Gerard Bosch van Drakestein

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Gerard Bosch van Drakestein

Jonkheer Gérard Dagobert Henri „Gerard“ Bosch van Drakestein (* 24. Juli 1887 in Mechelen; † 20. März 1972 in Den Haag) war ein niederländischer Bahnradsportler.

Gerard Bosch van Drakestein entstammte einer wohlhabenden adligen Familie, weshalb er als Jugendlicher Rennen unter den Pseudonymen „Ulysses“ oder „Bismarck“ fuhr, da das in seiner gesellschaftlichen Schicht als unschicklich galt. Auch deshalb blieb er während seiner ganzen Karriere Amateur. Er errang insgesamt 17 Niederländische Meistertitel.

1914 nahm er an den Bahn-Weltmeisterschaften in Kopenhagen teil und machte sich nach dem Übertritt des überragenden englischen Sprinters William Bailey zu den Profis berechtigte Hoffnungen auf den WM-Titel. Wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs wurde die Bahn-WM jedoch abgebrochen, als Bosch van Drakestein schon das Finale erreicht hatte. Bei den UCI-Bahn-Weltmeisterschaften 1923 in Zürich belegte er den dritten Platz im Sprint.

Dreimal, 1908, 1924 und 1928, nahm Bosch van Drakestein an Olympischen Spielen teil; 1924 in Paris gewann er die Bronzemedaille im Tandem, mit Maurice Peeters, 1928 in Amsterdam die Silbermedaille in der Einerverfolgung. In der Mannschaftsverfolgung konnte er wegen einer Grippe nicht starten und für ihn sprang Janus Braspennincx ein. Danach beendete Bosch van Drakestein seine aktive Karriere im Alter von 42 Jahren.

Anschließend war Gerard Bosch van Drakestein als Funktionär, Herausgeber und Journalist tätig; er gehörte 1928 zu den Mitbegründern der Koninklijke Nederlandsche Wielren Unie (KNWU). In den 1930er Jahren zerstritt sich der „geborene Querulant“[1] mit seinen Kollegen und gründete erfolglos einen eigenen Verband. Nachdem er sich 1936 noch wegen der Judenpolitik des NS-Regimes gegen die Teilnahme niederländischer Sportler an den Olympischen Spielen in Berlin ausgesprochen hatte, wandte er sich später politisch der Nationaal-Socialistische Beweging (NSB) zu. In Briefen an die antisemitischeZeitschrift De Misthoorn setzte Bosch van Drakestein eine Rufmordkampagne gegen seinen früheren Freund Barend Swaab de Beer, der jüdischer Herkunft war, in Gang.[2] Swaab de Beer emigrierte schließlich in die Schweiz. Nach dem Krieg gab es juristische Auseinandersetzungen wegen dieser Vorgänge, die allerdings im Sande verliefen.

Bosch van Drakestein erfuhr nach dem Zweiten Weltkrieg keinerlei Nachteile wegen seines Verhaltens. Er lebte in Den Haag, wo er als „Sehenswürdigkeit“ galt, weil er täglich im Anzug auf einem Rennrad zur Arbeit in einem Ministerium fuhr. Bis zu seinem Tod schrieb er Kolumnen für das Verbandsorgan De Kampioen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Fred van Slogteren: Wielerhelden van Oranje, Nieuwegein 2003, ISBN 90-77072-42-X, S. 20ff.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. van Slogteren, S. 20
  2. Swaab de Beer hingegen hatte sich für die Teilnahme deutscher Sportler in Berlin eingesetzt und wurde dafür scharf kritisiert. Die linke niederländische Zeitung De Tribune schrieb: "Der Jude Swaab de Beer entbietet den Mördern seiner Brüder den olympischen Gruß." Zitiert nach: The Nazi Olympics. Sports, Politics, and Appeasement in 1930s. Hrsg. von Arnd Krüger und William Murray. 2003, S. 219 (engl.)

Weblinks[Bearbeiten]