G. Henle Verlag

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G. Henle Verlag
Henle-Logo.gif
Rechtsform e.K. (Einzelkaufmann)
Gründung 20. Oktober 1948
Sitz München, Deutschland
Leitung Wolf-Dieter Seiffert
Branche Musikverlag

Der G. Henle Verlag ist ein Musikverlag, der auf die Herausgabe musikalischer Urtextausgaben spezialisiert ist. Er hat Komponisten aus verschiedenen Epochen in seinem Programm, vor allem Komponisten aus der Zeit des Barock bis zur frühen Moderne, deren Werke nicht mehr urheberrechtlich gebunden sind. Neben den Notenausgaben publiziert der G. Henle Verlag musikwissenschaftliche Gesamtausgaben, Bücher, Nachschlagewerke und Zeitschriften.

Geschichte[Bearbeiten]

Am 20. Oktober 1948 von Günter Henle mit Genehmigung der amerikanischen Militärregierung gegründet, hatte der Verlag zunächst Standorte in Duisburg und München. Unter der Leitung seines Gründers war von Anfang an die „Sicherstellung der Herausgabe von Urtexten auf wissenschaftlicher Grundlage von Werken der Musik, vor allem aus dem 18. und 19. Jahrhundert“ Gegenstand des Unternehmens. Auch wurde die bis heute verwendete taubenblaue Umschlagfarbe festgelegt sowie die Gestaltung der Titelschrift von Joseph Lehnacker (1895–1965).

Mit dem Notenstich beauftragte man über mehrere Jahrzehnte die Universitätsdruckerei H. Stürtz (Würzburg), später kamen weitere Notenstechereien in Leipzig und Darmstadt hinzu. Als erste Verlagsprodukte erschienen Wolfgang Amadeus Mozarts Klaviersonaten in zwei Bänden, herausgegeben von Walter Lampe, und Franz Schuberts Impromptus und Moments Musicaux, herausgegeben von Walter Gieseking. Der handwerkliche Notenstich wurde Ende der 1990er-Jahre vom Computersatz abgelöst.

Mit diesen ersten Editionen nahm der Verlag 1949 an der ersten Musikalienmesse nach dem Zweiten Weltkrieg in Detmold teil. 1953 wurde das Lektorat mit Ewald Zimmermann (1910–1998) als Leiter am Duisburger Verlagssitz eingerichtet.

Wegen der Tätigkeit Günter Henles in der Großindustrie wurde der Verlag anfangs als „Klöckner-Musikfabrik“ belächelt, doch entwickelte er sich allmählich zu einem wichtigen deutschen Musikverlag. 1955 zogen die Mitarbeiter in München in ein neu erworbenes Verlagshaus in der Schongauer Straße 24 um.

Nach der Gründung des Joseph-Haydn-Instituts in Köln 1955, an der Günter Henle maßgeblich beteiligt war, begann die Veröffentlichung der ersten wissenschaftlichen Ausgabe sämtlicher Werke Joseph Haydns, deren Bände seitdem im G. Henle Verlag erscheinen. Als Nachfolger für Friedrich Joseph Schaefer (1907–1981) wurde 1969 Martin Bente (*1936) kaufmännischer Leiter in München. Drei Jahre später, 1972, gründete Henle die Günter Henle Stiftung München, die später Eigentümerin des Verlages wurde. Stiftungsvorsitzender war zunächst Henle selbst und nach seinem Tod Walter Keim (1979–1981), Anne Liese Henle, Ehefrau von Günter Henle (1981–1995) und seit 1996 C. Peter Henle, Sohn von Günter und Anne Liese Henle. Als der Verlag 1973 sein 25. Jubiläum feierte, umfasste der Verlagskatalog rund 250 Titel.

Urtextcover

1978 erwarb der Verlag das heutige Verlagsgebäude in der Forstenrieder Allee 122 in München. Ein Jahr später verstarb Günter Henle, woraufhin der Duisburger Standort aufgegeben und die Münchener Niederlassung, mit Martin Bente als geschäftsführendem Verlagsleiter, erweitert wurde.

1981, als sich der Verlag auf der ersten Deutschen Musikmesse in Tokio in Japan präsentierte, wurde auch in Nordamerika zunächst als Joint-Venture die G. Henle USA Inc. in St. Louis, Missouri, gegründet. Ab 1985 wurde diese Vertriebsniederlassung als alleiniges Tochterunternehmen des Münchener Stammhauses fortgeführt. Holger A. Siems (*1942) wurde Geschäftsführer – er war seit 1976 Vertriebsleiter des Verlages gewesen.

Zur ersten Internationalen Buchmesse in Peking 1986 präsentierte sich der Verlag auch in China; 1995 vergab er eine erste Lizenz zur Notenproduktion an den chinesischen Staatsverlag People’s Music Publishing House in Peking.

Ebenfalls seit 1995 gibt Henle neben den blauen Urtextausgaben auch „Studien-Editionen“ als Taschenpartituren im Format 17x24 cm heraus. 1999 modernisierte der Verlag das Erscheinungsbild von Logo, Umschlägen und Worttexten. Im Jahr 2000 wurde Wolf-Dieter Seiffert (*1959), seit 1990 Lektor des Verlages, der Nachfolger von Martin Bente in der Verlagsleitung.

1993 fand eine Erweiterung des Verlagsgebäudes um ein Obergeschoss statt; 2005 wurde das Erdgeschoss entkernt und modern ausgebaut. Seit 2007 wird der Verlag auf dem nordamerikanischen Markt exklusiv durch die Hal Leonard Corporation in Milwaukee, Wisconsin, vertreten. Der Verlagskatalog umfasst heute u.a. ca. 900 Urtextausgaben.

Verlagsprogramm[Bearbeiten]

Urtextausgaben[Bearbeiten]

Im Zentrum des Programms des G. Henle Verlags stehen die sogenannten für die musikalische Praxis eingerichteten Urtextausgaben: wissenschaftlich-philologisch erarbeitete, korrekte Notentexte mit mehr oder weniger ausführlichem Erläuterungsapparat zu den herangezogenen Notenquellen (Autographe, Abschriften, frühe Drucke) und zu den Lesart-Entscheidungen. Das Programm deckt inzwischen nahezu den gesamten Bereich der wichtigen Klaviermusik und kleiner besetzten Kammermusik im Urtext ab: vollständiges Klavierwerk von J. S. Bach, Beethoven, Brahms, Chopin, Debussy, J. Haydn, W. A. Mozart, Schubert, R. Schumann; daneben zahlreiche weitere ausgewählte Klavierwerke für zwei und vier Hände, Orgelwerke und ein Standardrepertoire für Duos und Klaviertrios sowie für Streichquartett. Hinzu kommen komplette Liederausgaben von Beethoven und Haydn und die wesentlichen Liederzyklen von R. Schumann. Urtextausgaben im kleineren Studienformat (Reihe Studien-Edition) sowie einige Faksimile-Ausgaben von Komponistenhandschriften gehören ebenfalls zum Programm.

Verlagsgebäude in der Forstenrieder Allee in München

Besondere Veröffentlichungen und Reihen[Bearbeiten]

  • Joseph Haydn Werke, hrsg. vom Joseph Haydn-Institut Köln. München, seit 1955. Wissenschaftliche Gesamtausgabe der Werke Joseph Haydns. Die auf 111 Bände angelegte Ausgabe umfasst 34 Reihen. Die Ausgabe ist nahezu abgeschlossen.[1]
  • Das Werk Beethovens. Thematisch-bibliographisches Verzeichnis seiner sämtlichen vollendeten Kompositionen, hrsg. von Georg Kinsky, nach dem Tod des Verfassers abgeschlossen von Hans Halm, München/Duisburg 1955. Das Beethoven-Werkverzeichnis wurde auch bekannt unter dem Namen „Kinsky/Halm“.
  • Répertoire International des Sources Musicales (RISM), hrsg. unter dem Patronat der Internationalen Gesellschaft für Musikwissenschaft und der Internationalen Vereinigung der Musikbibliotheken, Musikarchive und Musikdokumentationszentren, Reihe B. München seit 1960. RISM ist ein weltumspannender Katalog, der die in allen Ländern erhaltenen musikalischen Quellen bis zum Jahre 1800 verzeichnen soll. Im G. Henle Verlag erscheint die systematische Serie B.[2]
  • Ludwig van Beethoven: Werke. Gesamtausgabe, hrsg. vom Beethoven-Archiv Bonn. München, seit 1961 (Veröffentlichungen des Beethoven-Hauses Bonn). Die Ausgabe ist auf 56 Bände angelegt. Etwa die Hälfte ist bisher erschienen.
  • Das Erbe deutscher Musik, Denkmälerreihe zur deutschen Musikgeschichte, Abteilung Frühromantik, hrsg. von der Musikgeschichtlichen Kommission e.V., München. Seit 1964.
  • Haydn-Studien. Veröffentlichungen des Joseph Haydn-Instituts Köln, seit 1965. Die Zeitschrift erscheint in ein bis vier Heften pro Band in unregelmäßiger Folge.
  • Kataloge Bayerischer Musiksammlungen, hrsg. von der Bayerischen Staatsbibliothek, München, seit 1971.
  • Johannes Brahms. Thematisch-bibliographisches Werkverzeichnis, hrsg. von Margit L. McCorkle nach gemeinsamen Vorarbeiten mit Donald McCorkle, München 1984.
  • Ludwig van Beethoven. Briefwechsel. Gesamtausgabe, hrsg. von Sieghard Brandenburg, München 1996–1998. Die Bände 1–6 umfassen Briefe von 1783 bis 1827, Band 7 das Register. Band 8 (Dokumente, Sachregister) ist in Vorbereitung. Seit 1999 liegen die erschienenen Bände auch in digitaler Form (CD-ROM) vor.
  • Johannes Brahms. Neue Ausgabe sämtlicher Werke, hrsg. von der Johannes Brahms Gesamtausgabe, München, in Verbindung mit der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. München, seit 1996. Historisch-kritische Neuausgabe des kompositorischen Gesamtwerkes von Johannes Brahms mit Editionsleitung in Kiel. Die Ausgabe ist auf 65 Bände in 10 Serien angelegt.[3]
  • Robert Schumann. Thematisch-bibliographisches Werkverzeichnis, hrsg. von Margit L. McCorkle, München 2003.
  • Beethoven aus der Sicht seiner Zeitgenossen, hrsg. von Klaus Martin Kopitz und Rainer Cadenbach, 2 Bände, München 2009.
  • Max Reger Werkverzeichnis, hrsg. von Susanne Popp im Auftrag des Max-Reger-Instituts in Zusammenarbeit mit Alexander Becker, Christopher Grafschmidt, Jürgen Schaarwächter und Stefanie Steiner, München 2011.

Schwierigkeitsgrad[Bearbeiten]

Prof. Rolf Koenen teilte 2010 die gängigste Klavierliteratur in insgesamt neun Schwierigkeitsgrade ein, die wiederum in drei Gruppen (leicht, mittel, schwer) zusammengefasst werden. Beispielsweise zählt das Präludium C-dur von J.S. Bach zur Gruppe "leicht", Unterabteilung 2, und die Toccata op. 7 von R. Schumann zur Gruppe "schwer", Nr. 9, also der schwersten Gruppe.

Die Unterteilung soll eine Hilfestellung für Instrumentallehrer sein, um passende Stücke für Schüler eines bestimmten Leistungsstandes zu finden.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. [1]
  2. [2]
  3. [3]

Literatur[Bearbeiten]

  • Günter Henle: Weggenosse des Jahrhunderts, als Diplomat, Industrieller, Politiker und Freund der Musik. Stuttgart 1968. [4] (PDF; 135 MB)
  • Günter Henle: Verlegerischer Dienst an der Musik. 25 Jahre G. Henle Verlag. München 1973. [5] (PDF; 21,3 MB)
  • Martin Bente (Hrsg.): Musik, Edition, Interpretation. Gedenkschrift Günter Henle. München 1980. [6] (PDF; 145 MB)

Weblinks[Bearbeiten]