Gedenkstätte am Nordbahnhof

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Mauer mit den Daten der Deportationen aus Stuttgart
Die Gleise und rechts die Mauer mit den Namen der Deportierten
Mauer mit den Namen der Deportierten
Gedenkstein im naheliegenden Höhenpark Killesberg, der zum Sammellager umfunktioniert wurde

Die Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ am Stuttgarter Nordbahnhof erinnert daran, dass von diesem Ort während der Zeit des Nationalsozialismus zwischen 1941 und 1944 mehr als 2600 Jüdinnen und Juden aus Stuttgart und Württemberg und Hohenzollern deportiert wurden.[1] Alle diese Menschen wurden bis auf wenige Ausnahmen im Holocaust ermordet.

Standort[Bearbeiten]

Es handelt sich um ein altes Güterbahngelände am inneren Nordbahnhof zwischen Pragfriedhof und Nordbahnhofstraße, auf dem noch heute die ursprünglichen Schienen und Prellböcke zu sehen sind. Die fünf Gleise werden von einer 70 Meter langen Mauer begrenzt, auf der die Namen der über 2600 von der Stuttgarter Gestapodienststelle deportierten Juden sowie Sinti zu lesen sind. Am Kopfende der Gleisanlage befindet sich eine weitere, überdachte Wand mit Informationstafeln über die Gedenkstätte.

Der erste Deportationszug brach von diesem Ort am 1. Dezember 1941 mit etwa tausend Menschen nach Riga in das KZ Jungfernhof auf. Von ihnen wurden bis auf rund fünfzig Personen alle ermordet. Die weiteren Sammeldeportationen waren[2]:

  • 26. April 1942 in ein Lager bei Izbica
  • 13. Juli 1942 nach Auschwitz
  • 22. August 1942 nach Theresienstadt
  • 1. März 1943 nach Auschwitz
  • 13. März 1945 nach Auschwitz (württembergische Sinti)
  • 16. April 1943 nach Theresienstadt
  • 17. Juni 1943 nach Auschwitz und Theresienstadt
  • 11. Januar 1944 nach Theresienstadt
  • 12. Februar 1945 (ab Bietigheim) nach Theresienstadt

Entstehung[Bearbeiten]

Die Gedenkstätte wurde von den Architekten Ole und Anne-Christin Saß geplant und mit Hilfe des hierzu gegründeten Vereins Zeichen der Erinnerung e. V., dessen Vorstand unter anderem durch Roland Ostertag gebildet wurde, verwirklicht.

Die Gründung des Vereins wurde von der Stiftung Geißstraße Sieben initiiert. Sechzig Jahre nach der Deportation der Juden vom Stuttgarter Nordbahnhof brachte die Stiftung Geißstraße Sieben ein Denkblatt heraus. [3] Aus der Tatsache heraus, dass das Gelände im Zusammenhang mit Stuttgart 21 überbaut werden sollte, entstand dann die Initiative, die Gleise als Erinnerungsstätte zu bewahren. Der Ort wurde durch eine Flatterbandaktion als Tatort weiträumig abgesperrt. Zusammen mit dem Infoladen Nordbahnhof schrieb die Stiftung Geißstraße Sieben einen internationalen Studentenwettbewerb für eine Gedenkstätte aus. Nach einem Workshop mit über 50 Studierenden und deren Professoren aus Deutschland, Italien und der Schweiz, wurde der Entwurf der Architekten Anne-Christine und Ole Saß im Mai 2002 prämiert. Der Gemeinderat der Stadt Stuttgart hat die Realisierung der Gedenkstätte am Inneren Nordbahnhof einmütig gebilligt.

Die Arbeit wurde vom Stuttgarter Bürgerprojekt Die AnStifter unterstützt. Die „AnStifterin“ Beate Müller hat im Zeitraum von Dezember 2004 bis Januar 2006 über 2.000 Namen von jüdischen Menschen, die aus Stuttgart deportiert wurden und die Deportationen bis auf wenige Ausnahmen nicht überlebt haben, zusammengetragen. Die Namen dieser Menschen wurden an der Außenwand der Gedenkstätte angebracht. Durch weitere Recherchen konnten in der Zwischenzeit die Namen von etwa 300 weiteren Deportierten gefunden werden, die sich noch nicht an der Gedenkwand befinden (Stand April 2008). An der Wand befinden sich auch die Namen von Inge Auerbacher und ihren Eltern, die die Deportation nach Theresienstadt überlebten.

Das Projekt kostete insgesamt 500.000 Euro, von denen jeweils die Hälfte von der Stadt Stuttgart und von Spendern aufgebracht wurde. Am 14. Juni 2006 wurde die Gedenkstätte offiziell der Öffentlichkeit übergeben. Der Architekt Ostertag sagte über die Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“: „Wir werden uns fragen lassen müssen, warum wir mehr als 64 Jahre brauchten, um uns hier der Vergangenheit zu stellen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weitere Deportations-Mahnmale im (ehemaligen) Deutschland im Kontext von Bahnhöfen:

Literatur[Bearbeiten]

  • Informationstafeln in der Gedenkstätte
  • Zeichen der Erinnerung – Gedenkstätte im Stuttgarter Nordbahnhof. Hintergrund, Werdegang, Realisierung. Karl Krämer Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 3-7828-4047-X.
  • Hermann G. Abmayr: Stuttgarter NS-Täter. Vom Mitläufer bis zum Massenmörder. „Wir haben nur unsere Pflicht getan für Volk und Vaterland.“ Verlag Hermann G. Abmayr - Schmetterling Verlag, Stuttgart, 2009. 383 Seiten. ISBN 3-89657-136-2
  • Ingrid Bauz, Sigrid Brüggemann, Roland Maier (Hrsg.): Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern. Schmetterling Verlag Stuttgart 2013. 477 Seiten. ISBN 3-89657-138-9.
  • Adrienne Braun: Mittendrin und außen vor. Stuttgarts stille Ecken. Konstanz 2014, Seite 109-114.
  • Heidemarie A. Hechtel: Das Gedächtnis der Stadt für die Zukunft bewahren. Stuttgarter Nachrichten, 8. Juni 2006, S. 26.
  • Heidemarie A. Hechtel: Ort der Schande in einen Ort des Erinnerns verwandelt. Stuttgarter Nachrichten, 16. Juni 2006, S. 27.
  • Günther Schlusche: Architektur der Erinnerung. NS-Verbrechen in der europäischen Gedenkkultur. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 2006, ISBN 978-3-89479-352-4.
  • Maria Zelzer (Hrsg.): Stuttgart unterm Hakenkreuz. Chronik 1933–1945. Cordeliers, Stuttgart 1983

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gedenkstätte am Nordbahnhof – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ingrid Bauz, Sigrid Brüggemann, Roland Maier: Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern, Stuttgart 2013, S. 293-304.
  2. Ingrid Bauz, Sigrid Brüggemann, Roland Maier: Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern, Stuttgart 2013, S. 293ff.
  3. "Denkblatt", hrsg. v. der Stiftung Geißstraße Sieben.

48.7970805555569.1893611111111Koordinaten: 48° 47′ 49″ N, 9° 11′ 22″ O