Hans von Tschammer und Osten

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Hans von Tschammer und Osten
Eröffnung des Deutschen Turnfestes 1938 durch Innenminister Frick und Reichssportführer von Tschammer
Von Tschammer und Osten (rechts) mit dem britischen Botschafter Henderson (Mitte) und Friedrich Fromm. (links)

Hans von Tschammer und Osten (* 25. Oktober 1887 in Dresden; † 25. März 1943 in Berlin) war ein deutscher Sportfunktionär in der Zeit des Nationalsozialismus. Er amtierte ab 1933 als Reichssportführer und -kommissar im Deutschen Reich sowie als Vorsitzender des „Deutschen Reichsbundes für Leibesübungen“ (DRL) und des „Nationalsozialistischen Reichsbundes für Leibesübungen“ (NSRL).

Biografie[Bearbeiten]

Hans von Tschammer und Osten nahm als Offizier am Ersten Weltkrieg teil. Er wurde 1914 verwundet und litt seitdem an einer Lähmung der rechten Hand. Nach dem Krieg wurde er durch die Heirat mit Sophie Margarethe von Zimmermann Rittergutsbesitzer im Oberlausitzer Kleindehsa. 1929 trat er in die NSDAP ein und wurde Mitglied der SA. 1931 wurde er SA-Gruppenführer. Nach den Wahlen von 1932 war von Tschammer und Osten Abgeordneter des Deutschen Reichstages. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden – wie alle gesellschaftlichen Organisationen – auch die Sportverbände der nationalsozialistischen Ideologie untergeordnet und gleichgeschaltet. Von Tschammer und Osten wurde am 28. April 1933 zum Reichssportkommissar und am 19. Juli 1933 zum Reichssportführer ernannt.[1] Am 5. Mai 1933 löste sich der seit 1917 bestehende Deutsche Reichsausschuss für Leibesübungen (DRA) satzungswidrig selbst auf und wurde am 27. Juli 1934 durch den nach dem Führerprinzip geleiteten und in Fachausschüsse für die einzelnen Sportarten untergliederten Reichsbund für Leibesübungen (DRL) ersetzt. Dessen Leitung übernahm der auf dem Gebiet des Sports unerfahrene von Tschammer und Osten. 1934 wurde von Tschammer und Osten Mitglied des Deutschen Olympischen Ausschusses und übernahm die ideologische Vorbereitung der Olympischen Spiele von 1936 in Berlin. 1938 wurde er zum Staatssekretär im Reichsministerium des Innern und zum SA-Obergruppenführer ernannt. Im SA-Hauptamt übernahm von Tschammer und Osten 1939 die Leitung der Abteilung Kampfspiele und wurde innerhalb der nationalsozialistischen Freizeitorganisation Kraft durch Freude Leiter der Sektion Sport. Am 25. März 1943 starb Hans von Tschammer und Osten an den Folgen einer Lungenentzündung.

Sportpolitische Aktivitäten[Bearbeiten]

Es war von Tschammer und Ostens Aufgabe, die Sportpolitik der Nationalsozialisten bis auf die örtliche Vereinsebene durchzusetzen. So sorgte er zunächst dafür, dass im gesamten Sport anstelle der bisherigen demokratischen Prinzipien das nationalsozialistische Führerprinzip eingeführt wurde. Er forderte vom Auswärtigen Amt, die deutschen Botschaften im Ausland zu veranlassen, für ein einwandfreies Auftreten deutscher Sportler zu sorgen, sie zu beaufsichtigen und zu beraten. Im Juli 1934 traf er mit der nationalsozialistischen Jugendorganisation Hitlerjugend eine Vereinbarung zur völligen Integration der Sportjugend. Am 12. Dezember 1936 führte von Tschammer und Osten die Anrede „Kamerad“, den Ruf „Sieg Heil“ bei Veranstaltungen und die offizielle Begrüßung „Heil Hitler“ bei allen Sportorganisationen ein (Hitlergruß).

Nachdem Deutschland den Zuschlag für die Olympischen Spiele 1936 erhalten hatte, sorgte er dafür, dass gegenüber dem Ausland der deutsche Sport in einem günstigen Licht erschien. Dazu ordnete er unter anderem an, dass in den Vereinen die Nürnberger Rassengesetze von 1935 moderat umgesetzt wurden. So gab es bis 1936 kein generelles Vereinsverbot für Juden, und die Kommunen wurden angewiesen, jüdischen Sportvereinen Wettkampfstätten zur Verfügung zu stellen. Außerdem setzte er durch, dass es bis auf weiteres keine staatlichen Einmischungen in die Vereinstätigkeiten gab. Von 1936 an plante und organisierte von Tschammer und Osten sämtliche nationalen Sportveranstaltungen.

Auf dem Gebiet des Fußballsports unterdrückte von Tschammer und Osten alle Bestrebungen zur Einführung des Profifußballs. Den in dieser Hinsicht sehr aktiven Westdeutschen Sportverband löste er 1935 kurzerhand auf. Im selben Jahr rief er nach englischem Vorbild den Wettbewerb um den deutschen Fußballpokal ins Leben, nach seinem Initiator „Tschammerpokal“ benannt. Der Wettbewerb wurde bis 1943 ausgetragen, der eigentliche Pokal wurde nach dem Zweiten Weltkrieg vom Deutschen Fußballbund für seinen DFB-Pokal-Wettbewerb noch bis 1964 weiterverwendet. Nach dem Anschluss Österreichs wies von Tschammer und Osten Reichstrainer Sepp Herberger an, bei der Vorbereitung auf die Fußball-Weltmeisterschaft 1938 entweder sechs deutsche und fünf österreichische oder fünf reichsdeutsche und sechs österreichische Spieler zu berücksichtigen. Im November 1939 setzte von Tschammer und Osten Herberger offiziell als Fußball-Reichstrainer ein.

Als nach Abschluss der Olympischen Spiele keine Rücksicht mehr auf das Ausland genommen werden musste, verschärfte von Tschammer und Osten die Durchsetzung der nationalsozialistischen Ideologie im deutschen Sportwesen, die moderate Haltung gegenüber den jüdischen Sportlern und Sportvereinen wurde aufgegeben. Obwohl selbst SA-Mitglied, wies er 1938 die Versuche der Organisation zurück, sich vermehrt in die Belange des Sports einzumischen. Ab 1939 versuchte das nationalsozialistische Deutschland verstärkt, auch die internationalen Sportorganisationen unter ihren Einfluss zu bringen. Von Tschammer und Osten war treibende Kraft, das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die internationalen Sportverbände im Sinne Deutschlands gleichzuschalten und deutsche Vertreter in die Spitzenfunktionen zu bringen. Er erreichte jedoch nur Teilerfolge, und die Ausweitung des Zweiten Weltkrieges verhinderte weitere Aktivitäten. Zu Beginn des Krieges hatte von Tschammer und Osten erklärt, dass dieser ein unerlässlicher Faktor zur Stärkung der Wehrkraft und des Wehrwillens sei.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hatte auch eine weitere Aufgabe für von Tschammer und Osten scheitern lassen. 1939 wurde Deutschland angetragen, die Olympischen Winterspiele 1940 durchzuführen, nachdem sie St. Moritz wieder entzogen worden waren. Von Tschammer und Osten war zusammen mit Ritter von Halt beauftragt, Pläne für die Organisation vorzubereiten, musste dann jedoch 1940 gegenüber dem IOC erklären, dass das deutsche Organisationskomitee den Auftrag, die Spiele durchzuführen, zurückgeben müsse, „da die deutschen Vorschläge auf Herbeiführung eines Weltfriedens, der aus dem jetzigen Konflikt herausführen sollte, von der englischen und französischen Regierung abgelehnt wurden und der Krieg daher weitergeführt werden muss.“

Nachdem Deutschland 1941 durch den Angriff auf die Sowjetunion den Krieg ausgeweitet hatte, betrieb von Tschammer und Osten vom März an die Einstellung des internationalen Sportverkehrs. Da jedoch zahlreiche Fachämter bereits internationale Wettkämpfe vereinbart hatten, zog sich die Verwirklichung des Vorhabens noch mehrere Monate hin, noch am 22. November 1942 trug die deutsche Fußballnationalmannschaft ein Länderspiel gegen die Slowakei aus.

Der Sportfunktionär legte großen Wert darauf, prominente Spitzensportler als Soldaten der Wehrmacht an die Front schicken zu lassen, damit die NS-Propaganda sie als „leuchtende Beispiele“ für alle Wehrdienstpflichtigen herausstellen konnte.[2]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bernett, Hajo (Hg.): Nationalsozialistische Leibeserziehung. Dokumentation ihrer Theorie und Organisation. Überarbeitet und erweitert von Hans Joachim Teichler und Berno Bahro (= Texte - Quellen - Dokumente zur Sportwissenschaft; 1), 2. überarbeitete Aufl. Schorndorf 2008. S. 19.
  2. zitiert nach: Fritz Walter: 11 rote Jäger. Nationalspieler im Kriege. München 1959, S.17.

Literatur[Bearbeiten]

  • Dieter Steinhöfer: Hans von Tschammer und Osten. Reichssportführer im Dritten Reich. Bartels & Wernitz, Berlin u. a. 1973, ISBN 3-87039-945-7, (Turn- und Sportführer im Dritten Reich 2).
  • Nils Havemann: Fußball unterm Hakenkreuz. Campus Verlag, Frankfurt am Main u. a. 2005, ISBN 3-593-37906-6.
  •  Joachim Lilla, Martin Döring, Andreas Schulz: Statisten in Uniform: Die Mitglieder des Reichstags 1933–1945. Ein biographisches Handbuch. Unter Einbeziehung der völkischen und nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten ab Mai 1924. Droste, Düsseldorf 2004, ISBN 3-7700-5254-4.
  •  Erich Stockhorst: 5000 Köpfe. Wer war was im Dritten Reich. Arndt, Kiel 2000, ISBN 3-88741-116-1.
  • Robert Wistrich: Wer war wer im Dritten Reich? Ein biographisches Lexikon. Anhänger, Mitläufer, Gegner aus Politik, Wirtschaft, Militär, Kunst und Wissenschaft. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-596-24373-4, (Fischer 4373).
  • Hajo Bernett: Sportpolitik im Dritten Reich. Aus den Akten der Reichskanzlei. Hofmann, Schorndorf 1971.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hans von Tschammer und Osten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien