Heuchelei

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Heuchelei (Hypokrisie)[1] bezeichnet ein moralisch bzw. ethisch negativ besetztes Verhalten, bei dem eine Person nach außen hin ein Bild von sich vermittelt, das nicht ihrem realen Selbst entspricht. Das zugrundeliegende Zeitwort heucheln stammt ursprünglich vom unterwürfigen ducken und kriechen (mittelhochdeutsch hüchen) des Hundes ab[2] und wurde auf vorgespieltes, schmeichelndes Verhalten übertragen.

Der Philosoph und Theologe Friedrich Kirchner definierte Heuchelei als eine „aus selbstsüchtigen Interessen entspringende Verhüllung der wahren und Vorspiegelung einer falschen, in dem Betreffenden nicht vorhandenen lobenswerten Gesinnung“ und führt auf, dass ein Heuchler besser erscheinen wolle, als er ist, „um Mächtigen zu gefallen“ und „davon Gewinn zu haben“. Vorgeheuchelt werden „politische, religiöse, ethische Grundsätze, um vorwärts zu kommen“, sei es aus Feigheit, des Broterwerbs oder der „Liebedienerei“ wegen. Die Heuchelei würde seiner Meinung nach „leicht durch despotisches Regiment in Staat und Kirche geweckt“, wobei „strenge Staatsgesetze“ und „orthodoxe Religionsedikte“ die Menschheit nicht „gut und fromm“, sondern heuchlerisch machen würden.[3]

Merkmale[Bearbeiten]

Wesentliche Merkmale der Heuchelei sind das Vortäuschen nicht vorhandener Gefühle oder Gemütszustände sowie das Fordern von Verhaltensformen, die selbst nicht eingehalten werden. Dies wird häufig mit dem von Heinrich Heine stammenden bildhaften Ausspruch illustriert: „öffentlich Wasser predigen und heimlich Wein trinken“. Heuchelei in diesem Sinn wird auch als Scheinheiligkeit oder Doppelmoral bezeichnet; sie steht im Gegensatz zur persönlichen Integrität, da ein Widerspruch zwischen geäußerten und gelebten Werten besteht. Entweder lebt die in diesem Sinne heuchelnde Person nicht die Werte, die sie als richtig bezeichnet oder sie bezeichnet Werte als richtig, die sie tatsächlich als falsch empfindet.

Diese Eigenschaften der Heuchelei fallen zusammen, wenn Empörung geheuchelt wird, also eine Gemütsregung, die einem Werturteil entspringt. Die Gemeinsamkeit beider Arten der Heuchelei ist der Gegensatz zwischen dem geäußerten (zur Schau getragene Emotion oder geäußertes moralisches Urteil) und dem tatsächlichen Urteil (tatsächliche Emotion oder eigenes Verhalten) über einen Sachverhalt. Bigotterie bezeichnet die scheinbare (also vorgetäuschte) „Heiligkeit“ (scheinheilig im eigentlichen, engeren Sinne).

So bezeichnete Adelungs Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart scheinheilig im 18. Jahrhundert als:

„den äußern Schein der Heiligkeit, d.i. der Gottesfurcht, annehmend und habend, ohne er wirklich zu seyn. Ein Scheinheiliger, ein Heuchler, den man im gemeinen Leben auch einen Kopfhänger, in Niedersachsen einen Bibelträger, Kirchenklepper, Heiligenfresser, Heiligenbeißer u.s.f. nennet. Ein scheinheiliges Betragen.“

Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 3. Leipzig 1798, S. 1403.[4]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ute Seiderer: Heuchler, in: Netzwerk Körper (Hrsg.), What can a body do? Praktiken und Figurationen des Körpers in den Kulturwissenschaften, Frankfurt/Main u. New York: Campus Verlag, 2012, Abt. Figurationen, S. 95–100, ISBN 978-3-593-39641-5.
  • Wilhelm Pfaffenhausen: Heuchelei – Schmierstoff unserer Gesellschaft, G. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-830-11430-7.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikiquote: Heuchelei – Zitate
 Wiktionary: Heuchelei – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
  • Eintrag "Heuchelei" im Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe von Friedrich Kirchner (1907)
  • Heuchelei in: Mauthner, Fritz: Wörterbuch der Philosophie; Leipzig 1923, Band 2, S. 89-92. (abgefragt am 28. März 2010)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Heuchelei: Definition lt. Duden (abgefragt am 28. März 2010)
  2. heucheln: Definition lt. Duden (abgefragt am 28. März 2010)
  3. Eintrag "Heuchelei" Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe von Friedrich Kirchner (1907)
  4. Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 3. Leipzig 1798, S. 1403. hier online auf zeno.org