KZ Jungfernhof

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Das Konzentrationslager Jungfernhof war ein temporäres, behelfsmäßiges Konzentrationslager im Dorf Jumpravmuiža, etwa drei bis vier Kilometer von Riga entfernt, nahe der Bahnstation Šķirotava. Das Lager bestand vom 3. Dezember 1941 bis März 1942 und diente zur vorübergehenden Unterbringung von Juden aus Deutschland und Österreich, deren Transportzüge ursprünglich Minsk zum Ziel hatten. Es wird teilweise auch Vernichtungsstätte oder Vernichtungslager Jungfernhof genannt.[1]

Notunterkunft[Bearbeiten]

Auch das neue Ziel, das Ghetto von Riga, war überfüllt und konnte die Deportierten aus Deutschland nicht aufnehmen. Ein erster Transportzug mit 1.053 Berliner Juden erreichte die Bahnstation Šķirotava am 30. November 1941. Alle Personen wurden noch am gleichen Tag im Wald von Rumbula bei Riga ermordet. [2] Die nächsten vier eintreffenden Transporte wurden auf Befehl des SS-Brigadeführers und Befehlshabers der Einsatzgruppe A Walter Stahlecker auf dem leerstehenden Gutshof Groß-Jungfernhof an der Düna untergebracht. Ursprünglich sollte in Jungfernhof ein SS-Gutsbetrieb entstehen. Das im Besitz der SS befindliche Gelände konnte ohne Absprache mit dem Gebietskommissariat sofort genutzt werden und diente nunmehr als Notunterkunft und Zwischenquartier, um Arbeitskräfte zum Aufbau des Lagers Salaspils bereitzustellen.

Erst ein sechster Transport, der am 10. Dezember 1941 mit Kölner Juden eintraf, kam im nunmehr „freigemachten“ Ghetto Riga unter, nachdem dort über 25.000 einheimische Juden ermordet worden waren.

Unterbringung[Bearbeiten]

Das ehemalige Staatsgut von 200 Hektar Größe war bebaut mit einem Gutshaus, drei großen Scheunen, fünf kleinen Baracken und verschiedenen Viehställen. Die teils baufälligen und meist unbeheizbaren Gebäude waren für die Aufnahme mehrerer tausend Menschen ungeeignet. Es gab keine Wachtürme oder durchgehende Umzäunung, sondern eine mobile Postenkette von zehn bis fünfzehn lettischen Hilfspolizisten unter dem deutschen Kommandanten Rudolf Seck.

Im Dezember 1941 wurden mit vier Zügen insgesamt 3984 Menschen nach Jungfernhof gebracht, darunter 136 Kinder bis zu zehn Jahren und 766 Personen im Rentenalter.[3] 1013 Juden aus Württemberg wurden am 1. Dezember 1941 von Stuttgart aus in das Lager verschleppt.[4] Weitere 964, die am 6. Dezember 1941 deportiert wurden, stammten aus Hamburg, Lübeck – hier waren es 90 noch in der Stadt lebende Juden[5] – und anderen Gemeinden in Schleswig-Holstein. Weitere Transporte kamen aus Nürnberg mit 1008 Personen[6] und Wien mit 1001 Personen.

Schicksal der Häftlinge[Bearbeiten]

Ein Überlebender schrieb über die Unterkunft: „Es gab keine Türen und keinen Ofen, die Fenster waren offen, das Dach war auch nicht in Ordnung. Es waren 45 Grad Kälte und der Schnee fegte durch die Scheune.“[7]

Rund 800 der Gefangenen starben im Winter 1941/42 an Hunger, Kälte, Typhus und anderen Krankheiten. Die täglich anfallenden 20 bis 30 Leichen konnten wegen des gefrorenen Bodens nicht beerdigt werden. Dies war nach einiger Zeit erst möglich, als ein SS-Mann zwei Löcher in den Boden auf dem Feld sprengte.[8] Die Behauptung einer Zeitzeugin, dort seien auch Gaswagen zum Einsatz gekommen, ist nicht weiter belegt und gilt als unwahrscheinlich. [9]

Im März 1942 wurde das Lager aufgelöst. Unter einem Vorwand, sie kämen in ein – tatsächlich nicht existierendes – Lager in Dünamünde, wo es bessere Unterkünfte und eine Arbeitsmöglichkeit in einer Konservenfabrik gebe, wurden zwischen 1600 und 1700 Insassen während der Aktion Dünamünde mit Lastwagen in den nahe gelegenen Wald von Biķernieki gebracht. Dort wurden sie (wie zuvor schon Juden aus dem Ghetto von Riga) am 26. März 1942 erschossen und in Massengräbern verscharrt. Viktor Marx aus Württemberg, dessen Frau Marga und Tochter Ruth erschossen wurden, berichtete: „Im Lager wurde uns gesagt, dass alle Frauen und Kinder vom Jungfernhof wegkämen, und zwar nach Dünamünde. Dort seien Krankenhäuser, Schulen und massiv gebaute Steinhäuser, wo sie wohnen könnten. Ich bat den Kommandanten, auch mich nach Dünamünde zu verschicken, was er jedoch ablehnte, weil ich ein zu guter Arbeiter sei.[10] Erschossen wurde auch der Lagerälteste Max Kleemann (* 1887),[11] ein Kriegsteilnehmer des Ersten Weltkriegs, der mit seiner Tochter Lore aus Würzburg verschleppt worden war.

450 Insassen wurden zurückbehalten und einem Arbeitskommando zugeteilt. Sie sollten die Spuren des Lagers verwischen und es wieder als Bauernhof tarnen. Dieses Arbeitskommando bestand noch ein Jahr bis ins Frühjahr 1943. Wer überlebte, wurde dem Rigaer Ghetto zugeführt, das bis November 1943 bestand, dessen Auflösung bereits ab Juli desselben Jahres durch Deportationen ins Arbeitslager KZ Riga-Kaiserwald betrieben wurde, in das bei der endgültigen Liquidierung des Ghettos im November schließlich alle verbliebenen Juden verschleppt wurden. Aus dem KZ Riga wiederum wurden alle Kinder und Kranke ab November 1943 nach Auschwitz deportiert, und ab August 1944 schließlich wurden, wie zeitgleich aus anderen baltischen Lagern, aufgrund des Vorrückens der Roten Armee auch vermehrt arbeitsfähige Juden von dort ins ostpreußische KZ Stutthof "evakuiert", von denen die meisten auf Todesmärschen Richtung Westen ab Januar 1945 entweder infolge der Erschöpfung oder bei noch unterwegs erfolgenden Massentötungen (u. a. Massaker von Palmnicken) durch SS-Begleitwachen umkamen.

Zu den ermordeten Insassen des Konzentrationslagers gehören die Eltern des Rabbiners und Lübecker Ehrenbürgers Felix F. Carlebach, seine Schwägerin Resi Carlebach (geborene Graupe) sowie sein Onkel, der Rabbiner Joseph Carlebach (1883–1942) mit Frau Charlotte (geborene Preuss) (* 1900), und deren drei jüngste Kinder Ruth (* 1926), Noemi (* 1927) und Sara (* 1928). Sie wurden am 26. März 1942 im Wald von Biķernieki erschossen. Der Bankier Simson Carlebach (1875–1942), der Bruder des Rabbiners Joseph Carlebach, war schon früher auf dem Weg ins Lager sterbend zusammengebrochen.[12] Der zweitälteste Sohn der insgesamt neun Kinder von Joseph Carlebach, Salomon (Shlomo Peter) Carlebach (* 17. August 1925), überlebte, weil er dem Arbeitskommando zugeteilt worden war. Er wurde später Rabbiner in New York.

Salomon Carlebach berichtete 1994 in einem Interview über den Augenblick, an dem er seinen Vater zum letzten Mal sah: „Ich weiß, dass mein seliger Vater in diesem Moment wusste, dass die letzte Stunde gekommen war und dass er in den sicheren Tod gehen würde, obwohl er nichts gesagt hat. Natürlich haben viele der Leute gemeint, dass sie jetzt wirklich in ein anderes Lager gebracht würden, in dem die Umstände viel besser wären.“[13] Über sein persönliches Schicksal sagte er: „Ohne einen festen Glauben hätte man so etwas gar nicht überleben können.“[14]

Auch der Nürnberger Oberlandesgerichtsrat Hugo Ehrenberger und seine Frau Lotte geb. Steinheimer kamen im März 1942 in Jungfernhof ums Leben.[15]

Von den rund 4.000 Menschen, die nach Jungfernhof verschleppt worden waren, überlebten nur 148 Personen.[16]

SS-Lagerpersonal[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Josef Katz: Erinnerungen eines Überlebenden. Kiel 1988, ISBN 3-89029-038-8.
  • Interview mit dem überlebenden Salomon (Shlomo Peter) Carlebach (* 17. August 1925) in: Sabine Niemann (Redaktion): Die Carlebachs, eine Rabbinerfamilie aus Deutschland. Ephraim-Carlebach-Stiftung (Hrsg.), Dölling und Galitz, Hamburg 1995, ISBN 3-926174-99-4.
  • Miriam Gillis-Carlebach: „Licht in der Finsternis“. Jüdische Lebensgestaltung im Konzentrationslager Jungfernhof. In: Gerhard Paul und Miriam Gillis-Carlebach: Menora und Hakenkreuz. Neumünster 1988, ISBN 3-529-06149-2, S. 549–563.
  • Peter Guttkuhn: Die Lübecker Geschwister Grünfeldt. Vom Leben, Leiden und Sterben ‚nichtarischer‘ Christinnen. Schmidt-Römhild, Lübeck 2001, ISBN 978-3-7950-0772-0.
  • Andrej Angrick, Peter Klein: Die „Endlösung“ in Riga. Ausbeutung und Vernichtung 1941–1944. Darmstadt 2006, ISBN 3-534-19149-8.
  • Fanny Englard: Vom Waisenhaus zum Jungfernhof. Deportiert von Hamburg nach Riga - Bericht einer Überlebenden. Hamburg 2009, ISBN 978-3-89965-388-5

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www1.yadvashem.org/education/german/pedagogia.htm http://www.keom.de/denkmal/suche.php (Links nicht mehr erreichbar, 7. Februar 2012).
  2. Alfred Gottwald, Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941–1945. Wiesbaden 2005, ISBN 3-86539-059-5, S. 121 / Als Gerücht, „es seien evakuierte Juden bei Riga reihenweis – wie sie den Zug verließen – erschossen worden“, hörte Victor Klemperer davon (Tagebucheintrag vom 13. Januar 1942).
  3. Alle präzisen Zahlen aus: Alfred Gottwald, Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941–1945. Wiesbaden 2005, ISBN 3-86539-059-5, S. 114/115.
  4. Transport ab Stuttgart.
  5. Transport von Juden aus Lübeck.
  6. Nürnberger Transport.
  7. Zitat von Herbert Mai, einem der beiden Überlebenden aus Würzburg, übernommen aus Roland Flade: Reiseziel Jungfernhof. In: Mainpost vom 2. Dezember 2010, Ausgabe KIT, S. 32.
  8. Roland Flade: Reiseziel Jungfernhof. In: Mainpost vom 2. Dezember 2010, Ausgabe KIT, S. 32.
  9. Interview in Die Carlebachs, S. 82 / dagegen Angrick/Klein, ISBN 3-534-19149-8, S. 338 mit Anm. 3.
  10. Bericht des Überlebenden Viktor Marx.
  11. Lagerältester Max Kleemann
  12. Miriam Gillis-Carlebach: „Licht in der Finsternis“. ISBN 3-529-06149-2, S. 553.
  13. Sabine Niemann (Redaktion): Die Carlebachs, eine Rabbinerfamilie aus Deutschland, Ephraim-Carlebach-Stiftung (Hrsg). Dölling und Galitz. Hamburg 1995, S. 83.
  14. Die Carlebachs, eine Rabbinerfamilie aus Deutschland, S. 85.
  15. W. Heilig-Achneck, Auf Spurensuche, Nürnberger Nachrichten, 23. Juli 2010
  16. Zahl 148 („namentlich bekannt“) nach Gottwaldt/Schulle, S. 115 – Angrick/Klein, Die „Endlösung“ in Riga, nennt 1147 = Druckfehler?

56.89230555555624.198111111111Koordinaten: 56° 53′ 32″ N, 24° 11′ 53″ O