Goiânia-Unfall

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Diagramm einer typischerweise in der Strahlentherapie angewandten Kapsel:
A.) Strahlenschutzbehälter nach internationalem Standard (meistens Blei)
B.) Haltering
C.) Strahlenquelle bestehend aus
D.) einem zusammengeschweißten Stahlbehälter
E.) Stahldeckel
F.) und einer inneren Abschirmung, meistens aus einer Uran- oder Wolframlegierung, welche den
G.) Zylinder mit radioaktivem Material umgibt, häufig Kobalt-60. Der Durchmesser des inneren Zylinders beträgt 30 mm.

Der Goiânia-Unfall ereignete sich 1987, als in der brasilianischen Stadt Goiânia radioaktives Material – es waren ca. 93 g hochradioaktives Caesiumchlorid, bestehend aus dem Caesiumisotop 137Cs – gestohlen und von den Dieben unter Freunden und Bekannten verteilt wurde. Hunderte Menschen wurden z. T. schwer radioaktiv kontaminiert, als Folge starben binnen weniger Wochen nachweislich mindestens vier Personen, weitere Todesfälle werden mit dem Unfall in Verbindung gebracht. Teile der Stadt sind bis heute radioaktiv belastet. Der Unfall wurde auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) mit Stufe 5 (von insgesamt 7 Stufen, wobei Stufe 7 für die schlimmsten Auswirkungen gilt) eingestuft.[1]

Die Schrottsammler[Bearbeiten]

Zwei Müllsammler, Wagner Pereira und Roberto Alves, drangen am 13. September 1987 in die Ruine des Instituto Goiâno de Radioterapia ein und entwendeten dort mit einer Schubkarre Teile eines ausgedienten Strahlentherapiegeräts, weil sie das Metall für wertvoll hielten. Sie zerlegten den Bestrahlungskopf teilweise in Alves’ Hinterhof und beschädigten dabei die Kapsel der Strahlenquelle. Dabei erlitten sie Verbrennungen durch Gamma- und Betastrahlen. Da sie nicht in der Lage waren, das Gerät weiter auseinanderzubauen, verkauften sie es an den Schrotthändler Devair Alves Ferreira.

Die Öffnung des Behälters[Bearbeiten]

Beim Zerlegen des Geräts öffnete der Schrotthändler den Bleibehälter mit dem radioaktiven Cäsium-137, sodass dieses aus dem Gerät entweichen konnte. Das in der Dunkelheit durch Tscherenkow-Strahlung schwach blau leuchtende, hochradioaktive Caesiumchlorid faszinierte den Schrotthändler, sodass er es mit nach Hause nahm und es an Familienmitglieder und Bekannte weitergab. Der Schrotthändler wollte seiner Frau aus dem blau leuchtenden Material einen Armreif fertigen. Da Caesiumchlorid dem normalem Natriumchlorid (Kochsalz) stark ähnelt und in Wasser sehr gut löslich ist, haftet es leicht an Körperteilen oder Bekleidung und vereinfacht die Verbreitung.

Am 25. September verkaufte Ferreira den Behälter an einen anderen Schrotthändler weiter.

Verbreitung der Kontamination[Bearbeiten]

Die Frau des Schrotthändlers (Maria Gabriela Ferreira) bemerkte die gleichzeitige Erkrankung vieler Freunde zuerst, führte sie aber auf ein gemeinsames Getränk zurück. Viele Betroffene gingen zuerst zu Apotheken, dann zu Hausärzten und zuletzt in Krankenhäuser. Die konsultierten Ärzte hielten die Symptome jedoch für eine neuartige Krankheit.

Feststellung der Radioaktivität und Gegenmaßnahmen[Bearbeiten]

Am 28. September verdächtigte Maria Gabriela Ferreira den Behälter, die Krankheiten zu verursachen, und brachte ihn in ein Krankenhaus. Der dortige Arzt vermutete korrekterweise Radioaktivität, brachte den Behälter nach draußen und legte ihn auf einen Stuhl im Garten. Maria Gabriela Ferreira hatte den Behälter (aus dem bereits 90 % der radioaktiven Substanz entwichen waren) in einer Plastiktüte im Bus transportiert und ihn auch im Krankenhaus nicht geöffnet, was vielen Menschen das Leben rettete. Auch die Strahlendosis im Bus war nicht gesundheitsgefährdend. Laut dem Bericht der IAEA entwichen ca. 44 TBq.[2]

Am 29. September wurde durch den Spezialisten Walter Mendes Ferreira mittels eines Szintillationszählers der nationalen Atomenergiebehörde NUCLEBRAS die Kontamination festgestellt. Das behördliche Notfallprogramm setzte ab diesem Zeitpunkt ein. Die Regierung wurde später jedoch beschuldigt, eine Zeit lang den Unfall vertuscht und der Zivilbevölkerung alarmierende Daten vorenthalten zu haben.

In der Zwischenzeit waren bereits zahlreiche Personen zum Teil hohen Strahlendosen ausgesetzt gewesen. Vier Menschen starben an den Folgen dieser Bestrahlung, 28 erlitten strahlungsbedingte Hautverbrennungen.

Evakuierung[Bearbeiten]

In den darauf folgenden Tagen wurden an allen Einwohnern und deren Umgebung Kontaminationsmessungen durchgeführt. 112.800 Personen wurden untersucht, 249 wurden als kontaminiert identifiziert. Es zeigte sich, dass das radioaktive Material über mehrere Wohnbezirke verschleppt worden war, ganze Straßenzüge und Plätze waren kontaminiert. Evakuierte Personen wurden in das Olympiastadion der Stadt gebracht, wo ein provisorisches Zeltlager aufgebaut wurde.

Insgesamt waren 85 Häuser kontaminiert. Über 200 Menschen mussten aus 41 massiv kontaminierten Häusern evakuiert werden. Zur Dekontamination mussten sieben Gebäude vollständig abgerissen werden. In den Gärten und in öffentlichen Parkanlagen musste teilweise die oberste Erdschicht abgetragen werden.

Nachspiel[Bearbeiten]

Verletzungen und Tote[Bearbeiten]

  • 112.800 Personen wurden untersucht, 249 Personen waren so schwer kontaminiert, dass sie in Quarantäne verbracht werden mussten, 49 wurden interniert, 21 intensiv, es gab mindestens vier Todesfälle, ca. 500 Menschen leiden an den Spätfolgen.[3]
  • Die Nichte des Schrotthändlers (Leide Alves Ferreira, sechs Jahre) starb am 23. Oktober. Ferreiras Bruder hatte den Behälter gereinigt, wobei Staub auf den Boden fiel, von dem sie später aß. Sie wurde in einem bleiernen Sarg mit Zementmantel begraben. Nach anderer Darstellung erhielt sie von ihrem Vater radioaktive Substanz, womit sie sich einrieb und später, ohne sich die Hände zu waschen, aß.
  • Die Frau des Schrotthändlers (Maria Gabriela Ferreira, Strahlendosis: 5,4 Gray) starb ebenfalls am 23. Oktober.
  • Zwei der Gehilfen des Schrotthändlers starben wenige Tage später ebenfalls an den Folgen der Bestrahlung (4,5 und 5,3 Gray)
  • Der Schrotthändler Ferreira erlitt eine Strahlendosis in Höhe von 7,0 Gray, überlebte jedoch. Er machte sich über die Situation lustig, forderte Geld für Fotografien und Interviews und führte sein Überleben auf seinen starken Bier- und Schnapskonsum zurück. Später heiratete er erneut. Er starb 1994.
  • Der Bruder des Schrotthändlers malte sich ein blau leuchtendes Kreuz auf sein Hemd. Er verschleppte die Kontamination auf seinen Bauernhof, wo mehrere Tiere starben. Auch er starb einige Jahre später.
  • Einer der beiden Diebe verlor seinen Arm durch Amputation aufgrund der Bestrahlung.

Schaden für Goiânia[Bearbeiten]

Trotz des gewaltigen Aufwands, der für die Dekontamination betrieben wurde, werden auch heute noch in einigen der damals betroffenen Straßenzüge und Plätze erhöhte Strahlendosiswerte gemessen. Der Unfall hatte daher für die Stadt und Region Goiânia auch wirtschaftlich gravierende Folgen.

  • 85 kontaminierte Häuser, davon 41 evakuiert und sieben abgerissen
  • Es wurden 3500 m³ radioaktiv belasteter Abfall produziert. Dieser muss in 14 Containern für 180 Jahre sicher gelagert werden (Halbwertszeit von 137Cs: 30,17 Jahre). Dafür wurde der Parque Estadual Telma Ortegal errichtet.
  • Sämtlicher Inhalt der abgerissenen Häuser wurde auf Kontamination untersucht und bei bestätigter Kontamination (und großem persönlichem Wert) gereinigt und zurückgegeben, um den psychologischen Schaden zu verringern.
  • Sämtliche kontaminierte Häuser wurden mit speziellen Staubsaugern gereinigt. Dächer, Wände und Decken wurden abgekratzt und neu gestrichen, zwei Dächer mussten komplett ersetzt werden.

Rechtliches[Bearbeiten]

Die drei Ärzte, denen das verlassene Krankenhaus gehörte, wurden wegen grober Fahrlässigkeit angeklagt. Seitdem sind Inventarlisten Pflicht.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks und Quellen[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. INES - The International Nuclear and Radiological Event Scale. Internationale Atomenergie-Organisation, 1. August 2008, S. 3, abgerufen am 14. März 2011 (pdf; 193 kB, englisch).
  2.  Bericht der IAEO (Englisch). September 1988 (Online (PDF; 6,7 MB)).
  3. Nuklearkatastrophe in Brasilien. Verführt vom Schimmer des Todes. In: Der Spiegel, 28. September 2012. Abgerufen am 29. September 2012.