attentional system“ (SAS) eingeführt. Es besteht ein dichtes Netzwerk zu vielen anderen Hirnteilen. Auf diese Weise können unterschiedlichste Informationen analysiert, bewertet, „verrechnet“ und die Ergebnisse wieder zurückgesendet werden – ähnlich dem zentralen Prozessor (CPU) eines Computers. Aufgrund der zahlreichen präfrontalen Verbindungen („Projektionen“) zu anderen Gehirnstrukturen können auch Läsionen in anderen Hirnabschnitten zu einem Dysexekutiven Syndrom führen, z. B. Thalamus, kortikale oder subkortikale limbische Strukturen, Basalganglien.

Man unterscheidet ganz allgemein zwei Bereiche des präfrontalen Cortex (PFC):

  • dorsolateraler präfrontaler Cortex: Hier befinden sich vorwiegend kognitive Funktionen, z. B. problemlösendes Denken, Vorausplanen oder zielgerichtetes Handeln
  • orbitofrontaler Cortex: Dieser Hirnteil wird mit Persönlichkeitseigenschaften und der Fähigkeit zur Emotionsregulation in Verbindung gebracht.

Allgemein hat der PFC die Funktion, das Verhalten des Menschen flexibel und zweckmäßig an neue Anforderungen des Lebens anzupassen. Weiterhin ist er von herausragender Bedeutung, wenn es um die „zeitliche Organisation des Verhaltens“ geht.

Kognitive Störungen nach Schädigung des dorsolateralen präfrontalen Cortex[Bearbeiten]

Das Supervisory Attentional System (SAS) ist nicht mehr dazu in der Lage, Handlungen des Menschen flexibel auf neue Situationen einzustellen (kognitive Flexibilität). Das problemlösende Denken und eine vorausschauende Handlungsplanung sind z. T. massiv gestört. Irrelevante (Umwelt-)Reize können nicht mehr von relevanten unterschieden werden. Es findet keine ausreichende Analyse mehr statt. Bei Routinehandlungen dagegen zeigen sich in der Regel keinerlei Probleme. Personen mit einer Schädigung des Frontalhirns sind hier zumeist unauffällig: z. B. Einkaufen von alltäglichen Dingen, Frühstück oder Abendessen richten, Wahrnehmen von Arztterminen usw.

Folgende kognitive Störungen können im Rahmen eines dysexekutiven Syndroms auftreten und mit unterschiedlichen Tests erfasst werden:

  • unzureichende Problemanalyse
  • unzureichende Extraktion relevanter Merkmale
  • unzureichende Ideenproduktion (Verlust von divergentem Denken und Einfallsreichtum)
  • verringerte Wortflüssigkeit und Reduktion der „Spontansprache“
  • Haften an (irrelevanten) Details
  • mangelnde Umstellungsfähigkeit und Hang zu Perseverationen
  • ungenügende Regelbeachtung und Regelverstöße (auch im sozialen Verhalten)
  • Einsatz planungsirrelevanter Routinehandlungen
  • verminderte Plausibilitätskontrollen
  • keine systematische Fehlersuche
  • Alternativpläne werden kaum entwickelt
  • handlungsleitendes Konzept geht verloren
  • Schwierigkeiten beim gleichzeitigen Beachten mehrerer Informationen (Arbeitsgedächtnis)
  • Kein „Multi-Tasking“ mehr möglich
  • Handlungskonsequenzen werden nicht vorhergesehen
  • kein Lernen aus Fehlern
  • unbedachtes und vorschnelles Handeln (erhöhte Impulsivität)
  • rasches Aufgeben bei Handlungsbarrieren (reduzierte Beharrlichkeit und Willensstärke)
  • Wissen kann nicht mehr in effektive Handlungen übersetzt werden („Knowing-doing-dissociation“)

Mögliche Verhaltensstörungen nach Schädigung des orbitofrontalen Cortex[Bearbeiten]

Bei Schädigungen des orbitofrontalen Cortex oder damit assoziierter Hirnareale kann es zu unterschiedlichen Verhaltensauffälligkeiten kommen. Man spricht auch von neuropsychiatrischen Störungen. Die Fachliteratur unterscheidet zwischen inhibitorischen und disinhibitorischen Symptomen. Diese können wiederum auf verschiedenen Ebenen beschrieben werden. Welche Symptomkonstellation auftritt, hängt von Ausmaß und Art der frontalen Hirnschädigung ab. Als grobe Unterteilung gilt die Unterscheidung eines oberen gegenüber einem unteren Frontalhirnsyndrom, wobei das obere Frontalhirnsyndrom im Wesentlichen durch die Antriebsarmut gekennzeichnet ist (inhibitorisch), während sich das untere Frontalhirnsyndrom hauptsächlich durch Störungen des Affekts und der Kritikfähigkeit auszeichnet (disinhibitorisch).

Depressiv-inhibitorischer Symptom-Komplex („Pseudodepression“)[Bearbeiten]

  • motorisch
    • motorische Verlangsamung
    • Sprechverarmung
  • sensorisch
    • mangelnde Reagibilität auf Umgebungsreize
    • Apathie (Teilnahmslosigkeit)
  • emotional-affektiv
    • niedergedrückte Grundstimmung
    • geringes Selbstwertgefühl
    • Selbstablehnung
    • Gefühllosigkeit und Gleichgültigkeit
  • Verhalten
    • Appetit- und Gewichtsverlust
    • Energie- und Interessenverlust
    • Verlust von Initiative und sexuellem Verlangen
    • Vernachlässigung des äusseren Erscheinungsbilds
    • sozialer Rückzug
  • kognitiv
    • Abulie (Entscheidungs- und Entschlussunfähigkeit)
    • „Pseudodemenz
    • Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen
  • biozyklisch

Disinhibitorischer Symptom-Komplex („Pseudopsychopathie“)[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Herrmann, M., Starkstein, S.E. & Wallesch, C.W. (1999): Neuropsychiatrische Störungen in der Neurorehabilitation. In: Peter Frommelt & Holger Grötzbach (Hrsg.): NeuroRehabilitation. Grundlagen, Praxis, Dokumentation. Blackwell Wissenschafts-Verlag, Berlin.
  • Joachim Koch 1994: Neuropsychologie des Frontalhirnsyndroms.. Beltz, Weinheim 1994.
  • Gabriele Matthes-von Cramon: Exekutivfunktionen. In: Peter Frommelt & Holger Grötzbach (Hrsg.): NeuroRehabilitation. Grundlagen, Praxis, Dokumentation. Blackwell Wissenschafts-Verlag, Berlin 1999.
  • Matthes-von Cramon, G. & von Cramon, D.Y. (2000). Störungen exekutiver Funktionen. In: W. Sturm, M. Hermann, C.-W. Wallesch. Lehrbuch Klinische Neuropsychologie. Swets.
  • Hans Förstl (Hrsg.): Frontalhirn – Funktionen und Erkrankungen. Verlag Springer Berlin, ISBN 3-540-20485-7.
  • Elkhonon Goldberg: Die Regie im Gehirn – wo wir Pläne schmieden und Entscheidungen treffen. Übersetzt von Andrea Viala, mit einem Vorwort von Oliver Sacks. VAK-Verl.-GmbH, Kirchzarten bei Freiburg 2002, ISBN 3-935767-04-8.
  • Elkhonon Goldberg: The New Executive Brain. Oxford University Press 2009, ISBN 978-0-19-532940-7.
  • Kapitel 14: Der Frontallappen In: Bryan Kolb, Ian Whishaw: Neuropsychologie. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1996, ISBN 3-8274-0052-X.

Dokumentationen und Filme[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

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