Vernichtungslager Belzec

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Belzec ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Zu dem polnischen Dorf siehe Bełżec.
Vernichtungslager Belzec (Polen)
Belzec
Belzec
Warschau
Warschau
Karte des heutigen Polen

Das Vernichtungslager Belzec in Bełżec nahe Lublin war ein deutsches Vernichtungslager, in dem in der Zeit des Nationalsozialismus zwischen März 1942 und Dezember 1942 nach Zählung der SS 434.508 Menschen ermordet wurden.[1] Das Lager Belzec entstand während des Zweiten Weltkrieges neben Sobibór und Treblinka als erstes der drei Vernichtungslager im Rahmen der „Aktion Reinhardt“.[2]

1940: Arbeitslager von Bełżec[Bearbeiten]

Die Gemeinde Bełżec gehörte während der Okkupation von 1939 bis 1945 zum deutsch verwalteten, Generalgouvernement genannten Teil Polens. Bereits im Mai 1940 trafen Sinti in Bełżec ein, die aus der Tschechoslowakei, Polen und Deutschland dorthin deportiert wurden. Einer dieser Deportierten, Gottfried Weiß aus Hamburg, berichtete, dass sie dort den Zaun für ein geplantes Arbeitslager zogen.[3] Kurze Zeit später wurden die Sinti von Juden aus Lublin, Radom und Warschau abgelöst. Von Bełżec aus wurden diese etwa 10.000 polnischen Juden in zahlreiche verschiedene Zweiglager verteilt und ab August 1940 überwiegend zu Erdarbeiten eingesetzt, um an der sowjetischen Grenze zwischen Bug und San Befestigungsanlagen zu bauen.[4] Im Dorf Bełżec selbst waren zeitweilig rund 3.000 Juden auf einem Gutshof, bei einem Mühlenbetrieb und in einem Lokomotivschuppen untergebracht. Diese Lager wurden im Oktober 1940 „aufgelöst“. Das Vernichtungslager Bełżec wurde unabhängig davon wesentlich später abseits auf einer Lichtung errichtet.[5]

1942: Vernichtungslager[Bearbeiten]

Am 1. November 1941 begann unter der Zentralbauleitung der SS der Bau eines Lagers, das eine fest installierte Gaskammer erhielt.[6] Dieses Lager in Bełżec war das erste von drei Vernichtungslagern der „Aktion Reinhardt“, die allein zur physischen Vernichtung von Menschen bestimmt waren. Die drei Lager wurden in abgelegenen Gebieten errichtet und verfügten über Gleisanschlüsse, so dass eine große Anzahl Menschen ohne größeres Aufsehen dorthin gebracht und getötet werden konnte. Anfangs waren in erster Linie die Juden in Ostpolen als Opfer ausersehen, jedoch später andere Gebiete und so genannte „Zigeunermischlinge“ in die Vernichtungsaktion einbezogen.

Entschlüsselter Funkspruch Höfles vom 11. Januar 1943.

Lagerkommandant von Bełżec war ab Dezember 1941 der SS-Hauptsturmführer Christian Wirth, der bereits an der Ermordung von Behinderten im deutschen Reichsgebiet (auch Aktion T4) führend beteiligt war. Weitere T4-Mitarbeiter kamen ab Januar 1942 hinzu.[7] Nachdem Wirth am 1. August 1942 zum Inspektor für die Vernichtungslager der „Aktion Reinhardt“ berufen worden war, übernahm der später ebenfalls zum SS-Hauptsturmführer ernannte Gottlieb Hering die Lagerkommandantur bis zum Abbruch des Vernichtungslagers. Hering kam Ende Juli 1942 mit weiterem Personal hinzu, das vorher bei diesem „Euthanasie-Programm“ tätig war. Stellvertretender Lagerkommandant und Leiter des Vernichtungsbereiches war ab Ende 1941 der SS-Untersturmführer Schwarz. Neben einigen SS-Männern war eine Kompanie von 60 – später 120 – „Trawniki-Männern“ eingesetzt. Jüdische Arbeitskommandos wurden zeitweilig in einer Stärke bis zu 500 Personen zur Beseitigung der Leichen und der Verwertung der Kleidung gezwungen; sie wurden später ermordet.

Wirth kam in der zweiten Dezemberhälfte 1941 vor Ort an und führte im Februar 1942 erste „Probevergasungen“ mit einem selbst erbauten Gaswagen und in einer Gaskammer mit Kohlenstoffmonoxidgas und Motorabgasen durch.[8] Im Rahmen der „Aktion Reinhardt“ traf am 17. März 1942 der erste Zugtransport mit Juden aus dem Ghetto Lublin in Bełżec ein und brachte wie die nächstfolgenden „arbeitsunfähige“ Menschen, Alte, Frauen und Kinder ins Tötungslager.[9]

Innerhalb der nächsten vier Wochen wurden 75.000 Juden umgebracht, danach die Transporte vorübergehend eingestellt. Die Kapazität der Gaskammern wurde durch Neubauten vergrößert; ab Spätsommer 1942 wurde ein Bagger zum Erdaushub eingesetzt.[10] In einer zweiten Phase ab August 1942 wurden Juden aus dem gesamten Generalgouvernement als Opfer herangeschafft. Der SS-Hauptsturmführer Höfle, ein wichtiger Mitarbeiter Globocniks, meldete im so genannten Höfle-Telegramm an die SS-Zentrale Anfang Januar 1943 für Belzec 434.508 Tötungen.[11]

Am 11. Dezember 1942 traf der letzte Transport mit Opfern ein. Am 15. Dezember 1942 erging ein wochenlanges Verbot von „nicht-militärischen“ Eisenbahntransporten; nach Kuwalek war der Hauptgrund für das Abstoppen der Tötungen jedoch die Überfüllung der Massengräber.[12] Seit November 1942 wurden Leichen massenhaft exhumiert und auf riesigen Rosten aus Eisenbahnschienen verbrannt. Die letzten dort eingesetzten Häftlinge wurden in einem Eisenbahnwagon nach Sobibór gebracht und dort sofort umgebracht. In einem Kassiber konnten sie die dortigen Häftlinge noch warnen, die auch deshalb im Herbst 1943 dort den Aufstand wagten. Im Frühjahr 1943 wurden alle Spuren beseitigt, später wurde zur Tarnung ein Bauernhof auf dem Gelände angesiedelt. Nur drei Überlebende des Vernichtungslagers, die ihre Lagererlebnisse öffentlich darstellten, sind bekannt: Rudolf Reder aus Lemberg, Chaim Hirszman aus Janow Lubeski und der chassidische Rabbiner Izrael Szapiro aus Lemberg.[13]

Lagergliederung[Bearbeiten]

NS-Dokumente über das Lager, zu seiner Größe und Bebauung sind nicht überliefert. Skizzen zur Anordnung der Lageranlagen wurden erst nach dem Krieg von Zeitzeugen angefertigt. Sie sind aber unvollständig, da sich die Bebauung sowie die Lage der Massengräber in einer zweiten Ausbauphase änderte.[14]

Vom Bahnhof führte ein Eisenbahngleis zum Lagertor. Das Lager bestand aus einer etwa 265 x 275 Meter großen Fläche, die umzäunt und in zwei Bereiche unterteilt war. Der eine Teil enthielt Verwaltungsgebäude und Baracken zur Entkleidung und Lagerung des Gepäcks. Später kamen Baracken für jüdische Häftlinge hinzu, die Kleidung sortierten und in der Wäscherei arbeiteten. Im anderen Lagerkomplex befanden sich mehrere Leichengruben, Unterkünfte für die Juden des Sonderkommandos und die Gaskammern.

Von den Entkleidungsbaracken führte der „Schlauch“, ein schmaler von Stacheldraht begrenzter 70 Meter langer Weg, zu den Gaskammern. Anfänglich wurden die Opfer getötet, indem man – wie in den Tötungsanstalten der Aktion T4 – reines Kohlenstoffmonoxid-Gas aus Stahlflaschen einleitete.[15] Später wurden Motorabgase eingeleitet; die Angaben über die Art des Motors sind widersprüchlich[16] und nicht abschließend zu klären.[17]

Strafverfolgung der Täter[Bearbeiten]

1963 kam es in München zum Belzec-Prozess gegen Einzeltäter, von denen nur Josef Oberhauser am 21. Januar 1965 zu vier Jahren und sechs Monaten Zuchthaus wegen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord in 300.000 Fällen verurteilt wurde. Den anderen Angeklagten billigte das Landgericht einen Putativnotstand zu und setzte sie im Januar 1964 außer Verfolgung.

Gedenkort[Bearbeiten]

Das neue Mausoleum (2006)

Bis mindestens 1956 war das Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers ohne Umzäunung und unbeaufsichtigt zugänglich. Erst Ende 1963 wurde ein erstes Denkmal mit der Tafelinschrift „Zur Erinnerung an die Opfer des Hitlerterrors“ errichtet, das den Hinweis auf die jüdischen Opfer vermied. 1995 unterzeichnete das American Jewish Committee in Warschau einen Vertrag über eine neue Gedenkstätte. Bevor die Bauarbeiten begannen, wurden von 1997 an archäologische Untersuchungen durchgeführt, bei denen 33 Massengräber lokalisiert werden konnten.[18]

2004 wurde eine neue Gedenkstätte nach Entwürfen der polnischen Bildhauer Andrzej Sołyga, Zdzisław Pidyk und Marcin Roszczyk eröffnet, die die Topografie des Lagers und der Vernichtungsmaschinerie dort aufzeigt, wo bis dahin nur planierte Erde zu sehen war. Am Ende einer symbolischen Rampe steht ein Museumsgebäude, das die Form eines Zuges aufnimmt.

Film[Bearbeiten]

  • Guillaume Moscovitz (Regie): Belzec. Dokumentation, F, 2005, 100 Min.

Anhand von Berichten der wenigen Überlebenden und Interviews mit Bewohnern der Gegend gelingt es G. Moscovitz, einen Teil der Geschichte des Lagers zu rekonstruieren. (Zum Inhalt und der Intention: Moscovitz, Jahrgang 1969, redet immer wieder davon, dass dieser Film fast zu spät kommt. Gerade weil es insgesamt nur vier Überlebende dieser Todesfabrik gibt, war es Moscovitz so wichtig, das Andenken der Toten zu ehren. Gedreht hat er vom Stativ und das erinnert an Claude Lanzmanns „Shoah“, das ihn beeinflusst hat. Der Film enthält keinen Kommentar. Es ging ihm darum, zwischen Einzelschicksalen und dem nicht fassbaren Schrecken, der von den Zahlen abstrakt ausgeht, zu vermitteln.)

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Bd. 8: Riga. Warschau. Kaunas. Vaivara. Płaszów. Klooga. Chelmno. Belzec. Treblinka. Sobibor. C. H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-57237-1
  • Yitzhak Arad: Belzec, Sobibor, Treblinka. The Operation Reinhard Death Camps, Indiana University Press, Bloomington 1987, ISBN 0-253-34293-7.
  • Eugen Kogon, Hermann Langbein, Adalbert Rückerl (Hrsg.): Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas. Fischer Taschenbuch. Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-596-24353-X.
  • Robert Kuwałek: Das Vernichtungslager Bełżec. Aus dem Poln. übers. von Steffen Hänschen. Mit einem Vorw. von Ingo Loose. Metropol Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-86331-079-0.
  • Adalbert Rückerl (Hrsg.): Nationalsozialistische Vernichtungslager im Spiegel deutscher Strafprozesse. Belzec, Sobibor, Treblinka, Chelmno. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1977, ISBN 3-423-02904-8.
  • Günter Schlusche: Erfassung einer Todeszone. Denkmal, Friedhof und Museum in Belzec/Polen. Planung: Solyga, Andrzej; Pidek, Zdislaw; Rosczyk, Marcin (Architekten); Fotos: Krynski, Wijciech, Warschau. In: Bauwelt, 2005, Jg.: 96, Nr.22, S.22-27.
  • Peter Witte, Stephen Tyas: A New Document on the Deportation and Murder of Jews during „Einsatz Reinhardt“ 1942. In: Holocaust and Genocide Studies, Vol. 15, No. 3, Winter 2001, ISBN 0-19-922506-0 (Höfle-Zahlen)
  • Jan H. Fahlbusch, Im Zentrum des Massenmordes. Ernst Zierke im Vernichtungslager Belzec, In: Andreas Mix (Ed.), KZ-Verbrechen. Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Metropol-Verlag, Berlin 2007.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Vernichtungslager Belzec – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Peter Witte and Stephen Tyas: A New Document on the Deportation and Murder of Jews during 'Einsatz Reinhardt' 1942. In: Holocaust and Genocide Studies, Vol. 15, No. 3, Winter 2001, ISBN 0-19-922506-0 (Höfle-Telegramm)
  2. Enzyklopädie des Holocaust; Piper Verlag, München 1998, Band 1, S. 14f.
  3. Viviane Wünsche: 'Als die Musik verstummte...' In: Landeszentrale für politische Bildung Hamburg (Hrsg.): Die nationalsozialistische Verfolgung Hamburger Roma und Sinti. 2. aktual. Aufl. Hamburg 2006, ISBN 3-929728-73-7, S. 93f / Bericht Gottfried Weiß (Zugriff 6. Februar 2008)
  4. deathcamps Anfänge von Belzec (Zugriff 6. Februar 2008)
  5. Lagergeschichte von Belzec (Zugriff am 6. Februar 2008)
  6. Sara Berger: Experten der Vernichtung. Das T4-Reinhardt-Netzwerk in den Lagern Belzec, Sobibór und Treblinka. Hamburg 2013, ISBN 978-3-86854-268-4 (Diss.), S. 43 schreibt, dass häufig Richard Thomalla der Aufbau von Belzec zugeschrieben würde, dieser sich jedoch noch in Kiew aufgehalten habe.
  7. Sara Berger: Experten der Vernichtung. Das T4-Reinhardt-Netzwerk in den Lagern Belzec, Sobibor und Treblinka. Hamburg 2013, ISBN 978-3-86854-268-4, S. 44f.
  8. Sara Berger: Experten der Vernichtung. Das T4-Reinhardt-Netzwerk in den Lagern Belzec, Sobibór und Treblinka. Hamburg 2013, ISBN 978-3-86854-268-4, S. 47f / Experimente mit Zyklon B gelten als „unwahrscheinlich“.
  9. Thomas Sandkühler: Das Zwangsarbeitslager... In: Ulrich Herbert, Karin Orth, Christoph Dieckmann: Die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Frankfurt 2002, ISBN 3-596-15516-9, S. 611
  10. Robert Kuwałek: Das Vernichtungslager Belzec. Berlin 2013, ISBN 978-3-86331-079-0, S. 74.
  11. Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden; die Jahre der Verfolgung 1933 - 1939; die Jahre der Vernichtung 1939 - 1945. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-56681-3, S. 861 und Anm. 91
  12. Robert Kuwałek: Das Vernichtungslager Bełżec. Berlin 2013, ISBN 978-3-86331-079-0, S. 178.
  13. Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Bd. 8: Riga. Warschau. Kaunas. Vaivara. Płaszów. Klooga. Chelmno. Belzec. Treblinka. Sobibor. C. H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-57237-1 S. 359
  14. Weitere Angaben s. Eugen Kogon et al.: Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas. Fischer Tb. Frankfurt/M 1986, ISBN 3-596-24353-X sowie Deathcamp Belzec
  15. Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden, S. 739
  16. Gerstein Bericht [1] sowie Kogon: Nationalsozialistische Massentötungen..., S. 193 (Pfannenstiel) versus Darstellung bei deathcamps [2] / „Motor des Panzers IV A“ bei Dieter Pohl: Massentötungen durch Giftgas im Rahmen der 'Aktion T4'. In: Günther Morsch, Bertrand Perz: Neue Studien zu nationalsozialistischen Massentötungen durch Giftgas. Berlin 2011, ISBN 978-3-940938-99-2, S. 191
  17. Achim Trunk: Die todbringenden Gase. S. 18-37, in: Günther Morsch, Bertrand Perz: Neue Studien zu nationalsozialistischen Massentötungen durch Giftgas. Berlin 2011, ISBN 978-3-940938-99-2 / Treibstoffanforderung für die Aktion (Zugriff 7. Februar 2008)
  18. Robert Kuwałek: Das Vernichtungslager Bełżec. Berlin 2013, ISBN 978-3-86331-079-0, S. 327ff (Kapitel XVI: Gedenken)

50.37166666666723.4575Koordinaten: 50° 22′ 18″ N, 23° 27′ 27″ O